Anhörung der Enquete-Kommission zur Netzpolitik:
Die besten Zitate

Am Montag trafen Bundestagsabgeordnete der Enquete-Kommission zur Netzpolitik auf IT- und Internet-Experten, um Antworten auf Fragen zur Auswirkung der Digitalisierung auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu erhalten. Hier sind die besten Zitate.

Wir hatten gestern bereits auf die Aufzeichnung der Anhörung der Enquete-Kommission zur Netzpolitik hingewiesen. Am Montag trafen die Bundestagsabgeordneten und Sachverständigen der Arbeitsgruppe “Internet und digitale Gesellschaft” auf eine Reihe von ausgewiesenen Internet- und IT-Experten, um die Gelegenheit zu nutzen, Antworten auf drängende Fragen rund um die Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu erhalten.

Ich habe mir im Laufe des gestrigen Tages das fast vierstündige Video der Anhörung angeschaut und mich entschieden, die besten Zitate der Experten hier zu veröffentlichen. Ich verzichte also auf Kritik und picke mir stattdessen die Rosinen heraus, also die Äußerungen, die mir beim einmaligen Anschauen sofort positiv auffielen und meines Erachtens nach für die weitere Gestaltung der digitalen Gesellschaft eine wichtige Rolle spielen.

Trotz seiner Länge würde ich die Aufzeichnung im Übrigen allen empfehlen, die sich auch nur annähernd mit der Digitalisierung beschäftigen und hoffe, dass sich ausnahmslos jeder, der in irgendeiner Form politisch aktiv ist, die Anhörung zu Gemüte führt!

Gestern Abend fiel es mir dann sogar richtig schwer, das noch nicht beendete Video zu pausieren, um zum WM-Halbfinale zu wechseln. Insofern kann man wohl von einer gelungenen Veranstaltung sprechen, die von einer äußerst konstruktiven Stimmung geprägt war und den erstrebenswerten Eindruck hinterlässt, dass alle Beteiligten tatsächlich im selben Boot sitzen. Hoffentlich stimmt dieser Eindruck!

Es folgen meine persönlichen Highlights in Zitatform:

“Je freier die Geschäftsmodelle im Internet sein werden, umso mehr kann damit Geld verdient werden. Diese Lektion haben leider unsere Unternehmen noch nicht gelernt, sondern versuchen, durch Verknappungsformen ihre Ressourcen möglichst dicht zu halten.”
Prof. Dr. Rainer Kuhlen, Lehrstuhl für Informatik und Informationswissenschaft, Universität Konstanz, ab Minute 39

“Vergessen wir mal Nationalstaatlichkeit im Web. (…) Die Lingua Franca ist Englisch und das müssen wir akzeptieren lernen.”

“Medienkompetenz/-kunde wäre ein wunderbares Schulfach, doch leider haben wir keine Lehrer dafür. Wenn wir Bildungspolitik betreiben wollen, müssen wir an den Hochschulen endlich bessere Lehrer ausbilden.”
Prof. Dr. Jörg Müller-Lietzkow, Institut für Medienwissenschaft der Universität Paderborn, ab Minute 45

“Wir sollten die Politik dazu auffordern, dass sie nicht weiter versucht, Datenschutzskandale krimineller Art zu nutzen, um daraus eine Verschärfung der Datenschutzbestimmungen zu machen. Wenn Leute in einem Unternehmen Daten klauen, können wir noch so viele Gesetze machen. Es ist auch verboten, eine Bank zu berauben, und trotzdem passiert’s.”

“Wir müssen junge Unternehmer, die etwas Tolles erfinden, wie Popstars behandeln und in den Medien herausstellen. Wir müssen eine Atmosphäre schaffen, so dass Entrepreneurship wieder als etwas gilt. Das beginnt in den Schulen, wo Unternehmerdasein heute als etwas Ausbeuterisches, Negatives dargestellt wird.”
Peter-J. Bisa, TACTUM GmbH, ab Minute 58

“Bitte verzichten Sie auf den dummen Begriff des ‘geistiges Eigentums’. Der kommt aus der Diskussion etwa 1810 bis 1830, als die Preussen einen Kampfbegriff brauchten, um das Urheberrecht zu pushen. (…) Das Ding heißt ‘Immaterialgüterrecht’, das ist die übergeordnete, neutrale Formulierung.
Prof. Dr. Thomas Hoeren, Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, ab Minute 90

“Wir Deutschen machen uns viel zu viele Sorgen um das, was schiefgehen kann. Ich habe selber eine Firma gegründet, die nicht funktioniert hat, aber danach einfach wieder eine neue gestartet. Unternehmertum bedeutet Chancen wahrnehmen und Chancen sehen. Das Internet ist eine der größten Innovationsmöglichkeiten, die wir haben, wo sie unendlich viele Geschäftsmodelle entwickeln können.”

“In Europa fehlt wohl einfach der Mut, zu gründen. Unternehmertum ist auch nicht sexy genug. Hier ist die Politik gefragt, eine Art Viagra für Unternehmertum zu entwickeln. Was wir brauchen, ist weniger Regulierung und mehr Vertrauen in unternehmerisches Handeln, sowie mehr Vertrauen in die Möglichkeiten des Internets.”
Lars Hinrichs, Gründer von Xing, heute Cinco Capital GmbH und HackFwd, ab Minute 101

“Es entstehen neue normative Verständnisse von dem, was privat und was öffentlich ist. Dieser Diskussion muss man sich stellen und nicht die Datenschutzdiskussion so stark defensiv betreiben, wie wir es in der Vergangenheit gemacht haben. (…) Wir müssen mehr dafür Sorge tragen, dass das neue Verständnis von Datenschutz und Privatheit sowie eine neue Form von Liberalität sich besser durchsetzen können und nicht starr am bürgerlichen Ideal des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts festhalten.
Prof. Dr. Rainer Kuhlen, Lehrstuhl für Informatik und Informationswissenschaft, Universität Konstanz, ab Minute 144

“Die Gemeingüter Wissen und Information sind – wenn man diesen Begriff überhaupt verwenden will – Eigentum von uns allen. Wenn man Kommerzialisierungsformen entwickelt – was man muss, denn unsere Wirtschaft lebt von dem Produktivfaktor Wissen und Information – dann kann das nicht als exklusive Aneignung geschehen, die durch ein Verknappungsprinzip den freien Umgang damit verhindert, sondern es muss genug für alle anderen übrig bleiben. Wenn es kommerzialisiert wird, muss es mit Kompensationsformen an die Öffentlichkeit geschehen.”
Prof. Dr. Rainer Kuhlen, Lehrstuhl für Informatik und Informationswissenschaft, Universität Konstanz, ab Minute 160

“Wir haben nicht nur ein rechtliches Problem, sondern auch ein kulturelles Problem. (…) Kultur ist etwas, das man über lange Zeit wachsen lassen muss, wo man aber nicht hilflos ist, dass es entsteht. Wir brauchen eine andere Form von Pädagogik, Pisa darf nicht mehr das Kriterium von Leistung sein. Wir brauchen andere Formen von Fort- und Ausbildung auch in den späteren Bereichen. Wir müssen lernen, dass Netzwerke intelligent sind und dass es da einen Added Value gibt.”
Prof. Dr. Peter Kruse, nextpractice GmbH, ab Minute 199

“Wir haben eine Regelung, in der steht, dass Universitätsbibliotheken nur so viele Bücher digital an einem Leseplatz freigeben können, wie sie in Papierform haben. Das sind Regelungen, mit denen keiner zufrieden sein kein.”
Prof. Dr. Thomas Hoeren, Institut für Informations-, Telekommunikations- und Medienrecht der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, ab Minute 218

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8 Kommentare

  1. Bastian Nutzinger
    schrieb am 7. Juli 2010 um 12:59 Uhr (#)

    Oho, ich bin positiv überrascht.
    Wenn dir von dir dargestellten Zitate auch nur ansatzweise Repräsentativ für diese Veranstaltung waren, muss ich mir das unbedingt auch mal ansehen/anhören.

    Kann es sein? Ist doch noch nicht alles verloren im Lande .de?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 7. Juli 2010 um 13:03 Uhr (#)

    Naja es sind natürlich meine persönlichen Highlights, insofern vielleicht nicht komplett repräsentativ. Aber ich würde durchaus sagen, dass auch die restlichen Stellungnahmen der Experten tendenziell in diese Richtung gingen.

    Es ist in der Tat schön, dass man als Sachverständige nicht Leute ausgesucht hat, die der Politik das sagen, was sie hören will.

  3. Kenubajuk
    schrieb am 7. Juli 2010 um 15:06 Uhr (#)

    Spitze, sollte ich auch nochmal mit meinen Lieblieblingszitaten machen. Hab das ganze Live gesehen und war ebenso beeintruckt von der Qualität der Redebeiträge.

    Falls jemand weiß wo oder wie man die Sitzungsmitschnitt herunterladen/bekommen kann, oder ihn irgendwo im Netz findet, bitte bescheid sagen.
    Würde gern einen VideoBeitrag mit den Zitaten erstellen.

    1. N. Hillmanns-Weis
      schrieb am 8. Juli 2010 um 08:26 Uhr (#)

      Wir als Sekretariat der Enquete interessieren uns für Ihren Video-Beitrag über die Sitzung. Wenn Sie ihn fertig gestellt haben, würden wir uns über einen Hinweis an enquete.internet@bundestag.de freuen. Im Gegenzug informieren wir sie dann, wenn wir das schriftliche Ergebnis-Protokoll fertig haben:)
      Besten Dank.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 7. Juli 2010 um 15:07 Uhr (#)

    Ist ganz am Anfang des Artikels verlinkt. Kannst streamen oder die 3,5 Gig-Datei runterladen :)

    1. Kenubajuk
      schrieb am 7. Juli 2010 um 15:13 Uhr (#)

      Cool, gestern war der DownloadLink noch nicht da.

      Na dann werd ich mich mal ans Schnippeln Schnappeln.

    2. Kenubajuk
      schrieb am 7. Juli 2010 um 15:29 Uhr (#)

      Achso, ich hätte auf der BundestagsHomepage unter “Dokumentationen” suchen müssen, alles klar.

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