Turntable.fm:
Vorsicht, macht süchtig

Bei dem neuen US-Musikdienst Turntable.fm treten bis zu fünf Nutzer im DJ-Battle gegeneinander an und stellen sich in Echtzeit dem kritischen Urteil der Mitstreiter und Zuhörer – ein Konzept, das in der Praxis ein gehöriges Suchtpotenzial mit sich führt.

Dass mich ein brandneuer Onlinedienst am ersten Tag nach seiner Entdeckung ganze fünf Stunden fesseln kann, geschieht maximal einmal im Jahr. Turntable.fm, einem frisch gestarteten Musikservice der zwei US-Serienentrepreneure Seth Goldstein und Bill Chasen, ist dies gelungen.

Bei der HTML5 basierten Browseranwendung, die sich derzeit im privaten Alpha-Stadium befindet, können Nutzer virtuelle Clubs starten, in denen bis zu fünf DJs ihre Musik auflegen und um die Gunst der Hörer buhlen.

Bei den Clubs handelt es sich um grafische Chaträume, deren Herzstück ein Podest ist, auf dem bis zu fünf User ihren Platz hinter den Plattenspielern einnehmen können. Alle weiteren Besucher eines Raums, jeweils dargestellt als kleine Figuren mit überproportional großen Köpfen, versammeln sich auf der Tanzfläche vor der DJ-Kanzel.

Wer einen Platz an den Decks ergattern konnte, darf jeweils einen Titel aus seiner individuell zusammengestellten Songliste abspielen. Diese kann entweder mit Songs von der eigenen Festplatte oder mit Stücken aus der von Turntable.fm bereitgestellten, über eine Suchefunktion erreichbaren Musikdatenbank befüllt werden.

Während die Hobby-DJs der Reihe nach jeweils einen von ihnen ausgewählten Titel abspielen, haben alle anderen User im Raum die Möglichkeit, diesen über den am untere Seitenrand befindlichen Regel mit “Lame” oder “Awesome” zu bewerten. Für jede positive Rückmeldung erhält der gerade aktive DJ einen Punkt, und je mehr er davon sammelt, desto größere Avatare kann er für sein Figürchen wählen.

Erweist sich ein Song als unpopulär und wird von einer prozentual signifikanten Zahl der Besucher eines Raums mit einem Klick auf “Lame” geahndet, endet er abrupt und schafft Platz für die musikalische Perle des nächsten DJs. Jedes gespielte Stück kann in die eigene Turntable.fm-Spielliste gelegt, in iTunes und Last.fm geöffnet sowie bei Spotify aufgerufen werden.

Liebe zum Detail: Die Notebookrückseite zeigt das OS der Anwender

Nach meinem gestrigen Intensivtest kann ich konstatieren, dass das erhebliche Suchtpotenzial des Dienstes auf eine Kombination aus mindestens drei Faktoren zurückzuführen ist:

Zum Ersten erhalten musikbegeisterte Menschen die Gelegenheit, ihre Lieblingstitel vor einem (wenn auch nur digital anwesenden) Publikum zu spielen und direktes Feedback zu erhalten.

In einer Webwelt, in der die Empfehlungen und deren Konsum zumeist zeitlich voneinander losgekoppelt sind (E-Mail, Like-Button etc), schafft dies eine ganz andere emotionale Teilhabe am Empfehlungsprozess – vergleichbar damit, Freunden seinen neusten Lieblingstrack zu präsentieren und erwartungsvoll auf ihre Reaktion zu warten.

Zum Zweiten erlaubt Turntable.fm über die Chatfunktion den Dialog zwischen allen Besuchern des virtuellen Clubs. Nachdem ich am Sonntag ein paar Leute über Facebook und Twitter auf meinen Raum electrodisco_berlin (elektronische Musik only!) aufmerksam machte (Carolin Neumann war eine der ersten Mitstreiterinnen und bestätigt die Faszination, die von dem Dienst ausgeht), luden diese wiederum ein paar Freunde ein, wodurch sich eine interessante Mischung an Personen im Raum versammelte, die sich über die dargebotene Musik austauschten und miteinander Spaß hatten. Profilseiten einzelner User existieren bisher zwar nicht, aber wer als DJ-Name sein Twitter-Kürzel verwendet, erlaubt potenziellen Fans die spätere Kontaktaufnahme.

Der der dritte Aspekt, der Turntable.fm so besonders macht, ist dessen Eignung als Tool zur Entdeckung neuer Musik. Diverse der von anderen Plattenkünstlern gespielten Titel gefielen mir so gut, dass ich sie direkt bei Spotify in einem eigenes angelegten “turntable.fm Favoriten”-Ordner gespeichert habe (natürlich kann man Titel, die einem Gefallen, auch einfach händisch bei simfy, YouTube oder Grooveshark suchen). Eli Pariser müsste Turntable.fm lieben.

Über die langfristigen Ambitionen sowie das anvisierte Geschäftsmodell der genialen Anwendung, die sich derzeit vor allem innerhalb der “In-Crowd” der US-Tech-Szene verbreitet, ist bisher nichts bekannt. Das Streaming der Songs wird über den Lizensierungsdienstleister MediaNet abgewickelt. Je mehr Personen Turntable.fm verwenden, desto größer ist mutmaßlich der Batzen an Lizenzgebühren, die von dem Startup an MediaNet abgeführt werden.

Mark Krynski vom Lifestreamingblog glaubt und hofft, dass Turntable.fm als Vorbild für eine neue Gattung von Onlineservices dienen könnte, die auf ein ähnlich synchrones Echtzeit-Benutzererlebnis setzen (wie z.B. auch YT Social für YouTube-Videos).

Ob dieser Ansatz bei anderen Medientypen ein ähnlich erfüllendes Erlebnis bietet, weiß ich nicht – für Musik aber ist er perfekt. Wer bewusst Musik konsumiert, dies gerne mit anderen gemeinsam macht und sich nicht vor den Nebenwirkungen einer Turntable.fm-Sucht fürchtet, sollte den Dienst unbedingt ausprobieren (solange dies auch von außerhalb der USA noch möglich ist).

Voraussetzung, um Turntable.fm nutzen zu können, ist ein Facebook-Konto. Außerdem muss mindestens einer der eigenen Facebook-Freunde bereits bei Turntable.fm registriert sein.

Bei Facebook verfahre ich zwar nach der strikten Richtlinie, mich nur mit Personen zu vernetzen, die ich zumindest ab und zu persönlich treffe. Aber an dieser Stelle mache ich eine Ausnahme: Die ersten zehn Leser, die mich bei Facebook hinzufügen (ich bin der mit dem Vermerk “Blogwerk”), akzeptiere ich, was euch Zugang zu Turntable.fm verschafft (versucht aber vorher bitte selbst, euch einzuloggen – eventuell ist jemand aus eurer Kontaktliste bereits bei dem Service).

Update: Ich habe jetzt zehn Leute “eingeladen”, ab sofort ignoriere ich Kontaktanfragen bei Facebook, sorry.

Link: Turntable.fm

 

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27 Kommentare

  1. Wann eröffnest du denn heute den virtuellen Club? Ich hab wieder jede Menge zu tun, von dem ich Ablenkung suche :-D

  2. Bin schon in Aktion (der Raum besteht für immer, auch wenn niemand drin ist)

  3. Also ich komm nicht in deinen Club. Obwohl wir doch schon beste Freunde sind >.< Es wird mir aber auch noch angezeigt das ich keine Freunde in meiner FB Liste haben die auch bei turntable.fm sind. wähwäh

  4. Ich glaub ich musste mich kurz ausloggen. Probier nochmal.

  5. Hehe, geil…ich bin dann später auch wieder am Start :)
    Hab gestern echt ein paar richtig gute Songs von unserer Session mitgenommen. Aber wie gesagt, man braucht noch ne Playlist aller gespielten Songs. Und mobile…absolut geil für Parties :)

  6. Sehr lässig und grafisch wirklich awesome. Gefällt mir, danke für den guten Tipp. :)

  7. Klingt interessant. Aber ausprobieren kann ich es auch noch nicht :-(

  8. Sehr coole Sache. Würd’s gerne auch ausprobieren.

    Da sieht man mal, dass zeitliche Verknappung einen Wert schafft. Auch wenn wir theoretisch alles zu jeder Zeit aus dem Internet bekommen können finden wir es umso spannender, wenn etwas begrenzt ist.

  9. Hört sich definitiv lässig an!!

  10. Leider funktioniert der Login trotz Freundschaft mit Martin nicht… schade :-/

  11. Doch ich glaub ich muss mich nur mal kurz ausloggen. Mache ich gleich.

    • Dürfte leider nichts gebracht haben… es erscheint nach wie vor:
      “Right now only friends of friends on facebook can get in.
      Make friends with someone on turntable or you can also add your e-mail to the invite list.”

      Auch das entfernen und neu hinzufügen der turntable.fm Anwendung auf FB hat nichts gebracht.
      :(

  12. Klingt irgendwie schon sehr cool… muss jetzt nurnoch irgendwie nen Invite kriegen… wenn ich mal Zeit hab :P

  13. Die Idee hört sich ganz nett an. Leider kann ich den Dienst nicht testen: Mein Facebook-Konto habe ich nur einen Tag nach der dortigen Registrierung wieder gelöscht, weil von meinen “realen” Freunden fast keiner bei Facebook ist, und es dort nicht möglich ist, noch unbekannte neue Leute kennen zu lernen, weil die Profile nicht öffentlich sind.

    Ich frage mich auch, was dieser Account-Wahnsinn überall soll. Früher (2000-2001) konnte man z. B. in Foren OHNE Login schreiben. Warum machen heute alle eine Zwangsregistrierung? Hier bei Netzwertig.com sieht es noch ordentlich aus: Hier kann man ohne Registrierung Kommentare schreiben – Youtube ermöglicht das schon wieder nicht. Ich frage mich, was das soll?

    Also: Registrierungszwang abschaffen, dann ist Turntable.fm sicher mal einen Blick wert.

    DJ Nameless

  14. Ist noch irgendjemand bereit ne Freundschaftsanfrage zu akzeptieren? Will das unbedingt testen!

  15. Wäre es nicht möglich einen Facebookaccount extra für die ivites zu schaffen, der getrennt von deinem eigentlich FB ist?
    Dann könntest du ab und zu einfach mal alle dort als freunde akzeptieren und mehr leute hätten Zugang zu diesem dienst, der wirklich sehr interessant kling!
    Ich hoffe ihr habt verstanden was ich mein ;)

  16. Hat schon jemand herausgefunden woran es liegt, dass immernoch der Fehler kommt, obwohl ein Freund angemeldet ist?

  17. Anscheinend nicht…

  18. Sehr schade das mir niemand eine Einladung schickt, ich als ehemaliger DJ bin besonders heiß auf dieses neue Spielzeug!
    Oder erbarmt sich doch noch jemand? munatius@gmail.com

  19. bitte um eine Einladung.
    schaefer.thorsten@web.de
    thx

  20. Ihr braucht hier keine E-Mail-Adressen posten. Auf diese Weise kann man gar nicht zu turntable.fm einladen bzw. eingeladen werden. Welche Voraussetzung erfüllt sein muss, steht im Artikel.

    • Dann erkläre es doch bitte noch einmal, den aus dem Text geht das für mich nicht hervor!
      Natürlich bin ich Mitglied bei facebook unter meinen Namen, jedoch keinen Millimeter weiter gekommen bisher!

      Vielleicht kannst du bitte noch mal eine to do Anleitung posten!
      Danke

    • Du musst einen Kontakt bei Facebook haben, der bereits Zugang zu turntable.fm hat. Nur so klappt es.

  21. Vielleicht sollte man mal erwähnen, dass man ohne Proxy keine Chance hat, die Seite überhaupt zu öffnen. Denn netterweise erzählt mir die Internetseite, dass man sie nur ansehen kann, wenn man Ami ist :-@

10 Pingbacks

  1. [...] 30. Mai: Süchtigmacher Martin hat jetzt auf netzwertig.com ausführlich über Turntable.fm gebloggt, inklusive Hintergrund zum Start-up und technischen [...]

  2. [...] macht eine Menge Spaß, da hat Martin absolut recht, ist grafisch süß umgesetzt, und jeder, der schon immer gerne andere Menschen mit seiner [...]

  3. [...] netzwertig.com/2011/05/30/turntable-fm-vorsicht-macht-suchtig/ [...]

  4. [...] mangels eigener Erfahrung lieber anderen, die bereits mehr Glück hatten, das Wort. Auf SPON, bei Netzwertig.com oder Maingold.com findet Ihr Eindrücke über den eventuell neuen Stern am Online-Himmel. Zumindest [...]

  5. [...] turntable.fm: Klingt spannend: turntable.fm bringt den DJ-Battle ins Netz. Im Augenblick nur per invite, Martin Weigert hat die Hintergründe. [...]

  6. [...] und alles was man wissen muss um zu Hause 3D genießen zu können. — Textanzeige —Am Montag der vergangenen Woche berichteten wir über turntable.fm, den neuen US-Musikdienst, bei dem in virtuellen Räumen bis zu [...]

  7. [...] turntable.fm Traurig aber nicht überraschend: turntable.fm (Martins Jubellied) blockiert fortan alle Zugriffe von ausserhalb der USA.» turntable.fm Blocks Non-US Users, States [...]

  8. [...] gibt es einen guten Dienst im Musikbereich, schon ist er auch wieder unzugänglich. Ich finde das Konzept von Turntable.fm wirklich spannend: Gemeinsam Musik für ein digitales Publikum auflegen. Und was ist seit dem [...]

  9. [...] Nickfigürchen erfüllen unser aller Leben mit Sinn! Man frage nur den Lautsprecherninja: Ihm erwächst aus dem nickenden Genossen Daseinsberechtigung. Ein jeder weiss, nickt der Kumpel zum Beat, hat man seinen Musikgeschmack getroffen – Auch Kollege Martin Weigert weiss, wie gut es sich anfühlt, wenn die gespielten Tunes auf Gegenliebe stossen: Turntable.fm: Vorsicht, macht süchtig. [...]

  10. [...] zusammen mit anderen Nutzern und in Kombination mit Voting- und Spiele-Mechanismen erfolgt. Denn da zog mich der US-Dienst Turntable.fm in seinen Bann und veränderte meine Art, Musik zu hören. Wegen der unklaren Rechtslage war dann jedoch einige [...]

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