HTML5 und mobile Apps:
Der Kindle Cloud Reader
weist den Weg

Bisher gab es gute Gründe dafür, warum Smartphone- und Tablet-Nutzer installierbare Applikationen den für die mobile Nutzung optimierten Websites vorzogen. Doch mit HTML5 verringert sich der Abstand zwischen den beiden Ansätzen – wie Amazons Kindle Cloud Reader verdeutlicht.

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Warum verlangen Smartphone- und Tablet-Nutzer nach installierbaren Apps, die sie von dafür vorgesehen Marktplätzen wie dem App Store oder dem Android Market beziehen, statt nach mobilen Browserangeboten? Weil Apps cool sind? Weil der Name “Applikation” so viel moderner klingt als “Website”? Weil es so viel Spaß macht, in den virtuellen App-Regalen zu stöbern? Vielleicht.

Entscheidend sind jedoch zwei andere Gründe: Zum einen erlauben Applikationen Zugriff auf bestimmte Hardware-Komponenten wie die Kamera oder den Beschleunigungssensor, was nativen Applikationen in puncto Funktionsumfang einen Vorteil gegenüber mobilen Browser-Apps verschafft.

Zum anderen wirken native Applikationen “echter” und “näher” als für Smartphones optimierte Web-Apps. So stellen native Apps zumeist eine optisches Gerüst bereit, dass selbst im Offline-Modus zugänglich ist, vermitteln den gefühlten Eindruck einer schnelleren Ladezeit (grafische Elemente sind ja lokal gespeichert) und präsentieren sich mit einem schicken Logo auf dem Smartphone-Bildschirm. Ein dort abgelegtes Bookmark zu einer Website hingegen sieht zumindest bei iOS und Android eher langweilig aus.

Dass viele Nutzer sich bisher nicht an dem Trend zu in geschlossene Ökosysteme gepressten Apps störten, hat somit sowohl rationale als auch emotionale Gründe.

HTML5 verkleinert die Lücke zwischen nativen Apps und Web-Apps

Was müsste folglich geschehen, damit Anwender im Falle der Wahlmöglichkeit zwischen einer nativen und einer Browser-Applikation sich nicht reflexiv für die installierbare Software entscheiden würden? Im Mobiltelefon-Browser aufgerufene Anwendungen müssten die Featurepalette und User Experience nativer Anwendungen bieten. Es gilt als Konsens, dass genau dies mit der zunehmenden Verbreitung von HTML5 und einer entsprechenden Unterstützung der Programmiersprache durch gängige Browser erreicht werden kann.

Doch während viele App-Entwickler nur darauf warten, ihre Services außerhalb der gerade im Falle von Apple mit harter Hand kontrollierten App-Läden anbieten zu können, ist bisher noch keine nennenswerte Veränderung im Kräfteverhältnis von nativen Apps zu Web-Apps zu spüren. Eine Ursache dafür stellt die Tatsache dar, dass HTML5 sich noch immer in der Entwicklung befindet (die Standardisierung ist für 2014 geplant) und dadurch mit gewissen Akzeptanz- und Kompatibilitätsproblemen zu kämpfen hat (Diskussionspotenzial inklusive).

Ereignis mit Signalwirkung gesucht

Eine andere Ursache für den zögerlichen Durchbruch von Browser-Apps war bisher ganz einfach das Fehlen eines Ereignisses mit Signalwirkung. Zwar existieren vielerlei anspruchsvolle Experimente mit mobilen HTML5-Apps wie die browserbasierte iPhone- und iPad-App der Financial Times, und zahlreiche populäre Webdienste bieten neben nativen Apps mittlerweile auch moderne mobile Sites für den Browser. Der ganz große Knall, der das mobile Internet nachhaltig verändert, blieb aber bis jetzt aus.

Amazon zeigt, wie’s geht

Mit seinem dieser Tage veröffentlichten Kindle Cloud Reader könnte Amazon die Ehre zu Teil werden, diesen Knall geliefert und Anwender sowie Entwickler wachgerüttelt zu haben: Denn bei dem Dienst handelt es sich um eine Ausführung des Kindle E-Book-Readers, die in jedem HTML5-fähigen Browser läuft und somit auch auf dem iPad funktioniert.

Jeder Besitzer des Apple-Tablets kann fortan über den Safari-Browser read.amazon.com besuchen und dort direkt aus dem Browser auf sämtliche über den Kindle Store erworbenen E-Books zugreifen. Die Benutzeroberfläche fühlt sich an wie die einer nativen App. Highlight des neuen Angebots ist die Möglichkeit, Bücher lokal auf dem iPad zu speichern. Diese können somit auch offline gelesen werden.

Auch wenn der Cloud Reader lediglich eine abgespeckte Variante der nativen Kindle-iPad-App darstellt, illustriert er eindrucksvoll, wie nah das Anwendererlebnis beim Einsatz von Browser-Applikationen mittlerweile an installierbare Apps heranreicht.

Amazon muss nicht mit Apple teilen

Amazons Motiv für die Veröffentlichung des Cloud Reader ist klar: Von den Umsätzen aus Buchverkäufen, die über den integrierten Link zum Kindle Store generiert werden, muss Amazon keine 30-prozentige Provision an Apple abführen – seit kurzem verbietet Apple auch in Apps platzierte Links zu externen Shops (wie dem Kindle Store).

Momentum für mobile Web-Apps

Der Onlinehändler und Internetdienstleister macht mit dem Cloud Reader einen gewaltigen ersten Schritt hin zu einer plattformübergreifenden Kindle-Browserpräsenz und weckt damit unter intensiver Beobachtung der Tech-Presse die Aufmerksamkeit vieler Startups, Designer, Entwickler und letztlich auch User. Genau dieses Rampenlicht ist notwendig, um Browser-Apps ins Gespräch zu bringen.

Der Amazon Cloud Reader wird im Nachhinein als Meilenstein in der Entwicklung von HTML5 zum Standard für mobile Web-Apps gelten. Die Frage ist lediglich, wie viele weitere Meilensteine noch folgen.

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8 Kommentare

  1. Oliver Springer
    schrieb am 12. August 2011 um 16:37 Uhr (#)

    Es hätte schon was, wenn ausgerechnet Amazon einen wichtigen Beitrag weg von lokal installierten Apps leisten würden. Gerade Amazon kennt sich doch – mit Blick auf den Kindle – besonders gut aus mit geschlossenen Ökosystemen.

    Auf lange Sicht wird der Hype um Apps abflauen, hoffe ich. In einigen Bereichen ist es sinnvoll, ein Programm lokal zu installieren. Gerade Bücher online zu lesen, erscheint mir da auch kein Fortschritt zu sein.

    Bei Zeitungen und Magazinen halte ich Apps dagegen für einen Irrweg. Würde irgendwer von Euch eine Software installieren, mit der man genau eine Zeitung auf dem PC lesen könnte? Selbst wenn das Programm nicht bezahlt werden müsste, würde das keine Anhänger finden!

    Je schneller das mobile Internet wird und je besser die Netze in der Fläche ausgebaut sind, desto sinnvoller wird es, wie im “großen” Internet auf Websites zu setzen. Was lässt sich heute nicht alles im Browser erledigen!

    Die Sache mit den unattraktiven Icons halte ich übrigens auch für einen wichtigen Faktor. Da ließe sich doch was gegen tun!

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 12. August 2011 um 16:38 Uhr (#)

      Die Sache mit den unattraktiven Icons halte ich übrigens auch für einen wichtigen Faktor. Da ließe sich doch was gegen tun!

      Schön zu hören. Kleinigkeit und dennoch wichtig.

  2. rob d
    schrieb am 12. August 2011 um 20:02 Uhr (#)

    Danke Amazon!

    Wer hätte das gedacht dass ausgerechnet Apple mit seinem geschlossenen Ökosystem das offene Web fördern würde.

    Aber so ist das nunmal, wer zu gierig ist und den Hals nicht vollkriegen kann, wird eben früher oder später bestraft.
    Schönes Eigentor Apple ;)

  3. rob d
    schrieb am 12. August 2011 um 20:17 Uhr (#)

    Wobei ich Apple mittlerweile sogar zutraue in einem künftigen iOS-Update irgendwelche HTML5-Spezifikationen auf einmal nicht mehr zu unterstützen und den Amazon Cloud Reader dadurch unbrauchbar machen.
    Begründen würden sie es wieder mit div. “Performance-Problemen”.

    Die Sperrung von Adobe Flash lässt grüßen. Auch da wurden wohl viele schöne Flash-Apps befürchtet die die 30% Umsatzbeteiligung des AppStore umgehen würden. Da hat man es halt einfach verboten.

    Abet laut Apple war natürlich die “Performance” der Hauptgrund…

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 12. August 2011 um 20:42 Uhr (#)

      Ich frag mich echt, ob Apple sich so ein Ding ungestraft leisten könnte…

  4. rob d
    schrieb am 12. August 2011 um 21:58 Uhr (#)

    Warum denn nicht Martin? Ob jetzt Flash oder HTML5 – Ich sehe da keinen Unterschied.
    Klar, im Moment bekennt sich Apple zu HTML5 und unterstützt es auch (wahrscheinlich auch nur um jedesmal zu betonen dass man deshalb Flash nicht mehr braucht). Doch sobald es Apples Geschäftsmodell und Umsatz gefährdet, frage ich mich ernsthaft ob sie da immer noch einen Unterschied machen würden.

    Und wenn wir ehrlich sind, wen würde denn der abgespeckte HTML5-Support überhaupt stören?!
    Die einzigen die das bemerken würden wären doch nur wir Technikfreaks. Eine kleine Minderheit.
    Die überwiegende Mehrheit der heutigen Smartphone-user hat doch noch nichtmal ne Ahnung was HTML5 ist..

    Und genau darauf zielt Apple doch neuerdings: auf die Massen.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 12. August 2011 um 22:08 Uhr (#)

      Sie zielen AUCH auf die Massen. Eine Abwendung von HTML5 würde aber das Vertrauen bei einem Teil der ursprünglichen Kernzielgruppe beschädigen. Hoffe ich zumindest. ;)

      Nee das glaub ich echt erst, wenn’s passiert.

  5. Matthias Sala
    schrieb am 15. August 2011 um 09:08 Uhr (#)

    HTML5 ist bereits sehr weit entwickelt, läuft schnell (wie die Financial Times WebApp zeigt) und unterstützt einige Hardware-Features wie Beschleunigungssensoren, GPS und lokales Speichern. Zudem lassen sich auf dem Homescreen auch “schönste” von Apps nicht unterscheidbare Icons platzieren. Die Page muss nur dafür vorgesehen sein.

    Das eigentliche Problem ist, dass jeder zuerst im App Store (der übrigens teils auch für uns unsichtbar in HTML funktioniert) nach Dienstleistungen sucht und nicht mehr im Browser (auch nicht per Google). Benutzer verstehen auch noch nicht, dass sie Webseiten als WebApps auf dem Homescreen bookmarken können.

    Ein Ansatz für das obige Problem ist eine Hybrid-App, die nativ ist, intern aber nur ein Browserfenster öffnet. Dieses Vorgehen hat Apple offenbar aber mit künstlicher Geschwindigkeitsdrosselung “sabotiert”.

    Ein zweites Problem ist, dass auf Websites Kaufabwicklungen für den Endbenutzer kompliziert und für den Anbieter ineffizient sind. Dies gilt übrigens auch für native Android-Apps. Der Markt entscheidet also so, dass immer noch am meisten Apps für das iPhone entwickelt werden.

    Zu guter Letzt hat es sich bei Marketingverantwortlichen bei Firmen einfach zum guten Ton entwickelt, eine native App zu entwickeln, auch wenn’s technisch nicht notwendig wäre. Die App-Entwickler-Firmen beeinflussen diesen Trend natürlich, um das lukrative Geschäft der App-Entwicklung zu halten.

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