“Die Welt”:
Die erste deutsche Medien-iPad-App enttäuscht
Axel-Springer-CEO Döpfner lässt sich im amerikanischen Fernsehen als digitaler Visionär feiern, und seine Firma hat schon eine erste iPad-App auf dem Markt. Das wäre wunderbar, wenn zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht so ein grosser Graben läge.
Wer am Dienstag die legendäre amerikanische Interview-Sendung “Charlie Rose” einschaltete, staunte als Europäer nicht schlecht. Da sass Axel-Springer-CEO Mathias Döpfner und erklärte den Amis, wie digitale Medien gehen. Sein Unternehmen mache mehr digitalen Umsatz als jeder andere grosse Zeitungsverlag auf der Welt, erklärte Döpfner, und natürlich wäre man auch schon zum Marktstart mit einer ersten tollen App für das iPad zur Stelle, und zwar für das Flaggschiff des Hauses, “Die Welt”.
Als frischgebackener iPad-Besitzer ist man da natürlich beeindruckt und will sich sofort die erwähnte App herunterladen. Doch damit fangen die Probleme schon an: Mit dem Suchbegriff “Die Welt” findet man in Apples App Store zwar allerlei Geographisches, aber keine Zeitung. Auch in der Medienkategorie ist nichts zu sehen von der bekannten deutschen Publikation.
Nach zehn Minuten Suche (die meisten Konsumenten hätten hier schon längst aufgegeben) findet man heraus: Springers iPad-App heisst schlauerweise “iKiosk”, weil irgendwann auch mal noch andere Springer-Titel darauf angeboten werden sollen. Das ist mehr als verwirrend, weil in allen Ankündigungen immer von der “Welt”-App gesprochen wird.
Das Angebot ist aber schnell installiert und begrüsst einen nach dem Start auch schon mit einem visuell ansprechenden virtuellen Kioskregal, auf dem die “Welt”, “Welt Kompakt” und “Welt am Sonntag” feilgeboten werden — derzeit löblicherweise noch gratis zum Testen, bald aber wohl nur noch gegen Geld. Nach einem Fingerschnipp auf den Titel öffnet sich die virtuelle Zeitung mit einer schicken Animation. Sieht doch schon sehr gut aus.
Damit hören die positiven Überraschungen aber leider auch schon auf. Auf der Titelseite entdecke ich einen Hinweis auf einen Artikel, der mich interessiert. Gleich mal draufgedrückt (“geklickt” wäre beim iPad ja das falsche Wort) und — es passiert nichts. Es gibt keine Hyperlinks direkt zu den Inhalten. Wenn ich den Artikel lesen will, muss ich mir merken, dass er auf Seite 23 steht, und dann heisst es: fleissig blättern, wie man das von der guten alten Zeitung her kennt.
Ganz offensichtlich hat es Axel Springer nur geschafft, eine sehr simple ePaper-Version der Zeitung auf das iPad zu portieren. Und das leider nicht mal sehr gut: Die Bilder sind pixelig, die Typographie viel unschärfer als sonst bei iPad-Apps, und die Bedienung ist umständlich. Jeder Seitenwechsel dauert mit einer “Aufbereiten”-Wartemeldung gut zwei bis drei Sekunden, und das ist ein enttäuschender Kontrast zur sonst rasend schnellen Reaktionszeit der meisten iPad-Apps. Von Interaktivität, Videos oder anderen mediengerechten Inhalten ist sowieso keine Spur.
Gelegentlich muss man laut lachen, beispielsweise auf der Börsenseite. Da stehen drei Seiten lang in winziger Schrift die Börsenkurse von gestern abgedruckt. Das ist nicht nur unlesbar, sondern auch auf einem vernetzten Gerät so absurd, dass es wenigstens einen gewissen Meta-Unterhaltungswert mit sich bringt.
Was einem den Lesespass endgültig verdirbt, sind grobe Fehler in der Applikation: So etwa reagiert die “Welt”-App auf den Bewegungssensor des iPad viel zu empfindlich. Wenn man zwecks Lesen auf den Text gezoomt hat und das iPad nur leicht bewegt, scheint das die App als Wunsch zum Kippen zu interpretieren und zoomt wieder raus auf die ganze Seite. Damit wird die ganze Sache komplett unbrauchbar, ausser wenn man das iPad auf dem Tisch liegen lässt und so wenig wie möglich berührt. Und das ist wohl eher nicht so im Sinne des Erfinders.
Insgesamt muss man der “Welt”-App in der heutigen Form leider das Prädikat “unbrauchbar” verleihen. Die technischen Fehler lassen sich natürlich beheben, aber die offensichtlich hinter der Applikation steckende Grundmentalität, einfach die gedruckte Zeitung eins zu eins aufs iPad bringen zu wollen, ist desaströs. Damit wird man nicht nur den Möglichkeiten der Plattform in keinster Weise gerecht, sondern wird auch keinen iPad-User zum Geldausgeben bewegen können. Denn das ganze Web und Tausende von attraktiven Apps sind immer nur einen Tastendruck entfernt. Diese Tatsache haben die Verlage offensichtlich noch nicht verinnerlicht.
Fairerweise muss gesagt werden, dass die Zeit für das Erstellen einer iPad-App natürlich sehr knapp war. Macht es die internationale Konkurrenz besser? Wirklich überzeugen kann bisher keine Zeitungs-App, zu viele Dinge fehlen noch. Aber immerhin haben sich die New York Times und das Wall Street Journal Mühe gegeben, wirklich iPad-gerechte Reader zu programmieren, die die Inhalte spezifisch für das Format aufbereiten. Selbst die Kollegen von Le Monde aus Frankreich haben ihr ePaper deutlich besser aufbereitet mit reichhaltigerer Navigation, einem guten Text-only-Lesemodus und vernünftiger Bildqualität.
Es ist ja gut und schön, dass die Verleger sich für das iPad begeistern, aber mit der Umsetzung der hochfliegenden Pläne hapert es noch sehr.
Alle Beiträge zum iPad:
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Hätten wir etwas anderes erwartet? Nur die 1:1 Umsetzung der Zeitung auf dem iPad gibt Döpfner doch Argumente für sein bescheuertes Leistungsschutzrecht.
Die Blätterei passt auch wunderbar in die Philosophie der Klickstrecken zur Erhöhung der Pageviews. Es geht noch immer nur um die Fortsetzung der Zeitung im Web und nicht um ein neues Medium mit neuen Lesegewohnheiten und neuen Werbekonzepten.
So kommen wir nicht aus der Zeitungskrise!
Der digitale Visionär verkauft da ganz schönen quatsch :-D
Vielleicht hat er solange seine eigene Zeitung gelesen, dass er selbst schon an den Mist glaubt, den seine “Printmedien” drucken.
Man hätte ihm eigentlich eine böse Frage stellen müssen: Herr Döpfner, Sie wollen eine App für’s IPad entwickeln und präsentieren sich als Visionär der neuen Technik. Dann erklären Sie mal uns armen Anfängern: was ist eigentlich SVG?
Döpfner sieht ja das iPad als Lean Back Medium, vergisst aber, dass wir im Internet keine Zeitung im herkömmlichen Sinne lesen wollen, sondern lieber Artikel im vernetzten Kontext. Das bedeutet, dass wir Artikel lesen wollen, die mit anderen verlinkt sind, Artikel die kommentierbar sind, und Artikel die eventuell auch vom Autor weiterentwickelt werden können und somit eher ein evolutorischer Prozess sind als ein abgeschlossener Text. Wenn ich Zeitung lesen will, dann kaufe ich mir auch eine Zeitung.
Leider stellen sich so Verlagschefs auch nicht der Debatte um Werbung. Ich kenne soviele, die mittlerweile mit Adblocker surfen, und damit die Finanzierungsgrundlage von Online Medien ausweichen.
Also Zeitung abgescannt und als PDF verschickt… da hätte es keine App für gebraucht, soweit ich weis kann das iPhone OS durchaus PDFs anzeigen ;)
Und wenn mich nicht alles täuscht kann man in PDFs auch links setzen. Vielleicht wäre AS damit besser gefahren…
Letzter Absatz:
Dort sollte doch sicherlich “iPad-App” stehen?!
Geändert, danke für den Hinweis!
Das Zeitungen noch Anwendungen (Apps) schreiben muessen ist bestenfalls anachronistisch. Ich dachte die waeren eigentlich fuer Inhalt (aka content) verantwortlich.
Wenn ich hier so die Bedürfnisse und Wünsche lese, stellt sich mir die Frage: Macht es überhaupt Sinn, eine Zeitung als App herzustellen, wieso nicht einfach die Website iPad gerecht gestalten? Abgesehen von den Verrechnungsmöglichkeiten?
Klar, Offline lesen, aber das wäre ja technisch wohl auch möglich. Und all die netten Features die oben gewünscht sind, gehen auch mit App nicht offline.
Axel Springer macht auf Welt.de und Bild.de schon unendlich viel Werbung für dieses Gerät. Pro Tag 3 Artikel über das Ipad. Das der Presserat da nicht einschreitet wegen Schleichwerbung?!
Presserat und Bild? *ohne Worte*
Also ich finde, diese iKiosk-App passt hervorragend zum iPad – sowohl von der Konzeption her, wie auch in der technischen Umsetzung. Ich würde mir allerdings noch ein Feature zum stilechten, virtuellen Zerknüllen der dargestellten Zeitung wünschen. Etwa so, dass man einmal beherzt mit der flachen Hand auf das Display klatscht und anschliessend die Finger zur Faust ballt… *knaautsch* und weg damit! Dann wärs perfekt und ich würde monatlich gut und gerne meine 300 Euro für diverse Vintage-News-Abos zahlen. Ganz bestimmt!1! ;-)
…schaut mal nur darauf, wie das “Foto” zum Artikel in der Welt über die eigene App aussieht. Entweder sind das Mörderpranken und ein ganz neues ipad-Format, oder ein weiteres bezeichnendes Produkt der Webredaktion der Welt, die ja auch die App zu verantworten hat ;-)
Steve “Gatekeepergod” Jobs, der neue Herr über deinen Content und alleiniger Monetarisierer. Er nutzt die Medieninkompetenz der Verlage und Massen zur Kontrolle der Inhalte und Meinungen.
Früher nannte man sowas Führer (der richtete Fernsehstuben ein), heute wird so einer von Springer zum Heiligen erklärt.
Die Verlage jubeln ihrer Enteignung entgegen. Jetzt will Steviboy auch noch die Werbung auf seinen Geräten mit “iAD” kontrollieren… und da sage noch jemand: Google wäre evil. *lool++
Apropos Social media:
South Park commented on Facebook and Chatroulette http://kreuzwortfeuer.wor…ok-and-chatroulette/
Mal eine reine Formalie, so nebenbei: Im Post geht’s um _us-_amerikanische Fernsehsendungen. Amerika ist ein Kontinent und besteht nicht allein aus den USA, einem nebenbei gesagt tollen Land. Meiner Meinung nach gehört diese für mein Empfinden immer ein bisschen naiv-bewundernd, durch US-Amerikaner genutzt schlicht anmaßend daherkommende Formulierung in die Mottenkiste der Umgangssprache. Man muss ja nicht jedem politisch korrekten Winkelzug folgen, aber hier ist die semantische Schieflage doch recht offensichtlich.
Wider dem US-… http://possum.in-berlin.d…us-amerikanisch.html
… aber ‘in keinster Weise’ ist falsch. ‘In keiner Weise’ braucht und kann man nicht steigern. Alles, was darüber ist, ist Superstardeutsch.
Anstatt es mit innovativen eigenständigen Webangeboten zu versuchen, manifestieren die Inhalteproduzenten ihre Rolle als bereitwilliger Content-Zulieferer für eine Fremdplattform, machen sich mit auf allen Kanälen verbreiteter kostenloser Promotion zum Steigbügelhalter der Marke Apple und manövrieren sich sowohl betriebswirtschaftlich als auch redaktionell über kurz oder lang in eine totale Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Wer sich freiwillig in eine solche Rolle begibt und dieses Spiel nicht durchschaut, der wirkt eher an der Abschaffung des offenen Informationssystems Internet mit, als dass er den Journalismus retten würde. Der ganze Bohei spielt letztendlich nur einem Unternehmen massiv in die Hände, und das ist Apple.
ikiosk ist Mist aber die echte Welt App ist eigentlich ganz nett gemacht
Wischbrettchen Hype irgendwie schräg
Ich finde den Hype echt schräge. Für die Verlage ist es doch auch eine Zumutung 30% oder so vom Umsatz an Apple zu geben. Die Freiheit des Internet wird da völlig ausgehebelt und nur ein Konzern entscheidet, was man sehen darf. Dafür lege ich doch keine 500 bis 800 Euro hinne. Ich warte mal auf andere Geräte mit Android oder MeGoo.