re:publica 2011:
Warten auf den Color-Effekt

In der kommenden Woche versammeln sich mehr als 2.000 Digital Natives auf der re:publica in Berlin. Die Veranstaltung wird auch ein Test für die kontrovers diskutierte Foto-Applikation Color.

In der kommenden Woche steigt (neben dem Mini Seedcamp Berlin) im Berliner FriedrichstadtPalast die jährliche re:publica-Konferenz rund um Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft. Auch ich werde dabei sein, genau wie vermutlich einige von euch.

Fast wie ein kleines Kind vor dem Auspacken der Geschenke am Heiligabend freue ich mich neben dem Zusammentreffen mit Blogkollegen, Lesern und Leserinnen, Followern, Bekannten sowie Unbekannten vor allem auf eines: Die mobile Foto-Sharing-App Color endlich einmal mit einer signifikanten Zahl anderer Menschen gleichzeitig ausprobieren zu können.

Vor zwei Wochen ging der für iOS- und Android-Smartphones angebotene Dienst online und sorgte aufgrund der umfangreichen Kapitalausstattung von 41 Millionen Dollar noch vor dem Launch sowie einigen Usability-Schwächen für eine heftige Kontroverse. Wer bisher nicht von Color gehört hat, dem empfehle ich diesen Artikel, in dem ich die Funktionsweise und Eigenheiten der auf einer sehr fortgeschrittenen Technologie basierenden App zusammenfasse.

Ich habe Color seit seinem Launch regelmäßig benutzt und kann konstatieren, dass es für mich momentan keinen anderen Service gibt, in den ich größere Erwartungen stecke.

Der entscheidende Unterschied zwischen Color und allen anderen einschlägigen Social-Web-Angeboten liegt in der Tatsache, dass die App keine klassische Möglichkeit zum Vernetzen mit Kontakten bietet. Ausschlaggebend dafür, wessen über die Color-App geschossene Fotos und aufgenommene Videos Nutzer sehen, ist ausschließlich die örtliche Nähe. Nur wer sich zum ungefähr gleichen Zeitpunkt wie ich am selben Ort aufhält und die Color-App geöffnet hat, taucht in meinem Foto-Stream auf.

Und genau weil dies so ist, lassen sich meine bisherigen Einsätze von Color am ehesten mit Selbstgesprächen vergleichen. Denn auch an neuralgischen Punkten wie Einkaufszentren oder Hauptbahnhöfen geschieht es einfach (noch) zu selten, dass sich andere Color-Benutzer zeitgleich in der Nähe befinden.

Aus diesem Grund bin ich so gespannt darauf, wie sich Color auf der re:publica schlagen wird. Denn es existiert wahrscheinlich kaum ein Event im deutschsprachigen Raum, auf dem sich mehr experimentierfreudige Early Adopter und Digital Natives gleichzeitig auf engstem Raum versammeln, als die re:publica. Dass sich unter den 2.500 Besuchern (Vorjahreswert) mindestens einige Dutzend finden werden, die ebenfalls Color in einem Idealumfeld wie einer Tech-Konferenz ausprobieren wollen, kann als sicher gelten.

Color gruppiert sämtliche visuellen Aufnahmen vom gleichen Ort in einem Album. Nicht nur für re:publica-Anwesende könnte so eine interessante Möglichkeit entstehen, über die App nachzuschauen, was gerade im benachbarten Saal geschieht und ob Speaker XY bereits die Bühne betreten hat. Seit kurzem können die ortsabhängigen, von Color automatisch generierten Alben auch per E-Mail, Twitter und Facebook publiziert werden.

Der Clou: Die Site zum jeweiligen Album ist für beliebige Anwender (die den Link kennen) über den Browser zugänglich und wird sukzessive mit am gleichen Ort aufgenommenen Fotos und Videos erweitert. Leider ist momentan noch ein manueller Reload der Albenseite erforderlich, was einen maximalen Echtzeit-Effekt verhindert.

Während sich Besucher der re:publica im FriedrichstadtPalast und der angrenzenden Kalkscheune tummeln, dürfte es für Daheimgebliebene nicht an über Twitter und Facebook verbreiteten, kollaborativen Color-Aben mit nahezu Echtzeit-Aufnahmen vom Ort des Geschehens mangeln. Welchen Nutzwert dies am Ende wirklich hat, werden wir im Nachhinein wissen.

Hier ist ein lediglich von mir befülltes Color-Fotoalbum aus der Stockholmer Innenstadt.

Mittlerweile fällt es mir auch leichter, Colors größtes Konfliktpotenzial in puncto Privatsphäre genau zu beschreiben: Angenommen, ich befinde mich auf einer Party und mache munter Schnappschüsse von angetrunkenen Menschen in unvorteilhaften Posen. Jeder andere Color-Anwender, dem ich zukünftig begegne, erhält rückwirkend Zugriff auf alle meine Fotos und Videos, sowie auf die von anderen Usern, die in der Vergangenheit mit mir gemeinsam ein Color-Album befüllt haben (sich also am gleichen Ort aufhielten).

Während Color anders als Facebook keine Tags verwendet und keine Nachnamen anzeigt, gewährt es dennoch tiefe Einblicke in das Privatleben seiner Anwender. Nutzer selbst haben hierüber zwar die Kontrolle, jedoch nicht die Personen, die beiläufig auf Bildern erscheinen.

Angesichts der geringen Verbreitung der Anwendung wirkt dies momentan wie ein zu vernachlässigender Aspekt. Sollten jedoch mit Color ausgestattete Mobiltelefone zumindest in Ballungsgebieten eine gewisse Omnipräsenz erreichen, dürften sich schnell unfreiwillige Fotoobjekte dadurch gestört fühlen, per “digitalem Bildbeweis” öffentlich in Verbindung zu einem gewissen Aufenthaltsort (und Zeitpunkt) gebracht zu werden.

Color ist damit symptomatisch für den sich immer stärker abzeichnenden Konflikt zwischen bisherigen Datenschutzkonventionen und neuem, durch technologischen Fortschritt angetriebenem Post-Privacy-Denken.

Wenn Color tatsächlich eine kritische Masse erreicht, bin ich sicher, dass es denen, die sich mit der Neudefinition von Privatsphäre und Datenschutz im digitalen Zeitalter befassen, noch einiges an Kopfschmerzen bereiten wird.

Zuvor jedoch steht die re:publica vor der Tür und damit auch die Möglichkeit für Color, erstmals in deutschsprachigen Early-Adopter-Kreisen im Großen Stil einen Eindruck zu hinterlassen.

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24 Kommentare

  1. Moe
    schrieb am 8. April 2011 um 12:20 Uhr (#)

    Vielleicht sehen wir uns ja auf der rp11. Würde mich freuen wenn Du mir color erklärst, ich hatte es mir auf Android angesehen und so gar nicht kapiert :)

    1. Manuel
      schrieb am 8. April 2011 um 13:00 Uhr (#)

      Wo hast Du Color im Market gefunden? Über die auf der offiziellen Website und diversen Blogs angegebene Bezeichnung “com.jckjck.color” finde ich leider nichts. Danke!

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 8. April 2011 um 14:11 Uhr (#)

      Moe, mach ich

  2. Moe
    schrieb am 8. April 2011 um 13:56 Uhr (#)

    Anscheinend haben sie es aus dem Market rausgenommen.. :(
    http://color.com/ linkt auch nicht mehr darauf, da heißt es nur dass bald ne neue Version kommt.

    1. Manuel
      schrieb am 8. April 2011 um 14:13 Uhr (#)

      Schade! Muss ich mich noch etwas gedulden. Danke für die Info!

  3. m106
    schrieb am 8. April 2011 um 14:05 Uhr (#)

    Schade, dass es die App nicht mehr im Android Market gibt.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 8. April 2011 um 14:11 Uhr (#)

    “New Android version coming soon, stay tuned.”

    Wie Moe schon schrieb – kommt demnächst ne neue (dennoch seltsam, dass sie die alte schon zuvor runter nehmen).

  5. m106
    schrieb am 8. April 2011 um 14:18 Uhr (#)

    Habe die Apk noch irgendwo gefunden: http://download.ersinkoc.…com.jckjck.color.apk

    1. Manuel
      schrieb am 8. April 2011 um 16:07 Uhr (#)

      Danke! Jetzt kann ich verstehen, wieso sie die App aus dem Market genommen haben: Ich konnte sie starten, ein Foto von mir machen, dann kam eine Fehlermeldung. Im Hintergrund hat die App weiter voll die Leitung ausgelastet, bis ich sie gekillt habe.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 8. April 2011 um 16:11 Uhr (#)

      Das ist schon sehr seltsam, dass die die überhaupt so releasen.

  6. florian
    schrieb am 8. April 2011 um 15:03 Uhr (#)

    hi martin,

    wie kannst du denn das album online zur verfügung stellen? außer dem refresh button habe ich in der app gar keine optionen gefunden…
    durch zufall habe ich die wege eines “eberhard” gekreuzt, dessen fotos ich jetzt noch sehe, bisher nichts berauschendes erlebt – bin auch auf die rp11 gespannt, da werde ich auf alle fälle online sein!

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 8. April 2011 um 16:02 Uhr (#)

      Das geht über die Bildansicht, also auf ein Bild klicken, und dann ist es der Button im rot markierten Rechteck:

      Siehe http://min.us/mvoa0Dg#1

    2. florian
      schrieb am 8. April 2011 um 16:15 Uhr (#)

      danke für die info.
      den button gibt’s in der android-version nicht…

    3. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 8. April 2011 um 16:21 Uhr (#)

      Der kommt dann wohl mit dem Update. Gab’s in der iPhone-App anfänglich auch nicht.

  7. Torsten
    schrieb am 8. April 2011 um 16:01 Uhr (#)

    Ich habs auch installiert, aber noch nicht so richtig getestet. Werde ich dann aber mal machen.

  8. Social Media Experten
    schrieb am 8. April 2011 um 17:05 Uhr (#)

    Ja, die kritische Masse hat auch der “POKEN” erreicht. Eine weitere re:publica Erfolgsstory.

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 8. April 2011 um 17:24 Uhr (#)

      Poken ist selbstverständlich dieses Jahr (wie zukünftig jedes Jahr) der Geheimtipp.

  9. Thomas Maier
    schrieb am 9. April 2011 um 01:34 Uhr (#)

    Designtechnisch ist diese App ein Grauen. Ich hab eigentlich nicht derart fehlgeleitete Apps auf dem iPhone. Wer designt so eine Scheiße?

  10. paulinepauline
    schrieb am 9. April 2011 um 09:55 Uhr (#)

    Wir haben die App beim Barcamp Ruhr mit ca. 20 Leuten gestestet und hatten viel Spaß damit. Ich hab sie auch noch als Android-App auf dem Handy. Hoffentlich funktioniert sie noch nächste Woche. Ich kann zumindest jetzt noch die Fotos von vor 2 Wochen in der App sehen. Hier gibts auch noch ein paar Fotos im Web: http://color.com/s/ZwPvKcI oder http://color.com/s/A8n5NYI (hoffe, niemand der abgebildeten ist jetzt sauer auf mich;)

    Die Usability ist zum gruseln – man klickt einfach nur planlos rum und erfreut sich wechselnder Foto-Ansichten. Aber das Grundrinzip ist ja wirklich total simpel … man schaltet sie an und sieht alle Fotos der Umgebung, kann sie faven und kommentieren.

    Für die Republica bin ich allerdings auch mal gespannt, wie das mit so vielen Leuten funktioniert. Beim Barcamp Ruhr waren ja nur 180 potenzielle Fotografen … könnte mir vorstellen, dass der Foto-Durchsatz einfach zu hoch ist

    PS: Nutzt noch wer Poken? Ich kenne niemand. Die Dinger liegen mit leeren Batterien in der Ecke. ;)

  11. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 9. April 2011 um 13:34 Uhr (#)

    Auch von den Reaktionen bei Twitter ausgehend scheinen so einige gespannt zu sein, wie sich Color auf der rp11 macht. Cool!

  12. Michael
    schrieb am 10. April 2011 um 09:12 Uhr (#)

    hat jemand eine Idee, wie man mit COLOR Alltagsprobleme lösen könnte?

    Grüße

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 10. April 2011 um 09:43 Uhr (#)

      Hier gab’s ein paar gute Vorschläge:
      http://netzwertig.com/201…orks/#comment-204506

    2. Michael
      schrieb am 10. April 2011 um 13:19 Uhr (#)

      danke für den Link.

      Ich sag mal so: Wer Alltagsprobleme löst, der weiß auch wie er damit Geld verdient, richtig?

      Nehmen wir mal an COLOR löst Probleme, an welcher Stelle stellt COLOR die Kasse auf? Wann fragt der Nutzer nach dem Preis für die COLOR-Leistung? Oder noch besser: Wann stellen sich die COLOR-Nutzer mit einem Lächeln an die COLOR-Kasse?

      btw, … diese Fragen kann jeder Bäcker-Meister beantworten.

      Oder läuft es wieder so wie sonst? Erstmal Leute begeistern und erst später wird überlegt, wie man den Nutzern das Geld aus der Tasche zieht?

      Ehrlich gesagt, bin ich wieder enttäuscht :=( Aber vielleicht wird ja noch ein schlüssiges Gesamtkonzept geliefert.

  13. Björn
    schrieb am 10. April 2011 um 13:34 Uhr (#)

    Wenn man so wie ich – keine Karte mehr für die gesamte rp bekommen hat, kann man als Color-User beim Vorbeigehen zumindest in die Veranstaltung von Ferne reinschauen. Falls die App da wirklich so viel getestet wird, sollte ich eine hübsche Sammlung von Bildern zu sehen bekommen und wenigstens ein paar Einblicke in die rp bekommen – definiert das Wort “fernsehen” neu. Ich werde das mal ausprobieren und bei interessanten Ergebnissen dann in unserem Blog darüber berichten. Geschichten über peinliche Fotos die ich zu sehen bekomme, lasse ich dabei natürlich aussen vor ;)
    Und zum Thema Privatsphäre – ich fotografiere einfach keine Menschen, sondern schöne Dinge die mir interessant vorkommen – nach dem Motto: Ich sehe was, was du nicht siehst. Ich will ja auch nicht bei anderen Fotos im Hintergrund auftauchen…
    Schönen Sonntag!

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