Docs.com:
Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Microsoft

Mit Docs.com bietet Microsoft Privatanwendern die Möglichkeit, Office-Dokumente online zu bearbeiten. So zaghaft der Vorstoß auch ist, so hoch muss man ihn Microsoft anrechnen.

Viele Jahre hat Microsoft seinem Rivalen Google Zeit gelassen, in Ruhe ein vollständiges Gratis-Office-Paket in der Cloud zu entwickeln. Zu groß war die Furcht der Redmonder, ihre zuverlässige Erlösquelle Microsoft Office durch eine kostenlose Online-Variante zu kannibalisieren.

Doch mittlerweile kann sich auch Microsoft dem Trend hin zum Cloud Computing nicht mehr verschließen: Vor knapp zwei Wochen schickte es Docs.com in geschlossener Beta-Phase ins Rennen, eine abgespeckte und kostenlose Version von Microsoft Office, die vollständig im Browser läuft.

Docs.com ermöglicht Nutzern grundlegende Office-Aktivitäten, ohne dass sie dazu die Desktop-Software von Microsoft besitzen müssen. Sie können Word-, Excel- oder PowerPoint-Dateien von der Festplatte hochladen oder neu anlegen und diese anschließend direkt im Browser bearbeiten. Dafür stellt Microsoft auf Docs.com die gängigsten Funktionen zum Formatieren zur Verfügung. Die Benutzeroberfläche ist stark an die der Desktop-Suite angelehnt. Dokumente lassen sich via Docs.com über das lokal installierte Microsoft Office-Programm öffnen, sofern vorhanden.

Microsoft hat sich entschieden, Docs.com eng mit Facebook zu verknüpfen – an dem das Unternehmen auch einen geringen Anteil besitzt. Im Klartext bedeutet dies, dass derzeit nur User mit einem Facebook-Konto Zugang zu Docs.com erhalten. Dazu authentifiziert man sich bei Docs.com über OAuth mit seinen Facebook-Benutzerdaten. Anschließend heißt es abwarten, bis eine E-Mail eintrifft, die über die Freischaltung für die Beta-Phase informiert. Bei mir dauerte dies ungefähr eine Woche.

Die enge Integration mit Facebook zeigt sich auch bei den Kollaborations- und Sharing-Features: Dateien lassen sich mit anderen Facebook-Anwendern teilen und gemeinsam bearbeiten. Nach dem Login zeigt Docs.com nicht nur die eigenen Dokumente an sondern auch die von Facebook-Kontakten geteilten. Ich erinnere mich zwar nicht daran, schon jemals das Bedürfnis gehabt zu haben, eine Office-Datei mit Facebook-Freunden zu teilen und zu bearbeiten, aber vielleicht ändert sich dies ja in Zukunft.

Google Docs und Docs.com gegenüberzustellen, erscheint fast schon unfair. Während der Google-Dienst einen Großteil der von Microsofts Office-Programmen bekannten Funktionen enthält und nur in einzelnen, teilweise sehr fortgeschrittenen Anwendungsbereichen Schwächen aufzeigt, fehlt es Docs.com im Prinzip an allem, was über die primitivsten Operationen hinausgeht.

Das fängt bei der Begrenzung auf Microsofts eigene Dateiformate an (Google Docs zeigt sich da deutlich flexibler), geht über zahlreiche bei Docs.com fehlenden Formatierungsprozesse und endet beim Fehlen des von mir bei Google Docs sehr geschätzten Überarbeitungsverlaufs.

Deshalb aber Docs.com ein negatives Urteil auszustellen, wäre falsch. Denn das neue Angebot hat natürlich in keiner Weise das Ziel, Usern den Einsatz der Desktop-Suite abzugewöhnen. Es ist Microsofts erster zaghafter Versuch, den Wandel von lokalen zu cloudbasierten Services mitzumachen, ohne dabei seine Cash-Cow – die in Form von Microsoft Office 2010 in den Startlöchern steht – in allzu große Gefahr zubringen. Mit “Microsoft Office Web Applications” läuft derzeit noch ein ähnlicher, aber stark begrenzter Beta-Test.

Insofern muss man Microsoft hoch anrechen, dass es erstmalig Privatanwendern Online-Zugang zu Grundfunktionen seiner Office-Software gibt, ohne dafür Geld zu verlangen. Stattdessen erhält es durch die Integration mit Facebook “lediglich” demografische Daten sowie Angaben über das Nutzerverhalten. Vielen Facebook-Mitgliedern wird das wie ein fairer Deal erscheinen.

Am Ende besteht die Chance, dass Docs.com das langjährige, nicht gerechtfertigte Schattendasein von Online-Office-Werkzeugen beenden kann und einer weniger versierten, weniger experimentierfreudigen Nutzergruppe die cloudbasierte Textverarbeitung und Kollaboration schmackhaft macht. Profitieren könnte dadurch nicht zuletzt Google Docs, das zwar die weniger vorteilhafte Domain besitzt (http://docs.google.com vs http://docs.com), aber sich ansonsten in keiner Weise durch das neue Microsoft-Angebot bedroht fühlen muss.

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16 Kommentare

  1. Caspar
    schrieb am 3. Mai 2010 um 10:43 Uhr (#)

    Und wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Analysiert Microsoft auch jedes Wort in den Texten, so wie Google?

    Caspar

    1. Martin
      schrieb am 3. Mai 2010 um 17:51 Uhr (#)

      Und wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Analysiert Microsoft auch jedes Wort in den Texten, so wie Google?

      Wer Google Docs ohne Werbung nutzen möchte, kann dies im Rahmen der kostenpflichtigen Google Apps (USD 50 pro Jahr und Benutzerkonto) tun. Bei Google war bislang AFAIK der Datenschutz gewährleistet, weshalb inzwischen auch renommierte Unternehmen, öffentliche Stellen, usw. Google Apps nutzen. In Sachen Online-Office hat Microsoft allerdings die Nase vorn, nicht mit Docs.com, sondern mit der vollwertigen Online-Version von Microsoft Office. Im Vergleich dazu kommt Google Docs geradezu rudimentär daher …

    2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 3. Mai 2010 um 18:19 Uhr (#)

      Hast du die denn schon ausprobieren können? Meines Wissens nach ist die noch nicht im größeren Stil ausgerollt worden… Oder doch?

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Mai 2010 um 10:49 Uhr (#)

    Keine Ahnung. Der Einfachheit halber würde ich sagen: Ja, geh einfach davon aus.

  3. Khamelion
    schrieb am 3. Mai 2010 um 12:40 Uhr (#)

    Um Docs.com zu verwenden muss man Facebooks Instant Personalization verwenden und das verheißt mir nichts gutes.

    Da verwende ich doch lieber Zoho.com
    Hat auch viel mehr Funktionen als Google Docs und Docs.com.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Mai 2010 um 12:45 Uhr (#)

    Nein man muss nicht. Ich habe Instant Personalization deaktiviert und kann Docs.com dennoch verwenden. Es heißt lediglich, dass Docs.com nicht weiß, wer ich bin, wenn ich erstmalig auf der Website erscheine.

    Ja Zoho ist auch nicht schlecht.

  5. David Prochnow
    schrieb am 3. Mai 2010 um 16:48 Uhr (#)

    Funktioniert unter Linux auch nach zwei Wochen noch nicht (Habe aber auch diese freie Silverlight-Alternative nicht installiert.).

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Mai 2010 um 16:50 Uhr (#)

    Immerhin: In Chrome geht’s.

  7. Andreas Von Gunten
    schrieb am 3. Mai 2010 um 21:29 Uhr (#)

    Mir ist nicht ganz klar, wozu wir Microsoft dankbar sein sollten? Eine Silverlight Applikation? Wir wollen uns doch von diesen Flashy, Silverlighty usw. Dingern verabschieden? (Ich weiss, es geht auch ohne Silverlight, aber sie versuchen es zu pushen). Nein, Microsoft will in der Cloud vorderhand weiterhin den Client beherrschen, darum werden sie auch noch lange eher ein Problem darstellen als eine Lösung.

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 3. Mai 2010 um 21:33 Uhr (#)

    Und was erwartest du? Dass sie ihre Office Suite ab jetzt komplett kostenlos abgeben, nur auf offene Standards setzen und dann hoffen, irgendwie durch Glück auf ein neues Geschäftsmodell zu stoßen? Und bis dahin finanzieren sie ihren sie ihren Overhead aus der Tasche von Bill Gates?

    Ich denke, man muss sich gezwungenermaßen in die Position von Microsoft versetzen. Und da richtig zu agieren, ist nicht leicht. Ich könnte mir in jedem Fall ein sehr viel ignoranteres Vorgehen vorstellen als das mit Docs.com, das trotz allem ein Mini-Schritt in die richtige Richtung ist.

  9. Andreas Von Gunten
    schrieb am 3. Mai 2010 um 21:58 Uhr (#)

    Nun, ich verstehe die Situation in der sich Microsoft befindet auf jeden Fall, aber ich sehe einfach nicht ganz, was es hier hoch anzurechnen gibt.

    Microsoft weiss, dass die Zukunft in der Cloud liegt und hat das Problem, dass sie das nicht allen gleich laut sagen kann. Weiterhin wollen sie irgendwie immer noch versuchen die Herrschaft über den Client zu behalten, darum pushen sie Silverlight an allen Ecken, nicht nur bei Docs.com.

    Microsoft ist immer noch die Firma die uns IE6; Sharepoint und anderes eher nicht so tolles Zeugs beschert hat, ich sehe einfach nicht, warum wir diese Firma loben sollten für sowas wie Docs.com :-)

    Ich will übrigens nicht dumpfes Microsoft Bashing betreiben, aber das Web und die Cloud wurden nicht aus Redmond vorangetrieben und es sieht für mich auch noch nicht danach aus, dass das bald so sein würde.

  10. Reto Hartinger
    schrieb am 6. Mai 2010 um 02:02 Uhr (#)

    Zu diesem Thema gibts am 6.07.2010 ein Internet Briefing
    Ringier in der Google-Wolke: Wieso sich Ringier von Office verabschiedet
    http://internet-briefing.ch/googleringier
    Ringier Group CFO/CIO Samuel Hügli erläutert uns die Beweggründe.

    1. Martin
      schrieb am 6. Mai 2010 um 08:39 Uhr (#)

      AFAIK wechselt Ringier zu Google Apps inklusive Google Docs und nicht zur Online-Variante von Microsoft Office?

  11. thehauss
    schrieb am 31. Mai 2010 um 20:09 Uhr (#)

    wieso alles immer schwarz weiß sein muss.
    Das realistischste Szenario wird sein, google docs zum schnellen, rudimentären Dokumenten sharing und Textverfassen zu benutzen und das Office 2010 mit unterstützung durch cloud services, auf basis der riesigen umfangreichen Office suite, weiterhin an Buisness und Akademische Anwender gerichtet sein wird.
    Meines erachtens nach ergänzen diese beiden Dienste sehr gut. Bisher musste ich zum Beispiel mir eimmer eine Piraten Office Kopie ziehen um schnell einen Brief zu schreiben. Andererseits stoße ich im Büro mit googles online Excel sehr schnell an die Grenzen wenn man TAbellen mit 100 Einträgen hat und die auch noch mit Fromeln manipulieren möchte. Da Kommt man um Office Excel nicht drum rum. Möchte man auch gar nicht.

  12. Walter Schärer
    schrieb am 7. Juli 2010 um 18:11 Uhr (#)

    Der Vortrag von CFO Samuel Hügli von Ringier war tatsächlich sehr interessant. Er hat beide SaaS-Dienste verglichen und sich für Google entschieden.

    Der Haupttreiber des Projektes war aber der Innovationsschub, weil man sich von einer relativ trägen internen IT lösen kann: Der Release-Zyklus ist bei Google viel höher als bei lokal installierten Tools.

  13. Hallo?
    schrieb am 28. September 2010 um 08:29 Uhr (#)

    EINE WOCHE BIS FREISCHALTUNG ???????

    MICROSOFT, wo lebst DU?

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