Online Office:
WEB.DE integriert Office-Tools
auf Java-Basis

WEB.DE stellt seinen Mitgliedern seit Neuestem Online-Office-Werkzeuge zur Verfügung, um Texte, Tabellen und Präsentationen im Browser zu erstellen und zu bearbeiten. Die Integration hat einen Schwachpunkt: Sie basiert auf Java.

Für viele netzwertig.com-Leser wahrscheinlich völlig unverständlich, aber WEB.DE gehört zu den führenden kostenlosen E-Mail-Anbietern in Deutschland – trotz einer steinzeitlich wirkenden Benutzeroberfläche und einem rekordniedrigen Speichervolumen von zwölf (!) Megabyte. Genaue Angaben zur Anzahl der registrierten @web.de-Adressen habe ich leider nicht gefunden, aber es ist davon auszugehen, dass ein signifikanter Teil der monatlich 17,38 Millionen Besucher von WEB.DE (Quelle: Pressemitteilung) ein FreeMail-Konto besitzt.

Ich gehöre übrigens auch dazu, verwende allerdings die kostenpflichtige Variante mit mehreren Gigabyte Speicher und greife zudem über IMAP zu – ich bekomme das Interface also glücklicherweise nie zu Gesicht. Aber das ist ein anderes Thema!

Ungeachtet der Rückständigkeit von FreeMail im Vergleich zu Google Mail, Hotmail und selbst GMX (das wie WEB.DE zu United Internet gehört) versucht WEB.DE seit einiger Zeit, sein Angebot um allerlei Zusatzfunktionen und Integrationspunkte mit externen Websites zu erweitern.

Eine relativ interessante Neuerung, auf die uns Leser Peter gerade aufmerksam machte, ist der Start einer Online-Office-Suite. Ähnlich wie bei Google Docs, Zoho und Microsoft Office Live können FreeMail-User nun Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und die Erstellung von Präsentationen in der Cloud erledigen. Die Notwendigkeit einer lokal installierten Office-Software entfällt.

Fast schon möchte man meinen, dass WEB.DE natürlich nicht WEB.DE wäre, wenn es an der Umsetzung nicht etwas zu kritisieren gäbe. Lange suchen muss man in der Tat nicht: Die von dem Portal implementierte Office-Lösung kommt vom südkoreanischen Unternehmen ThinkFree und setzt zur Darstellung nicht auf AJAX, HTML5 oder andere zeitgemäße, vom Browser eigenständig lesbare Sprachen, sondern auf Java.

Wer also in der am oberen Seitenrand platzierten Navigationsleiste auf eines der drei Office-Icons klickt, um Texte, Tabellen oder Präsentationen direkt im Browser zu bearbeiten, muss Java installiert haben und akzeptieren, bevor mit der Arbeit begonnen werden kann.

Warum WEB.DE einen solchen unzeitgemäßen Weg gewählt hat, ist mir schleierhaft – gerade auch in Anbetracht der Tatsache, dass das Schwesterunternehmen 1&1 Internet AG vor einigen Monaten den ThinkFree-Konkurrenten Zoho in Webhosting-Pakete eingebunden hat. Im Gegensatz zu ThinkFree läuft Zoho komplett eigenständig im Browser.

Eventuell will WEB.DE so sicherstellen, dass auch Usern mit älteren Browsern (von denen es bei FreeMail mutmaßlich viele gibt) auf die Office-Werkzeuge zugreifen können – auf dem neusten Stand der Technik befindliche Webanwendungen erfordern in der Regel moderne Browser.

Nun mag es noch weitere Gründe geben, die für den Einsatz von Java sprechen – aus Usability-Gesichtspunkten ist es jedoch unpraktisch, zumal die Office-Tools zumindest momentan auch unglaublich langsam zu sein scheinen.

Zwei Schlussfolgerungen lassen sich aus der Neuerung ziehen:
1. Eine stetig wachsende Zahl von Internetnutzern erhält die Möglichkeit, Textverarbeitung aus dem Browser heraus zu erledigen, statt sich entsprechende Software lokal installieren zu müssen.
2. WEB.DE FreeMail – ein in Deutschland von Millionen Menschen verwendeter Dienst, der sich gerne mit Dutzenden (teils uralten) Testsiegen schmückt – liegt weiterhin Lichtjahre zurück, was den andernorts im Netz definitierten Standard moderner Webanwendungen betrifft.

Danke für den Hinweis an Peter.

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9 Kommentare

  1. Christian
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 10:26 Uhr (#)

    ThinkFree ist schon lange auf dem Markt und ThinkFree Office ist wirklich sehr leistungsfähig (einen kleinen Eindruck geben die Screenshots unter http://product.thinkfree.com/office). Anders als Docs.com (also MS Office Online) und Google Docs unterstützt ThinkFree vielleicht am besten die MS Office-Dateiformate und — was die Textverarbeitung angeht — fühlt es sich am ehesten wie eine echte Textverarbeitung an und nicht wie eine gepimpte Textbox. Wer MS Office kennt, wird mit ThinkFree direkt zurechtkommen und das ist sicherlich auch ein Grund für WEB.DE das seinen Kunden anzubieten. Daher finde ich auch Schlussfolgerung 2 keine echte Schlussfolgerung, denn was hat man von einer JS-Anwendung, wenn sie nicht das leistet, was sie leisten sollte. In 2 Jahren kann das anders aussehen.

  2. Klaus
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 10:43 Uhr (#)

    Schonmal mit Zoho oder Google Docs ein komplexeres Excel oder Powerpoint aufgemacht, gespeichert und wieder in Microsoft Office geöffnet? “AJAX, HTML5 oder andere zeitgemäße, vom Browser eigenständig lesbare Sprachen” sind für vieles gut, ganz bestimmt aber nicht, um ein Office im Internet nachzubauen.

    Die Integration von web.de ist absolut gelungen, Dein Artikel etwas am Ziel vorbei. Leider – weil der Rest oftmals echt lesenswert ist.

    Klaus

  3. bobndrew
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 12:36 Uhr (#)

    Da hat jemand aber eine “mit AJAX, HTML5, JS Webanwendungen geht alles” Brille auf.
    Achtung, nun weise ich mit diesen fettgedruckten Buchstaben auf eine wichtige Frage im nächsten Satz hin: Ob die Bilder dieser Webseite wohl mit einem modernen Web3.0-Standard Tool erstellt und bearbeitet werden?

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 12:44 Uhr (#)

    Nicht alles geht, aber vieles. Webanwendungen, für die man externe Plugins oder Applets benötigt, die lokal gestartet werden müssen, haben meines Erachtens nach keine Zukunft.

    Online-Office-Tools mögen noch nicht das Niveau lokaler Office-Software erreicht haben. Für 90 Prozent der Use Cases durchschnittlicher Anwender erfüllen sie jedoch ihren Zweck.

  5. Bätschman
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 21:26 Uhr (#)

    Think Free hat die Möglichkeit auch komplett über Smartphones (gratis) und installierte Software (nicht gratis) zu funktionieren. Man kann also komplette Office Programm auf dem Fest-PC und dem Android (iPhone?) installieren und die Dateien auf dem Think free Server lagern. Somit kann man die gleichen Dateien dann auch mit Web.de bearbeiten. (rein theoretisch)

    Vielleicht denkt Web.de je mehr Geräte nutzbar sind, desto grösser die Anziehungskraft.

  6. Klaus_moers
    schrieb am 15. Januar 2011 um 09:59 Uhr (#)

    Hi,
    ich finde die Lösung von web.de wirklich schlecht. Verstehe auch den konzeptionellen Ansatz nicht. Web.de hat eine viel zu kleine Präsenz in globaler Hinsicht, um sich den wirklich Großen wie google entgegenzustellen. Hinzu kommt noch, dass die Java-Umgebung bei mir nicht läuft und somit unbrauchbar ist. Java ist installiert, bleibt aber hängen, nichts startet. Samsung NC20. Dageben ist bei google docs alles kein Thema. Und die Marktdominanz darf auch web.de nicht wegleugnen. Für mich eine Totgeburt und ein verzweifelter Versuch, mit google in Konkurrenz zu treten.

    Schade…

    1. Nephalym
      schrieb am 26. Januar 2011 um 19:18 Uhr (#)

      Etwas, das in diesem Artikel völlig untergeht ist nicht nur die sehr gute Kompatibilität vom Web.de-Online-Office, sondern auch der Funktionsumfang. Google und Microsoft bieten noch nicht mal eine Kommentarfunktion in ihren Online-Offices, von ganz anderen Funktionen ganz zu schweigen. Jeder normale User, der hin und wieder mal mehr als nur ein Briefchen schreiben muss (also bspw. jeder Oberstufenschüler und Student), kann mit Google und co nichts anfangen.

    2. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
      schrieb am 26. Januar 2011 um 22:10 Uhr (#)

      Ctrl+M fügt in Google Docs einen Kommentar mit Datum und Verfassernamen ein. Für Kollaboration an Dokumenten hervorragend geeignet.

    3. Nephalym
      schrieb am 27. Januar 2011 um 00:34 Uhr (#)

      Gut, ich lasse mich gerne korrigieren. Es gibt bei Google eine ziemlich rudimentäre Kommentarfunktion, bei Microsoft aber trotzdem nicht. Und Google bietet, bei allem Respekt, nicht den großen Funktionsumfang, den Web.de nun bietet.

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