Digitale Musik:
Spotify erlöst Nutzer
von ihren iTunes-Qualen

Mit heute verkündeten Neuerungen macht der Musikdienst Spotify deutlich, dass er den gesamten Bereich digitaler Musik dominieren möchte – von Downloads über Streaming, das lokale MP3-Management bis hin zum mobilen Hörgenuss. Auf iTunes können Spotify-User jetzt ganz verzichten.

Erinnert ihr euch noch an diesen Artikel über das kolportierte 100-Millionen-Dollar-Investment der russischen Investorengesellschaft DST (bekannt von seinen Kapitalinfusionen bei Facebook, Groupon und Zynga) in den schwedischen und in sieben europäischen Ländern angebotenen Musikdienst Spotify?

Als abschließendes Fazit merkte ich damals an, dass jeder, der sich für das Treiben in der globalen Webbranche interessiert, den Service spätestens jetzt auf dem Radar haben sollte. Das gilt auch, wenn man selbst in einem Land lebt, in dem Spotify noch nicht offiziell verfügbar ist, wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz (wie ihr Spotify dennoch ausprobieren könnt, steht am Artikelende).

Mit den heute verkündeten Neuigkeiten unterstreicht das Startup mit Sitz in Stockholm und London einmal mehr seine Ambition, die Musiklandschaft vollständig umzukrempeln: Denn mit einem Update für seinen Desktop-Client macht Spotify nichts Geringeres, als Apple den sprichwörtlichen Stinkefinger zu zeigen.

Dies geschieht zum einen durch eine neue, integrierte Funktion zum Download von Playlisten als kostenpflichtige MP3-Dateien, und zum anderen durch die Möglichkeit für alle Spotify-Benutzer (auch die der Gratis-Variante), über mobile Apps für Android und iPhone die lokale MP3-Sammlung zu synchronisieren und anzuhören.

1. Musikdownloads
Im Rahmen einer Partnerschaft mit 7digital hatten Spotify-Benutzer bisher bereits die Möglichkeit, einzelne Titel als MP3 zu kaufen. Die gerade sukzessive ausgerollte überarbeitete Desktop-Software erlaubt nun jedoch das Erwerben von “MP3-Bundles”. Nutzer können auf diesem Weg ganze Playlisten als MP3 kaufen und profitieren von günstigeren Preisen als beim Einzeldownload:

Zehn Songs kosten 9,99 Euro, 14 Stück 12,99 Euro, für 40 Tracks werden 30 Euro fällig und für 100 Titel 60 Euro.

In einem Werbevideo beschreibt das Musikstartup die Option zum Erwerben ganzer Playlisten als Evolution des Musikkonsums, der von Singles und Alben (in Schallplatten-, Kassetten- und CD-Form) über den Kauf einzelner Songs (klassische Online-Downloadshops) nun beim kostenpflichtigen Download selbst oder von anderen Musikhörern zusammengestellter Kollektionen angelangt ist – zumindest wenn es nach Spotify geht.

2. Musiksynchronisation
Bisher standen mobile Apps lediglich Anwendern zur Verfügung, die für ein Spotify-Premium-Konto umgerechnet zehn Euro pro Monat auf den Tisch legten.

Ab sofort bietet der Dienst seine Anwendungen für iPhone und Android gratis an. On-Demand-Streaming bleibt zwar weiterhin zahlenden Nutzern vorbehalten, aber die Möglichkeit des kabellosen Transfers der auf einem mit Spotify ausgestatteten Rechner abgelegten MP3-Sammlung (die sich schon seit längerem in die Spotify-Software importieren und von dort verwalten lässt) via WLAN auf iPhones und Android-Smartphones steht nun allen Spotify-Nutzern offen. Ab wann dies für die Symbian-, Windows- und Palm-Apps gelten wird, ist unklar.

Aus meiner Abneigung gegen iTunes (zumindest auf einem Windows-PC) mache ich keinen Hehl. Spotifys Desktop-App ist zwar nicht perfekt, aber deutlich benutzerfreundlicher und leichtfüßiger als Apples Mediensoftware. Durch das Sync-Feature erlöst Spotify zumindest in Bezug auf das Musikmanagement alle iPhone-Besitzer mit Allergien gegen iTunes von ihren Qualen.

Dies gilt übrigens auch für alle Besitzer von iPod classic, nano oder shuffle: Denn die MP3-Player mit dem Apfel-Logo lassen sich ab sofort per USB-Kabel ebenfalls mit Spotify synchronisieren, womit für das Befüllen des iPods mit auf dem Rechner befindlichen oder über Spotify käuflich erworbenen MP3-Dateien ebenfalls kein Griff zu iTunes mehr erforderlich ist.

Fazit
Spotify, das mit einer heftigen Beschneidungen seines Gratis-Angebots gerade erst für eine gewisse Enttäuschung gesorgt hat, signalisiert mit den jüngsten Schritten, dass es zur primären und im Optimalfall einzigen von Anhängern digitaler Klänge verwendeten Musikanwendung werden und die gesamte “Nahrungskette” dominieren möchte: angefangen von digitalen Musikdownloads über das On-Demand-Streaming und die Verwaltung der lokalen MP3-Sammlung bis hin zum mobilen Musikgenuss.

Dieses Vorhaben des 2006 gegründeten Unternehmens erscheint trotz der bisher sehr begrenzten regionalen Verfügbarkeit nicht unrealistisch. Es ist gleichzeitig eine Kampfansage an alle anderen Akteure, die in den genannten Sektoren aktiv sind, und ganz besonders natürlich an Apple. Dem US-Konzern wird schon länger nachgesagt, an einer Cloud-Lösung für iTunes zu arbeiten, gerade wurde eine dazu passende Domain akquiriert.

Die Frage ist jedoch, ob Apple es tatsächlich fertig bringt, die Attraktivität und Vielseitigkeit des schon jetzt umfangreichen Spotify-Universums plattformübergreifend nachzubilden. Für Mac-Rechner und iOS mag dies gelingen – für alle anderen Plattformen hingegen bezweifle ich dies. Zumal Apple nicht gerade dafür bekannt ist, eine DNA für beeindruckende Web- und Cloudservices zu besitzen.

In Bezug auf einen Launch in Deutschland, Österreich und der Schweiz hält sich Spotify weiterhin bedeckt. Der einfachste Weg, um den Service von hier in der kostenfreien “Open”-Variante auszuprobieren, ist über den kostenfreien 24-stündigen Testzugang des schwedischen VPN-Anbieters Relakks (oder einen Proxy-Server aus einem der sieben Spotify-Länder).

Ansonsten existiert für User in D-A-CH natürlich simfy, das gerade die Marke von einer Million registrierten Nutzern erreicht hat (jedoch vom Funktionsumfang nicht mit Spotify mithalten kann).

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7 Kommentare

  1. Marcel Weiß
    schrieb am 4. Mai 2011 um 13:20 Uhr (#)

    Ich frage mich, ob wir hier genau so oft von Hulu und Pandora lesen würden, wenn Du in den USA statt in Schweden leben würdest. ;)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 4. Mai 2011 um 13:26 Uhr (#)

      Gute Frage. Ich bin da wohl der Letzte, der diese objektiv beantworten kann ;)

  2. Holger
    schrieb am 5. Mai 2011 um 18:37 Uhr (#)

    hmmm, das klingt ja alles ganz nett – ich muss aber gestehen, dass mir das Konzept welches simfy verfolgt, aktuell deutlich besser gefällt. Ich kann die Songs da zwar nicht kaufen – in der Mietgebühr ist jedoch der Download und die Offline-Verfügbarkeit enthalten. Gut – an der iOS App muss wohl noch etwas geschraubt werden. Aber wenn ich mir die Spotify Preise ansehe, dagegen ist die 10 EUR Flat von Simfy echt Peanuts.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 5. Mai 2011 um 18:49 Uhr (#)

      Die 10 Euro Flat gibt’s ja weiterhin. Die Downloads sind nur ein ergänzendes Angebot.

  3. tm78654
    schrieb am 6. Mai 2011 um 10:05 Uhr (#)

    Verstehe ich das richtig, dass ich spotify als Ersatz für das iPod app auf dem iPhone verwenden kann? Also meine gesamte Musikbibliothek darüber synchronisieren oder nur die bei spotify gekauften Songs? Kann ich auch wie bei iTunes mehrere Geräte mit unterschiedlichen Accounts in einem Haushalt über Kreuz synchronisieren?

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 6. Mai 2011 um 10:07 Uhr (#)

    Verstehe ich das richtig, dass ich spotify als Ersatz für das iPod app auf dem iPhone verwenden kann?

    Korrekt.

    ann ich auch wie bei iTunes mehrere Geräte mit unterschiedlichen Accounts in einem Haushalt synchronisieren?

    Du kannst ja Spotify auf so vielen Spotify-fähigen Geräten im Haushalt verwenden, wie du willst.

  5. Henning
    schrieb am 4. Juli 2011 um 02:11 Uhr (#)

    Wieso soll Simfy den bitte nicht mit Spotify mithalten können was die Funktionen angeht?Ich habe hier beide Dienste Zur Verfügung und muss feststellen, dass Simfy was das Songangebot betrifft bis auf einige Ausnahmen nahezu äquivalent ist, und das bei kostenloser Nutzung während ich für Spotify 10€ hinlegen muss. klar Simfy kennt keine Playlistordner was mich echt nervt, aber sonst fällt mir kein gravierender Unterschied auf. Selbst die Premium Funktionen gleichen sich ja aufs Haar.

    Den ganzen Itunes mäßigen Synchronisations scheiß brauche ich persönlich nicht

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