Interview mit Cornelius Rabsch zum Ende von Tagcrumbs:
“Stillstand ist der Tod”

Tagcrumbs, ein deutscher Dienst mit orsbasierter Komponente, schließt wie berichtet seine Pforten. Im Interview gibt Mitgründer Cornelius Rabsch Einblick in das, was hinter den Kulissen geschah.

Wie berichtet schließt die ortsbezogene Community Tagcrumbs ihre Pforten. Noch im April erwähnten wir den Dienst als eines der 33 Startups aus dem deutschsprachigen Raum, die man im Blick behalten sollte. So schnell kann es gehen…

Tagcrumbs war ein Location Based Service (LBS), bei dem jeder interessante Plätze beschreiben, merken und mit Freunden teilen konnte, vom stationären Rechner sowie vom Smartphone.

Nun also das plötzliche Ende. Was lief schief? Wir sprachen mit Cornelius Rabsch, neben Benedikt Foit und Sascha Konietzke Mitbegründer von Tagcrumbs, über die Ursachen für die Schließung, die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Betrieb eines Startups sowie die Herausforderungen für ortsbasierte Social Networks.

Warum habt ihr euch dazu entschieden, Tagcrumbs zu schließen?
Der Hauptgrund lag in strategischen Differenzen im Gründerteam, die auftraten, als wir die fehlenden Monetarisierungsmöglichkeiten der Tagcrumbs “Place Community” durch Lösungen für Firmenkunden ergänzen wollten. Der Schritt von einem auf Reichweite aufbauenden Community-Modell mit Werbung als Einnahmequelle zu Produkten mit größerer Dienstleistungskomponente war eine kontroverser, aber als notwendig angesehener Richtungswechsel. Bei nur drei Personen operativ in der Unternehmung und auseinandergehenden Visionen war dieses Unterfangen nicht zu stemmen.

Hinzu kamen finanzielle Engpässe, die uns darin eingeschränkt haben, Dinge schneller auszuprobieren. Letztendlich gab es also genug Gründe, einen Schlußstrich zu ziehen und lieber frisch durchzustarten. Ein tränendes Auge bleibt natürlich bei jedem von uns, da wir die zahlreiche Unterstützung und das viele positive Feedback in keine nachhaltige Firma umwandeln konnten.

Wann ging Tagcrumbs an den Start, welche Meilensteine wurden erreicht, und wann kamen erste Zweifel bei euch auf?
Im Februar 2009 war die Webseite online, von Beginn an auf Englisch und Deutsch, es folgten Facebook Connect- und OpenID-Integration, offene API mit Lese- und Schreibzugriff, ein komplettes Redesign (Dez ’09), eine iPhone und Android App (Feb ’10), ein Apple AppStore-Feature und eine Techcrunch-Erwähnung, Widgets und vieles mehr.

Zweifel am Einnahmemodell kamen erstmalig im dritten Quartal 2009 auf, woraufhin wir den Businessplan an die neue Strategie angepasst haben. Ab diesen Zeitpunkt haben wir drei Gründer auch zum ersten Mal alle Vollzeit an dem Projekt gearbeitet. Davor waren wir lange in verschiedenen Ländern verteilt und es gab viel “Remote-Working”.

Unter welchen Voraussetzungen hättet ihr Tagcrumbs fortgeführt?
Das Produkt hätte mehr Resonanz benötigt, um uns Bestätigung zu geben, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Natürlich hätten erste geringe Einnahmen auch diese Bestätigung gegeben, unabhängig der Reichweite. Der Markt für mobile soziale Netzwerke und ortsbasierte Dienste ist sehr umkämpft. Große Marktteilnehmer wie Google, Facebook und Foursquare dominieren hier und entwickeln sich mit beeindruckender Geschwindigkeit weiter. Es ist daher ein schwieriger Markt für eine Firma, die aus dem Studium heraus gegründet wurde.

Welches sind deine zwei wichtigsten Erkenntnisse aus dem Projekt “Tagcrumbs”?
Erstens halte ich es für essenziell, unabhängig von aktuellen Trends und Hypes in der Startupwelt nicht die Grundregeln der Betriebswirtschaft zu vergessen! Es ist meiner Ansicht nach wichtig, möglichst von Anfang an erste Einnahmen zu erzielen, selbst wenn diese äußerst gering sind. Viele Gründer und Investoren sehen das allerdings anders. Zweitens: Eine Firma macht nicht nur ein Produkt oder einen Service aus, sondern auch dessen Vermarktung. Marketing, PR, Vertrieb und Firmenentwicklung im Ganzen müssen zusammenpassen.

Hättest du zurückblickend Dinge anders gemacht?
Sehr viele Dinge. Die Gründung eines Startups ist ein kontinuierlicher Lernprozess und am Ende ist man immer schlauer. Zurückblickend bin ich trotzdem sehr stolz auf das, was wir erreicht haben, und sehe meine neue Tätigkeit (siehe unten) als eine erfolgreiche Konsequenz aus der Gründung von Tagcrumbs. Stillstand ist der Tod…

Wie viel Geld habt ihr in Tagcrumbs investiert?
Rund 12.000 bis 15.000 Euro, plus Lebenshaltungskosten.

Welchem Location Based Service rechnest du die größten Chancen zu, international und im großen Stil den Durchbruch zu erzielen?
SimpleGeo ist eine spannende Firma, die die Infrastruktur für LBS anbieten, also hochskalierbare Datenbanken für immer mehr Echtzeit-Geodaten, plus viele weitere Services, um die LBS-Entwicklung und -Monetarisierung zu vereinfachen. SimpleGeo hat die Probleme im Markt erkannt und schnell ein kompetentes Team aufgebaut.

Für Endkunden zieht Foursquare wohl sein Ding durch, ein interessantes vielseitiges Produkt, das sehr medienwirksam kommuniziert wird. Damit baut Foursquare erfolgreich die Reichweite auf, um langfristig bei Usern eine tägliche Nutzung zu erreichen sowie immer bessere Kooperationen und Features anbieten zu können, die sich von Social Networks wie Facebook unterscheiden. Der deutsche Markt ist für diese Check-In LBS, die auf Smartphones setzen, schwieriger anzugehen, da iPhone und Android hier (noch) nicht so starke Marktanteile haben.

Was ist die größte Herausforderung von Location Based Services?
Differenzierung! Facebook, Foursquare, Friendticker, Qype, Aka-Aki, Latitude, Google Maps, Tagcrumbs, Aloqa… Sie teilen alle viele Features und lösen gleiche Probleme und sind daher aus Endkundensicht nur schwer einzuordnen.

Der “Local Mobile Shopping” Bereich ist spannend, also mobile Gutscheine und Angebotssuche, angefangen von Groupon/Citydeal über Friendticker, Woabi/Barcoo bis zu kaufDA (mein neuer Arbeitgeber). Hier liegt die größte Herausforderung darin, Händler und Diensteanbieter mit ins Boot zu holen, um selber attraktiv genug für Endkunden zu sein.

Was genau wirst du bei kaufDA machen?
Ich wurde als VP Mobile Devices angestellt und bin mitverantwortlich für die Produktkonzeption und Softwareentwicklung für iPhone, iPad und Android. Ich halte das für eine sehr herausfordernde und spannende Aufgabe, die auch aufzeigt, welche Rolle der mobile Markt für immer mehr Webstartups einnimmt. Mit über 150.000 Downloads der kaufDA-App in Deutschland nach nur drei Wochen zeigt sich auch ein großer Bedarf für die lokale Angebotssuche. kaufDa ist damit ein idealer Arbeitgeber, um auf meinen Erfahrungen aus Tagcrumbs im Mobile-Bereich aufzubauen. Und ist zum Glück auch in Berlin ansässig. ;)

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2 Kommentare

  1. AndreasEbert
    schrieb am 24. Mai 2010 um 17:55 Uhr (#)

    Hallo Cornelius,

    schade schade schade….. Trotzdem viel Erfolg und Spass beim neuen Job.
    Grüße, Andreas

  2. phil
    schrieb am 18. April 2012 um 13:48 Uhr (#)

    Ja, schade, vor allem wenn man sieht dass ein Primus wie SpOn 2 Jahre später das anstartet u. vermutlich erfolgreich wegen hoher Marktpräsenz von SpOn selbst…
    die Frage ist ja immer ob es genug “Fütterer” gibt die in diese Services Inhalte liefern (wollen)…
    http://www.spiegel.de/reise/karte/

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