Krawalle In London:
Warum die Rolle von Twitter
und Facebook egal ist

Facebook, Twitter und Instant Messenger hätten Krawallmachern in Großbritannien bei der Organisation ihrer Attacken geholfen, heißt es. Dies mag stimmen, ist aber egal.

Facebook, Twitter und der Instant-Messaging-Service von BlackBerry-Smartphones haben die aktuellen Ausschreitungen in London und anderen britischen Städten befeuert. Diese Aussage kann man heute in vielen Artikeln zu den Ereignissen lesen – sowohl in der englischen als auch deutschsprachigen Presse.

Doch obwohl diese Erkenntnis keineswegs erfunden ist, hat sie einen noch geringeren Neuigkeitsgehalt als eine 20 Jahre alte Zeitung. Natürlich nutzen die Krawallmacher die ihnen zur Verfügung stehenden Kommunikationskanäle zur Organisation! Wie kann dies überhaupt irgendjemanden verwundern?

Das Problem mit Berichten, die einen derartigen Zusammenhang unreflektiert und ohne weiteren Kontext verbreiten: Sie suggerieren, dass in westlichen Ländern spontane Zusammenrottungen von Randalierern ohne Mobiltelefone, Social Networks und Microbloggingdienste nicht möglich gewesen wären.

Doch selbstverständlich waren sie das. Wir erinnern uns an die Unruhen in Frankreich im Jahr 2005. Diese verliefen nach einem sehr ähnlichen Muster wie das, was momentan auf der britischen Insel geschieht, breiteten sich wie ein Lauffeuer von Paris in andere Regionen aus und waren gekennzeichnet von spontanen Versammlungen, Sachbeschädigungen, Brandstiftungen und gewalttätigen Zusammenstößen mit der Polizei.

Für die damaligen Ausschreitungen hatte das zu diesem Zeitpunkt im Prinzip noch nicht existente Social Web jedoch keine nennenswerte Bedeutung. An der Qualität und Ausprägung der Krawalle änderte das jedoch nichts.

Oder blicken wir noch weiter in die Vergangenheit – schon im Jahr 1985 kam es in Tottenhamn zu Ausbrüchen der Gewalt, auch damals wie im aktuellen Fall als Folge eines durch ein polizeiliches Vorgehen verursachten zivilen Todesopfers. Überhaupt waren die 70er und 80er Jahre auf der Insel geprägt von gewaltsamen, teils spontanen, teils vorab organisierten Zusammenstößen als Folge der damals populären Hooligan-Kultur. All das ohne Social Media und Mobiltelefone.

Live-Krawall-Berichterstattung aus dem Hubschrauber
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Die englischen Krawalle hingegen kann sich jeder im heimischen Wohn- oder Kinderzimmer live und in Echtzeit aus der Vogelperspektive anschauen. Es braucht dazu nicht erst soziale Netzwerke, um den an einem Konflikt nicht abgeneigten Jugendlichen den notwendigen Antrieb zu geben, selbst auf die Straße zu springen und Adrenalin durch das Anzünden von Mülltonnen oder Plündern von Geschäften loszuwerden. Die klassischen Medien geben Inspiration und Details genug.

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6 Kommentare

  1. Name (erforderlich)
    schrieb am 9. August 2011 um 12:54 Uhr (#)

    Aussagen wie “Neue Medien befeuern solche Ausschreitungen” dienen doch in erster Linie dazu, verstärkte Überwachung des Internets zu rechtfertigen.

  2. Doktor Hu
    schrieb am 9. August 2011 um 13:31 Uhr (#)

    Mein Senf zu den Randalen in London

    http://xing.com/r/RBid1

  3. Oliver Springer
    schrieb am 9. August 2011 um 17:22 Uhr (#)

    Also egal ist die Rolle sozialer Medien nicht. Ich denke allerdings, dass die “alten” Medien wie das Fernsehen in diesem aktuellen Fall eine weit größere Rolle spielen.

    Die Aufmerksamkeit durch die Berichterstattung und der hier zum Tragen kommende Event-Charakter dürften die Krawalle weit stärker befeuern als alles, was im Internet passiert.

    Daraus möchte ich selbstverständlich nicht den Schluss ziehen, Verbote zu fordern. Aber jeder, der berichtet, sollte sich über mögliche Nebenwirkungen Gedanken machen und die entsprechenden Konsequenzen ziehen.

    Ob bei Krawallen wie denen in London, nach Terroranschlägen oder den Selbstmorden Prominenter – die Berichterstattung in den Medien (vom Nachrichtensender bis zum privaten Blog) hat Konsequenzen für das Verhalten der Rezipienten. Ich wünsche mir mehr Verantwortungsbewusstsein.

  4. maik
    schrieb am 10. August 2011 um 13:23 Uhr (#)

    oje, Herr Weigert ist ein bisschen beleidigt …

    Es ist nämlich wieder passiert – der tumbe Mainstream-Medien-Apparat erläutert die Folgen von Verfügbarkeit neuer, meinetwegen auch sozialer Kommunikationskanäle – und das ohne zunächst die Expertise der hiesigen Blogosphäre einzuholen.

    Und jetzt geht es auch noch um Hooligans & Jugend-Gangs – nicht zu fassen. Welch düsteres Licht fällt da auf Michels News-Feed?

    Bislang war er noch davon ausgegangen, dass Twitter nur das Gute im Menschen hervorbrächte – das hatte er zumindest in einem Blog gelesen. Den arabischen Frühling zum Beispiel, eine Zeit in der kleine blaue Vögelchen digitale Fesseln sprengten und allerorts die Menschenwürde aus den WLANs zwitscherte.

    Sollte das gar anders sein?

    Sollte das gar eine Frage der Perspektive sein?

    Ist Polizeigewalt keinThema das es verdient mal ordentlich durchgezwitschert zu werden?

    Wenn ich seit Jahren zusehe wie mein Stadtteil nach und nach vor die Hunde geht, hab ich dann nicht auch mal das Recht aufzumucken, zu protestieren mich sogar online zu organisieren?

    Und wenn sich die Verwendung digitaler Kanäle dabei schon nicht leugnen lässt (so schmerzlich das für Sie auch sein mag) – dann sollten wir aber zumindest nicht von “verstärken” oder “befeuern” reden – zumindest nicht in einem so unangenehmen Zusammenhang – auf überhaupt gar keinen Fall.

    Lassen sie uns besser Wikipedia-style den gewaltreichen Wesenszug des englischen Proletariats erläutern, und einfach mal annehmen, dass es auch vor 20 Jahren schon Unruhen solchen Ausmaßes gegeben hat, dezentral organisiert, verteilt über das ganze Land, in Echtzeit und abschließend in HD dokumentiert und publiziert.

    Dann gebe ich Ihnen natürlich recht, Herr Weigert – seitdem hat sich absolut nichts geändert.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 10. August 2011 um 13:35 Uhr (#)

      Leider ist mir ihre Botschaft nicht ganz klar. Und ist die Polemik wirklich notwendig?

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. August 2011 um 16:44 Uhr (#)

    Ah genau!

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