ihood:
Wie Street View ohne 3D,
aber mit Bewertungen

Bei ihood lassen sich zu beliebigen Adressen in Deutschland soziodemografische Daten sowie Nutzerbewertungen abrufen. Anders als bei Google Street View hört man bisher keine Kritik zu dem Dienst – wahrscheinlich nur deshalb, weil er unbekannt ist.

Ein Nebeneffekt der Debatte um Google Street View ist, dass andere ebenfalls als potenziell provokativ wahrnehmbare Webdienste ins Rampenlicht geraten, die aufgrund einer geringen Bekanntheit und einer fehlenden Verbindung zur “Datenkrake” Google keine vergleichbare Aufmerksamkeit von Politikern und Datenschützern erhalten.

Prominentestes Beispiel hierfür ist sicherlich sightwalk, das wie Street View Innenstädte mit Hilfe von 3D-Panoramabildern abbildet und dies in einigen deutschen Metropolen auch schon erfolgreich und unbehelligt von Politik und Medien tut.

netzwertig.com-Leser Andreas hat außerdem in einem Kommentar auf ihood aufmerksam gemacht, einen deutschen Dienst zur Bewertung von Wohnumfeldern und Nachbarschaften. Andreas stellt die berechtigte Frage, wieso dieser Service – quasi ein Street View ohne 3D-Bilder, dafür aber mit allerlei soziodemografischen Daten und Bewertungen – bisher nicht auf ähnlich scharfe Kritik gestoßen ist wie Street View.

Wie im Falle von sightwalk dürfte es auch hier die fehlende Bekanntheit sein, die ihood bisher vor einer umfangreichen öffentlichen Schelte geschützt hat. Ich habe noch nie von der Site gehört, die laut ihrem ersten Blogeintrag bereits seit fast drei Jahren online ist (das letzte Posting liegt fast 11 Monate zurück, was die Frage aufwirft, ob das Projekt überhaupt noch aktiv betrieben wird).

ihood bietet Nutzern Infrormationen über die Attraktivität von Wohngegenden und erinnert vom Konzept her an RottenNeighbor, die viel kritisierte US-Plattform zur Nachbarschaftsbewertung, die irgendwann im vergangenen Jahr relativ unbemerkt in der Versenkung verschwand.

Anders als RottenNeighbor animiert ihood jedoch nicht direkt zur Denunziation einzelner Nachbarn, sondern will ein allgemeines Bild über Nachbarschaften in Deutschland geben.

Wer bei ihood angemeldet ist und nach einer beliebigen deutschen Adresse sucht, erhält eine Ergebnisseite mit einer Übersicht über verschiedene soziodemografische Merkmale, von Familienanteil über Fluktuation bis hin zu Gewerbeanteil, von Erwerbslosigkeit über Akademiker- bis hin zu Ausländeranteil. Jedes Kriterium wird mit einem Wert auf einer Skala von 1 bis 10 bewertet.

Es ist nicht ganz klar, auf welchen Datenbestand die Site zugreift und wie alt die angezeigten Informationen sind. ihood erklärt lediglich, dass “aus einer Vielzahl von statistischen Informationen für jedes Haus in Deutschland ein statistischen Gesamtwert errechnet wurde, der die Attraktivität der Wohngegend anhand des gesellschaftlich-sozialen Status der Bewohner widerspiegelt.”

Ergänzt werden die statistischen Daten zu einzelnen Adressen mit einer Luftaufnahme der jeweiligen Gegend sowie Nutzerbewertungen und -kommentaren. Dargestellt werden außerdem so genannte POI, Points of Interests. In diese Kategorie fallen alle möglichen für die Qualität einer Nachbarschaft relevanten Einrichtungen wie Restaurants, Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten. Diese können ebenfalls bewertet werden.

Lässt man Zweifel an der Korrektheit der statistischen Angaben aufgrund der Unklarheit über die Quellen außer Acht, so dient ihood durchaus einem ähnlichen Zweck wie Google Street View, nämlich vorab zu schauen, wie empfehlenswert es ist, an einer bestimmten Adresse nach einer Wohnung oder einem Hotel zu suchen.

Doch anders als bei Street View besteht bei einem Angebot wie ihood die Gefahr, dass es für ungerechtfertigte Kritik und pauschale Beleidigungen missbraucht wird. Auch ist es schwierig, eine gute Balance zwischen der Vollständigkeit der eingeblendeten Merkmale sowie der moralischen Verantwortung des Betreibers zu finden, eine Nachbarschaft nicht unnötig zu stigmatisieren – die explizite Herausstellung des Ausländeranteils zum Beispiel ist durchaus grenzwertig.

Egal ob ihood, sightwalk oder Street View – was die Existenz von Angeboten betrifft, die den öffentlichen Raum im Digitalen abbilden und für unterschiedlichste (kommerzielle) Zwecke nutzen, lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen – selbst wenn es in einzelnen Fällen zu aus Kritikersicht erfolgreichen Blockaden kommen würde.

Dass Beispiel ihood zeigt, dass ein an und für sich sehr praktischer Onlineservice gleichzeitig für Bauchschmerzen sorgen kann und dass die Diskussion zur digitalen Öffentlichkeit mit dem Fall Street View gerade erst begonnen hat. Die wirklichen Herausforderungen kommen erst noch.

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1 Kommentar

  1. karl
    schrieb am 26. August 2010 um 17:15 Uhr (#)

    Ist doch schön… meine Hochschule hat den sozialen Status 1 von 10.

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