Digitaler Radiergummi:
Das Zeug zum
Unwort des Jahres

Das Minister-Duo de Maizière und Aigner preist den digitalen Radiergummi an. In ihrer Wunschwelt wird er Deutschlands nächster Exportschlager. Ich finde, er hat das Zeug zum nächsten Unwort des Jahres.

Ja, 2011 hat erst begonnen, der Wutbürger ist gerade erst verdaut, und trotzdem habe ich bereits meinen ersten Kandidaten für das Unwort des Jahres 2011: “Digitaler Radiergummi”. Mutmaßlich erfunden von Innenminister Thomas de Maizière und heftig beworben von seiner Kollegin, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, soll er dafür sorgen, dass im Internet veröffentlichten Daten ein Verfallsdatum angehängt werden kann, nach dessen Ablauf diese automatisch verschwinden. Der Plan der Minister: Deutsche IT-Experten entwickeln eine entsprechende Lösung und exportieren diese anschließend unter dem Label “Made in Germany” in alle Welt.

Aus mindestens drei Gründen halte ich den digitalen Radiergummi für eine absolute Schnapsidee, von der wir aber in den kommenden Monaten permanent hören werden. Die Chancen auf den Titel als Unwort des Jahres 2011 stehen damit nicht schlecht:

1. Er ist technisch nicht zufriedenstellend umsetzbar
Kristian Köhntopp befasst sich mit der geplanten technischen Umsetzung des Radiergummis. Die dafür anvisierte Technologie X-Pire ist ein Browser-Plugin für ein proprietäres Bildformat, das kryptographisch signierte Bilder ab einem bestimmten Datum nicht mehr anzeigt. Köhntopp sieht nicht nur Möglichkeiten, die Kryptierung zu umgehen, sondern auch das Risiko, dem zur Entschlüsselung notwendigen Keyserver unfreiwillig Informationen über das eigene Nutzungsverhalten zu übermitteln. Der Keyserver würde zudem als Single-Point-of-Failure agieren – ist er nicht erreichbar, sind sämtliche Bilder des Systems ebenfalls down.

Wer kann ernsthaft den Wunsch hegen, dass zukünftig alle im Netz abgelegten Bilder (was mit anderen Datenarten geschehen soll, ist unklar) über dieses oder ein vergleichbares System laufen?

2. Er wäre als Exportgut ein Ladenhüter
Selbst wenn die Befürworter des digitalen Radiergummis nicht doch irgendwann zu Verstand kommen und tatsächlich eine entsprechende Lösung auf die Beine stellen und international propagieren: Warum sollten führende Software- und Internetfirmen ein irgendwie geartetes Interesse daran haben, eine proprietäre, dem Netz einen weiteren Flaschenhals hinzufügende DRM-Technologie zu implementieren, die ihnen nichts als potenzielle Probleme bringt? Oder wäre die Strategie eher, den Radiergummi auf höchster politischer Ebene zu bewerben und gesetzlich in anderen Ländern verankern zu lassen?

Es ist ja grundsätzlich kein schlechter Ansatz, aus der Not (strenger deutscher Datenschutz kollidiert mit der Transparenz der neuen digitalen Welt) eine Tugend machen zu wollen. Doch der Bedarf an “Datenschutz made in Germany” scheint eher ein Wunschtraum zu sein denn auf tatsächlicher internationaler Nachfrage zu fußen. Wobei es natürlich zahlreiche Länder gäbe, die ein Interesse daran hätten, wenn bestimmte, von Nutzern online publizierte Inhalte aus dem Netz verschwinden würden…

3. Er verhindert die Chance einer gesellschaftlichen Weiterentwicklung
Die Idee eines digitalen Radiergummis ist wieder einer dieser kläglichen Versuche, neuartige Entwicklungen in das Korsett früherer, nicht hinterfragter Konventionen zu pressen, statt die Chancen zu sehen, welche sich aus dem Wandel und der damit verbundenen Transparenz ergeben. Kein Mensch hat eine weiße Weste. Jeder hat Fehler begangen oder Dinge getan, die er/sie bereut. Statt zu lernen, mit dieser Erkenntnis umzugehen, wird krampfhaft versucht, das Bild des perfekten Individuums aufrechtzuerhalten. Das Problem sind nicht die Party- und Trinkbilder von Jugendlichen, sondern die Haltung derjenigen, die Menschen davon ausgehend bewerten, ihnen den angestrebten Job deshalb nicht anbieten und ganz vergessen, dass sie selbst erst kürzlich mit einem heftigen Kater aufgewacht sind.

“Das Internet sollte nicht lernen zu vergessen, wir sollten lernen zu verzeihen” – so wurde es hier kürzlich formuliert. Dieser Aussage schließe ich mich an.

(Foto: stock.xchng)

 

Martin Weigert

Martin Weigert ist der leitende Redakteur von netzwertig.com.

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11 Kommentare

  1. Ich gebe zu, ich bin keine IT-lerin, sondern “nur” Juristin. Und als solche verstehe ich nicht, warum man nach Möglichkeiten der Zensur fahndet, die die Gesetze doch auch zum heutigen Zeitpunkt hergeben, sofern Zensur notwendig würde? Oder will man etwa, weil zu faul, sich mit Einzelfällen zu befassen (was das Gesetz fordert), gleich pauschal alle internetten Menschen zu Verbrechern machen? Seit wann ist das erlaubt?

  2. Auch aus meiner Sicht ein absolut unsinniger Vorschlag. Es gibt wirklich wichtigere Themen als einen “Digitalen Radiergummi” auf die man sich konzentrieren sollte. Das deutsche Privatsphäre-Paradoxon lässt grüssen! Da wird dann wieder viel Zeit und Geld für verwendet und am Ende ist es eine Totgeburt.

    Zum ersten Mal von der Idee gehört habe ich letzten September. Das ZDF hat damal einen Beitrag im Morgenmagazin gebracht, vielleicht an dieser Stelle noch mal ganz interessant:

    http://zdf.de/ZDFmediathe…Privates-im-Internet

  3. Ich kann den technischen Entwicklungsstand des “digitalen Radiergummis” leider nicht beurteilen. Aber den Nutzen eines solchen stelle ich absolut in Frage, er gehört für mich in den Paierkorb der “unsinnigen und unnötigen” Kuriositäten. Außerdem werde ich etwas stutzig und hellhörig, wenn ich lese, dass Herr de Maizière scheinbar die weitere Entwicklung forciert. Ein Schelm ist, wer sich hierbei nichts denkt.

  4. Ich halte das für eine geniale und vernünftige Idee.

    Man muss sich natürlich ein bisschen mit den Grundlagen des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung auseinandersetzen und seinem Zusammenhang mit der Menschenwürde. Diesen Zusammenhang hat das Bundesverfassungsgericht (und zuvor George Orwell in seinem Roman “1984″) nicht umsonst mehrfach ausgeleuchtet, zuletzt im Urteil zur Vorratsdatenspeicherung.
    Es sind geronnene Erfahrungen, Lehren aus der Vergangenheit, die den Verfassungsgebern es dringlich erscheinen ließen, Menschenwürde und Entfaltungsfreiheit im Grundgesetz zu zementieren. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung hat das Bundesverfassungsgericht konsequent daraus abgeleitet.
    Ein Ausfluss des Rechts der informationellen Selbstbestimmung ist sind die Gebote der Datenvermeidung und der Datensparsamkeit:

    http://bundesrecht.juris.de/bdsg_1990/__3a.html

    Meines Erachtens sinnvolle und berechtigte Gebote.

    Aber es bedarf des Nachdenkens, um die Gefahren die aus der Ignoranz der obigen Ideen zu begreifen. Es bedarf der Bereitschaft, die extreme Frustration zu ertragen, die es bedeutet, wenn man beim Surfen durch Vorgärten auf ein gepixeltes Haus trifft ….

    Die Bereitschaft zum bewussten Verzicht, zum Absehen vom klickigen digitalen Totalkonsum, scheint mir wenig ausgeprägt.
    Das Geschrei der Googlestreetview-Befürworter klingt für mich wie das eines Kleinkindes, dem man sein Spielzeug wegnimmt. Orale Phase, nennt man das: Alles ! immer! gleich! haben !! wollen !!!

    Der Einwand, dass das Radiergummi technisch nicht perfekt funktioniert bzw. umgehbar sei, hat auch das echte Radiergummi nicht an seinem Siegeszug gehindert.

    In diesem Sinne.

    • Daß das echte Radiergummi seinen Zweck gut erfüllt (nämlich das Entfernen sichtbarer Spuren und nicht etwa das sichere Löschen forensisch erkennbarer Spuren), heißt noch lange nicht, daß jede Idee gut ist, in deren Namen ‘Radiergummi’ vorkommt.

      Warum der konkrete Vorschlag nicht nur sinnlos, sondern in praktisch jeder Hinsicht vollkommen daneben ist, hat Hadmut Danisch schon sehr schön dargelegt. Weit über das triviale ‘was sich jemand ansehen kann, kann er auch kopieren’, an dem jedes DRM-System scheitert, hinaus.

  5. Google. Immer gleich Google. Über den wahren Googlizismus habe ich mal was kurzes geschrieben. Ob mein Haus in einem Reiseführer, auf Postkarten, auf Fotos im internetten Urlaubsalbum oder in Google zu finden ist, ist mir doch sowas von schnurz! Wenn ich´s Google ankreide, dass sie´s fotografieren und online stellen, muss ich auch in allen anderen Fällen meine Rechte sichern. Welche Rechte aber? Das Recht an der eigenen Fassade? Wenn´s das gäbe, hätte ich mich finanziell damit schon lange saniert…

  6. Ein digitaler Radiergummi als neuer deutscher Exportschlager? Warum schlagen die Herren de Maizière und Aigner nicht direkt vor, mit Tipp-Ex digitale Berichtigungen zu machen um damit Bürger vor Google zu schützen? Aber mit dem Vorschlag haben die beiden Herren die gute Chance, zu “Unministern” des Jahres werden.

  7. Ich denke, wir brauchen ein Tool, das uns zu löschen oder zu Google vergessen hilfen einige Bemerkungen, falsche Informationen, beleidigend, etc. ermöglicht. Sie sind für immer in den Suchergebnissen.

    Die Art und Weise, es zu tun, weiß ich nicht und wer wäre dafür verantwortlich entweder. Es kann gefährlich sein, gleich wie das Öffnen der Büchse der Pandora.

    Twitter @mikechapel_DCH

  8. Mein Unwort des Jahres 2010 heisst Rücktritt, ich trete zurück

    • Hier geht es aber um das Unwort des Jahres 2011…und da liegt der “digitale Radiergummi” aktuell klar nach Punkten vorne!
      ;-)

  9. Mein Vorschlag wäre das “denglische” Wort:
    “Dioxinmonitoring”, zumal Sie auch das Verdenglischen unser schönen deutschen Sprache anklagen.
    Gruß

7 Pingbacks

  1. [...] Radier­gummi aufgenom­men wird. Einige abse­hbare Prob­lem hat Mar­tin Weigert bei net​zw​er​tig​.de [...]

  2. [...] Martin Weigert bringt es bei Netzwertig auf den Punkt: “Die Idee eines digitalen Radiergummis ist wieder einer dieser kläglichen Versuche, neuartige Entwicklungen in das Korsett früherer, nicht hinterfragter Konventionen zu pressen, statt die Chancen zu sehen, welche sich aus dem Wandel und der damit verbundenen Transparenz ergeben.” (via netzwertig) [...]

  3. [...] Weigert das Thema ähnlich sehen und dem “Digitalen Radiergummi” bereits das Potential zum Unwort des Jahres zusprechen. Und so richtig alt ist das Jahr bekanntlich noch [...]

  4. [...] netzwertig.com wurde der “digitale Radiergummi” schon jetzt als Unwort des Jahres vorgeschlagen. Heute [...]

  5. [...] Qualitätsmerkmal ansehen), muss dafür in die Tasche greifen.Das Leistungsschutzrecht steht dem digitalen Radiergummi damit in nichts nach, was das destruktive Potenzial für das Internet betrifft. Es bestraft Links [...]

  6. [...] ich übrigens von Ilse Aigners “digitalem Radiergummi” nichts halte, kann man bei netzwertig [...]

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