Nachbarschaftsauto:
Das Airbnb für Autos

Das Berliner Startup Nachbarschaftsauto überträgt das von Airbnb bekannte Prinzip der zeitlich begrenzten Vermietung von Unterkünften zwischen Privatpersonen auf Autos. Ein mutiger Versuch.

Neulich saß ich mit einigen Leuten beim Mittagessen und wir diskutierten die Vor- und Nachteile von Plattformen wie Airbnb und dessen aus Deutschland stammenden Nachahmern 9flats oder Wimdu. Bei diesen Diensten vermieten Privatpersonen ihre Wohnungen an Reisende, die eine preiswerte und zentrale Unterkunft mit persönlichem Flair einem charakterlosen, teuren Hotelzimmer vorziehen.

Irgendwann gelangten wir zu der Frage, welche anderen Alltagsbereiche abseits von Wohnungen noch nach dem Airbnb-Konzept umgekrempelt werden könnten. Kurzzeitig kam auch das Automobil zur Sprache, doch wir gelangten schnell zu dem Schluss, dass dies zumindest in Deutschland, wo der fahrbare Untersatz für viele ein Heiligtum ist, kaum funktionieren könne.

Christian Kapteyn und seine vier Mitstreiter von Nachbarschaftsauto scheinen anderer Meinung zu sein. Seit Anfang März ist der Service des Berlin Startups online. Die Idee: Private Autos stehen im Durchschnitt 23 Stunden am Tag einfach herum. Mit der Plattform zum privaten Carsharing möchte Nachbarschaftsauto dies ändern.

Der Dienst unterscheidet sich von gewerblichem Carsharing (oder alternativen “Ride-Sharing-Ansätzen” wie dem von flinc) dadurch, dass Autos nicht von einem Unternehmen bereitgestellt werden, sondern von Privatpersonen, die zwar ein Kfz besitzen, dieses jedoch nicht regelmäßig verwenden.

Die Funktionsweise ähnelt der von Airbnb & Co: Interessierte Leiher suchen bei Nachbarschaftsauto nach von Privatpersonen bzw. nicht-kommerziellen Organisationen angebotenen Autos (oder Motorrädern) in der Umgebung und kontaktieren einzelne Verleiher über die Site. Verleiher definieren im Vorfeld einen Mietpreis (pro Stunde, Tag, Woche) und entscheiden selbst, ob sie auf einzelne Anfragen reagieren oder nicht.

Nachdem sich beide Parteien über die Konditionen und den Zeitraum der Miete geeinigt haben, vereinbaren sie eine Übergabe, bei der ein Überlassungsvertrag unterzeichnet und die Schlüssel übergeben werden.

Pro Tag zahlt ein Leiher über den Mietpreis hinaus 8,90 Euro für eine Zusatzversicherung für privates Carsharing. Diese stellt sicher, dass Besitzer von über Nachbarschaftsauto.de feil gebotenen Autos im Schadensfall nicht ihre eigene Versicherung in Anspruch nehmen müssen. Ausgeschlossen von dieser Versicherung sind alte Autos oder solche mit einem zu hohen Neuwert bzw. einem besonders kräftigen Motor.

Nach einer erfolgreichen Miete, bei der das Auto im ordnungsgemäßen Zustand und mit vorab festgelegter Betankung zurückgegeben wurde, können sich beide Parteien gegenseitig bewerten. Dies hilft zukünftigen Nutzern, die Vertrauenswürdigkeit bei dem Dienst präsenter Individuen vorab besser zu beurteilen.

Die Monetarisierung von Nachbarschaftsauto soll durch eine nach dem derzeitigen Beta-Test greifende Vermittlungsgebühr von zwei bis drei Euro für abgeschlossene Mieten erfolgen.

Die große Frage lautet nun: Kann ein privater Marktplatz für das Verleihen von Privatfahrzeugen tatsächlich funktionieren? Existieren genug Menschen in Deutschland, die ihr Auto in die Hände von Fremden geben würden, um damit ein paar Euro hinzuzuverdienen? Halten sich die im Rahmen des Mietvorgangs auftretenden Konflikte und Betrugsversuche in einem begrenzten Rahmen, damit die Plattform nachhaltig einen guten Ruf aufbauen kann?

Die Zeit wird dies zeigen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert. Sollte dieser gelingen und bei mobilen Verbrauchern ankommen, wird die Liste der durch das Internet bedrohten Branchen um einen Eintrag länger: kommerzielle Autovermieter.

In den USA existiert mit RelayRides mindestens ein Anbieter, der ein ähnliches Experiment wagt.

Update: Bereits seit November 2010 online ist auch das Hamburger Startup tamyca, das auf einen vergleichbaren Ansatz setzt.

via Gründerszene

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14 Kommentare

  1. Michael
    schrieb am 27. April 2011 um 09:08 Uhr (#)

    Hi Leute,

    ein Vorbild für Nachbarschaftsauto existiert nicht nur in den USA. Auch in Deutschland gibt es schon seit November 2010 eine Plattform für privates Carsharing. Hunderte Fahrzeuge stehen hier deutschlandweit zur Verfügung. Auch die Macher von tamyca sind überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die es lieben werden ihr Auto zu teilen.
    Beste Grüße Michael

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 27. April 2011 um 09:10 Uhr (#)

      Ah, danke für den Hinweis, ich füge euch noch als Update am Artikelende hinzu.

      Und für die Zukunft die Bitte: Haltet uns auf dem Laufenden :)

  2. Jürgen
    schrieb am 27. April 2011 um 09:33 Uhr (#)

    Könnte mir denken, dass die größte Herausforderung dabei die Versicherung ist. Ich darf mir theoretisch nicht einmal das Auto meiner besten Freundin ausleihen, weil es laut Vertragsklausel dann nicht versichert ist. Wie ist das bei Nachbarschaftsauto und Tamyca gelöst?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 27. April 2011 um 09:35 Uhr (#)

      Steht im Text Jürgen ;)

    2. Jürgen
      schrieb am 27. April 2011 um 09:52 Uhr (#)

      Stimmt. Das mit der Zusatzversicherung. ;) Damit greift dann die eigentliche Versicherung nicht mehr? 8,90 Euro machen das ganze schon wieder recht teuer, also alles in allem nicht viel billiger als Flinkster und Co., scheint mir.

  3. Michael
    schrieb am 27. April 2011 um 10:00 Uhr (#)

    @ Jürgen: Privates Carsharing ist günstiger als traditionelles Carsharing, weil es überall verfügbar ist. Du hast keine Bindung an Stationen, sondern kannst auf Autos in Deiner Nachbarschaft zugreifen. Welche Alternative preislich günstiger ist, muss natürlich immer im Einzelfall betrachtet werden. Bei tamyca.de kostet das Versicherungspaket übrigens nur 7,5 € pro 24 Stunden.

  4. Berlin-Newsblog
    schrieb am 27. April 2011 um 10:19 Uhr (#)

    Ihr Habt die 500 Euro Selbstbeteiligung im Schadensfall vergessen ;)

    @Jürgen: Ja das mit der Versicherung stimmt. Soweit ich mich entsinne Vollkasko und Teilkasko. Manch anderer Anbieter hat wohl nur Teilkasko.

  5. Samuel
    schrieb am 27. April 2011 um 11:10 Uhr (#)

    Danke für den Post. Finde ich sehr interessanten Ansatz – würde mich über ähnlichen Dienst in der Schweiz freuen.

    Habe, da mit der Familie der Bedarf an Auto zunimmt, grad gestern einen vergleichbaren Vorschlag auf der #fb-Seite von Mobility.ch gepostet: http://on.fb.me/ecGcG8 – Idee: ich kaufe mein Auto zusammen mit Mobility und kann es als eine Art Franchising zusammen mit Mobility nutzen. Könnte mir Vorstellen, dass eine solche Kombination mit einem “etablierten” Dienst einige der oben genannten Hürden gut lösen könnte.

  6. Lars L.
    schrieb am 27. April 2011 um 11:13 Uhr (#)

    Wann macht mal einer einen weitern Klon für die Freundi ^^.
    Leihe dir meine Freundin für eine Stunde für 50 Euro. loooooool.

  7. Gründercoach
    schrieb am 27. April 2011 um 15:38 Uhr (#)

    Hallo zusammmen, also ich finde das Konzept ganz gut. Ob sich das rechnen wird, wird uns die zeit zeigen. Aber mittlerweile steigt ja auch hertz in die Kurzzeitmiete in Berlin ein. So wie ich das gelesen habe kostet das eine einmalige Gebühr für die REGISTRIERUNG und dann gibts ein Auto schon ab 2,50 die Stunde inklusive Sprit Versicherung. Also das kann sich doch sehen lassen.

  8. Sir John
    schrieb am 27. April 2011 um 18:39 Uhr (#)

    @Lars L.: Gibts bereits seit Jahrhunderten, das älteste Gewerbe der Welt ^^

    @Geschäftsmodell: Ich bin kein grundsätzlicher Skeptiker, aber bei diesem Modell denke ich – ähnlich wie bei C2C Kreditvermittlungsplattformen(z.B. smava) – dass es nicht funktionieren wird. Die Modelle ignorieren die lange erkannte Tatsache, dass viele “Probleme” der direkten C2C Kundenbeziehung durch einen Intermediär / Firma / Institution immer effizienter gelöst werden können. Man bedenke mal bei der Autovermietung folgende Dinge: Im Auto wird geraucht, der Sitz wird durch Kaffee verschmutzt, Kratzer, unachtsames Umgehen mit dem Interieur etc. pp.

    #epic fail

  9. Sir John
    schrieb am 27. April 2011 um 18:43 Uhr (#)

    Übrigens an die Macher von nachbarschaftsauto:

    Auf eurer Startseite steht “Private Autos ab 9 € pro Tag leihen!”

    Denkt – wie die Airlines – dran, dass ihr einen realistischen Endpreis abgeben müsst. Die 8,90 € Versicherung kommen ja immer noch dazu. Oder habt ihr Autos für 0,10€ im Angebot?

    Ändert das bitte, sonst werde ich einem Abmahnanwalt Bescheid geben.

  10. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 27. April 2011 um 20:23 Uhr (#)

    Ändert das bitte, sonst werde ich einem Abmahnanwalt Bescheid geben.

    Gut dass du vorher wenigstens noch eine Galgenfrist anbietest ;)

  11. rent-n-roll
    schrieb am 30. Januar 2012 um 19:09 Uhr (#)

    Seit einem halben Jahr gibt es jetzt auch privates Carsharing bei uns auf rent-n-roll.de.
    Es ist definitiv ein spannender Markt, wir hoffen, dass sich dieses Konzept langfristig etablieren kann. Unserer Ansicht nach stehen die Chancen sehr gut, peer-to-peer Carsharing ist ja auch ein Beispiel der größeren Bewegung “Collaborative Consumption”, für die es um Nutzung statt um Besitz geht. (Beispiel Bohrmaschine: Interessiert mich das Gerät an sich oder nur das Loch in der Wand?)

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