Videos im Web:
Das lange Warten auf ein europäisches Hulu

Die europäische Landschaft für professionelle Videoangebote ist zersplittert, ein zentrales, hochwertiges Angebot wie Hulu fehlt. Doch trotz schlechter Rahmenbedingungen gibt es Hoffnung.

Wie viele andere Internetnutzer warte ich voller Sehnsucht auf ein europäisches Hulu. Der populäre Dienst erlaubt Nutzern mit US-IP-Adresse das kostenlose, werbefinanzierte Streaming aktueller TV-Serien und Filme im Browser oder über einen Desktop-Client. Mit Hulu Plus gibt es seit kurzem auch eine Bezahl-Variante, die unter anderem eine noch größere Videobibliothek bietet sowie den Zugriff über externe Geräte erlaubt.

Über einen internationalen Launch von Hulu wird zwar schon lange gemunkelt, geschehen ist aber bisher nichts. Während erst gestern wieder eine Meldung zu hören war, das Gemeinschaftsunternehmen von News Corp, NBC Universal und Disney stehe vor einer globalen Expansion, erklärte ein Hulu-Sprecher auf eine Anfrage von uns, dass der Service weiterhin nur für US-Nutzer zur Verfügung stehen wird, auch wenn man bestrebt sei, internationale Streamingrechte zu erwerben, was jedoch ein aufwändiges Unterfangen sei.

Der europäische Markt für Videosites mit professionellem Content ist genau das Gegenteil zur Zentrallösung Hulu: Neben der geografischen Zersplitterung mit vielen nationalen Anbietern kochen Video-on-Demand-Portale und Fernsehsender jeweils ihr eigenes Süppchen, statt eine gemeinsame Lösung anzubieten. Hinzu kommt die Problematik der Synchronisation – wer gerne Programme im Originalton schaut, kommt bei den meisten Anbietern im deutschsprachigen Raum nicht weit.

Ein geeintes Europa braucht eine zentrale Lösung, die nicht sofort auf Geoblocking setzt, sobald man auf Geschäfts- oder Urlaubsreise ins Nachbarland fährt. Europa braucht eine benutzerfreundliche Lösung, welche die Serien- und Filmhighlights aus den USA mit den nationalen Programmperlen kombiniert – und das sowohl im Originalton mit Untertiteln als auch synchronisiert.

Doch der Weg dahin ist steinig. Bertram Gugel ist Experte für digitalen Film und ein Kenner der Branche. Ich habe ihn gefragt, warum es in Europa (oder zumindest in einzelnen Ländern) bisher keinem Unternehmen gelungen ist, eine wirklich ernst zunehmende, zukunftsweisende zentrale Plattform für professionelle Videoinhalte auf die Beine zu stellen.

Seiner Ansicht nach sind für ein solches Projekt zwei Dinge zwingend erforderlich: Die Verpflichtung der Contentpartner zu einem solchen Vorhaben sowie die Fähigkeit, unabhängig und schnell Entscheidungen zu treffen. Seine Problemanalyse in Hinsicht auf bisherige Vorstöße von europäischen Startups: “Die Verhandlungen haben sich endlos hingezogen und mit jedem weiteren Beteiligten hat sich die Komplexität potenziert, so dass am Ende wohl nicht mehr viel von einem attraktiven Service übrig geblieben ist.”

Gugel hält es aufgrund der komplizierten Rechtelage fast für unmöglich, dass ein Startup ein Hulu-Modell allein aufzieht: “Alle Startups, die nicht wie Hulu die Unterstützung der großen Rechteinhaber hatten, sind wie Joost oder Veoh wieder von der Bildfläche verschwunden. Europa fehlt ein Katalysator, der den Startup-Geist auf der einen Seite mit dem Backing und den Ressourcen der Contentpartner auf der anderen Seite zusammen bringt, um ein europäisches Hulu zu starten.”

Hulu hingegen hatte 100 Millionen Dollar Risikokapital. Branchenkenner Gugel glaubt nicht, dass jemand in Europa bereit wäre, eine solche Summe zu investieren und gleichzeitig dem Management des fiktiven Dienstes derartig viele Freiheiten zu lassen, wie sie Hulu-CEO Jason Kilar genoss.

Ganz hoffnungslos ist die Lage allerdings nicht. Kürzlich stellten wir Voddler vor, einen schwedischen Dienst zum Gratis- und Bezahlstreaming von Filmen, der mittlerweile immerhin in den vier großen nordischen Ländern verfügbar ist und laut eigener Aussage in diesem Jahr in mindestens noch einem weiteren Land an den Start gehen möchte.

Fast noch beeindruckender ist jedoch, was dem Schweizer Startup Acetrax gelungen ist: Das Unternehmen fokussiert sich zwar im Gegensatz zu Voddler bisher “nur” auf kostenpflichtiges Streaming oder Herunterladen von Filmen, aber bietet diesen Dienst immerhin schon in sieben europäischen Ländern an, nämlich in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Italien, Großbritannien und Irland.

Wer bei Acetrax einen Film anschauen möchte, kann dies entweder in einer synchronisierten Fassung oder im Orginalton tun. Die kleine Firma mit acht Mitarbeitenden tüfftelt momentan auch daran, Acetrax auf Hardware-Geräte zu bringen. So haben einige neue Fernseher-Modelle von Panasonic Acetrax als VoD-Service integriert.

Acetrax ist es gelungen, sich die europäischen Online-Rechte für Spielfilme und Serien aller größeren Hollywood-Studios zu sichern. Das Schweizer Unternehmen hat damit beste Voraussetzungen, die zentrale VoD-Plattform für Europa aufbauen, die bisher fehlt – und damit womöglich Hulu zuvor zu kommen.

Acetrax-Gründer und -CEO R. Uwe Placzek formulierte die Herausforderungen für einen länderübergreifenden Videoanbieter in Europa folgendermaßen:

“Die größte Voraussetzung bei so etwas ist es, die Content-Verträge mit Hollywood zu kriegen, sie bezahlen zu können, alles in einer Plattform abzubilden (verschiedene Länder, Sprachen, Rechte, Währungen, VAT, Release Windows, Preise, Vertriebskanäle…) und das Angebot erfolgreich in den Massenmarkt zu bringen.” Nicht ohne Stolz ergänzt er: “All das haben wir gelöst.”

Placzek ist überzeugt davon, dass ein europaweit agierender Anbieter nationalen Services in Sachen Effizienz, Kosten, Angebot, Reichweite und Umsatzpotenzial deutlich überlegen ist – sobald sämtliche Anfangshürden genommen sind.

Es scheint also, als kommt trotz der widrigen Umstände Bewegung in den Markt. Und das Hoffen auf ein Hulu-Pendant für Europäer geht weiter.

(Foto:stock.xchng)

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