Google Buzz:
Das MS Office für das Social Web?
Google greift mit seinem neuen Social-Web-Produkt “Buzz” Facebook, Twitter, Yelp und noch ein halbes Dutzend andere Firmen gleichzeitig an. Kann das erfolgreich sein? Möglicherweise schon, denn Google leiht sich Microsofts Erfolgsrezept.
Anfang der neunziger Jahre: WordPerfect war unumstritten die populärste Textverarbeitung. Lotus 123 dominierte bei den Tabellenkalkulationen, Harvard Graphics bei den Präsentationsprogrammen, und wer eine Datenbank brauchte, griff zu dBase. Ein paar Jahre später waren diese Produkte faktisch vom Markt verschwunden. Der neue König aller Klassen hiess Microsoft Office.
Microsoft hatte keineswegs die besseren Einzelprodukte, aber dafür die bessere Strategie. Die Firma nutzte ihren Wettbewerbsvorteil, nämlich die Kontrolle der Betriebssystemplattform, gnadenlos aus. Und durch das raffinierte Bundling von Funktionalitäten, die man sich früher einzeln zusammenkaufen musste, machte Microsoft den Usern das Leben leichter. Microsofts Programme funktionierten von Anfang an zusammen und waren so gut auf die Windows-Plattform optimiert, wie das eben nur der Plattformhersteller selbst konnte.
Google Buzz scheint das Erfolgsrezept von Microsoft Office zu verfolgen. Wer mit dem diese Woche vorgestellten Dienst schon herumgespielt hat, wird wohl kaum der Meinung sein, dass Buzz besser oder leistungsfähiger ist als die Konkurrenz. Im Gegenteil, diese erste Version von Buzz ist recht verwirrend und nicht besonders ansprechend gestaltet. Twitter ist simpler, Facebook schöner, Yelp und andere lokale Suchdienste haben die besseren Userkommentare, Foursquare hat die unterhaltsameren spielerischen Elemente, Flickr das bessere Fotosharing.
Und doch hat Buzz etwas, was die anderen nicht bieten können: Eine Integration dieser Funktionalitäten unter einem Dach. In Zeiten der wachsenden Komplexität im Social Web könnte das ein nicht zu unterschätzender Vorteil sein. Bisher generiert Buzz noch mehr Lärm, als dass es zu einer Konzentration aufs Wesentliche beiträgt, aber Google hat durchaus die Erfahrung und richtigen Leute, um das besser hinzukriegen.
Aber noch wichtiger ist, dass Google seine besonderen strategischen Vorteile nutzen kann, um Buzz zu pushen:
- Da wäre natürlich zunächst mal die Dominanz in der Websuche. Google kontrolliert einen grossen Teil der Traffic- und Geldströme im Web und hat damit die Kontrolle über die weitaus stärkste Plattform — das Web-Äquivalent zu Microsoft Windows. Natürlich verspricht Google immer, Suchergebnisse nach Relevanz und nicht nach kommerziellen Überlegungen zu ordnen. Aber wäre es wirklich überraschend, wenn das Buzz-Profil eines Users bald weit vor dem Facebook- und Twitter-Profil gelistet würden? Relevanz ist, was Google dafür hält.
- Google weiss vermutlich jetzt schon mehr über den “Social Graph” der meisten Internetuser als jede andere Firma, vielleicht mit Ausnahme von Facebook. Das Buzz-Feature, das gleich automatisch aufgrund der e-Mail-Kontakte (und vermutlich auch Twitter-Bekanntschaften) eines Users eine Followerliste generiert, stellt einen grossen Vorteil dar, um den Lock-In-Effekt beim Wechsel zu anderen Social Networks zu überwinden.
- Natürlich ist auch die bestehende Userbasis von Gmail ein riesiger Vorteil. Gut 150 Millionen User, viele davon sehr aktive und experimentierfreudige Internetuser, werden Buzz direkt in ihrer Mailbox finden und wohl früher oder später ausprobieren.
- Mit Google Maps verfügt der Suchmaschinenriese über die leistungsfähigste Geographie-Plattform, und das ist im Smartphone-Zeitalter ein enormer Vorteil. Google kann mit der Kombination von Maps-Daten und den sozialen Aspekten von Buzz vermutlich bessere ortsorientierte Dienste bauen, als das für die Konkurrenz je möglich wäre.
- Nicht vergessen sollte man die Marktdominanz im Video-Umfeld mit Youtube. Das Sharen von Videos ist eine der populärsten Aktivitäten auf Social Networks, und Google kann mit seiner marktführenden Plattform seinen Buzz-Dienst gnadenlos promoten.
- Google ist nebenbei erwähnt auch jetzt schon Marktführer für Suchdienste im mobilen Web und natürlich einer der wichtigsten Player für Handy-Werbung. Eine weitere effiziente Schiene für Usergewinnung und Kommerzialisierung.
Man könnte die Liste noch verlängern mit Google Reader, Android, Chrome, Picasa, Blogger… Google ist traditionell nicht sehr gut darin, seine vielen verschiedenen Produkte wirklich zu integrieren. Aber der interessanteste Aspekt von Buzz ist deswegen genau, dass alle oben genannten Aspekte sich irgendwo in diesem neuen Dienst wiederfinden.
Es ist unwahrscheinlich, dass Google Facebook und Twitter sehr schnell vom Thron stossen wird. Zu unfertig wirkt diese erste Produktgeneration. Auch in dieser Hinsicht hat Google zweifelsohne eins von Microsoft gelernt: Geduldiges Experimentieren. Die erste Version der meisten Produkte ist meistens schlimm, die zweite akzeptabel, und die dritte dann richtig gut. Das ist bei Microsoft so, und auch bei Google gab es schon viele Beispiele für diesen iterativen Entwicklungsprozess direkt am Markt.
Auch wenn die Reaktionen auf Buzz bisher sehr verhalten ausfielen, wird dieser Dienst das soziale Web erschüttern. Google muss noch viel daran arbeiten, Buzz auch für Nicht-Informationsjunkies verdaubar und für Normaluser attraktiver zu machen. Aber die Grundlagen sind da, und die ausserordentlichen strategischen Vorteile von Google sind schwer zu kontern. Die Zeiten für die Konkurrenz könnten hart werden.











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besteht dann für google base auch noch hoffnung? und wave?
Buzz hat derzeit vor allem eins: Potenzial. Das allerdings ist enorm, bedenkt man wie leicht es für Google ist, auf Buzz nun noch weitere Features aufzubauen. Neues UI? Kein Problem. API-Integration? Ebenso. Ich würde sogar wetten, dass Buzz teilweise auf Wave-Technik aufbaut, eine Portierung sollte zumindest ebenfalls leicht gehen.
Apropos Wave (und Kosmars Kommentar): Wave ist, glaube ich, bislang vor allem deshalb mißverstanden worden, weil man sich darunter nur diese eher behäbige applikation vorgestellt hat. Wave ist aber in erster Linie zugrundeliegende Technologie und ich rechne fest damit, dass schon bald irgend jemand eine richtig schön benutzbare Oberfläche dafür bauen wird, die sich auch nicht des kompletten Feature-Sets bedient und gerade deshalb ein Hit wird.
Kleine Anmerkung: dBase, WordPerfect und Harvard Graphics waren ausgreifte DOS-Marktführer, die den Sprung auf ein grafisches User Interface nicht geschafft haben. Unter “Power Usern” und von den Firmen selbst wurde das Tempo der Windows-Markteinführung unterschätzt, viele waren damals auch der Ansicht, dass die schnelleren DOS-Programme die bessere Lösung waren, und ein Rewrite von modalen Dialogen auf ein modernes UI war grosser Aufwand.
Insofern passt der Vergleich nicht. Wave ist genauso webbasiert und folgt den gleichen UI- und architektonischen Prinzipien wie FB und Twitter etc.
Der Sinn von Buzz erschliesst sich mir nicht wirklich. Ich kann jetzt meine eigenen Veröffentlichungen zusammenfassen und noch einmal an meinen Google-Social-Graph verschicken.
Problem 1) Ich möchte meine Veröffentlichungen nicht zusammenfassen, da sie dort wo sie erscheinen auch auf das geeignete Publikum treffen und deshalb nirgendwo anders erscheinen. Ich produziere nicht für die Allgemeinheit sondern (auch wenn fast alles öffentlich ist) sondern für einen definierten “Freundes”kreis. (“Freund” weil für mich die Bekannten in sozialen Netzwerken nicht das gleiche sind wie reale Freunde)
Problem 2) Meine Gmail Kontakte sind nicht meine “Freunde” sondern Leute mit denen ich aus verschiednen Gründen über das relativ formale Medium Mail kommuniziere. Gerade da geht die meisten das alles nichts an und die meisten interessiert es auch nicht.
Wenn schon eine Zusammenführung von verschiedenen Social Services, dann ist die große Nachricht heute die Integration von Facebook-Chat in AIM und ICQ. Damit ist es jetzt möglich über einen AIM/ICQ Client (auch z.B. AIM Express übers Web) alle Kontakte aus beiden Netzwerken per Instant Messaging zu erreichen und alle Updates des echten “Freundes”kreises aus Facebook, AIM/ICQ selber oder Twitter zu verfolgen.
Ich finde es sehr nervig, dass die Buzz-Kontakte mit den Reader-Kontakten verschränkt sind. Löscht man eine Person aus Buzz, fehlt sie auch im Reader. Im Gegenzug darf man alles doppelt als gelesen markieren. Kinderkrankheiten …
“…In Zeiten der wachsenden Komplexität im Social Web…”. Hier habe ich dann aufgehört zu lesen.
Auch wenn Weblogger keine “richtigen” Journalisten sind, sollte so offensichtliches Gesülze doch auch den Autor stutzig machen, oder?
(http://de.wikipedia.org/wiki/Argument hat ein paar Grundlagen)
@uwe:habe weiter gelesen und kann dir sagen: du hast recht.
die dann folgende “potenzial-analyse” ist an den haaren herbeigezogen.
wenn man sich mal eins vor augen führt: internet ist mittlerweile wie fernsehen, nur mit mehr kanälen (ja, denn spannend, neu und aufregend ist daran nichts mehr, was nicht sofort zündet, wird weggezappt, 2.chance? seh ich nicht.), dann folgt daraus, dass für jede neue anwendung, für jeden neuen dienst gilt: aufmerksamkeit ist DAS knappe gut, um das sich alles dreht. marktmacht des anbieters zählt einen scheiss(die hatte google zu orkut-zeiten auch schon inne, hat auch nicht geklappt). kriegt man die aufmerksamkeit oder nicht?
mein selbstversuch gestern abend,: “aha, buzz ist am start, ein neuer reiter in einem pull down menü, draufgeklickt, öhh, ist ja öffentlich… wie kann ich denn mein bild und meinen namen verändern (nur für buzz, NICHT für meine gmail-kontakte???). Habs nicht gefunden. Egal, später machen. Aha, 2 meiner Kumpels sind da schon am start, mal was posten. Zack. Wieder zurück in meinem Posteingang. Öhh, muss ich jetzt immer hin und her swichtchen zwischen Posteingang und dem Buzz-Ding. Doof. Hätte man doch ne timeline irgendwo auf dem startscreen abbilden können. oder über ein Label direkt im Posteingang markieren. besonders bei Zugang über umts scheisse, da gmail sehr oft “overcapicity”-nur ohne den waal-. da ist man froh, wenn man von unterwegs überhaupt gmail im html-modus gestartet kriegt, geschweige denn, dass man noch
zwischen unterschiedlichen diensten wechseln kann.” Soviel zu meinem Ersteindruck. keine richtige timeline, anonymisierung rigendwie nicht möglich…
zurück zur aufmerksamkeit, ist wie gesagt ein knappes gut. ich habe mir für das gebuzze 20min. gegeben, fands doof. das wars. Liefert keinen Grund, den zwitschervogel zu kicken und stattdessen zu buzzen. wofür ist es dann gut? keine ahnung, habs mir angeschaut, AIDA ganz klar im minus. fazit: kann sich mit orkut kuscheln legen, mehr aufmerksamkeit gibts nicht, entweder ein dienst überzeugt sofort, oder er bleibt liegen. die nächsten kanäle warten schliesslich ja schon, und fordern: aufmerksamkeit…
Ich muss meine Aussage von gestern revidieren. Zwar finde ich als Nicht-GMail-Nutzer keine Kontakte im GMail. Aber da viele Leute (wie auch ich) wegen Android ein Google Konto haben, ohne GMail zu nutzen, gibt es doch schon sehr viele Buzzes über Google Maps zu sehen. Wirklich erstaunlich viele. Ich wohne auf dem Land in einem Dorf mit 3000 Einwohnern. Heute morgen gab es im Dorf schon sicher 10 Buzzes.
Die meisten Leute kenne ich zwar nicht, aber irgendwie finde ich das interessant. Anstatt wie bei Twitter Sachen von Bekannten zu lesen liest man hier Sachen von (noch) Unbekannten aus der Nähe.
Ein Manko ist noch zu beheben: Die Buzzes sollten per öffentlichem URL zugänglich sein. Das würde es erst komfortabel machen. Ich kann bei Twitter mitlesen obwohl ich dort kein Konto habe. Ebenso bei identi.ca. Im Gegenzug können Leute meine Posts auf Twitxr lesen, obwohl sie kein Konto haben. So was muss ohne Anmeldung funktionieren.
Den Vergleich mit MS Office finde ich voll daneben, ein nutzerunfreundliches Programm in dem es seit 15 Jahren kaum Innovationen gab, und das ich nur mit Widerwillen einschalte, wenn es unbedingt sein muss…
@mike
Orkut ist hier in Brasilien, dem grössten Katholischen Land der Erde die erfolgreichste und am meistbenutze Seite nach der Google Suchmaschine selbst – sogut wie jeder Brasilianer und auch viele Firmen nutzen ORKUT täglich !!!!
Ok, Orkut mag weltweit nicht eingeschlagen sein, das mag schon stimmen, aber in Brasilien ist es dominierend.
Und die letzte neue Version hat es in sich, ich bin echt erstaunt was da Google draus gemacht hat.
Der einzige Fehler den man Google aktuell zuschreiben kann ist bei Buzz, das sie zu früh und vielleicht überstürzt gestartet sind. Man hätte zuvor lieber noch ne neutrale Einstiegsseite für auch nicht gmail Besitzer machen können und auch sonstige Kleinigkeiten die für mehr aufmerksamkeiten gesorgt hätten, aber und nun kommt es ….
Ich denke das Google sehr gut weiss was es tut und vielleicht und gerade deshalb jetzt schon auf diese Art gestartet ist, damit die grossen Kritiker dafür sorgen das noch mehr Publizität kommt um aus dieser wichtige Infos zu ziehen und um schrittweise erst mit relevanteren Dingen, vereinfachungen etc… den Markt langsam, schrittweise von unten aufrollen.
Das ist dann natürlich genial.
Auf jedenfall hat Google die Infrastruktur und sehr viele Populäre Dienste die die Konkurrenz schon mal nicht hat und das wird am Ende dann entscheiden wer wo und wie Marktführer sein wird.
ich bin mit office zufrieden
Ganz ehrlich: Der Vergleich mit MS Office schreckt mich vollends ab.