“Internetalltag”:
Datenschutz-Paranoia visualisiert

Der Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. hat ein Video veröffentlicht, das Konsumenten über die Tücken des Netzes aufklären soll. Der Clip macht jedoch nichts anderes, als Misstrauen zu verbreiten.

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Datenschutz im Web ist ein wichtiges Thema, artet in Deutschland aber gerne in Paranoia aus. Kaum besser könnte dies ein Video des Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv) illustrieren, das auf der Website surfer-haben-rechte.de veröffentlicht wurde und Internetnutzer auf ihre Durchsichtigkeit als Verbraucher aufmerksam machen soll. Hier das Video:

Markus Beckedahl von netzpolitik.org findet den Clip toll. Ich halte ihn für absolut destruktiv. Denn während es in der Tat notwendig ist, Konsumenten darauf aufmerksam zu machen, auf welche Weise sie und ihre Aktionen im Netz transparent sind und wie ihre Handlungen von Unternehmen eingesehen werden können, verbreitet das sicherlich gut gemeinte Video nichts anderes als allgegenwärtiges Misstrauen.

Dabei begehen die Macher genau den gleichen Denkfehler, der auch oft im Zusammenhang mit der ominösen “preisgeben”-Formulierung zu beobachten ist: Jede noch so wertlose persönliche “Information”, die für andere weniger Bedeutung hat als der umgefallene Sack Reis in China, wird als hochgradig schützenswert dargestellt und damit drastisch überbewertet.

Der Clip präsentiert Konsumenten als hilflose, von ihren Mitmenschen verfolgte Wesen, die ihrer Überwachung bedingungslos ausgeliefert sind. Welche Botschaft soll damit vermittelt werden? Misstraue allen und allem? Genau diese Einstellung ist hierzulande schon verbreitet genug und sorgt dafür, dass viele Bürger technischen Neuerungen von vorn herein negativ gegenüberstehen, da sie grundsätzlich Betrug, Abzocke und persönliche Nachteile vermuten.

Nochmals: Das Anliegen des vzbv zur Sensibiliserung der Verbraucher ist sinnvoll. Der gewählte Weg jedoch sorgt eher für eine Verunsachlichung der Debatte, statt Verbrauchern zu vermitteln, was sie eigentlich benötigen: Eine gesunde, bodenständige und selbstbewusste Haltung, die weder in Naivität mündet, noch als Grundsatz beinhaltet, das Netz wäre der Hort des Bösen.

Wenn sich in Deutschland die Sicht auf die digitale Welt verändern soll, dann müssen alle an einem Strang ziehen und gemeinsam dafür sorgen, dass das verbreitete Misstrauen einer positiven, konstruktiven und respektvollen Denkhaltung weicht. Ich nehme an, einigen Lesern wird dies wie Träumerei vorkommen. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Was haltet ihr von dem Video?

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25 Kommentare

  1. Annabelle
    schrieb am 4. August 2010 um 11:54 Uhr (#)

    Hallo Martin,

    als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, musste ich eigentlich eher lachen (z.B. die Szene mit der heruntergelassener Hose). Das war mein erster Eindruck.
    Für mich kam es nicht so rüber, dass die Menschen im Film hilflos wären. Wobei du Recht hast, dass sie sich von ihren Mitmenschen verfolgt fühlen. Misstrauen kann man das Gefühl auch beschreiben, was dort dargestellt werden soll. Das stimmt! Da bin ich auch deiner Meinung.

    Jedoch sollte man das Video vielleicht nicht so realistisch betrachten. Das Gefühl von Misstrauen wird im Video überspitzt dargestellt und soll einfach eine Übertreibung sein. Es soll dem Betrachter des Videos ein “gesundes Misstrauen” bezüglich ihrer Internetnutzung vermitteln. Ich denke, dass das Video einfach durch die Verstärkung des Gefühls Misstrauen den Betrachter aufwecken möchte und nicht einschüchtern. So empfinde ich den Clip.

    Liebe Grüße,
    Annabelle

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 4. August 2010 um 11:58 Uhr (#)

    Ich behaupte mal frech, dass Leser dieses oder anderer Blogs nicht die Zielgruppe des Videos sind. Hoffen wir, dass die, die zur Zielgruppe gehören (weniger oder kaum erfahrene Nutzer) auch lachen können, wenn sie das sehen. Ich befürchte, manche werden sich stattdessen in ihrer kritischen Meinung zum Netz bestätigt fühlen. Da sehe ich die Gefahr eines derartigen Videos.

  3. Annabelle
    schrieb am 4. August 2010 um 12:07 Uhr (#)

    Ich persönlich empfinde diesen Clip nicht so, wie du ihn empfunden hast. Wenn man jedoch die eigentliche Zielgruppe betrachtet, wofür das Video gemacht wurde, muss ich dir zustimmen!

    Ich musste übrigens nicht lachen, sondern eher schmunzeln über das Video. Denn das Sprichwort “die Hose runter lassen” wurde einfach so sinnbildlich dargestellt.

  4. C.K.
    schrieb am 4. August 2010 um 12:15 Uhr (#)

    Habe nichts gegen Datenschutz, im Gegenteil. Aber ich stimme Martin zu. Für die Zielgruppe erzeugt das Video nur eine diffuse Angst, da es zu unklar ist. Auf die Idee, dass die gezeigten Bürger teilweise für Internet-Unternehmen stehen, kommt kein Mensch – also erzeugt es Misstrauen gegen die Mitbürger.

  5. Mike Schnoor
    schrieb am 4. August 2010 um 12:20 Uhr (#)

    Dieses Video ist wirklich ein direktes Beispiel für überkandidelte Paranoia… ein mündiger Nutzer ist selbst dafür verantwortlich, welche seiner Daten er in den verschiedenen Netzwerken bzw. bei den Betreibern hinterlässt. Auch die Einstellung zur Sichtbarkeit beeinflussen die Nutzer eigenständig. Ich kann auch meine Profile komplett deaktivieren, wenn ich es für notwendig halte. Das Problem ist: Die Leute haben kein Bock darauf, sich zu verstecken und zu anonymisieren, wie es den Datenschützern eigentlich am liebsten wäre. :)

  6. Lari Syrota
    schrieb am 4. August 2010 um 12:44 Uhr (#)

    Kann nur zustimmen. Ich glaube, wenn man mal eine Umfrage unter Menschen auf der Straße machen würde, warum Datenschutz eigentlich so ein wichtiges Thema ist, würden die meisten völligen Unsinn erzählen.

    Google wird scharf attackiert, weil das Unternehmen Straßenfotos mit unkenntlich gemachten Gesichtern und Nummernschildern macht. Facebook wird als abgrundtief böse dargestellt, weil die Privatsphäre-Einstellungen zu unübersichtlich seien. Und das allerschlimmste, wovor man Internetnutzer unter allen Umständen bewahren muss, ist, dass beim Schuheinkauf schon gleich die richtige Schuhgröße angewählt wird. Paranoia pur. Und die wirklich kritischen Gefahren gehen einfach unter.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 4. August 2010 um 13:39 Uhr (#)

    Ich bekam gerade einen Newsletter von WEB.DE. Betreff: “Vorsicht, sie werden beobachtet!”

    Erster Satz: “oftmals geben Sie im Internet viel mehr von sich preis, als Sie denken. Ein gefundenes Fressen für Online-Spione jeder Art!”

    Irgendwie passend.

  8. Matthias
    schrieb am 4. August 2010 um 15:01 Uhr (#)

    The Web’s New Gold Mine: Your Secrets schildert das Problem mit etwas anderem Fokus.

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 4. August 2010 um 15:04 Uhr (#)

    Siehe auch http://netzwertig.com/201…s-yahoo-yui-twitter/
    ;)

    Auf den Artikel gab’s gute Reaktionen.

  10. Fred
    schrieb am 4. August 2010 um 15:05 Uhr (#)

    Du hast Recht. Ich finde das Video auf mehreren Ebenen mies.

    Schlecht gemacht, schwammige Botschaft, keine gute Idee.

    Dargestellt wird doch ein grenzüberschreitender Surfer, keine ungesunde Beobachtung, oder? Da hat mal wieder niemand nachgedacht. Lieber auf simple Panikamche setzen, Hosen runter, höhö, klar hat da jeder Angst vor. Solche Kampagnen fliegen doch unter dem Niveau der Debatte hindurch.

  11. Oliver Springer
    schrieb am 4. August 2010 um 17:39 Uhr (#)

    Zunächst einmal ist die Idee schlecht umgesetzt. Ich bin bis zum Schluss davon ausgegangen, dass das vermeintliche Datenschutzopfer derjenige ist, der andere Kunden im Supermarkt ausspäht.

    Das liegt vielleicht an mir.

    Ohne Vorwissen ist aber die Verbindung zum Daten-Striptease gar nicht verständlich. Das verstehen “wir”. Aber wir sind ja nicht die Zielgruppe.

    Witzig ist der Spot – das ist natürlich sehr subjektiv – überhaupt nicht, höchstens etwas peinlich, weil so plump auf lustig produziert.

    Natürlich fügt sich ein nahezu unbedeutendes Mosaiksteinchen zum anderen und ergibt sich aus der Summe vieler belangloser Informationen am Ende möglicherweise ein erstaunlich klares Persönlichkeitsprofil.

    ABER: Probleme bekommen Menschen üblicherweise nicht, weil jemand herausfindet, welchen Yoghurt jemand kauft oder ob ihm Coke oder Pepsi lieber ist.

    Probleme bekommen Menschen, wenn ein Personalchef aus Bewerbungsunterlagen heraus gleich sehen kann, welches Alter, Geschlecht oder welche ethnische Zugehörigkeit eine Person hat. Deshalb sollten in Stellenanzeigen Formulierungen wie “übliche Bewerbungsunterlagen” vermieden werden, weil die üblichen Bewerbungsunterlagen Informationen enthalten, die nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz [AGG] zwecks Schutz vor Diskriminierung nicht zulässig sind.

    So inkompatibel das AGG zum real existierenden Internetzeitalter mit Social Media ist – es kann die Augen dafür öffnen, welche Informationen uns wirklich schaden können.

  12. Monika
    schrieb am 4. August 2010 um 21:18 Uhr (#)

    ich habe keine Ahnung was dieses Video soll.
    Geschweige denn was es mit Datenschutz zu tun hat- es ist einfach doof für mich -aber sowas von.

  13. OliverG
    schrieb am 4. August 2010 um 22:36 Uhr (#)

    HM, für mich sagt das Video: Hey, wenn Sie so dusslig sind, dei Hose runterzulassen, dann ist es nicht seltsam, dass Sie sich beobachtet fühlen.”
    An sich schiebt es dei verantwortung dem User zu, nicht denen, dei Fragen. Jedes Formular braicht kja auch einen, der es ausfüllt.

    Ich sehe gerade mit Interesse, dass dei ‘Class of 95′ sich zu ca 1/3 bei Facebook unter ‘Anne Li’ oder ‘Rüdi Ger’ anmeldet, also dann definitv schwerer findbar ist.

    Von den Kumpels sind sie trotzdem findbar: In den Kontaktlisten der anderen, dei in der Tat so bei den durchschnittlichen 130 Leuten liegen.

    Neugiertige arbeitgeber gucken da so oder so in die Röhre. Fast alle Profile, dei ich sag, haben maximal mal die Lieblingsmusik oder die Lieblingsfilme freigegeben. (Gut, das kann auch schon zu viel sein ;) )

    1. bernd
      schrieb am 5. August 2010 um 01:01 Uhr (#)

      In Facebook gibt es auch 268 Personen mit dem Pseudonym Hans Moser. ein Großteil mit maximalen Sicherheitseinstellungen. Hier wird oft vor Unkenntnis ein scheinbares Risiko unsinnig ernst genommen.

      Ich habe meine Gedanken mal hier verfasst:
      http://bernd-schmitz.net/…chancen-und-risiken/

    2. wolfgang
      schrieb am 5. August 2010 um 21:47 Uhr (#)

      Hast Du diesen Kommentar auf dem iPad/iPhone geschrieben?
      Die Tipfehler sind hart ;-)

  14. Soeren
    schrieb am 5. August 2010 um 02:52 Uhr (#)

    Mal abgesehen davon, dass ich euch recht gebe, dass hier eine gute Absicht schlecht umgesetzt wurde finde ich es echt unglaublich, wie hier mal wieder Geschlechterrollen und bestimmte Klischees von einer Bundesbehörde gefördert werden. Die Frauen sind natürlich peinlich berührt und geschockt – während der Schwule sofort zur Anmache schreitet. Peinlich!

  15. SgtPepper
    schrieb am 5. August 2010 um 10:15 Uhr (#)

    Nun ja, also ich finde das letzte was dieser Clip ausstrahlt ist Paranoia. Und die Zielgruppe sind wohl eher solche Leute:
    http://platinnetz.de/grup…d-dates/thema/104681
    Und bei denen wäre etwas Sensibilisierung mit dem Datenschutz durchaus angebracht!! Bzw. auch beim Anbieter!

  16. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 5. August 2010 um 10:20 Uhr (#)

    Und bei denen wäre etwas Sensibilisierung mit dem Datenschutz durchaus angebracht!!

    Und was bringt dich zu der Annahme?

  17. Regina Deckart - marketingshop blog
    schrieb am 5. August 2010 um 10:59 Uhr (#)

    Hallo!

    Weiß jemand, wer diesen Spot gemacht hat? Also welche Agentur? Fände ich interessant – technisch ist er ja gut gemacht…

    Inhaltlich finde ich ihn vor allem deshalb indiskutabel, weil ich glaube, dass kein normaler Mensch ihn versteht.

    Unter Printjournalisten ist immer wieder viel zitiert, dass 70 (manche sagen auch 80 oder 90 ;-)) Prozent der Zeitungsleser nicht verstehen, was Ironie ist. Wenn das stimmt – und meine Erfahrung sagt, dass es stimmt – dann ist die gewollt subtile Annäherung an das Datenschutzthema in diesem Film für die allermeisten ein Buch mit sieben Siegeln.

    Und davon abgesehen: Ich finde die Sache mit der runtergelassenen Hose einfach plump….

  18. Jan
    schrieb am 5. August 2010 um 11:50 Uhr (#)

    Das “verbreitete Misstrauen” kommt daher, dass jeder User möglichst effektiv einfach nur dazu benutzt werden soll Geld für andere Leute zu verdienen. Um mehr geht es doch fast gar nicht. Der User ist nur Mittel zum Zweck und bekommt einen Nutzwert vorgestellt, den er niemals vorher vermisst hat, somit auch NICHT BENÖTIGT.
    Und hier kommen wir zum Video:
    Der User ist Mittel zum Zweck des Geld Verdienens und dafür sollen die User bitte alle die Hose runter lassen, was ja auch zu den unendlich frei verfügbaren Pornos im Netz passt. Ekelhaft.
    Eigentlich hat der User gar keine Hose mehr an, die er hoch ziehen kann. Denn wenn seine Daten einmal verbreitet sind: no way back.
    Deswegen bekommt facebook von mir schon lange keinen Daumen mehr hoch sondern eher den Mittelfinger.

    Das System, also die User, sollen befragt werden.
    Stattdessen wird etwas aufgebaut um dann möglichst vielen Menschen zu sagen, dass sie so OUT sind, wenn sie nicht mitmachen.
    Die Meinungen und Ängste der Menschen sollten respektiert werden und nicht weg geträumt werden von ein paar facebook und Twitter junkies, die nichts anderes zu tun haben als sich ihre Daseinsberechtigung mit schlechtem Gewissen bei Usern zu erschleichen.

    Was ist schon so ein kleiner Spot im Gegensatz zu diesem peinlich schlechten facebook Film, der meiner Meinung nach voller Lügen und reine Propagande ist?

    1. Wolf
      schrieb am 5. August 2010 um 14:00 Uhr (#)

      Du hast ihn schon gesehen, den Facebook-Film???

  19. derschlaefer
    schrieb am 6. August 2010 um 00:11 Uhr (#)

    Das Video ist doch polemisch und ohne Tiefgang. Und das ein Herr Beckedahl es toll findet, liegt doch nur an seinem Geklüngelt mit den Mitarbeitern des vzbz.

  20. Meeresbiologe
    schrieb am 9. August 2010 um 17:05 Uhr (#)

    Witzig die Szene mit dem nackten Mann – aber insgesamt ähnlich plakativ, flach, wenig informativ und didaktisch-oberlehrerhaft wie z.B. die AIDS- oder GEZ-Filmchen. Da denkt man immer, die Zuschauer werden für kleine, doofe Kinder gehalten, die man mit Kindergartenfilmchen belehren muß. Anderthalb wertvolle Minuten zu einem wichtigen Thema gefüllt mit Obst und nem nackten Arsch, bäh – und pups.

  21. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 9. August 2010 um 17:08 Uhr (#)

    Naja mit Anti-Aids-Kampagnen würde ich das aber nicht vergleichen. Da geht es nun mal um Leben und Tod (zumindest früher), was eine überspitze Darstellung imo eher rechtfertigt.

    1. Meeresbiologe
      schrieb am 9. August 2010 um 17:12 Uhr (#)

      Ich meine auch bei den Kondom-Filmchen nicht das sicher wichtige Thema, sondern ihre häufig flache und betuliche Machart.

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