Facebook vs Google:
Kräftemessen mit
schmutzigen Bandagen

Facebooks Versuch, Google und dessen Datensammelpraxis anzuschwärzen, ist die Fortsetzung eines intensiven Kräftemessens zwischen den zwei dominierenden Internetunternehmen unserer Zeit.

Es ist natürlich eine sehr peinliche Geschichte für Facebook: Das soziale Netzwerk hat – wie bereits in Linkwertig berichtet – eine der führenden PR-Agenturen der USA damit beauftragt, Medienangebote über die angeblich unangemessene Datensammelpraxis von Google in Bezug auf dessen Feature “Social Circle” zu unterrichten. Eine Voraussetzung war, dass der Name des sozialen Netzwerks als Initiator nicht bekannt werden sollte.

Doch dieser Schuss ging nach hinten los: Die Geschichte flog auf und wurde mittlerweile sowohl von Facebook als auch von der betroffenen PR-Agentur Burson-Marsteller bestätigt. Letztere merkte in einem Statement an, dass sie den Auftrag des Social Networks eigentlich gar nicht hätte annehmen dürfen.

Das Anschwärzen von Konkurrenten mag auch in der Internetbranche Usus sein. Wer sich aber dabei erwischen lässt, muss den folgenden Imageschaden hinnehmen. Dumm gelaufen für Facebook und Burson-Marsteller.

Sehr viel interessanter als das sich derzeit entfaltende PR-Debakel für die beiden Firmen ist jedoch die Tatsache, dass Facebook eine derartige Taktik überhaupt für nötig halt. Immerhin dominiert man das Social Web mit mehr als 600 Millionen aktiven Anwendern und ungebrochenem Wachstum, während Google seit einer gefühlten Ewigkeit an seiner Social-Strategie feilt, aber bisher nur häppchenweise Einblick in selbige gibt.

Doch offenbar scheint man in Palo Alto den großen Konkurrenten aus Mountain View trotz gefloppter Social-Initiativen wie Orkut, Google Wave oder Google Buzz mehr zu fürchten, als dies von außen den Anschein macht. Nur so lässt sich erklären, dass Mark Zuckerberg (oder wer auch immer die Entscheidung getroffen hat) eine verdeckte PR-Kampagne autorisiert, die Journalisten und Blogger – die ja nun auch sonst nicht zaghaft sind, was Kritik an Google betrifft – auf das Treiben in Bezug auf Social Circle aufmerksam machen soll.

Social Circle ist eine Google-Funktion, die für alle eingeloggten User sämtliche Kontakte und sozialen Verbindungen listet, die dem Internetgiganten bekannt sind. Zu seinem zweifelhaften Vorgehen animiert wurde der blau-weißen Wettbewerber durch die “Secondary Connections”-Option, die “Kontakte der Kontakte” anzeigt und vom Nutzer nicht kontrolliert werden kann. Die hierfür genutzten Informationen sucht sich Google eigenhändig aus dem Web zusammen, unter anderem über öffentliche Profile einschlägiger Social-Web-Services – Facebook inbegriffen.

Stein des Anstoßes: "Secondary Connections"
Stein des Anstoßes: "Secondary Connections"

Ich möchte jetzt gar nicht weiter auf die Frage eingehen, inwieweit diese Praxis Diskussionsstoff bietet oder nicht (vermutlich wird sich das Thema ohnehin noch einige Tage im Nachrichtenmainstream halten). Nur so viel: Facebook selbst hat alles dafür getan, dass Mitglieder ihre Profilangaben öffentlich im Netz verfügbar machen.

Entscheidend ist für mich die Tatsache, dass Facebook – das selbst nicht gerade für seine zurückhaltende, benutzerfreundliche Sicht auf das Thema Datenschutz bekannt ist – hier die Notwendigkeit verspürt, auf subtile Weise gegen Google vorzugehen.

Das Ereignis ist eine Manifestation des Kräftemessens zwischen dem führende Internetunternehmen der vergangenen Dekade und seinem – metaphorisch gesehen – potenziellen Nachfolger (natürlich könne beide Konzerne koexistieren – dafür dürfen sie sich aber nicht immer mehr in die Quere kommen).

Im August 2009 bezeichneten wir den Kampf Google gegen Facebook als die nächste Frontlinie im Netz. Zwei Jahre später stehen sich beide Unternehmen mit verbissener Miene gegenüber. Wir erinnern uns auch an den Konflikt um die Portabilität von Nutzerdaten, der im November 2010 seinen Höhepunkt erreichte und bei dem es um die Frage ging, inwiefern für Drittanbieter zugängliche Benutzerdaten für den jeweiligen Kontrahenten verfügbar sein sollen.

Der Fall Burson-Marsteller ist die Fortsetzung eines andauernden Streits zwischen DEN zwei führenden Internetfirmen unserer Zeit. Beide sind der Überzeugung, im neuen Jahrzehnt nur dann auf einer wirtschaftlich gesunden Basis agieren und sich weiterentwickeln zu können, wenn sie weitreichenden Zugriff auf den Social Graph der Internetnutzer besitzen – und das möglichst exklusiv. Doch gemäß den Naturgesetzen sozialer Netzwerke kann es unter dieser Prämisse nur einen geben. Momentan ist dies Facebook.

Ich habe mir am Dienstag und Mittwoch einige Stunden des Live-Streams von Googles Entwicklerkonferenz I/O angeschaut. Im Rahmen der verschiedenen Produktpräsentationen fielen unzählige Namen von Partnerfirmen, Onlinediensten und mobilen Applikationen. Selbst Windows und auch Amazon – der Onlinehändler ist im Hinblick auf seine Cloud- und Contentdienste gewisserweise ebenfalls ein Konkurrent von Google – wurden mindestens einmal erwähnt.

Facebook – von mehr als 600 Millionen Menschen aktiv verwendet – tauchte namentlich zu keinem Zeitpunkt auf (oder es ist mir entgangen).

Doch in einer Session am Mittwoch informierte Google-Mitarbeiter Eric Chu über Neuerungen im Android Market und scrollte dabei durch die überarbeiteten App-Charts. Für zwei Sekunden erschien tatsächlich und von Chu nicht weiter kommentiert Facebooks Android-Applikation auf dem Bildschirm. Es war ein außergewöhnlicher Moment.

Mehr lesen

Cash-Cow mit Zukunft: Warum Facebook eine  Suchmaschine starten sollte

24.5.2012, 17 KommentareCash-Cow mit Zukunft:
Warum Facebook eine Suchmaschine starten sollte

Facebook wird alles dafür tun müssen, um neue Erlösquellen zu erschließen. Der Start einer eigenen Suchmaschine erscheint deshalb sehr wahrscheinlich.

Facebooks Börsengang: Die Zeit danach

23.5.2012, 8 KommentareFacebooks Börsengang:
Die Zeit danach

Facebooks galaktische Bewertung lässt viele Beobachter zweifeln. Um sie zu rechtfertigen, muss das soziale Netzwerk in nächster Zeit an vielen Fronten arbeiten.

Der populärste hinkende Vergleich im Internet: Warum Facebook nicht MySpace ist

22.5.2012, 13 KommentareDer populärste hinkende Vergleich im Internet:
Warum Facebook nicht MySpace ist

Kaum eine Behauptung ist häufiger im Netz zu hören als die, Facebook stünde das gleiche Schicksal bevor wie MySpace. Der Vergleich ignoriert, dass es sich um völlig verschiedene Produkte handelt.

Linkwertig: Gender, Moog, Webmaker, Web

24.5.2012, 0 KommentareLinkwertig:
Gender, Moog, Webmaker, Web

Mit dem Doodle für Robert Moog hat sich Google gestern doodletechnisch selbst übertroffen und andere Links.

Linkwertig: Web Intents, Smart, Spießer, Cloud

23.5.2012, 0 KommentareLinkwertig:
Web Intents, Smart, Spießer, Cloud

Google promotet im W3C das Konzept von Web Intents, Familienministerin Kristina Schröder promotet Smart und mehr.

Nachhaltigkeit als Marketingargument: Wie die Netzgiganten sich  um unsere Umwelt sorgen

21.5.2012, 0 KommentareNachhaltigkeit als Marketingargument:
Wie die Netzgiganten sich um unsere Umwelt sorgen

Die führenden Internet- und IT-Konzerne Google, Apple und Microsoft versuchen, auf ihre Bestrebungen zum Schutz der Umwelt und knapper Ressourcen aufmerksam zu machen. Wie ernst man die Initiativen aber nehmen kann, ist unklar.

Influencer Marketing in Deutschland: Klout-Konkurrent PeerIndex  belohnt digitalen Einfluss

10.5.2012, 0 KommentareInfluencer Marketing in Deutschland:
Klout-Konkurrent PeerIndex belohnt digitalen Einfluss

In den USA erhalten digitale Multiplikatoren über die Reputationsplattform Klout Vergünstigungen und Sonderangebote. Der Londoner Wettbewerber PeerIndex will mit PeerPerks auch Europas digitale Influencer belohnen.

Talentakquisition statt Verfall: Das heimliche Platzen  der Social-App-Blase

7.5.2012, 5 KommentareTalentakquisition statt Verfall:
Das heimliche Platzen der Social-App-Blase

Die Zahl der Startups, die Nutzer miteinander vernetzen wollen, übersteigt die Nachfrage und Zeit der Anwender bei weitem. Viele Apps haben keine Zukunft. Akquisitionen, bei denen es vor allem um das Team geht, verdecken dies.

Klout: Umstritten, aber unausweichlich

27.4.2012, 22 KommentareKlout:
Umstritten, aber unausweichlich

Klout, das bekannteste Onlinewerkzeug zur Reputationsmessung, bietet viel Angriffsfläche. Trotzdem ist es an der Zeit, seine künftige Bedeutung im Wirtschaftsleben zu akzeptieren.

6 Kommentare

  1. Tanja Handl
    schrieb am 13. Mai 2011 um 09:15 Uhr (#)

    Absolut heftig – dass gerade Facebook sich traut, Google für seine Datensammlung zu kritisieren. Die sollten sich mal lieber selber an der Nase nehmen… Und ihr eigenes Geschäftsmodell hinterfragen. ;)

  2. Basti
    schrieb am 13. Mai 2011 um 10:51 Uhr (#)

    In der Session über den + 1 Button (http://youtube.com/user/G…s#p/u/35/Fl3c79n_wRg) gibt der vortragende Google-Mitarbeiter sogar zu, dass er ein Facebook-Konto hat.

    Ansonsten hast du aber natürlich recht, man schien das “F-Word” zu vermeiden wo es nur ging, wobei auch Microsoft und auch Apple (von einem gewissen Bild mal abgesehen) nicht gerade ständig erwähnt wurden…

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 13. Mai 2011 um 10:53 Uhr (#)

      Danke für den Link. Weißt du, zu welcher Minute ungefähr?

  3. Stefan
    schrieb am 13. Mai 2011 um 11:38 Uhr (#)

    Sehr viel interessanter als das sich derzeit entfaltende PR-Debakel für die beiden Firmen ist jedoch die Tatsache, dass Facebook eine derartige Taktik überhaupt für nötig halt.

    Die Frage ist doch, hält es Facebook für nötig oder betreiben sie solche Spielchen vielleicht schon seit Jahren?

  4. Experimentiert
    schrieb am 13. Mai 2011 um 13:37 Uhr (#)

    Also die angeblich 600 Millionen User bei Facebook ist auch nur ne Zahl auf die Näher bisher noch nie eingegagen wurde und auch nicht wird.
    Facebook arbeitet natürlich mit allen Tricks um weiter die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und kämpft mehr oder weniger ums nackte Überleben, da Facebook ja nicht wirklich was neues ist.
    Sociales Web hin oder her, Google hat viel mehr als Facebook vielleicht je erreichen wird, bei Google sucht die Welt, Google hat mit Youtube das TV von morgen, etc… die Liste könnte ich nun weiterführen, aber diese zwei Punkte reichen und zu zeigen das Google sicher nicht von Facebook Angst haben muss.
    Facebook sucht aktuell händeringend um ne gute Einkommensquelle und würde sicher am liebsten ne komplett neue Suchmaschinen rausbringen und darum kämpft man gegen Google mit schmutzigen Tricks um Google zu schaden und dann urplötzlich die neue Suchmaschine zu lancieren.

  5. Michael
    schrieb am 13. Mai 2011 um 18:17 Uhr (#)

    Armselig.

    Grüße

Pingbacks

Pingbacks anzeigen...

Diesen Artikel kommentieren

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.