Kontinuierliche Einschnitte:
Last.fm schrumpft sich gesund

Die Entscheidung von Last.fm, den kostenfreien Zugriff auf Radiostreams einzuschränken, ist bereits die dritte Beschneidung des Kernangebots innerhalb von zwei Jahren. Freunde macht man sich so nicht.

Ab dem 15. Februar wird der Londoner Musikdienst Last.fm wie gestern in Linkwertig berichtet die kostenlose Verfügbarkeit seiner personalisierten Radiostreams für Nutzer aus Deutschland auf die Website begrenzen. Wer über die mobilen Applikationen für iPhone und Android oder andere Hardware auf die Last.fm-Radiokanäle zugreifen will, muss sich für die kostenpflichtige Variante entscheiden. Drei Euro pro Monat werden dafür fällig. In Großbritannien und den USA sind die Streams neben der Website auch über Smartphones mit Windows Phone 7 sowie die Xbox Live ohne ein Premium-Abo zugänglich.

Der Schritt ist isoliert betrachtet durchaus nachvollziehbar: Bei vielen konkurrierenden Musikservices wie z.B. simfy, play.fm oder Spotify ist es üblich, die Kernfunktionalität gratis anzubieten und für den Mehrwert des mobilen Zugriffs Geld zu verlangen. Allein durch Werbung lassen sich die von den Anbietern abzuführenden Lizenzkosten für das Streaming nicht decken. Zudem sind drei Euro pro Monat ein vertretbarer Preis, besonders wenn man dafür das angeblich “beste Radio der Welt bekommt” (Zitat aus dem Last.fm Blog).

Doch stellt man die Entscheidung in einen Gesamtkontext, ist die jüngste Einschränkung die Fortsetzung eines Trends bei dem sonst so sympathischen und innovativen Musikdienst, sukzessive das Freemium-Modell zu beschneiden. Und genau das gilt gemeinhin als der unvorteilhafteste Ansatz im Bezug auf Freemium.

Im März 2009 gab Last.fm bekannt, seine individualisierten Radiostationen nur noch für Anwender aus Deutschland, Großbritannien und den USA kostenfrei anzubieten. Nutzer aus der Schweiz und Österreich stehen seitdem vor der Wahl, drei Euro monatlich zu zahlen oder ihre Musikbedürfnisse anderweitig zu decken.

Rund ein Jahr später, im April 2010, entschloss sich Last.fm, die bis dato in Deutschland, USA und Großbritannien angebotenen On-Demand-Streams von Songs und Alben einzustellen. Stattdessen verweist der Dienst auf den Profilseiten zu Musikstücken nun auf Drittanbieter, bei denen der jeweilige Titel angehört werden kann.

Und wiederum fast ein Jahr danach folgt nun also eine weitere Beschneidung des Gratis-Angebots, indem über mobile Apps und internetfähige Audiogeräte von z.B. Sonos oder Logitech ohne Abo nicht mehr auf die Last.fm-Radios zugegriffen werden kann.

Der Mensch ist sehr schlecht darin, auf Dinge zu verzichten, die bisher zum Status Quo gehörten. Wird er dazu gezwungen, geschieht dies kaum ohne Verärgerung und Frustration (wie Tweetfeel am Beispiel Last.fm aufzeigt). Indem Last.fm das Gratisangebot immer weiter einschränkt, stößt es kontinuierlich bestimmte Teile seiner Nutzerschaft vor den Kopf. Suchtrends illustrieren, wie der Service seine Hochphase lange hinter sich gelassen und seit Mitte 2009 rapide an Popularität verloren hat.

Für Last.fm gibt offenbar keinen anderen Ausweg, als unpopuläre Einschnitte zu vollziehen, um die wirtschaftlichen Ziele zu erreichen, welche die Konzernmutter CBS an das 2007 aufgekaufte Unternehmen stellt. Die Vorgänge können anderen Startups jedoch als Beispiel dafür dienen, wie man Freemium am besten nicht umsetzt: anfänglich zu viel kostenfrei anzubieten und dann über Jahre hinweg stetige Abstriche machen zu müssen.

Last.fm versucht gerade, sich gesund zu schrumpfen. Das ist zweifelsohne besser, als den Laden ohne eine Kurskorrektur gegen die Wand zu fahren. Aber wer kann, wird alles dafür tun, um gar nicht erst an einen solchen Punkt gelangen zu müssen.

 

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9 Kommentare

  1. Ich konnte ja bisher mit allen Einschränkungen leben. Aber dass das Loved Tracks-Radio auch für Subscriber so sang und klanglos entfernt wurde, ist hart. Ich habe über Jahre mehr als 800 “Loved Tracks” markiert, die nun völlig nutzlos sind (außer vielleicht für den Empfehlungsalgorithmus, aber davon merke ich nichts).

    Nach wie vor gilt aber: Ich könnte vermutlich auf alles im Netz verzichten (mit Ausnahme des gReaders), aber nicht auf last.fm. Was da allein alles an Geschichte drinsteckt…

  2. Der Artikel kritisiert meiner Meinung nach etwas überheblich die Vorgehensweise von last.fm. Das Internet ist nun leider ein Medium, bei dem Angebote von Anfang an völlig falsch konzeptioniert wurde. Nämlich nahezu ausschließlich 100% kostenlos für die Nutzer. Dass dies auf kurz oder lang nicht gut gehen kann sollte jedem klar denkenden Menschen einleuchten. Als normales, Content-getriebenes Angebot kann man sich mit Werbung nicht refinanzieren. Das ist allgemein bekannt. Die Verlage weltweit suchen händerringend nach Businessmodellen und sind bisher alle gescheitert. Das Web ist ein Draufleggeschäft. Leider steht auch nirgends geschrieben wie man es denn richtig macht. Es gibt nämlich kein Pauschalrezept. Das heisst: Probieren + Erfahrung sammeln. Genau das macht last.fm.

    • Das Internet ist nun leider ein Medium, bei dem Angebote von Anfang an völlig falsch konzeptioniert wurde. Nämlich nahezu ausschließlich 100% kostenlos für die Nutzer. Dass dies auf kurz oder lang nicht gut gehen kann sollte jedem klar denkenden Menschen einleuchten. Als normales, Content-getriebenes Angebot kann man sich mit Werbung nicht refinanzieren. Das ist allgemein bekannt. Die Verlage weltweit suchen händerringend nach Businessmodellen und sind bisher alle gescheitert. Das Web ist ein Draufleggeschäft. Leider steht auch nirgends geschrieben wie man es denn richtig macht.

      Ich lese hier bei Netzwertig.com schon länger passiv mit, muss aber hier nun doch mal einen Kommentar abgeben.

      Der Vorteil des Internets ist ja, dass jetzt praktisch JEDER Privatmensch, der einen Computer besitzt, x-beliebige Inhalte ins Internet stellen und weltweit zugänglich machen kann. Dadurch ist die Vielfalt an Informationen und Inhalten immer mehr gewachsen; es bilden sich immer neue Geschmacksrichtungen heraus. Wir leben im Informationszeitalter. Das Problem: Ich muss einen Zeitungsartikel erst lesen bzw. etwa ein Musikstück erst einmal hören können, bevor ich beurteilen kann, ob der Inhalt für mich relevant ist bzw. meinem Geschmack entspricht. Das wird immer wichtiger in einer Zeit, wo jeder “Depp” irgendwas ins Netz stellen kann und die Qualitätsfilterung durch die Verlage, Labels usw. wegfällt, ich also selber filtern muss. Sobald ich mir aber einen neuen Artikel/Song/Film etc. reingezogen habe, habe ich ihn im Grunde schon konsumiert, ohne dass der Ersteller auch nur einen Cent dafür sieht (einen Youtube-Clip etwa schaut man sehr selten mehrmals an). Die Konsumenten müssten also bereit sein, für eine bereits bekannte Information/Inhalt im Nachhinein zu bezahlen, wenn es ihnen gefällt – bei der Anonymität des Internets eine Illusion.

      Vielleicht wäre das ja mal ein interessantes Thema für einen Blog-Artikel hier … Leuten wie Martin Weigert oder Marcel Weiss würde ich das zutrauen.

    • Jo ungefähr da setzt ja Flattr an…

  3. Ich bin zahlender Last.fm User, aber wäre ich es nicht, würde ich mich jetzt auch ärgern. Wieso? Weil die Last.fm iPhone App 1. oft abstürzt, 2. die Android App Buffer-Probleme hat, 3. die mobilen Apps nur mit 96 kbps streamen und 4. nicht den gesamten Last.fm Katalog abspielen (viele Labels sind seit Anfang 2009 nicht mehr im mobilen Boot). :(

  4. Würde nicht sagen das die Popularität rapide abnimmt. Dein Link auf Google Trends zeigt die Suchfrequenz des Begriffs aber nicht den eigentlichen Traffic. Hier sieht es sowohl bei Google Trends for Websites als auch z.B. bei compete gar nicht so schlecht aus.

  5. @ Wolf
    Sieh an, noch eine weitere Funktionsreduzierung also.

    @ Robert

    Leider steht auch nirgends geschrieben wie man es denn richtig macht

    Grundsätzlich sollte für Freemium gelten: Den existierenden Gratisfunktionsumfang um kostenpflichtige Zusatzfunktionen erweitern, das Basisangebot aber NICHT beschneiden.

    Dass dies im Falle Last.fm offensichtlich nicht möglich war, ist klar. Das ändert aber nichts daran, dass bei einem solchen Vorgehen viel von dem kaputt gehen kann, was zuvor aufgebaut wurde.

    Last.fm hilft diese Erkenntnis jetzt nicht mehr. Aber anderen oder zukünftigen Startups vielleicht schon.

    @ Petar
    Das Problem ist, dass Google Trends for Websites oder compete einen sehr viel kürzeren Zeitraum darstellen als die Suchtrends, weshalb ich diese gewählt habe. Wenn weniger nach Last.fm gesucht wird, dann ist das doch auch ein Indikator für sinkende Popularität, oder? Womöglich sogar ein eindeutigerer als die stets ungenauen Trafficstats externer Anbieter.

  6. Last.fm beugt sich meines Erachtens nur dem Druck der Plattenindustrie. Die Einstellung der On-Demand-Dienste geschah 2009 auf Druck der Lizenzgeber. Damit verlor Last.fm sehr stark an Nutzen für den Konsumenten. Nun zeigt sich, dass mit der verkauften Werbung das Webradio nicht zu finanzieren ist. Also müssen neue Wege her, damit CBS nicht draufzahlt.

    Die Tatsache, dass nun die Gründer von Last.fm aussteigen, ist ein deutliches Signal, dass sie den jetzigen Kurs nicht mehr mittragen wollen.

    Ich finde es insgesamt schade, dass die Musikdindustrie nicht versteht, dass sehr geringe Umsätze kontinuierlich über einen langen Zeitraum immer noch besser sind als gar keine. Zwar steigt die Zahl der legalen Downloader, kompensiert aber nicht die Verluste beim physischen Tonträgergeschäft (CD, DVD, Vinyl). Insgesamt kaufen 60 Prozent der Bundesbürger keine Musik und die passiven Musikhörer (Radio) machen immer noch knapp 28,4 Mio Bundesbürger aus. (Quelle: BVMI 2009, Musikindustrie in Zahlen 2009)

    Wenn man diese dann durch Beschneidung der werbefinanzierten Modelle weiterhin links liegen lässt, ist man selbst schuld. Was man jetzt bei den Quartalszahlen von Warner Music wieder deutlich sehen kann.

  7. Die Labels mit ihren gierigen Lizensierungsforderungen haben ja schon so manches tolle Musikangebot im Netz abgewürgt (Fabchannel fällt mir da spontan ein), insofern habe ich für die Situation von last.fm durchaus Verständnis. Im Umkehrschluß würde ich last.fm jedoch u.a. aus genau diesem Grund nicht abonieren, da mir die Majors, die sich wohl den Großteil der Kohle abgreifen würden, inzwischen zutiefst zuwider sind.

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  1. [...] auf den Dienst per App oder andere Hard­ware ab dem 15. Februar drei Euro pro Monat kos­ten wird. Netz­wer­tig hat die­sen Umstand in Bezug auf die Gesamt­si­tua­tion des Diens­tes ges­tern in einem [...]

  2. [...] 2007 haben sich die Neuerungen oder gar Innovationen im Frontend in Grenzen gehalten. Stattdessen entfernt oder beschneidet last.fm seit Jahren einzelne [...]

  3. [...] kostenfrei möglich war, wurde aufgrund zu hoher Lizenzkosten eingestellt.Zehn Monate danach war es wieder Zeit für eine Hiobsbotschaft: Sei dem 15. Februar 2011 ist die kostenlose Verfügbarkeit der personalisierten Radiostreams für [...]

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