“News Junkies” halten den Atem an:
Google will seinen
RSS-Reader aufräumen

Sein bei Bloggern und “News Junkies” beliebtes RSS-Werkzeug Reader hat Google seit Jahren vernachlässigt. Doch für die nächste Woche ist eine neue Version angekündigt – mit Änderungen, die nicht leicht zu verdauen sind.

Googles browserbasierter RSS-Reader Google Reader gehört zu den Produkten des Internetriesens aus Mountain View, die seit jeher eher stiefmütterlich behandelt wurden. Weder optisch noch funktionell gab es in den vergangenen Jahren größere Veränderungen bei dem Dienst, der zu Googles besten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Angeboten gehört (was sich auf übergeordneter Ebene über das RSS-Format als solches auch sagen lässt).

Für mich ist der Google Reader mit meinen etwa 150 abonnierten Feeds das Herzstück meines Internetalltags und meiner Informationsbeschaffung – noch vor Twitter. Entsprechend weitreichende Auswirkungen können von Google vorgenommene Modifikationen an der Funktionsweise des Tools auf meine Produktivität und Effizienz haben. Während es also bisher schade war, dass der Webkonzern seinem RSS-Reader über all die Jahre nicht mehr Ressourcen zuwies, hatte dies immerhin den Vorteil, dass an meinen Arbeitsroutinen rund um das Bewachen von RSS-Feeds nicht gerüttelt wurde.

Doch die fast schon liebgewonnene unveränderliche, heile Google-Reader-Welt hat nur noch wenige Tage Bestand: In der kommenden Woche will Google eine optisch und funktionell leicht abgeänderte Version des RSS-Werkzeugs lancieren und es damit an das Erscheinungsbild anderer, in letzter Zeit überarbeiteter Google-Dienste (wie z.B. Google Docs oder die Google Suche) anpassen.

Im Rahmen des Facelifts plant Google außerdem, sich von einigen sozialen Features des Readers zu trennen: Das Sharing gelesener Artikel und das Abonnieren der “Shared Items” anderer Nutzer innerhalb des Google Readers wird abgeschafft. Stattdessen verspricht Google eine engere Verbindung zwischen dem Reader und Google+ – für lesenswert befundene Artikel aus den eigenen RSS-Feeds sollen dann direkt ausgewählten Kreisen bei Google+ zugänglich gemacht werden können.

Das integrierte Follow-Feature des Google Reader gehörte trotz seiner äußerst begrenzten Funktionsweise zu meinen Lieblingsfunktionen des Dienstes (anderen geht es ähnlich). Seit zwei Jahren nutze ich dies, um neben den von mir händisch abonnierten Feeds Zugang zu weiteren, von den von mir knapp 70 gefolgten Usern empfohlenen Quellen zu erhalten. Es ist ein guter Weg, um den eigenen Informationshorizont über die persönlichen Lieblings-RSS-Feeds hinaus zu erweitern. Gleichzeitig folgen knapp 280 andere Nutzer meinen “Shared Items” – Bei lesenswerten Texten im Google Reader den “Share”-Button zu betätigen, ist mir mittlerweile ins Blut übergegangen.

Dass Google versucht, Google+ an eine größtmögliche Zahl seiner Services andocken zu lassen, und dass vom Großen Ganzen losgelöste Social-Features in den Augen das Unternehmens dadurch überflüssig werden (wie auch Buzz und Jaiku), verwundert nicht. Dennoch hoffe ich sehr, dass Google bei der Neukonzeption des Readers nicht nur die eigenen Interessen (“Google+ Google+ Google+”) berücksichtigt, sondern auch die Nutzungsszenarien seiner Anwender.

Die Social-Elemente des Google Readers sind ein Nischenfeature eines Nischenproduktes und dementsprechend relativ irrelevant für Googles Geschäftserfolg. Gleichzeitig war der Betrieb derartiger Tools für spezifische Nutzergruppen stets ein wichtiger Eckpfeiler in Googles “Don’t be evil”-Strategie, mit dem sich der Konzern das Wohlwollen der Entwickler-Community, von Power Usern und Bloggern sicherte.

Google weiß dies. Deshalb – und im Sinne der bei netzwertig.com oft propagierten positiven Grundhaltung zu Veränderungen – gehe ich davon aus, dass der mit Google+ verbundene Sharing-Prozess von Artikeln aus dem Google Reader letztlich besser funktionieren und vielseitiger ausfallen wird, als dies bisher der Fall ist. Wenn nicht, wäre dies allerdings äußerst schade.

Wobei man wohl froh sein muss, dass Google den Reader nicht gleich ganz dicht macht.

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13 Kommentare

  1. Kai Thrun
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 08:36 Uhr (#)

    Hallo Martin,

    ich stimme dir völlig zu. Der letzte Satz trifft es dann. Leider muss man froh sein, dass diese “alte Technik” noch unterstützt wird. Ich bin gespannt, was und wie es funktionieren wird und bange darum, dass mein Lieblingstool (250+ Feeds) nicht vermodernisiert wird.

    Grüße Kai

  2. Marc
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 08:54 Uhr (#)

    Ich hoffe, dass Google die Funktionen, die den Reader so besonders machen, nicht zugunsten Google+ opfert.

    Ein Facelift ist aus meiner Sicht eher untergeordnet – ich möchte einen RSS-Reader haben, der mir die abonnierten Feeds schnell und schlank präsentiert.

  3. René Fischer
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 09:25 Uhr (#)

    Wie bereits an anderer Stelle gesagt, finde ich es persönlich mehr als schade, das die Follow-Funktion nicht mehr vorhanden sein wird. Wie du selbst so schön schreibst, war sie ein einfaches Mittel um den eigenen Horizont zu erweitern und hat mich jeden Tag mit einer Vielzahl hochinteressanter Artikel versorgt. Ich sehe nicht wie sich das in Google+ ähnlich gestalten wird, da die gesharten Artikel dort in allerhand Rauschen untergehen und zudem auch nur als Snippet verfügbar sind (was gerade die mobile Nutzung des Google Readers für mich so wertvoll gemacht hat).

    Übrigens http://plus.google.com/u/…57/posts/2QaVXVMq1RV ist scheinbar tot.

  4. Gerd Kamp
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 09:35 Uhr (#)

    Hallo,

    auch von mir FullAck. Bei mir sind es immer um die 200 Feeds und Reader resp. Reeder auf dem iPad sind meine tägliche Morgenlektüre.

    Erst danach kommt Twitter und dann lange Zeit nichts und dann vielleicht auch mal GooglePlus.

    Ich bin wir sicher dass mein Shared ItemFeed von mehr Leuten gelesen wird als mein Blog.

    Zumindest für mich besteht auch ein fundamentaler Unterschied zwischen Shift-S / Share bei Reader und einem +1. Ein Shift-S ist für mich ein “neutrales” Filtern interessanter Nachrichten aus der Sicht eines Kurators / Redakteurs / Mechanical Turks.

    Ein Shift-S hat nicht mit gefallen oder nicht gefallen zu tun, es hat auch wenig bis nichts mit zustimmen oder nicht interessant zu tun.

    Und es ist mir auch wichtig das dem so ist.

    Tweets sind viel persönlicher, viel mehr Meinung bzw. Zustimmung resp. Ablehnung der Meinung anderer. Ich würde nie auf die Idee kommen nur einen Link zu tweeten. Da muss schon eine Meinung ein Kommentar dazu. Ein einfacher Retweet ist praktisch immer die Zustimmung zu einer Meinung.

    Google’s Definition von +1 ist aber: Vergeben Sie +1 für Inhalte aus dem Web, die Ihnen gefallen, denen Sie zustimmen oder die Sie empfehlen möchten.

    Ja was denn nun? Diese Ambivalenz ist höchstwahrscheinlich der Grund dazu, dass ich +1 nicht aktiv nutze, sondern nur mitlese.

    +1 ist für mich nicht zuletzt wegen des aktuellen Klarnamenzwanges viel näher am Tweet als am Reader, auch hier bin ich bislang noch nicht auf die Idee gekommen auf einer Website auf +1 zu drücken.

    Daher widerstrebt mir es, demnächst auf +1 drücken zu sollen. Ich werde es höchstwahrscheinlich nicht tun sondern mir jetzt auf die Schnelle etwas anderes überlegen müssen. (Was auch noch mit Reeder funktioniert)

    Da ich überhaupt keine Lust habe mir auch noch einen alternativen Feedreader zu suchen, den es sowohl im Web als auch als Desktop und als iPad App gibt hoffe ich mal, dass Google Reader dann auch ne offizielle API bekommt (und sei es über die Google Plus APi)

  5. René Fischer
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 09:53 Uhr (#)

    Okay, vielleicht nicht sauber durchdacht und vielleicht legt nicht jeder dem ich folge und dessen shared Items ich lese so viel Wert auf dieses Konstrukt das er das mitmachen würde (und natürlich ist es nichts natives), aber man könnte doch auch ein “Send to” irgendwas basteln, das man dann später über einen RSS-Feed abonnieren könnte. Damit hätte man zumindest über einen Umweg die Shared Items in der gewohnten Form wieder (Volltext, innerhalb des Readers).

  6. Sven Ehlert
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 12:27 Uhr (#)

    Oh, ich bin auch eine Nische! Google Reader ist bei weitem mein meistbenutztes Tool. Twitter? Noch nie genutzt :-)

  7. Sven
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 16:47 Uhr (#)

    Google Reader und die Reeder Apps für iPhone/iPad sind auch meine Hauptanlaufstelle zur Informationsbeschaffung. Insofern bin ich auch erstmal skeptisch wie die neue Google Reader Umsetzung dann aussehen wird.
    Allerdings nervt mich die starke Fragmentierung meiner verschiedenen Sharing Services langsam. Hier zumindest könnte eine Integration in Google Plus hilfreich sein. Dann gibt es zumindest einen Channel weniger und ich kann bei meiner Hauptinformationsquelle schneller/leichter interessante Leute hinzufügen. Und für empfehlenswerte Artikel überlege ich schon länger ob ich nicht Instapaper als Hauptsharing Service benutzen sollte. Starred Article kann man ebenfalls als Feed exportieren/importieren. Eine Comment Funktion fehlt leider noch.
    Wie dem auch sei, ich bin mal gespannt was Google uns da nächste Woche präsentiert.

  8. Markus Jakobs
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 17:47 Uhr (#)

    Ich nutze alle Möglichkeiten die der Google Reader bietet. Artikel werden vertagt, per Empfehlung getwittert, gebuzzt, gefriendfeed und in weitere Netzwerke mit Kommentar gepostet. Bin gerade erst rund um zufrieden mit allen Verknüpfungen und Integrationen wie z.B. PostRank.
    Vor wenigen Tagen haben wir noch sehen können wie ein beliebtes Netzwerk (Gowalla.com) mit grundlegenden Veränderungen in die Bedeutungslosigkeit abstürzte.

    Wir sind den Evolutionen im Netz gnadenlos ausgeliefert. Hat man das allerneuste Update nicht installiert geht nichts mehr. Bei technischen Geräten wie Plattenspieler Mini Disc, VHS oder anderer Hardware hatte man wenigstens noch die Möglichkeit Dinge unabhängig des Fortschritts zu nutzen.

    Nichts ist für die Ewigkeit … naja, vielleicht “Evernote.com” ;)

  9. kahunablogger
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 19:14 Uhr (#)

    Also der Google Reader ist zusammen mit dem Reeder auf iPad und iPhone meine absolut zentrale Anlaufstelle im Netz. Bei jetzt knapp noch über 500 Feeds (nach einem Spätsommer-Putz) wohl auch kein Wunder. Da droppt einfach alles rein, von Nachrichten, über Kino-Trailer und neue Magazine bis zu TV-Sendungen und Podcasts. Mit der Abschaffung der “Sharing-Funktionen” sind dann aber hoffentlich nicht die “Empfohlenen Artikel” gemeint, oder? Das wäre übel, denn ich bin auf den dafür angebotenen RSS-Feed zum Export angewiesen. Oder aber sie veröffentlichen stattdessen mal eine ordentliche API.

    Und extra auf Google+ einen geschützten Circle anzulegen und dort dann über die API die Inhalte abzugreifen, dass kann es ja wohl nicht sein.

  10. Bastian
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 22:09 Uhr (#)

    besonders interessant finde ich auch, dass zur Zeit alle YouTube User angemailt werden, sie sollen doch bitte ihren alten YouTube-Account “upgraden” und bei der Gelegenheit am besten gleich mit einem Google+ Account verknüpfen.

  11. René Fischer
    schrieb am 21. Oktober 2011 um 22:40 Uhr (#)

    @Sven: Hab gerade mal die Share-Funktion von Instapaper geprüft und festgestellt, das die soweit ganz nett ist. Was mir aber fehlt, ist die Following-Funktion. Oder habe ich etwas übersehen?

    1. René Fischer
      schrieb am 21. Oktober 2011 um 22:46 Uhr (#)

      Edit: Gerade gefunden. Ein paar Leutchen finden sich ja, aber “liken” tut scheinbar keiner was.

  12. Sven
    schrieb am 22. Oktober 2011 um 01:06 Uhr (#)

    @René: Ja die Like Funktion wird leider noch nicht von so vielen Leuten benutzt. Und ich hätte auch noch gerne eine Kommentarfunktion, wobei wir dann schon fast wieder bei Google+ sind ;-) Aber generell ein netter Dienst um gute Artikel zu speichern und zu empfehlen. Und mit ifttt kann man dies auch leicht mit anderen Diensten verknüpfen und dann seinen Like Stream als RSS exportieren…

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