Luxusproblem:
Twitters aufregende Suche
nach dem perfekten Geschäftsmodell
Twitter ist ein Produkt ohne Benchmark oder verlässliche Prognose. Das ist eine Herausforderung, gibt den Machern aber viel Freiraum bei der Suche nach dem perfekten Geschäftsmodell.
Bei Twitter ist das Fehlen eines überzeugenden Geschäftsmodells meines Erachtens nach keine Schwäche sondern ein Luxus. Warum? Twitter hat eine völlig neue Produktkategorie aus dem Boden gestampft. Einen Dienst, der zuvor nicht einmal in einer abgewandelten Form existierte. Einen Service, mit dem bis zu 175 Millionen Menschen von nahezu jedem Punkt auf der Erde ihre Befindlichkeiten, Erlebnisse und Gedanken in Echtzeit publizieren und für alle Welt zugänglich machen können.
Im Gegensatz zum Gros der Unternehmensgründungen im digitalen Bereich stellt Twitter eine vollständig neuartige Entwicklung dar, deren mittel- bis langfristigen Potenziale kaum vorhersehbar sind. Zugleich fehlen Benchmarks, an denen sich Twitter bei der Weiterentwicklung sowie der Findung eines Geschäftsmodells orientieren könnte.
Genau das ist Twitters Luxus. Zugegeben – ein Luxus, der dem Startup aus San Francisco mit Venturekapital im dreistelligen Millionen-Dollar-Bereich möglich gemacht wurde. Aber eben auch ein Luxus, der Twitter experimentellen Spielraum lässt, wie ihn sonst kaum eine andere aufstrebende, aber gereifte Firma besitzt. Selbst Facebook setzt vorrangig auf im Netz bereits etablierte Einnahmequellen wie Onlinewerbung sowie den Verkauf virtueller Güter – wenn auch mit Flexibilität und Bereitschaft, Neues auszuprobieren.
Twitters Luxusproblem liegt darin, aus den vielen theoretisch möglichen Geschäftsmodellen das zu finden, welches hervorragende Monetarisierungschancen mit möglichst geringfügigen Eingriffen in den Nachrichten-Strom sowie minimalen Beeinträchtigungen für die User kombiniert. Das Spektrum an Alternativen, wie dies zu erreichen ist, wird bei einem disruptiven Angebot wie Twitter vor allem durch drei Faktoren begrenzt: Twitters eigene Ressourcen, Twitters Fantasie sowie die latent vorhandene Ungeduld der Investoren.
Ausprobiert hat Twitter schon einiges: Hervorhebungen von Sponsoren auf der Twitter-Website im Kontext von Trending Topics, Textanzeigen innerhalb der Twitter-Suche sowie in der Timeline, die Vermarktung des aus Tweets entstandenen Datenstreams zur Indizierung bei Suchmaschinen (Google, Bing), die Vermarktung des aus Tweets entstandenen Datenstreams zu Marktforschungs- und Analysezwecken sowie die Kooperation mit einem Onlineservice, der Twitter zur Bekanntmachung des eigenen Angebots einsetzt (wie im Falle von Ping, wobei man hier nur vermuten kann, dass dabei Geld an Twitter geflossen ist). In Arbeit ist außerdem ein Analytics-Tool, welches ebenfalls Potenzial zur Monetarisierung beinhaltet.
Ein dagegen bisher von dem angesagten Jungunternehmen vernachlässigter aber nicht minder attraktiver Schaffensbereich ist die Bereitstellung von speziellen Lösungen für journalistische Organisationen. Schon deshalb, weil sich Twitter selbst nicht als Social Network sondern primär als Dienst zur Verbreitung von Nachrichten und Informationen sieht. Diese Erkenntnis stimmt auch mit den tatsächlichen Nutzungsmustern überein.
Im Gespräch mit Reuters sorgte Twitter-Mitbegründer Biz Stone gerade für Verwirrung, weil er laut über ein Nachrichtennetzwerk auf Basis von Twitter sinnierte. Das Dementi aus dem Twitter-Hauptquartier folgte auf dem Fuße und traf den Nagel mit folgendem Zitat eigentlich auf den Kopf: “Ein Twitter-Nachrichtenservice existiert bereits. Er heißt Twitter.”
Dass sich Biz Stone zu Gedankenspielen um einen Nachrichten-Service hinreißen lässt, verdeutlicht, dass man sich in San Francisco ob der enormen Bedeutung des Microbloggingdienstes für den Journalismus der Zukunft bewusst ist. Bereits heute ist Twitter ein willkommenes Hilfsmittel für die journalistische Arbeit, wenn es um Augenzeugenberichte und Eilmeldungen geht.
Kaum ein nachrichtenrelevantes Ereignis kann sich heute noch abspielen, ohne dass jemand in unmittelbarer Nähe sein Smartphone zückt und das jeweilige Geschehen Sekunden nach dessen Eintreffen per Twitter dokumentiert.
Als Anfang November ein Airbus A380 der australischen Fluggesellschaft Quantas kurz nach dem Start in Singapur notlanden musste, erschien in meinem Twitter-Stream kurze Zeit später der Retweet eines Passagiers des Superjumbos, inklusive Foto der beschädigten Tragfläche. Näher an das Nachrichtengeschehen kann niemand kommen, der nicht selbst dabei ist.
Die Nachrichten-Agentur AFP sah besagten Tweet ebenfalls und nahm anschließend (ähnlich wie CNN) mit dem Urheber des Tweets Kontakt auf, um sich auf diese Weise Zitate für einen Bericht zu dem dramatischen Vorfall zu sichern. In einer Zeit vor Twitter hätte dagegen ein AFP-Reporter erst am Flughafen in Singapur Stellung beziehen und sich den geschockten Reisenden in den Weg stellen müssen, um einen Augenzeugenbericht zu erhalten
Twitter ist für den Journalismus Gold wert – im übertragenen und wörtlichen Sinne. Zahlungswilligen Presseagenturen und Redaktionen eine spezielle Oberfläche bereitzustellen, welche über die grundlegenden Optionen der Twitter-Suche hinaus Augenzeugenberichte, Hintergründe, Fotos/Videos sowie Analysen und Statistiken rund um nachrichtenrelevante Geschehnisse sowie aktuelle Trends liefert, würde Journalisten Zeit sparen, durch Berichte aus erster Hand die Qualität ihrer Arbeit erhöhen und ihnen in Form intelligenter Algorithmen neue Werkzeuge an die Hand geben, um mögliche Aufregerthemen zu erkennen, noch bevor diese eine breite Öffentlichkeit erreicht haben.
Ob Twitter eines Tages ein kostenpflichtiges “Journalisten-Dashboard” anbieten wird? Möglich. Praktisch wäre es und eine Nachfrage gäbe es gewiss. Gleiches gilt allerdings auch für spezifische Unternehmenskonten, für Premium-Accounts mit erweitertem Funktionsumfang (etwas, das immer mal wieder bei uns in den Kommentaren gewünscht wird), für noch cleverere Vermarktungsansätze und für vermutlich eine Vielzahl anderer Angebotserweiterungen.
Was uns zurück zu Twitters Luxusproblem bringt: Die Zahl der einzuschlagenden Richtungen erscheint unbegrenzt, die Ressourcen des 300 Mitarbeiter zählenden Startups sind es dagegen nicht. Das erfordert ständiges Priorisieren und das Streichen von vielversprechenden Ideen zugunsten von noch besseren Einfällen. Viele Unternehmer mögen Twitter aufgrund dieser theoretischen Freiheit beneiden. Aber sie hat auch ihre Schattenseite. Denn am Ende werden sich die Twitter-Macher stets die Frage stellen müssen, was passiert wäre, wenn doch ein anderes Geschäftsmodell oder ein anderes Entwicklungsvorhaben den Vorzug erhalten hätte.



























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Ich bin sehr sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Twitter ein kostenpflichtiges Journalisten-Dashboard anbieten wird. Das einzige was mich wundert, dass es bisher noch nicht geschehen ist.
Wie im Artikel ja auch aufgeführt wird, probiert man bei Twitter durchaus einiges aus und wartet nicht auf die eine, ganz, ganz große Idee. Damit nutzt Twitter zwar seine Möglichkeiten noch nicht aus, zeigt aber gleichzeitig, dass man den einen oder anderen Dollar verdienen kann.
Das ist aus meiner Sicht wichtig, damit die Investoren den Luxus weiter ermöglichen.
Zum Vergleich mit Facebook: Ich gehe davon aus, dass ein Dienst wie Twitter deutlich kostengünstiger zu betreiben ist. Bei manchen Arten von Unternehmen fallen in kurzer Zeit Kosten in einer Höhe an, die einem solch bedächtigen Entwickeln von Geschäftsmodellen im Weg stehen.
Das Thema Premium-Accounts sollte Twitter wirklich vorantreiben. In der Folge könnten sich unter professionellen Nutzern auf Echtheit überprüfte Accounts zum Standard entwickeln, was sich positiv auf die Glaubwürdigkeit (entscheidend, wenn sich Twitter als Nachrichtennetzwerk versteht!) von Tweets auswirken würde.