Prozessjournalismus:
Einen Abstellknopf gibt es nicht

Im Social Web fühlen sich Falschmeldungen und Gerüchte nicht nur pudelwohl, sie werden in kollaborativer Arbeit auch widerlegt. Einen Abstellknopf für derartigen “Prozessjournalismus” gibt es nicht.

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Nachrichtenmeldungen, die sich nachträglich als völlig oder teilweise falsch erweisen, gehören mittlerweile zum Internetalltag. Aufgrund der Dynamik von Twitter, Blogs und Social Networks, dem redaktionellen Druck, Berichte als Erste zu veröffentlichen, sowie knappen Ressourcen, um eintreffende Meldungen auf ihre Stichhaltigkeit zu überprüfen, verbreiten sich immer wieder Enten im Netz. Oft kommen sie von Blogs oder tauchen bei Twitter auf, um dann auch von etablierten Nachrichtenmedien aufgegriffen zu werden.

Ob nun Falschmeldungen zum angeblichen Tod von Prominenten, inkorrekte Wahlergebnisse oder Berichte über eine angebliche Komplettblockade von Google in China – die Bandbreite an Gerüchten, die sich rasant im Social Web herumsprachen und später korrigiert werden mussten, ist groß.

Bisher wurden derartige Vorfälle als Schwäche des Netzes und vor allem des Echtzeitwebs angesehen. In einer Analyse zur bereits erwähnten Nachricht über eine Google-Blockade in China, die am Ende doch keine war, bringt Mathew Ingram bei GigaOm aber eine für mich neue Perspektive in die Diskussion, die mir sofort sehr sympathisch erschien:

Er sieht die Art, wie sich besagte China-Story entwickelte (Meldung über Blockade verbreitet sich über Twitter, Blogs und Nachrichtenportale; Zweifel tauchen in Blogs und bei Twitter auf; Google dementiert Stunden später), als natürliche Folge der neuen digitalen Gegebenheiten und versucht, der nachträglichen Korrektur von im Social Web verbreiteten Falschmeldungen durch die kollaborative Arbeit der Nutzer des Social Webs etwas Positives abzugewinnen.

Statt ein fertiges journalistisches Produkt vorgesetzt zu bekommen, das nach seiner Veröffentlichung dann auch nicht mehr aktualisiert oder Leser-Feedback nachträglich einfließen lässt, wird Journalismus hier zu einem Prozess, am dem jeder teilhaben kann und an dessen erfolgreichem Abschluss (= wahre Tatsachen ans Tageslicht zu bringen) jeder mitwirken kann.

Mancher wird sich nun fragen, was der große Vorteil dieser Art des kollektiven Journalismus ist, an dem sich Hinz und Kunz beteiligen kann, der mitunter durch eine völlig an den Haaren herbeigezogenen Meldung initiiert wird und der anfänglich zahlreiche Menschen mit im besten Fall unvollständigen, im schlechtesten Fall komplett erfundenen Informationen versorgt?

Die Antwort auf diese Frage hängt von der persönlichen Bewertung der Gesamtsituation ab: Befürworter der Digitalisierung und der damit verbundenen Umwälzungen würden hier unter anderem die Stärke kollektiven Wissens sowie die zusätzlichen Perspektiven nennen, die durch die rege Mitarbeit vieler Menschen in das finale “Produkt” einfließen und dem Bericht eines einzelnen, in gewisser Maßen auf sich allein gestellten Journalisten überlegen sind.

Kritiker hingegeben sehen vermutlich überhaupt keinen Vorteil darin, den im traditionellen “Produktjournalismus” für Außenstehende verborgenen Informationsbeschaffungs- und Prüfprozess öffentlich zu machen und Laien daran mitwirken zu lassen – denn genau das ist es ja, was im Prozessjournalismus geschieht.

Die Sichtweise von Mathew Ingram halte ich jedoch aus einem ganz einfachen Grund für sehr sinnvoll: Sie ist pragmatisch . Denn egal ob die kollektive, öffentliche Ausführung journalistischer Arbeit von Beteiligten, die keine Journalisten sind, am Ende dem klassischen Journalismus über- oder unterlegen ist, egal ob sie letztlich bessere oder schlechtere Resultate liefert – sie ist eine Tatsache, mit der sich jeder anfreunden muss.

Das Echtzeitweb wird nicht wieder verschwinden, genauso wenig wie Microblogging, Blogs und soziale Netzwerke. Wo Millionen von Menschen ihre Gedanken publizieren, kommt es unweigerlich zur Gerüchtebildung, und diese Gerüchte verbreiten sich blitzschnell im Netz. Für diesen Vorgang gibt es keinen Abstellknopf. Prozessjournalismus ist damit gezwungenermaßen ein elementarer Bestandteil der heutigen Informationsgesellschaft. Ohne dass sich dies jemand freiwillig ausgesucht hat und ohne dass sich daran etwas ändern lässt.

Insofern kann ich mich der pragmatischen Perspektive von Mathew Ingram nur anschließen. Das Sinnvollste, was wir nun tun können, ist die oben erwähnten Stärken des Prozessjournalismus zu nutzen und Mechanismen zu finden, um die augenscheinlich existierenden Schwächen zu begrenzen. Gerade hier kommt der professionelle Journalismus ins Spiel, dessen Aufgabe es sein muss, die im Social Web verbreiteten Informationen, Gerüchte und Hinweise zu verifizieren und zu filtern. Denn dazu braucht es nunmal mehr, als den Retweet-Button zu betätigen.

Wie wäre es mit einem eigenen Ressort, das aktuelle Hinweise und Gerüchte aus dem Netz aufgreift, transparent und mit Hilfe technischer Raffinessen darstellt und gleichzeitig bei der sorgfältigen Auflösung/Verifikation mithilft? Dass hierbei die ein oder andere gute Geschichte zu Stande kommen würde, liegt auf der Hand. Bei der Loveparade-Katastrophe beispielsweise hätte ein solch zentraler Ort der Aggregation sehr viel schneller bestimmte Zusammenhänge erklärt und Hintergrundinformationen geliefert, als es im Rahmen der klassischen Berichterstattung der Fall war.

(Illustration: stock.xchng)

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4 Kommentare

  1. Sost Schenko
    schrieb am 3. August 2010 um 18:06 Uhr (#)

    Für diesen Vorgang gibt es keinen Abstellknopf. Fürwahr: Aber auch für die menschliche Dummheit gibt es keinen – doch während sie früher auf ein begrenztes geographisches und soziales Territorium beschränkt war, ist sie heute globalisiert und damit potenziert. Was für ein Glück…

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. August 2010 um 18:08 Uhr (#)

    Globalisiert vielleicht, aber potenziert? Das müsste man erst mal mathematisch untersuchen.

  3. Klardeutsch
    schrieb am 3. August 2010 um 18:27 Uhr (#)

    Eine pragmatische Sicht der Dinge ist immer von Vorteil.

    Zweifellos müssen wir damit leben, dass sich Gerüchte und Falschmeldungen schneller verbreiten als früher. Dafür gibt es in der Tat keinen Abstellknopf.

    Aber die Pragmatik sollte nicht so weit gehen, dass schließlich auch Journalisten irgendwelche Falschmeldungen und Gerüchte ins Netz stellen, die ihnen Laufe ihren im Laufe ihrer Recherche bekannt werden, und dann mal sehen, ob sie sich als richtig oder falsch erweisen.

    Auch wenn es schrecklich altmodisch klingt, bin ich immer noch ein Fan der Methode, einen Gedanken gründlich zu Ende zu denken, die Fakten zu prüfen, die Gegenseite zu hören und dann erst zu veröffentlichen.

    “Prozessjournalismus” ist ganz offensichtlich die Idee von Menschen, die den ganzen Tag an der Nabelschnur digitaler Information hängen, etwa so wie Börsenmakler unablässig die Börsenkurse beobachten. Das tun aber die meisten Menschen nicht. Sie tauchen irgendwann ein in den Strom der Information, picken sich etwas heraus und tauchen dann wieder auf.

    Ob das Fundstück später als Blödsinn überführt wurde, interessiert sie nicht. Sie bekommen es in der Regel gar nicht mit.

    Deshalb sollten journalistische Produkte halbwegs fertig, das heißt auf ihre Richtigkeit überprüft sein, bevor sie veröffentlicht werden.

  4. vera
    schrieb am 5. August 2010 um 14:15 Uhr (#)

    Im Prinzip richtig, aber die Frage der Unabhängigkeit bzw. Interessengebundenheit eines solchen Aggeregation bliebe. Wenn man sammlet/aggregiert, kann man auch steuern.

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