Jahresrückblick 2010:
Das Jahr des kleinen,
flachen Taschencomputers

2010 war das Jahr, in dem eine neue Generation tragbarer Computer ihre endgültige Ankunft im Mainstream feierte. iPhone und iPad, Android, zahllose angekündigte Tablet-Computer und schliesslich Googles Chrome OS dominierten die IT-News. Microsoft spielt in dieser neuen Welt keine Rolle mehr.

2010 haben sich die weltweiten Verkäufe von Smartphones gegenüber dem Vorjahr wiederum verdoppelt. Noch zwei Jahre, dann wird nach Schätzungen von Analysten die Zahl der jährlich verkauften Smartphones die der PCs übertreffen.

Das ist ein ziemlich bemerkenswerter Meilenstein. Schliesslich sind die Smartphones von heute keine Telefone, sondern veritable Taschencomputer. Die Power und Funktionalität eines iPhone oder Android-Gerätes entspricht in etwa der Leistungsfähigkeit eines PCs von vor zehn Jahren. Und das zu einem Bruchteil des Preises, mit massiv grösserer Mobilität und radikal einfacherer Bedienung.

Ganz klar: Wir erleben eine Zeitenwende in der IT-Branche. Zusammen mit dem Aufkommen von Cloud-Computing markieren die neuen mobilen Betriebssysteme eine totale Abkehr von der Windows-PC-Monokultur der letzten zwei Jahrzehnte.

Die Internetbranche wird von diesen Entwicklungen massiv beeinflusst. Viele der heissesten Startups des Jahres – foursquare, Flipboard, Square, Instagram und viele andere – setzten primär auf mobile Applikationen. Und eine Web-Applikation ohne passende iPhone- und Android-App ist kaum noch denkbar. Ohne eine innovative Mobil-Strategie können die Internetfirmen von heute nicht mehr gewinnen.

Smartphone-Krieg zwischen Apple und Google

Wie warme Semmeln verkauft sich weiterhin Apples iPhone, das seit Mitte des Jahres in der vierten Generation vorliegt. Allerdings wurde die Lancierung des iPhone 4 dank seiner merkwürdigen Empfangsprobleme beinahe zum Desaster. Apple musste die Käufer mit kostenlos verteilten Schutzhüllen bei Laune halten. Ein teurer Fehler.

Und noch eine weitere empfindliche Niederlage musste Steve Jobs dieses Jahr einstecken: Smartphones, die auf Googles Android-Betriebssystem basieren, haben das iPhone dieses Jahr in den Verkaufszahlen überholt — in den USA zumindest. Während Apple nach wie vor auf die totale Kontrolle seines integrierten Hardware- und Software-Systems setzt, verteilt Google Android-Lizenzen an jeden, der sie haben will. Die vereinigte Schlagkraft der zahlreichen Hersteller von Android-Phones werden selbst Apples unerreichter Marketingpower gefährlich. Zwangsläufig fühlt man sich an den Kampf zwischen dem ursprünglichen Mac und Microsoft Windows erinnert. Ob sich die Geschichte wiederholen wird, bleibt aber abzuwarten.

iPhone vs. Android ist jedenfalls ganz klar die aktivste Front für Fanboy-Konflikte. iPhone-Jünger schwören auf Apples geschliffene Produktwelt und nehmen dafür die zunehmend absurderen Einschränkungen des drakonisch gemanagten App Stores in Kauf, während Android-Fans die zahlreichen Unzulänglichkeiten ihre Plattform damit kompensieren, dass man mit nur wenigen Tagen Aufwand und zahlreichen Zusatzprogrammen ja schliesslich jedes Android-Phone beinahe auf den Funktionalitätslevel eines iPhones bringen kann.

Der Rest der Smartphone-Branche beobachtete diesen Zweikampf nur vom Spielfeldrand. RIM kämpft nach wie vor mit der angestaubten Softwarebasis seiner Blackberry-Serie. Zwar hat RIM inzwischen sogar ein eigenes Tablet angekündigt, aber bis auf Prototypen war davon noch nichts zu sehen. Konkurrent Palm musste sich gar auf den letzten Drücker an den IT-Riesen HP verkaufen, der jetzt Palms innovatives Web OS zum Kern einer neuen Produktgeneration machen will. Bis auf Ankündigungen kam aber auch aus dieser Ecke noch nichts.

Nokia steckt eindeutig in einer tiefen Krise und hat dieses Jahr sein Topmanagement ausgetauscht. Der finnische Konzern eiert konzeptlos zwischen seinem prähistorischen Symbian-Betriebssystem und der attraktiven, aber noch wenig verkauften MeeGo-Linie herum. Symbian ist dank einer starken Position in Europa und Asien immer noch das stückmässig meistverkaufte Smartphone-OS, aber sein Marktanteil schrumpft dramatisch. Und App-Entwickler können sich für die in die 80er Jahre zurückreichende Technologie sowieso nicht mehr begeistern.

Sonst noch was? Ach ja, Microsoft. Der Riese aus Redmond lancierte im Herbst sein Windows Phone 7-Betriebssystem mit zahlreichen Hardwarepartnern. Microsoft brach mit seiner Vergangenheit und warf seine alte Smartphonesoftware für einen kompletten Neuanfang weg. Und obwohl dieses neue OS vorwiegend gute Kritiken bekam, wollte irgendwie keine rechte Begeisterung aufkommen. Microsoft kann jetzt, was die Konkurrenz vor zwei Jahren schon bot. Das kommt zu spät und ist zu wenig.

Ohne Zweifel wird auch 2011 vom Smartphone-Kampf zwischen Apple und Google dominiert sein. Und traurigerweise haben die Europäer zumindest für diese Runde den Markterfolg wieder mal dem Silicon Valley überlassen.

Tablets: iPad allein auf weiter Flur

Es war ganz klar das meisterwartete Gadget des Jahres: Apples iPad kam im April diesen Jahres endlich auf den Markt. Viele Geeks waren zunächst enttäuscht, denn Apples Tablet ist für die Konsumentenmassen gemacht, nicht für featuresüchtige Gadgetfans. Doch schlussendlich konnten sich die meisten der Faszination von Apples neustem Produkt doch nicht entziehen. Bis Ende des Jahres wird Apple etwa zwölf Millionen iPads verkauft haben — eine der erfolgreichsten Produkteinführungen der Geschichte.

Das liess die Konkurrenz alt aussehen. Bis jetzt hat es keiner der anderen Hersteller geschafft, ein wirklich konkurrenzfähiges Tablet auf den Markt zu bringen. Samsung hat zwar mit seinem Galaxy Tab einen vielversprechenden ersten Versuch gewagt, aber von der iPad-Qualität ist die Android-Welt noch weit entfernt.

Zum peinlichen Flop gerieten die Tablet-Projekte aus dem deutschsprachigen Raum: Der Internetprovider 1&1 stellte die Produktion seines Android-basierten SmartPad schon nach kurzer Zeit ein. Und das mit viel Tamtam angekündigte WeTab des unbekannten Herstellers Neofonie geriet gar komplett zum PR-Desaster. Unausgereifte Software, pannenreiche Pressekonferenzen und schliesslich vom CEO getürkte Produktrezensionen killten das ehrgeizige Projekt, bevor das Tablet überhaupt richtig auf dem Markt war.

Es ist abzusehen, dass 2011 massenweise neue Tablets auf den Markt kommen werden. Das populärste Betriebssystem wird wohl Android sein, aber auch die von HP und RIM angekündigten Produkte klingen interessant. Und Apple wird bald die zweite Generation des iPads ankündigen. Auch in diesem Markt spielt PC-Riese Microsoft keine echte Rolle. Zwar gibt es weiterhin Windows-basierte Tablets zu kaufen, aber das Kundeninteresse ist gering.

Nach Jahrzehnten der Tablet-Flops ist es nun Apple wohl endgültig gelungen, die richtige Formel für konsumententaugliche Flach-Computer zu finden. Auch wenn die aktuelle Generation der Tablets noch vorwiegend zum Medienkonsum und nicht zum produktiven Arbeiten geeignet ist, hat diese neue Geräteart der PC-Branche schon einen deutlich spürbaren Rückschlag beschert. Es ist abzusehen, dass die Rolle des traditionellen PCs schrumpfen wird.

Steve Jobs rettet die Medienbranche nun doch nicht

Wohl am ungeduldigsten erwartet wurde das iPad von der Medienbranche. Denn besonders die Zeitungskonzerne erhoffen sich von der relativ geschlossenen Plattform, dass sie damit endlich die an Gratis-News gewöhnten Konsumenten wieder zum Zahlen für Inhalte bewegen könnten.

Fast jede grössere Print-Publikation kam deshalb dieses Jahr mit einer eigenen iPad-App auf den Markt. Die Qualität der ersten Versuche schwankte freilich zwischen wenig begeisternd und schlicht peinlich.

Inzwischen haben viele Verlage recht passable Apps hervorgebracht, und gelegentlich ist sogar etwas echte Innovation zu entdecken. Aber die Verkaufszahlen der kostenpflichtigen iPad-Editionen scheinen recht bescheiden zu bleiben. Kein Wunder — wer zahlt schon fünf Dollar für eine einzige Ausgabe etwa des Time Magazine, wenn für das gleiche Geld hervorragende Spiele im App Store zu finden sind? Realitätssinn scheint weiterhin nicht die Stärke der Medienbarone zu sein.

Inzwischen balgen sich Apple und die Medienkonzerne um die Konditionen für Abo-Verkäufe im App Store. Kein Wunder, dass sich viele Medienhäuser nach Alternativen sehnen und darum selbst fadenscheinigen Versprechungen wie denen des WeTab-Herstellers Neofonie aufsitzen. Doch die rettende Plattform für Bezahl-Content bleibt bisher ein Wunschtraum. Und das wird sich wohl auch nicht ändern.

Gewinnen App Stores oder der Browser?

Apples für das iPhone erfundene Konzept, Anwendungen für seine iOS-Plattform in einem schön organisierten, gut gemanagten App Store zu verkaufen, wurde von zahlreichen anderen Firmen kopiert. Jeder Anbieter eines Mobiltelefon-Betriebssystems hat jetzt auch einen App Store. Google brachte für seinen Chrome-Browser (und das für nächstes Jahr angekündigte Chrome OS) einen App Store für Web-Applikationen auf den Markt. Selbst einige Applikationen mit Plattform-Ambitionen wie Evernote haben jetzt ihren eigenen App Store. Und Apple wird bald selbst traditionelle Mac-Applikationen über eine strukturierte Online-Laden verkaufen.

Die Begeisterung der Hersteller für App Stores und die dahintersteckenden App-Plattformen ist nachvollziehbar: Schliesslich ist das ein ideales Mittel, Konsumenten an sich zu binden und kräftig an Softwareverkäufen mitzuverdienen. Niemand weiss, wie viel Umsatz Apple mit den 30%, die jeder App-Verkäufer nach Cupertino abliefern muss, derzeit erzielt, aber die Summe dürfte beträchtlich sein. Und noch besser: Fast alles ist Reingewinn.

Doch zumindest neueren Umfragen nach zu schliessen teilen die Konsumenten diese Begeisterung nur bedingt: Die weitaus populärste Anwendung auf dem iPad etwa ist weiterhin der Browser. Für Entwickler stellt sich da die Frage, ob man eher Aufwand in HTML5-Anwendungen stecken sollte, die auf zahlreichen Geräten funktionieren, oder ob sich die Investition in Apps für die zahlreicher werdenden proprietären Plattformen lohnt.

Auch das neue Jahr wird da wohl keine eindeutige Antwort bringen. Web-Applikationen und Apps werden weiterhin koexistieren. Aber mit den neuen Möglichkeiten von HTML5 wird sich die Notwendigkeit, plattformspezifische Apps zu programmieren, zumindest in einigen Bereichen reduzieren. Das eröffnet wieder neue Chancen für kleinere Plattformanbieter.

Mobilität bleibt beherrschend

Die Social-Web-Branche vergisst gern, wie kommerziell unbedeutend sie relativ gesehen ist. Social-Network-König Facebook hat dieses Jahr Schätzungen zufolge einen Umsatz zwischen einer und zwei Milliarden Dollar gemacht. Zum Vergleich: Ungefähr so viel Reingewinn macht Apple mit seinen mobilen Geräten pro Quartal.

Ohne Zweifel werden das mobile Internet und die Geräte darum herum auch in den nächsten Jahren der bedeutendste Trend in der IT-Branche bleiben. Die PC-Hersteller müssen sich auf härtere Zeiten gefasst machen, und darum experimentieren auch schon alle mit Smartphones und Tablets. Internetfirmen werden erleben, dass ein immer grösserer Teil der Nutzung auf mobilen Geräten stattfindet, und darum müssen sie lernen, mit den besonderen Regeln dieses sich schnell verändernden Marktes umzugehen.

Für die Konsumenten ist das aber letztlich alles prima. Schon lange gab es im IT-Sektor nicht mehr so viel Innovation mit so massiv gesteigerten Nutzungsmöglichkeiten zu sehr vernünftigen Preisen. Dank mobilen Geräten begleitet uns das Internet jetzt schon überall, und diese Universalität wird nur noch grösser werden.

(Foto: Flickr/liewcf, CC-Lizenz)

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4 Kommentare

  1. Dr. Dirk Nouvortne
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 18:32 Uhr (#)

    Kompliment!Exzellente Analyse/Beschreibung der augenblicklichen Situation der Informationstechnologie.

  2. Marco
    schrieb am 14. Dezember 2010 um 23:21 Uhr (#)

    Mal schauen was MS auf der kommenden CES präsentieren wird.

    http://engadget.com/2010/…ablet-functionality/

    Ich bin immernoch sehr zufrieden mit meinem Blackberry und freue mich riesig auf das Playbook.
    Jedoch bin ich der Meinung, Mike L. (Co-CEO RIM) muss dringend ausgetauscht werden und sollte keinerlei Konferenzen und Interviews mehr geben. Das ist fast schon peinlich wie er krampfhaft versucht, sich immer wieder aus schwierigen Fragen zu winden. Was ist denn so schlimm daran zu sagen, dass man normale Konsumenten bisher nicht im Auge hatte und nun einen Schritt versuchen möchte!? Ich könntebei jedem Interview platzen -.-. RIM braucht jm. der seine Produkte richtig darstellt und zeigt was sie können…

  3. Meeresbiologe
    schrieb am 16. Dezember 2010 um 10:18 Uhr (#)

    Interessante, treffende Zusammenfassung. Ähnlich wie die Smartphones heute den PCs von vor zehn Jahren entsprechen, liegen wohl leider auch noch die Zugangstarife fürs mobile Internet ca. zehn Jahre vor ihrem breiten Massendurchbruch zurück. Wo ich vor zehn Jahren inklusive mittlerweile abgeschafftem Festnetzanschluss ca. 100 DM fürs Internet zahlte, zahle ich heute nur noch 23 Euro. Da muß also preislich noch einiges passieren, bevor sich Smartphones weiter durchsetzen, z.B. mehr Bündeltarife und Rabatte (von PC + Smartphone, sowie mobilem und Heiminternet).
    Bzw., da der mobile Internetzugang ja einen zusätzlichen Zugang und somit zusätzliche Kosten bedeuten, stellt sich die Frage, ob der Internetzugang (zumindest von Alleinstehenden) nicht irgendwann total auf einen einheitlichen mobilen Zugang umgestellt wird. Einen leistungsfähigen Surfstick für alles, für unterwegs wie am PC. Ich bin jedenfalls am Überlegen, mir einen leistungsfähigen Surfstick zuzulegen. Dann hätte ich schnelles Internet daheim wie unterwegs zum ungefähr selben Preis, den ich bisher fürs Heiminternet bezahlt habe. Stellt sich nur die Frage nach der Stabilität des mobilen Internets – funktionieren drahtlose Internetzugänge bereits genauso kontinuierlich stabil wie Festnetzanschlüsse von Kabel, DSL u.ä.? Weitere Frage solcher Totalumstellung auf drahtloses Internet wäre, ob das nicht einen unnötigen Zuwachs an ungesundem Elektrosmog bedeuten würde.
    Gewinnen App Stores oder der Browser? Beide. Den Browser wird es neben Apps m.M. weiterhin brauchen, weil kaum alle Anbieter alles in Apps packen werden. Der Browser wird wahrscheinlich für immer das “Grundgerät” für die Internetnutzung bleiben.
    Wenn Taschencomputer jetzt ihre Ankunft im Mainstream feiern, kann man auf die weitere Entwicklung des mobilen Internet gespannt sein.

  4. Grampi
    schrieb am 31. Dezember 2010 um 11:02 Uhr (#)

    “keine Telefone, sondern veritable Taschencomputer” Find ich ehrlich gesagt blödsinn. Ich seh eigentlich nur um mich herum Leute, die vorher kalkulierende Rationalisten waren, wie sie jetzt sich so diese und jene absolut sinnlose App herunterladen.Für mich sind iPhone und Co. aufgeblasene Handys – mit Jamba-Abo ab Werk. Für mich sind und waren vertreter wie Palm und WinMobile die echten Taschencomputer. Es war wunderbar, wie bis vor wenigen Monden noch die halbe Welt kostenlose und auch kostenpflichtige .Net Apps angeboten haben, mit ganz individuellen Schwerpunktsetzungen. Das war PC im Taschenformat. Ich werde wohl mein HTC TouchProII mit WM6.5 solange verwenden bis es stirbt und dann mir wieder einen ollen Telefonknochen besorgen. Bei dem völlig verantwortungsfreien App-Reiten mach ich nich mit. Ganz ehrlich, selbst ich als Endzwanziger schau besorgt auf die Muttis und Vatis, die mit glühenden Augen, digitale Äcker bestellen, stundenlang durch virtuelle Röhren heizen und minütlich ihren EBay-Account checken – wer mir erzählen will, dass sowas Arbeit erleichtern und Büros ersetzen soll, schafft das definitiv nicht. Ein was gutes hat die Sache, Microsoft scheint so verzweifelt zu sein, dass es MobileOffice 2010 sogar kostenlos angeboten hat; Jetzt kann ich in dieser Endzeitstimmung meinen ganzen digitalen Papierkram wenigstens noch performanter erledigen. Und zum iPad, gut ich kenn es nicht, ich halte meinen 5Jahre alten Convertible Tablet-Laptop bei weitem für praktikabler, nur das meine Fettfingerabdrücke nicht auf dem Display sind, weil er noch mit “steinzeitlicher” Stifteingebe ist…
    Gruß Grampi

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