Folgen der Hyperdistribution:
Wenn Nutzer zum Qualitätskompass werden

Martin Weigert, 24. November 2009 14:37 Uhr, 11 Kommentare Kommentare

Immer mehr Nutzer lösen sich von ihren Bindungen zu speziellen Inhalteanbietern und lassen sich stattdessen lesenswerte Artikel von ihrem Social Graph empfehlen. Eine Verlagerung der Orientierungs- und Vertrauensfunktion vom Inhalteproduzent auf die Inhalteverteiler ist die Konsequenz.

Qualitätskompass
Qualitätskompass
Der Anteil an von mir gelesenen Artikeln, die nicht aus vorher von mir ausgewählten Quellen stammen, nimmt zu. Zwar scanne ich nach wie vor täglich ein paar Dutzend RSS-Feeds von Blogs und Onlinemagazinen meines Vertrauens, aber gleichzeitig lese ich auch verstärkt Beiträge, die über Twitter oder Shared Items im Google Reader verbreitet werden.

Auf diese Weise kann ich stetig neue, interessante und lesenswerte Sites und Blogs entdecken und mir gleichzeitig sicher sein, dass diese thematisch sehr nah an meine Interessensgebiete heranreichen. Immerhin habe ich mir die User, denen ich bei Twitter oder im Google Reader folge, selbst ausgesucht.

Doch in den letzten Tagen bin ich mir auch über eine Schattenseite dieser zunehmend “schwarmgesteuerten” Verbreitung von Inhalten im Klaren geworden: Aufgrund der enormen Breite an unterschiedlichen Quellen, die mir durch das soziale Web zugänglich gemacht wird, stoße ich regelmäßig auf Absender, zu denen ich keinerlei Vertrauen aufgebaut habe. Anders als bei eigenhändig in den RSS-Reader importierten Feeds fehlt es mir bei Sites und Blogs, auf die ich durch die neue Art der Content-Distribution aufmerksam werde und die ich häufig zum ersten Mal sehe, an jedweder Bindung.

Damit stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit und Vertrauenswürdigkeit. Selbst ein noch so interessanter und spannender Artikel mit Ratschlägen zu einem spezifischen Thema wirkt nur halb so stark, wenn mir dessen Autor bzw. Blog oder Onlinemagazin unbekannt ist. Umgedreht erhält selbst ein nur geringfügig über die Länge eines Tweet hinausgehender Beitrag eines angesehenen Bloggers/Experten/Journalisten enormes Gewicht, allein durch die Tatsache, dass er eben gerade von dieser Person geschrieben wurde.

Ein gutes Beispiel dafür ist Marketing-Guru Seth Godin, bei dem selbst Dreizeiler wie dieser eine enorme Anzahl an Retweets erhalten. Der gleiche Artikel von Max Müller wäre dagegen weder über Twitter noch im Google Reader geteilt worden und hätte mit großer Wahrscheinlichkeit gar keine Aufmerksamkeit bekommen.

Eine Bindung zwischen Leser und Autor bzw. Absendermarke (z.B. einer Zeitung) hilft uns, die Glaubwürdigkeit, Qualität und Tragweite von Aussagen und Meinungen zu bewerten. Genau diese Bindung erlebe ich durch die veränderte Distribution von Content immer seltener. Als Ersatz für diese fehlende Orientierungsmöglichkeit fungiert in Folge dessen vermehrt der einen Artikel verbreitende User, sprich derjenige, der selbigen per Twitter oder Google Reader geteilt hat.

Wenn z.B. FAZ-Netzökonom Holger Schmidt oder Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer Links zu externen Quellen twittern, verdeutlicht die große Anzahl an Retweets die vergleichsweise hohe Glaubwürdigkeit der beiden Journalisten. Viele verlassen sich ganz einfach darauf, dass sie nur zu relevanten Texten mit hoher Qualität verweisen.

Durch die Verlagerung der Orientierungs- und Vertrauensfunktion vom Inhalteproduzent auf die Inhalteverteiler erhält jeder, der aktiv am Social-Web-Geschehen teilnimmt und Content anderer weiterverbreitet, eine zusätzliche Verantwortung. Diese wahrnehmen heißt, sorgfältig auszuwählen und Links gewissenhaft (Update: und dosiert) zu teilen. Nur wer das beherrscht, kann die Rolle des Qualitätskompass übernehmen – und dürfte mit vielen neuen Followern belohnt werden.

(Foto: Flickr, CC-Lizenz)

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11 Kommentare

  1. Matthias Schwenk
    schrieb am 24. November 2009 um 15:14 Uhr (#)

    Eine Einschätzung die ich absolut teilen kann. Allerdings hat es der letzte Satz im Artikel in sich: Viele User auf Twitter schielen eben gerade darauf, ihre Zahl an Followern zu steigern und empfehlen bisweilen mehr “gute” Artikel als eigentlich nötig wäre. Die Folge: Wir werden überschwemmt mit Empfehlungen, von denen viele nicht wirklich Bahnbrechendes zum Inhalt haben.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 24. November 2009 um 15:36 Uhr (#)

    Stimmt, wichtiger Einwurf. War mir ein Update im Artikel wert.

  3. Helge
    schrieb am 24. November 2009 um 16:31 Uhr (#)

    Dass der Foto-Credit-Link auf Flickr geht und nicht auf die Profilseite des Fotografen ist sicher nur ein Versehen, nehme ich an.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 24. November 2009 um 16:36 Uhr (#)

    Herrlich, du klickst echt immer auf die Links zur Fotoquelle ;)

    Ja war ein Versehen, ist gefixt. Danke für den Hinweis.

  5. Oliver Springer
    schrieb am 24. November 2009 um 18:21 Uhr (#)

    Das mit der Dosierung ist das große Problem, wenn wir mal bei Twitter bleiben: Wer nur einer überschaubaren Zahl von Nutzer folgt, wird die Zahl der Links, die pro Nutzer empfohlen werden sollten, anders beurteilen als jemand, der vielen folgt. Das gilt aber überhaupt für die Anzahl an Tweets.

    Zu einem anderen Aspekt: Ja, man sucht sich die Leute, denen man folgt, aus. Allerdings sind Menschen nicht auf ein Thema festgelegt. Folgt man einer Firma auf Twitter, wird es in den Tweets um ein gut abgrenzbares Thema gehen.

    Aber ein Mensch steht nicht nur für ein Thema. => Nur ein Teil der Leseempfehlungen deckt sich mit den eigenen Interessen des Followers.

    Eine Zeitung könnte eigenen Accounts / Feeds zu den verschiedenen Ressorts anbieten, um das Problem auf ihrer Seite zu lösen. Auf Menschen ist das kaum übertragbar, oder?

    Aber grundsätzlich kommt den Nutzern als Distributoren eine große Bedeutung zu. Die Inhalte sind nicht mehr an bestimmte Plattformen (wie die Website eines Verlages oder ein Blog) gebunden.

    Für die Ersteller hochwertiger Inhalte könnte das eine gute Entwicklung sein.

  6. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 24. November 2009 um 19:28 Uhr (#)

    Ja klar, eine komplette Deckung zwischen den auf Twitter oder via Google Reader geteilten Artikeln mit den eigenen Interessen ist natürlich nicht möglich. Aber es gilt eben auch da, selektiv zu sein. Und als jemand, der selbst Inhalte teilt, seiner Linie treu zu bleiben.

  7. Carsten Pötter
    schrieb am 24. November 2009 um 19:43 Uhr (#)

    Teilweise fällt es mir schwer, dosiert Inhalte z.B. über Google Reader zu teilen. Das betrifft sowohl die Menge an Artikeln als auch den Zeitpunkt des Teilens.

    Von mir kommt meistens alles ziemlich gebündelt innerhalb sehr kurzer Zeit, was hauptsächlich meinem Job geschuldet ist. Ich würde lieber über den Tag verteilen als zu einem bestimmten Zeitpunkt. Lässt sich aber leider nicht ändern und kann sicherlich zu dem Eindruck führen, dass Artikel eher beliebig geteilt werden. Ich denke aber mal, dass andere sich in einer ähnlichen Situation befinden.

    Bei der Menge muss ich noch einmal in mich gehen. ;)

  8. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 24. November 2009 um 22:48 Uhr (#)

    Carsten, jetzt mal keine falsche Bescheidenheit. Deine Shares im Google Reader sind immer sehr gut, zudem teilweise von sehr sehr exotischen Quellen.

    Das Problem des Übertreibens besteht meiner Meinung nach primär bei Twitter.

  9. Carsten Pötter
    schrieb am 25. November 2009 um 01:52 Uhr (#)

    Naja, ich denke schon, dass es für manche Leute ein Problem darstellt, wenn 10 oder mehr geteilte Artikel von einer Person nacheinander im Reader auftauchen.

    Bei Twitter scheine ich den falschen Leuten zu folgen. ;) Da tauchen eigentlich meinem Empfinden nach wenige Links auf. Liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass ich Twitter in der Regel erst Abends verfolge.

  10. Karo
    schrieb am 25. November 2009 um 09:28 Uhr (#)

    Wirklich gut erkannt.
    Ich sehe das mit Twitter gleich. Ich twittere zwar erst seit einigen Wochen, doch erkenne ich zunehmend das Problem … offenbar finden es viele ’sexy’ möglichst viele Follower zu haben und Empfehlungen auszusprechen … bei tieferer Analyse frage ich mich öfers: Empfehlung wofür? Was ist hier wirklich wichtig & neu?!

    Danke für den Artikel, nehme ihn zum Anlaß mein eigenes Verhalten aber auch das deren Leute ich ‘folge’ und die ich oft auch ‘empfehle’ wieder mal zu überdenken. KS

  11. Mirjam neller
    schrieb am 3. Dezember 2009 um 14:13 Uhr (#)

    Wieso ist die Empfehlung eines Freundes oder Bekannten für einen guten Artikel etwas wert? Hat der Freund den Artikel geprüft? Wohl kaum!

    Wohín die “Soziale Suchmaschine” führt zeigen yigg, webnews und konsorten. Der größte Unfug wird empfholen weil er “lustig” ist. Man liest, was alle lesen, am Tellerrand ist Ende Gelände. Einzig und alleine eine gute Marke eines etablierten Medienunternehmens kann Garant für Qualität sein oder der Name des individuellen Journalisten / Bloggers / Autors.

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