Endlose Debatte:
Bezahlinhalte-Kritik ist kein Geschäftsmodell

Seit über einem Jahr diskutiert die Medien- und Webbranche über Sinn und Unsinn von Bezahlinhalten. Es ist an der Zeit, eine scheinbar unendliche Debatte zu beenden.

Wenn es ein Thema gibt, das in diesen Monaten den digitalen Diskurs bestimmt, so ist es die leide Debatte über bezahlte journalistische Angebote im Netz. Gefühlt mehrmals täglich stoße ich über Twitter, meinen RSS-Reader oder Rivva (das leider erneut offline ist) auf Artikel, die mir erklären, warum Paid Content im Internet nicht funktionieren kann. Oder warum doch, allerdings sind solche Beiträge eher die Seltenheit.

Als im Herbst 2008 die Finanzkrise über uns hereinbrach und sich Unternehmen weltweit auf harte Zeiten vorbereiteten, dauerte es nicht lange, und die Diskussion über die Notwendigkeit von kostenpflichtigen Inhalten war (wieder einmal) in Gang.

Nach Jahren des Web-2.0-Booms, geprägt von steigenden Werbespendings im Onlinebereich und dem, was gerne als Kostenloskultur bezeichnet wird, fürchteten Verleger plötzlich, dass ihnen ein zu erwartender Einbruch der Anzeigeneinnahmen einen Strich durch ihre schöne Rechnung der Webexpansion machen würde.

Seitdem vergeht kaum eine Woche, in der nicht ein Journalist, Medienexperte, Verleger, Lobbyist, Politiker, Blogger oder eine Kombination daraus Stellung zum Konzept von Bezahlinhalten nimmt – entweder diese verteidigend, gegenüberstellend, oder kritisierend. Meist letzteres.

Ja, die Situation des (gedruckten) Journalismus in Zeiten der Digitalisierung ist kritisch. Kaum eine Branche ist momentan derartigen Veränderungen unterworfen wie die der schreibenden Zunft. Das sichere Aussterben des Printmediums beraubt den Sektor um sein ertragreiches Geschäftsmodell des kostenpflichtigen, gebündelten Vertriebs von Werbeumfeldern. Vieles deutet darauf hin, dass ein einfaches Übertragen der Print-Denkweise auf den Onlinebereich nicht die optimalste Lösung ist – sofern sie überhaupt ein wirtschaftlich tragfähiges publizistisches Arbeiten ermöglicht.

Und dennoch ist es an der Zeit, nach über einem Jahr des gebetsmühlenartigen Wiederholens der eigenen Mantras, warum Bezahlschranken sinnlos, dumm und geschäftsschädigend sind, einfach mal die Luft anzuhalten und die, die damit experimentieren wollen, ihre Erfahrungen machen zu lassen.

Eine öffentliche Debatte zur Zukunft des Journalismus war und ist sicher notwendig. Ebenso wichtig war es, engstirnig und rückwärtsgewandte Vertreter unter den Verlagsmanagern auf die Risiken hinzuweisen, die das Verfrachten des aufwändig produzierten Contents hinter eine Paywall mit sich bringt, wie Rückgang der Reichweite, der Werbeeinnahmen und des journalistischen, politischen und gesellschaftlichen Einflusses.

All das wurde zur Genüge getan. Wer es bisher nicht hören wollte oder Paid Content dennoch für ein Erfolgsrezept hält, wird auch nach dem hundertsten Artikel contra Bezahlinhalte nicht plötzlich seine Meinung ändern. Und eigentlich wäre das auch sehr schade, denn dann würden wir ja nie erfahren, ob kostenpflichtige journalistische Webangebote abseits spezialisierter Nischen nun mittelfristig überlebens- und konkurrenzfähig sind oder nicht.

Ich bin froh darüber, dass die die Times, Financial Times, New York Times oder auch Axel Springer in Deutschland Vorstöße auf diesem Gebiet starten und damit den lebendigen Beweis für die Tauglichkeit oder Untauglichkeit dieses Geschäftsmodells liefern werden.

Ich plädiere daher dafür, nun einfach in Ruhe abzuwarten und zu beobachten, wie die Experimente der erwähnten Anbieter verlaufen. Oder eben selbst das nächste schlanke, kostenlose journalistische Leitmedium mit hundertprozentiger Online-DNA aufzubauen und Rubert Murdoch und seinen ergrauten Branchenkollegen zu zeigen, wie man es richtig macht. Denn eins ist klar: Bezahlschranken sind sicherlich nicht die kreativste aller möglichen Lösungen. Paid-Content-Kritik allein ist hingegen auch kein nachhaltiges Geschäftsmodell.

(Foto: stock.xchng)

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10 Kommentare

  1. hathead
    schrieb am 29. März 2010 um 12:56 Uhr (#)

    Du hast recht: man wird einfach mal abwarten müssen. Aber nachdem wir abgewartet haben, ist es dann auch an uns sich die Zahlen anzusehen. Denn eines ist klar:

    Die Verlage werden selbstverständlich eher dazu neigen, sich selbst zu feiern. Auch ohne relevante Umsatzzahlen.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 29. März 2010 um 15:57 Uhr (#)

    Ja anfänglich sicher. Aber über einen längeren Zeitraum wird niemand Erfolge vorgeben können, wo keine sind.

  3. Patrick
    schrieb am 29. März 2010 um 16:44 Uhr (#)

    @Martin Ich bin auch gespannt, ob das funktioniert und es ist richtig dies auszuprobieren. Was mich an der Diskussion am meisten fasziniert, ist das so wenig darüber geschrieben wird, ob die Online Zeitung der Zukunft wirklich so aussehen wird wie sie heute aussieht. Online Zeitungen sind Portale und wenn wir etwas in der Vergangenheit gelernt haben, ist dies, dass Portale, die von allem ein wenig können, nicht funktionieren. Die Frage ist, für welche Inhalte der User wirklich zahlt. Sind es Nischenthemen wie bei netzwertig, sind es hyperlokale Nachrichten, die nur bei einer Plattform zu finden sind?

    Ich glaube, dass es Longtail Märkte sein werden, die dominieren werden, nicht die breiten und undifferenzierten Portalansätze. Das Dumme an den Portalansätzen ist, dass sie auch noch sehr teuer in der Produktion sind.

    Journalismus wird dann erfolgreich, wenn die Verleger die Eigenschaften der zugrundeliegenden Medien verstehen, sei es Papier, seien es neue Medien und auf diesen Eigenschaften dann eben Geschäftsmodell aufbauen vgl. http://blog.business-mode…-newspaper-industry/

  4. Christian2010
    schrieb am 29. März 2010 um 19:11 Uhr (#)

    @Martin Weigert:
    Tut mir leid, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Dein Artikel ziemlich nah an dem ist, was Du selbst kritisierst und “abschaffen” willst… Für mich passt das nicht 100% zusammen, weil mir der Artikel dafür auch nicht wertfrei genug erscheint.

    Mag sein, dass wir schlauer sind, wenn wir die Welt des Online-Journalismus 5 Jahre lang experimentieren lassen, weil wir dann handfeste Ergebnissse haben. Insgesamt glaube ich aber nicht an den Erfolg dabei. Meiner Meinung nach kann hier etwas richtig Gutes nur über die (gemeinsame) Diskussion entstehen. Gut, jetzt kann man dem entgegen bringen, dass bisher auch noch nichts hervorgebracht wurde und das Problem auch nicht erst seit gestern bekannt ist. Trotzdem halte ich den vorgeschlagenenen Weg für nicht gut und vor allem für nicht durchsetzbar, weil es schlichtweg nicht möglich ist, dem Internet (und allen die ihren Teil dazu beitragen) solche Regeln aufzuzwingen wie “So, jetzt sind wir mal eine Weile ruhig und lassen die Herren ihr Geschäftsmodell entwickeln”

    Bin offen für Gegenargumente! ;-)

  5. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 29. März 2010 um 19:28 Uhr (#)

    @ Patrick
    Ich denke dass es einfach so extrem schwierig ist, sich von der bestehenden Vorstellung davon, wie journalistische Produkte auszusehen haben, um erfolgreich zu sein, zu lösen. Selbst erfahrene und aktive Digitalisten haben ja teilweise Probleme damit. Dass es für viele Verleger, die bisher mit dem ehemaligen Modell gutes Geld verdient haben, noch schwieriger ist, liegt auf der Hand.

    @ Christian2010
    Ich schreibe so einen Artikel nicht, weil ich erwarte, dass danach alle ruhig sind und meinem Willen folgen. So realitätsfern bin ich nicht ;) Primär ging es mir darauf, darauf aufmerksam zu machen, dass der Bedarf an hellseherischen Beiträgen darüber, warum Paid Content nicht funktionieren wird, mittlerweile gedeckt sein sollte. Und dass es jetzt sinnvoll ist, einfach abzuwarten, wie die Experimente verlaufen.

  6. Jan
    schrieb am 30. März 2010 um 10:16 Uhr (#)

    Kann Martins Ansicht nur unterschreiben, aber es wird natürlich trotzdem in den nächsten zehn Jahren noch sehr viel über dieses Thema geschrieben und diskutiert werden – und womöglich auch noch darüber hinaus.

    Wir befinden uns nun einmal in einer Übergangsphase, in der alte Geschäftsmodelle auf dem absteigenden Ast sind, aber die neuen Geschäftsmodelle das noch nicht ersetzen können. Oder, um genauer zu sein: Die Einnahmen der neuen Geschäftsmodelle ersetzen nicht dort die Verluste, wo sie entstehen. Eine Zeitung verdient auch heute noch erhebliche Summen, aber dieses Geld reicht eben nicht, um die gewachsenen Strukturen zu behalten. Anderswo verdient ein schlankes, neues Medienunternehmen hingegen Geld, die für seine Strukturen ausreichen.

    Klar ist aus meiner Sicht: Es gibt Inhalte, die nur mit einem entsprechenden Aufwand erstellt werden können. Es wird sie nur geben, wenn jemand dafür bezahlt. Punkt. Ob sie gedruckt auf Papier erscheinen oder per Cloud auf ein Tablet kommen, ist dabei vollkommen nachrangig. Entscheidend ist nur, wofür die Leser zu bezahlen bereit sind.

    Dass sich nicht jede Art von Inhalt per Werbung finanzieren lässt, sollte wohl allen klar sein. Solange es eine entsprechend solide Nachfrage nach diesen Inhalten gibt, wird es sie dennoch geben, aber sie werden kostenpflichtig sein.

    Oder sehe ich das in meinem laienhaften Verständnis von Wirtschaft und Markt zu naiv?

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 30. März 2010 um 15:25 Uhr (#)

      Persönlich glaube ich auch, dass gewisser Content auch in Zukunft nur gegen Bezahlung erhältlich sein wird. Es wird immer jemanden geben, der Entsprechendes versucht, und – eine gute Idee vorausgesetzt – damit erfolgreich ist. Die Frage ist also, was das für Content sein wird.

  7. Patrick
    schrieb am 30. März 2010 um 13:41 Uhr (#)

    @Martin
    Was du ansprichst, ist genaue das Problem. Es nennt sich dominante Logik. Die Verleger denken in Zeitung, nicht in Aufgaben, die sie für ihre Kunden erledigen. Diese dominante Logik, wie etwas funktioniert, hat in der Vergangenheit sehr gut funktioniert, heute ist sie eine Hypothek für die Verleger.

  8. Das Wort
    schrieb am 30. März 2010 um 15:04 Uhr (#)

    Am besten ist es doch das die Medienleute so richtig auf die Schnautze fallen, sollen sie es ruhig probieren, sie werden sehr schnell erkennen, das eine Paywall nicht viel bringen wird.
    Man sieht halt wieder, das die alte Generation von Entscheidungsträgern, bisher nichts vom Internet, deren Möglichkeiten, Funktion und Umgang verstanden haben.
    Schade, aber die Zeit wird es ihnen lehren…früher oder später sollten sie es erkennen… ;-)

    1. Wolf
      schrieb am 30. März 2010 um 17:50 Uhr (#)

      Endlich mal wieder ein guter alter “haben das Internet nicht verstanden”-Kommentar.

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