Transparenz:
“Das Internet vergisst nicht” – Gut so!

Handlungen und Aussagen sind heute transparenter denn je. Gerne wird kritisiert, dass das Netz nichts vergisst. Manchmal ist dies ein Makel. Oft jedoch eine Qualität.

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Auch wenn der durch die aktuelle Entwicklung des Webs ausgelöste Verlust von Anonymität manche Internetnutzer beunruhigt, so bringt die parallel zunehmende Transparenz eine Reihe von Veränderungen mit sich, von der alle Teile der Gesellschaft profitieren können. Vor allem besteht die Möglichkeit, dass Menschen des öffentlichen Interesses und Unternehmen ehrlicher werden, weil sie heute viel leichter als früher der Lüge überführt werden können.

Als ich zwischen 2003 und 2006 mein Bachelorstudium in Wirtschaftskommunikation absolvierte, war die (Werbe-)Welt noch in Ordnung. Die Grundregel war, dass man mit der richtigen Positionierung und Wahl der Kommunikationskanäle im Prinzip jede Botschaft rund um ein Produkt oder eine Dienstleistung vermitteln konnte. Ich erinnere mich nicht, dass “Transparenz” in irgendeiner Form im Curriculum auftauchte – womöglich tat es dies, aber es war zumindest kein elementarer Bestandteil dessen, was vor fünf Jahren als Notwendigkeit in der Wirtschaftskommunikation angesehen wurde.

Und heute? Jede Aussage, jedes Produktversprechen und jedes kommunizierte Alleinstellungsmerkmal ist googlebar und lässt sich mit Informationen von Bewertungsplattformen, Onlineshops mit Bewertungsfunktion, Blogs, Twitter- und Facebook-Erwähnungen verifzieren. Produkteigenschaften sind transparenter denn je, wie ich auch momentan im Rahmen meiner Suche nach einem neuen Notebook feststelle.

Immer häufiger Frage ich mich, wer eigentlich noch all die mangelhaften Produkte kauft, die als das Beste vom Besten angepriesen werden, aber diesem Anspruch in keiner Weise gerecht werden – was sich natürlich überall im Netz nachlesen lässt.

Doch Transparenz verändert nicht nur das Marketing und angrenzende Themenfelder wie PR.

Auch Politik wird transparenter, einerseits durch das neue Element der Blogs, die neben den etablierten Nachrichtenmedien als zusätzliche Instanz ein kritisches Auge auf das Vorgehen der Politik werfen (wie beispielsweise netzpolitik.org), aber auch durch den breiten Zugang zu Informationen, der jedermann ein schnelles Überprüfen der Aussagen von Machthabern erlaubt. Und auch Whistleblower-Portale wie Wikileaks oder Videosites wie YouTube tragen zur gestiegenen Transparenz bei, einerseits durch das Aufdecken von Missständen, anderseits durch das Zugänglichmachen der Dokumentation selbiger für die breite Masse.

Transparenz macht auch nicht vor denen halt, deren Aufgabe es ist, das Handeln anderer transparenter zu machen: Journalismus in all seinen Formen – von führenden Tageszeitungen bis hin zu Nischenblogs – ist in seinen Aktivitäten durchsichtiger denn je. In fünf Sekunden können sich Leser mit Hilfe von Google News oder anderen Nachrichtenaggregatoren einen Überblick verschaffen, wer was publiziert hat, wer von wem abgeschrieben hat, und wer noch immer das behauptet, was schon vor einem Tag an anderer Stelle korrigiert wurde.

Transparenz zwingt uns alle dazu, unser eigenes Handeln kritischer zu hinterfragen. Politiker, die in ein Fettnäpfchen getreteten sind, Unternehmen, die sich einen groben Schnitzer geleistet haben, Medien, welche die Wahrheit der Quote/den Klicks geopfert haben – im digitalen Zeitalter müssen alle sehr viel eher damit rechnen, ertappt zu werden. Fehler macht jeder. Wirklich unpopulär werden sie erst, wenn der Eindruck entsteht, dass sie vertuscht oder in ihren Ausmaßen geringer dargestellt werden sollen, als sie tatsächlich sind.

Sicherlich ist es auch heute möglich, Vorfälle unter den Teppich zu kehren und sie erfolgreich der Öffentlichkeit vorzuenthalten. Doch das Risiko, dass sie irgendwann doch ans Tageslicht kommen, hat zugenommen. Und ist dies erst einmal geschehen, wird die kollektive Kenntnis darüber für immer auf Tausenden von Websites aufbewahrt.

Die Parole “Das Internet vergisst nicht” wird gerne zur Beschreibung eines Makels verwendet, da das Netz im Gegensatz zum menschlichen Gehirn Ereignisse aus der Vergangenheit nicht nach und nach verblassen lässt, sondern auch Jahrzehnte später detailgenau zu erkären weiß.

Was von Privatpersonen, deren Jugendsünden in Form von User Generated Content für immer dokumentiert und über Suchmaschinen aufgefunden werden können, vielleicht als Problem aufgefasst wird, erweist sich in anderen Bereichen des Alltags als wichtige Stärke. Denn der Mensch vergisst eben auch die Dinge, die er eigentlich bei der korrekten Bewertung von zukünftigen Ereignissen benötigt – Hintergründe über öffentliche Personen in Entscheiderrollen oder über einflussreiche Firmen, die schon einmal deutlich gezeigt haben, dass auf sie kein Verlass ist, und die trotzdem erneut auf dem Vordersitz der Gesellschaft/Wirtschaft Platz nehmen.

Heutzutage reicht es, sich ein Video auf YouTube anzuschauen, um sich das ins Bewusstsein zu rufen, was das eigene Gehirn verdrängt hat.

Transparenz hat sowohl eine Schatten- als auch eine Sonnenseite. Welche am Ende überwiegt, wird jeder ausgehend vom eigenen Wertekonstrukt anders beurteilen. Man sollte aber in jedem Fall im Hinterkopf behalten, was der Spruch “Das Netz vergisst nicht” eigentlich bedeutet. Ja, das Netz vergisst die eigenen Jugendsünden nicht. Aber da dies jeden betrifft, werden irgendwann auch von Personalchefs und Geschäftspartnern exzessive Partyfotos im Web zu finden sein, und spätestens dann wird das Thema niemanden mehr interessieren. Aber das Netz vergisst auch Ereignisse von größerer Tragweite nicht, deren Aufbewahrung und barrierefreie Zugänglichmachung im allgemeinen Interesse liegen. Und daran kann die Gesellschaft wachsen.

(Illustration: stock.xchng)

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8 Kommentare

  1. Daniel Niklaus
    schrieb am 19. Juli 2010 um 15:32 Uhr (#)

    Verzeih, dass ich nur einen Link mache: zurück ins Dorf

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. Juli 2010 um 15:37 Uhr (#)

    Im Geiste sind halt alle ein wenig Appenzeller ;)

  3. Max
    schrieb am 19. Juli 2010 um 17:40 Uhr (#)

    Ich denke auch das Web vergisst, nur dauert es schlichtweg länger. Wenn ich da z.B. an meine ersten Gehversuche bzgl. einer Internetseite schaue, so ist diese nicht mehr aufzufinden, obwohl ich sie nicht aktiv beseitigt habe.

    Natürlich ist gerade das mit den Partybildern etc. eine andere Transparenz als bei unseren Großeltern, aber auch darauf wird sich die Gesellschaft sicherlich einstellen und vermutlich abstumpfen, sodass sich Arbeitgeber danach ansonsten nicht mehr richten könnten, da so viele suboptimale Bilder, Informationen etc. öffentlich sind.(Und diejenigen, die nichts mehr gepostet haben unterstellt man eh die schlimmsten Dinge, oder?)

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. Juli 2010 um 17:43 Uhr (#)

    Und diejenigen, die nichts mehr gepostet haben unterstellt man eh die schlimmsten Dinge, oder?

    Genau, oder man unterstellt ihnen zumindest, absolute Langweiler gewesen zu sein ;)

  5. Oliver Springer
    schrieb am 19. Juli 2010 um 19:06 Uhr (#)

    Zustimmung! Die positiven Wirkungen überwiegen die negativen deutlich, zumindest für den größten Teil der Menschheit.

    Zum unvermeindlichen Beispiel mit den Partyfotos: Zumindest die eindeutig unvorteilhaften Fotos stellen die meisten Menschen nicht selbst online. Das Problem beschränkt sich also vor allem Sachverhalte, bei denen die Veröffentlichung ohne Zustimmung der abgebildeten Person sowieso illegal ist. An diesem Punkt sehe ich Handlungsbedarf.

    Ja, die Gesellschaft kann am Umgang mit der Vergangenheit wachsen. Dass muss sie aber auch, wenn das Leben erträglich bleiben soll. Und ehrlich gesagt, ich bin pessimistisch, was das Tempo angeht.

  6. Benjamin
    schrieb am 19. Juli 2010 um 23:37 Uhr (#)

    Mit dem “gut so!” sollte man meiner Meinung nach vorsichtig sein. Bleiben Informationen für immer einsehbar, mag das im ersten Augenblick Transparenz schaffen. Gefährlich wird es allerdings, wenn eine falsche Transparenz geschaffen wird – sprich: Falsche Informationen sind für immer verfügbar.

    Die falschen Informationen werden genauso verwendet wie richtige Informationen, wenn man nicht überprüft, ob sie richtig sind. Das führt zu einer Mehrzahl an Falschinformationen. Für dieses Phänomen gibt es in der Psychologie sogar einen Fachbegriff der mir gerade leider entfallen ist.

    Beispiel: Ein Medikament wurde früher als ungefährlich eingestuft und diese Information wird auf Seite A veröffentlicht. Wochen später wird dieses Medikament als gefährlich eingestuft und dies wird auf diversen Seiten publiziert. Seite A versäumt dies jedoch. Jeder der sich über das Medikament informiert und auf Seite A nachliest, wird dies auch so weitergeben. Vergessen von Informationen zwingt Menschen im Gegensatz dazu, die eigenen Informationen stets aktuell zu halten.

    1. Oliver Springer
      schrieb am 20. Juli 2010 um 17:12 Uhr (#)

      Neuere Informationen sind nicht immer besser als ältere, deshalb ein Gegenbeispiel:

      Wissenschaftler warnen auf Seite A vor den schweren Nebenwirkungen eines Medikaments. Daraufhin reagiert das Pharmaunternehmen mit einer PR-Kampagne, um durch aktuellere Beiträge zum Thema negative Berichte in den Suchergebnisseiten zu verdrängen.

      Eine Suche nach Nebenwirkungen des Medikaments listet den alten Artikel auf Seite A jedoch unten den ersten Treffern.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 20. Juli 2010 um 06:49 Uhr (#)

    Ja aber das bringt uns ganz einfach zurück zu der wichtigen Frage der Medienkompetenz.

    Die Transparenz ermöglicht Verbrauchern den Zugriff auf mehrere Quellen. Natürlich ist das Risiko, Falschinformationen zu beziehen, größer, sofern lediglich auf der von dir erwähnten Seite A nachgeschaut wird. Dazu muss ein Bewusstsein geschaffen werden.

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