Journalismus im Netz:
Warum Tageszeitungen von offenen Schnittstellen profitieren

Martin Weigert, 26. Mai 2010 08:44 Uhr, 8 Kommentare Kommentare

Nach der New York Times veröffentlicht auch die britische Tageszeitung The Guardian offene Schnittstellen und erlaubt sogar die kommerzielle Nutzung. Ein kluger Schritt, der Nachahmer sucht.

In der Welt des Onlinejournalismus zeichnet sich ein entscheidender Wandel ab: Statt ihre Inhalte für sich zu behalten und ausschließlich innerhalb der eigenen Webangebote zu publizieren, öffnen Nachrichtenangebote über Schnittstellen (API) ihre Content-Datenbanken und geben Drittanbietern Zugriff auf diese.

Vorreiter war die New York Times, die seit dem Herbst 2008 schrittweise mehrere Schnittstellen veröffentlicht hat, die externe Websites das Wissen des Traditionsblatts anzapfen lassen. Bis auf einige Ausnahmen sind die APIs des US-Angebots jedoch ausschließlich für nicht-kommerzielle Zwecke zugelassen und auf 5000 API-Abrufe täglich begrenzt.

Wer eine nicht auf Gewinn ausgerichtete Webpräsenz betreibt, kann mit Hilfe der APIs unter anderem im Archiv der New York Times suchen (zurückgehend bis 1981), Überschriften und Absätze zu Beiträgen anzeigen lassen, Leser-Kommentare und Reviews importieren, Bestseller-Listen automatisch beziehen oder auf Daten zu Immobilienangeboten zugreifen, nur um einige Beispiele zu nennen.

Die britische Tageszeitung The Guardian geht nun einen Schritt weiter und hat dieser Tage ihre Open Platform offiziell gestartet, mit der auch kommerzielle Anbieter die Inhalte des Blatts frei verwenden dürfen.

Anders als die New York Times erlaubt der Guardian den API-Zugriff auf vollständige Artikel – zumindest dann, wenn Entwickler vorher die Erlaubnis und eine Authentifizierung für die API einholen. Wer nur mal so ausprobieren möchte, wozu die Open Platform des Guardian fähig ist, und keinen so genannten API-Schlüssel anfragen möchte, kann mit den Überschriften und Metadaten der Zeitungsartikel beginnen.

Wer ganze Texte der britischen Zeitung in externen Anwendungen einbauen will, hat dafür zwei Optionen: Entweder gestattet man dem Guardian, die bezogenen Inhalte mit Werbung auszuschmücken und die Einnahmen daraus einzubehalten – eine zusätzliche Vermarktung durch Content-Bezieher ist zugelassen – oder man geht eine Geschäftsbeziehung ein, bezahlt die 1821 gegründet Tageszeitung also für den werbefreien Zugriff auf die Guardian-Schnittstellen.

Anderen Diensten und Unternehmen zu gestatten, die teuer erstellten Inhalte und mühsam recherchierten Informationen auf beliebige Art und Weise weiterzuverwenden, ist in der Welt des Journalismus nichts Geringeres als ein Paradigmenwechsel. Doch während manche Vertreter der Medienbranche schon Probleme damit haben, dass Nachrichtenaggregatoren Überschriften und die ersten drei Zeilen ihrer Artikel auflisten und zur Quelle verlinken, scheint man in London erkannt zu haben, dass sich durch die Plattform mehr gewinnen als verlieren lässt – gerade auch, weil man einer der Ersten ist, der diesen Schritt wagt.

Welche Anreize haben die Britten, Drittanwendungen das Anzeigen vollständiger Guardian-Inhalte zu erlauben?

1. In der simpelsten Variante, für die kein vom Guardian auf Anfrage verteilter API-Schlüssel notwendig ist, lassen sich Überschriften und Meta-Daten zu Artikeln beziehen. Das bringt der Zeitung eingehende Links, die anschließend zu Werbeeinnahmen und anderweitiger, indirekter Monetarisierung führen (z.B. Print-Abo).

2. In der mittleren Variante liefert die Guardian-API komplette Inhalte, die mit Anzeigen versehen werden. Hier generiert das Blatt direkte Werbeumsätze. Bei GigaOm gibt es zu diesem Punkt eine sehr wichtige Anmerkung: Ein Guardian-Artikel über die Fußballmannschaft von Arsenal London, der über die API auf einer Arsenal-Fanseite integriert wird, könnte dort aufgrund der perfekten Zielgruppenübereinstimmung für deutlich höhere Vermarktungsumsätze sorgen als auf der Website des Guardian. Ein äußerst wichtiger Aspekt!

3. Die dritte Variante bietet einen werbefreien API-Zugriff und sorgt für direkte Umsätze, da Angebote, die diese Option nutzen möchten, dafür mit dem Guardian eine geschäftliche Vereinbarung abschließen und bezahlen.

Doch was spricht eigentlich gegen eine offene Plattform, wie sie die in London ansässige Zeitung gerade präsentiert hat? Eventuell gehen dem Blatt auf der eigenen Domain guardian.co.uk einige Besucher verloren, denn immerhin könnte ein Entwickler unter anderer Adresse eine alternative Oberfläche für die Site entwickeln, inklusive aller Beiträge. Doch das würde dem Guardian gleichzeitig Werbeeinnahmen oder direkte Umsätze bescheren, zudem dürften Links aus extern über die API bezogenen Überschriften zu Guardian-Beiträgen den möglichen Besucherschwund ausgleichen.

Weitere Probleme könnten im Bereich des Urheberrechts liegen, sofern Autoren dagegen protestieren, dass ihre Inhalte überall im Netz verstreut werden. Und natürlich erfordert eine derartige Plattform nennenswerte Investitionen in die Entwicklung sowie den Unterhalt – wer APIs anbietet, sollte besser sicherstellen, dass diese dann auch immer verfügbar sind, selbst bei großem Andrang.

Trotz einiger Bedenken ist davon auszugehen, dass der Schritt für ein etabliertes Haus wie den Guardian die richtige Entscheidung ist. Mit einer offenen Plattform erlaubt die Tageszeitung Entwicklern und Nutzern rund um den Globus, vom reichen Fundus an Wissen, Daten und Know-how des Guardian zu profitieren, und erhöht gleichzeitig ihre Reichweite, Vermarktungsmöglichkeiten sowie die Zahl der Erlöse generierenden Partnerschaften.

Im deutschsprachigen Raum gibt es meines Wissens nach noch keine Zeitung, die derartige Schnittstellen anbietet. Auch wenn durch den im Vergleich zur englischen Sprache kleineren Markt das Potenzial bzw. die maximale Reichweite eines solchen Angebots geringer ist, dürfte gerade für den “First Mover” hier einiges zu holen sein – sofern die Qualität der Inhalte und APIs stimmt, versteht sich.

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8 Kommentare

  1. Bastian Nutzinger
    schrieb am 26. Mai 2010 um 09:31 Uhr (#)

    Ich finde das ist eine brillante Idee und hoffe das the Guardian damit erfolgreich ist.
    Ich sehe das so: Das Kerngeschäft einer Zeitung sind Nachrichten. Nicht der Druck auf Papier, die Verteilung in den Briefkasten oder auch über digitale Medien, über Webseiten oder iPhone Applikationen. Dadurch, dass the Guardian sich nun auf diesen Teil, das Erstellen von Nachrichten konzentriert und einen Weg gefunden hat über den Sie die Inhalte (hoffentlich) monetarisieren kann, müssen sie sich keine Sorgen mehr um die Distribution machen und können das getrost anderen überlassen.

  2. Jörn Steinz
    schrieb am 26. Mai 2010 um 10:35 Uhr (#)

    Zudem ist zu erwarten, dass sich mit dem Schritt die Qualität des Journalismus allgemein erhöhen sollte. Denn wenn Inhalte zunehmend frei verfügbar werden, wird die Qualität jedes einzelnen Artikels der entscheidende Wettbewerbsvorteil werden (im Gegensatz zur Tageszeitung in dem die Zeitung als Gesamtwerk ein Produkt bildet).

    Jörn
    http://www.strongquickly.com/

  3. Martin Hitz
    schrieb am 26. Mai 2010 um 10:50 Uhr (#)

    Das amerikanische National Public Radio (NPR) tut dies ebenfalls bereits seit 2008 – offenbar mit einigem Erfolg:

    “In the six months of tracking stories delivered, the NPR API has delivered almost five billion stories. Last month alone, it pushed out over 1.1 billion.”

    (http://npr.org/blogs/insi…pi-usage-and-metrics)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 26. Mai 2010 um 17:12 Uhr (#)

      Ah thx!

    2. Schreibt hier auf dem Blog Markus Spath
      schrieb am 26. Mai 2010 um 18:30 Uhr (#)

      siehe auch http://netzwertig.com/201…-npr-paperc-groupon/ ;)

  4. Harald Link
    schrieb am 26. Mai 2010 um 11:54 Uhr (#)

    Wenn die Nachricht relevant ist, findet sie den Nutzer – es ist konsequent und richtig, sie deshalb von der eigenen Veröffentlichungs-Plattform zu lösen.
    Bin gespannt, wann ein deutscher Verleger sich einem solchen Schritt zutraut. Mein Tipp: Sie werden erst mal Zeter und Mordio schreien.

  5. Carsten Pötter
    schrieb am 26. Mai 2010 um 19:55 Uhr (#)

    Eigentlich ist es wenig überraschend, dass solche APIs vom Guardian kommen. Schaut man sich an, welche Entwickler in UK über APIs, offene Standards, etc. bloggen, stellt man sehr schnell fest, dass die Mehrheit beim Guardian oder der BBC beschäftigt ist oder irgendwann einmal war. Das lässt den Schluss zu, dass Medien in UK – sicherlich nicht alle – überhaupt erst mal technischer denken als beispielsweise deutsche, ihren Entwicklern Freiräume lassen und vor allem deren Ideen auch umsetzen.

    Bei einigen US Medien ist das ähnlich; New York Times und NPR wurden bereits erwähnt. So ist der CTO der New York Times – Marc Frons – Community Board Member der OpenID Foundation. Gleiches gilt für Daniel Jacobson, der Director of Application Development bei NPR ist. Gibt es solche Positionen überhaupt bei deutschen Medien?

  6. Theodor Mosh
    schrieb am 27. Mai 2010 um 20:47 Uhr (#)

    Klingt vernünftig und ist ein richtiger Schritt, damit traditionelle und online Medien eines Tages Hand in Hand gehen.
    Traurig macht mich bei diesem Thema nur diese Geschichte.

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