Kulturflatrate:
Pro und Contra

Marcel Weiss, 29. Juni 2009 22:25 Uhr, 43 Kommentare Kommentare

Die Kulturflatrate, eine zentral eingesammelte und an Rechteinhaber ausgeschüttete Pauschalabgabe auf online verteilte Kulturgüter, wird zunehmend auch von Parteien und Vertretern der Contentindustrie diskutiert und immer öfter befürwortet. Wir führen Argumente für und gegen das Flatrate-Prinzip an.

Vor einigen Tagen war ich auf ego.fm zu einer Sendung zum Thema Kulturflatrate zu hören. Die gesamte Sendung kann man hier anhören. Das Interview mit mir kann man auch hier bei uns herunterladen. Ich hatte vor der Podiumsdiskussion auf der re:publica 09 zum Thema einige Argumente vorbereitet, die leider durch das Abbügeln jeder Diskussion vom Moderator nie angesprochen werden konnten. Im Folgenden werde ich die Argumente für und gegen die Kulturflatrate ausführen.

Ein Hinweis: Der folgende Text ist recht lang. Wer keine Zeit oder Lust hat, ihn komplett zu lesen, kann auch für die wesentlichen Punkte lediglich das Fazit am Ende lesen.

Auffällig ist in letzter Zeit, dass die Debatte rund um die Kulturflatrate an Fahrt aufgenommen hat. So steht neben den Grünen auch die SPD einer Kulturflatrate zumindest nicht ablehnend gegenüber:

In dem auf dem [..] SPD-Parteitag in Berlin beschlossenen “Regierungsprogramm” setzen sich die Sozialdemokraten überraschend für die “Prüfung einer Kultur-Flatrate” unter dem Stichwort einer “gerechten Vergütung kreativer Arbeit” ein.

Und wenn schon Kulturflatrate, dann richtig: Auch Verlage träumen schon von einer Kultur-Flatrate als Aufschlag auf DSL-Anschlüsse, um das eigene Geschäft zu retten. Auch in Medien wie beispielsweise SpOn wird mittlerweile auf die Kulturflatrate als die Lösung für Musikindustrie und co. verwiesen.

Genauso auffällig wie die an Fahrt aufnehmende Debatte ist, dass sie gleichzeitig ausgesprochen seicht bleibt. Kaum wird über die Details der Umsetzung gesprochen. Die von den Grünen in Auftrag gegebene Studie (PDF-Datei) etwa beschäftigt sich in erster Linie mit den rechtlichen Gegebenheiten und u.U. notwendigen Gesetzanpassungen. Da die Umsetzung selbst aber über die Sinnhaftigkeit einer Kulturflatrate bestimmt, sollten Gedanken dazu im Vordergrund stehen. Denn was nützt schon ein erfolgreich eingeführtes Abgabesystem, wenn es dann nicht die gewünschten Ergebnisse erzielt?

Das einzige, was ich mir von diesem Artikel wünsche, ist eine anschließende Debatte, bei der sich die Befürworter mit den Kritikpunkten auseinandersetzen.

Dieser Artikel ist als Ergänzung zum Artikel über die Kulturflatrate vom Januar diesen Jahres zu verstehen. Meine hier vorgebrachten Kritikpunkte sind Ergänzungen zu den dort angesprochenen Punkten. Ich empfehle jedem, der jenen Artikel nicht kennt, zuerst ihn zu lesen. Die wichtigsten seinerzeit angesprochenen Kritikpunkte fasse ich unten kurz zusammen.

PRO:

Kulturschaffende werden für die Verteilung ihrer Güter durch Filesharing entschädigt.

Die folgende Annahme ist die konsequente Weiterführung der Propaganda der Rechteverwertungsindustrie:

  1. Unautorisierters Filesharing ersetzt Verkäufe.
  2. Dieser negative Effekt hat keine positiven Nebeneffekte.
  3. Mögliche Bekanntheit, Reichweite und Aufbau einer Fanbasis für die Kulturschaffenden durch Filesharing hat keine positiven Auswirkungen auf ihre Gesamtsituation (das ist weder in der Theorie noch in der Praxis für alle Kulturschaffende pauschal zutreffend, was nebenbei die unsinnige Diebstahl-Argumentation der Tonträgerindustrie etwa noch weiter ad absurdum treibt).

Tatsächlich ist eine pauschale Abgabe auf einen Internetzugang die einzige Möglichkeit, eine direkte Einnahmequelle durch Filesharing für die Kulturschaffenden zu ermöglichen. Es gibt keinen anderen Weg. Wer eine direkte Bezahlung der Kulturschaffenden (oder der jeweiligen Rechteinhaber) aus dem globalen Filesharing unbedingt und unabhängig möglicher negativer Nebeneffekte möchte, muss für eine Kulturflatrate sein.

Glorifizierter Wegezoll

Der Tonträgerindustrie haben die letzten zehn Jahre schwer zu schaffen gemacht. Massenklagen gegen die eigenen Kunden haben sich überraschenderweise nicht als tragfähiges Geschäftsmodell herausgestellt. Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre werden die großen Majorlabels an den Rand des Exodus gelungen, weil die Kostenstrukturen ihrer Organisationen nicht mehr vom Markt getragen werden können.

Die einzige Hoffnung dieser gigantischen Industrie, so schein es, sind massive Lobby-Anstrengungen, um irgend einen Weg zu finden, die eigene Existenz aufrechtzuhalten, obwohl es für sie keinen Bedarf auf dem Markt mehr gibt: Die Hauptaufgabe von Majorlabels war, Musikaufnahmen zu kopieren und zu distribuieren. Das können die Konsumenten mittlerweile selbst übernehmen.

Da ein Anpassen an die neuen Rahmenbedingungen auf dem Markt für die Kapitalisten in den Chefetagen der Majorlabels nicht in Frage zu kommen scheint, zeichnen sich zwei mögliche Wege für die Tonträgerindustrie ab:

  1. Kastration des Internets
  2. Kulturflatrate

Ersteres ist schwer durchzusetzen (aber nicht so schwer, wie es Internet-Aktivisten gern hätten, wie man an der aktuellen Internetfilter-Debatte eindrücklich sehen kann). Es ist außerdem gesellschaftlich nicht wünschenswert.

Gehen wir fünf Jahre in die Zukunft. Das erste große Majorlabel kollabiert unter dem Druck des Internets und die Felle werden an die verbliebenen Majorlabels verteilt. Eine dem Internet grundsätzlich skeptisch gegenüber stehende Partei (nennen wir sie der Einfachheit halber CDU) könnte, sofern sie an der Regierung ist, mit dem pauschalen Verweis auf Arbeitsplatzerhalt aus ökonomischen Beweggründen tiefgehend auf das Internet eingreifen. Alles, was es braucht, ist ein spektakulär implodierendes Majorlabel oder ein vergleichbar medial ausschlachtbares Ereignis und darauf folgende laute Forderungen der kompletten Entertainmentindustrie.

Die Tonträgerindustrie könnte in ihrem Todeskampf vor allem im aktuellen politischen Klima Deutschlands der Internet-Infrastruktur erhebliche Schäden zufügen.

Wie gesagt: Das ist nicht wünschenswert. Deshalb sind auch einige Aktivisten auf Verbraucherseite für die Kulturflatrate, weil sie schlicht das kleinere Übel ist.

Jegliches Fehlen einer direkten Entlohnung, an die wir uns, die wir aus einer rein analogen Welt kommen, alle so gewöhnt haben, ist für weite Teile der Bevölkerung nicht wegzudenken. Also: Entweder Flatrate oder schnippschnapp, trockengelegt.

Deshalb habe ich vor diesem Hintergrund die Kulturflatrate auf der Podiumsdiskussion auf der re:publica auch als “glorifizierten Wegezoll” bezeichnet. Ein Wegezoll an die Tonträgerindustrie und andere Rechteinhaber, damit sie der Gesellschaft nicht das Internet, wie man es heute kennt, über den Lobbyumweg wieder wegnimmt.

Auch eine Kulturflatrate wird diese Industrie in ihrem jetzigen Zustand nicht retten. Sie wird aber als eine immer attraktiver wirkende zusätzliche Einnahmequelle erscheinen. In Verbund mit den ersten Parteien, die sich positiv gegenüber der Idee der Kulturflatrate äußern, und Befürwortern von Verbraucherseite wird diese Variante weitaus einfacher umzusetzen sein als die Kastration des Internets. Während die Nachteile durch letzteres die Konsumenten auch direkt spüren werden, werden sie von den Nachteilen einer Kulturflatrate maximal indirekt etwas mitbekommen.

Deshalb werden wir höchstwahrscheinlich auch eine Kulturflatrate in welcher Form auch immer bekommen. Die quer durch die Gesellschaft wahrnehmbaren Signale lassen daran kaum noch Zweifel aufkommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann. Meine Schätzung wäre: innerhalb der nächsten 10 Jahre.

CONTRA:

Die Kritikpunkte aus dem vorhergehenden Artikel zum Thema zusammengefasst:

  • Massiver Verwaltungsaufwand: “Das, was Verwertungsgesellschaften wie die GEMA zu stemmen versuchen, ist ein Kinderspiel im Vergleich zu den verwaltungstechnischen Mammutaufgaben einer solchen Kulturflatrate-Instanz. Ein großer Teil der Einnahmen würde für die Arbeit dieses Bürokratie-Monsters draufgehen.”
  • Bevorzugung der Majorlabels bei der Konzeption: “Dass die Musikmajors den Prozess der Verteilung und den Entscheidungsprozess generell zu ihren Gunsten gestalten würden ist nicht nur offensichtlich, sondern auch aus ihrer Sicht rational. Weder für die Konsumenten, noch für den gesamten Musikbereich (also auch alles außerhalb der Welt der Majors) wäre das von Vorteil. Die heutigen Majors könnten damit sicherstellen, dass sie auf lange Zeit die Regeln bestimmen. “
  • Eine zentral verteilte Pauschalabgabe für alle Kulturbereiche: “Und was ist mit der Computerspielebranche? Und der gesamten Softwarebranche? Was ist mit Fotografen und ihren urheberrechtlich geschützten Fotos?
    Und schließlich wäre dann zum Schluss die Pornoindustrie an der Reihe, die sich ebenfalls vom illegalen Tausch ihrer Erzeugnisse gebeutelt gibt.”
  • Auswirkung des Zusammenspiels von Long Tail und Bürokratie: “im Web [wird die GEMA-Realität] auf eine sehr viel größere Zahl an Musikern zutreffen, die kaum je mehr als eine Null sehen würden. Im Umkehrschluss würde das außerdem bedeuten, die Großen können durch die Flatrate gemütlich überleben, während die Kleinen sich nach weiteren Umsatzmöglichkeiten umsehen müssen; während deren Fans die Großen mitfinanzieren.”

Weitere Kritikpunkte:

Es wird nie eine auch nur annähernd ‘gerechte’ Verteilungsgrundlage geben

Das wohl Bemerkenswerteste an der Diskussion zur Kulturflatrate ist die Tatsache, wie die Befürworter die unübersehbaren Probleme der Erfassung und Verteilung ignorieren. Einige glauben sogar an eine gerechte oder faire Verteilung der eingenommen Gelder. Ich fürchte allerdings, dass das völlig unmöglich ist.

Auf einige der unzähligen Probleme, die jedem auffallen müssen, der ein wenig über die Problematik nachdenkt, gehe ich deshalb noch einmal in Bezug auf die Musikbranche ein:

Wir haben zwei Möglichkeiten, um die Verteilung zu messen:

  1. Wir zählen die Downloads.
  2. Wir zählen die tatsächliche Nutzung (das Anhören der Musik).

Zu 1. Downloads als Grundlage: Die Idee, Downloads als Bemessungsgrundlage nehmen zu können, basiert auf der irrigen Annahme, man könne einen kostenlosen Download mit dem Kauf eines Tonträgers gleichsetzen. Da der Download dem Konsumenten nichts kostet, führt das zu unzähligen Problemen:

Ich kann Musik runterladen, die ich nie anhöre also auch nie konsumiere. Was wird dadurch möglich:

  • Industrielle Manipulation durch die großen Majorlabels
  • Mittels Botnet aufgesetzte verteilte Downloads von ‘pfiffigen’ Indie-Musikern
  • Aktivisten, die nicht möchten, dass Britney Spears und co. XY vom Kuchen bekommen, veranstalten Aktionen, wie etwas alle Werke aller Künstler herunterzuladen, deren Name mit F beginnt.
  • Künstler bieten nur Bundle-Downloads an, welche die Gesamtverbreitung ihrer Werke künstlich hochtreibt (Ich will nur Album 08/15, muss aber die drei vorhergehenden als ZIP-Datei mit herunterladen.)
  • Um das eigene Idol zu unterstützen, kann man Freeware-Programme nutzen, welche automatisch nach Ablauf einer wie auch immer gearteten Datenspeicherung, die bereits heruntergeladenen Werke ein weiteres Mal herunterlädt und anschließend sofort wieder löscht. (Das Gleiche gilt natürlich in noch weit stärkerem Maße für jedes Szenario, in dem Downloaddaten nicht für einen bestimmten Zeitraum gespeichert werden)
  • usw. usf.

Fazit: Da kostenlose Downloads keine mit Kosten verbundene Entscheidung darstellen, sind sie ungeeignet zur Messung der Nutzung und damit völlig ungeeignet als Ausgangsbasis für eine Bemessungsgrundlage.

Dass langjährige Befürworter der Kulturflatrate vor diesem Hintergrund eine Bemessungsgrundlage auf Downloadbasis überhaupt noch erwägen, lässt mich meine Hände über dem Kopf zusammenschlagen:

Wer etwas herunterlädt, ist für die Ausschüttung unerheblich. Der Datenschutz müsste gewährleistet sein, klar, das ist in Deutschland ein sensibles Thema. Man will ja nur wissen, wie häufig bestimmte Werke heruntergeladen werden. Dazu kann man Zähler mitlaufen lassen, die Dateiinformationen lesen. Mit der Legalisierung von Tauschbörsen müsste man auch nicht mehr verbergen, was man herunterlädt. Alle Beteiligten hätten einen Anreiz zu korrekten Metadaten, nicht zuletzt, damit die Künstler ihren Anteil bekommen.

Zu 2. Tatsächliche Nutzung als Grundlage: Wöllte man die Nutzung der Kulturgüter – bei der Musik also das Anhören – messen und darauf aufbauend auszahlen, müsste man Konsumenten dazu bringen, ihre Nutzung auswertbar zu machen.

Denkbar wäre etwa ein Angebot wie Last.fm, bei dem man sich anmelden und dann die gespielten Songs protokollieren lassen kann.

Diverse Probleme bei dieser Herangehensweise:

Auch hier wieder Manipulationsmöglichkeiten, sofern man nicht Schritte unternimmt, Fake-Accounts etwa zu unterbinden (mit einer aufwendigen postalen Verfizierung etwa). Denn man darf bei all diesen Ansätzen nicht vergessen, dass es für einige Parteien je nach möglicher Einflussnahme um richtig viel Geld gehen kann.

Weiterhin könnten enthusiastische Fans für ihre Idole Tag und Nacht deren Musik über ein Programm laufen lassen, das vorgibt, die Musik zu spielen aber stattdessen nur Fake-Protokolle sendet. Es wäre ein “Katz und Maus”-Spiel zwischen Auswertern und Programmierern dieser Programme. Von Botnets ganz zu schweigen.

Das Betreiben eines solchen Angebots von der mit der Kulturflatrate beauftragten Verwertungsgesellschaft wäre außerdem recht kostenintensiv (und das Übertragen dieser wichtigen Aufgabe auf eine nichtneutrale Partei wie oben genanntes Last.fm wäre ebenfalls eher suboptimal).

Denkbar wäre auch eine Erhebung über eine Stichprobe, so wie man es etwa von der Einschaltquotenermittlung beim Fernsehen kennt. Für die großen Majorlabel wäre das die zu preferrierende Variante.

Warum? Ein kurzer Ausflug in die Theorie des Long Tails :

Wenn Downloads ohne zusätzliche Kosten möglich sind, werden Konsumenten mehr experimentieren und, da nicht mit weiteren Kosten verbunden, mit viel größerer Wahrscheinlichkeit neue Musik austesten. Das führt zu einer Diversivizierung des Konsums, deren Auswirkungen Chris Anderson den Long Tail genannt hat. Nischenprodukte (Musik abseits des Mainstreams) erhalten eine größere Verbreitung.

Der online anzutreffende Long Tail ist eine Unterform der sogenannten “Power Law”-Verteilung, die man vor allem im Konsumentenmarkt antrifft (zum Beispiel findet man die Long-Tail-Verteilung bei Amazon vor). Kurz gesagt: Die 20 Prozent weitverbreitesten Güter (= die Hits) machen in der Masse weniger als 50 Prozent der Gesamtmenge aus. Also machen die einzeln weniger verbreiteten aber vielzähligeren 80 Prozent (= die Nischenprodukte) mehr als 50 Prozent der Gesamtmenge aus. Kurzer Kopf, langer Schwanz.

Eine Erhebung über eine Stichprobe führt nun zu einer massiven Verzehrung bei dem Ergebnis zugunsten der weitverbreiteten Hits aus folgenden Gründen:

Man kann mit einer Stichprobe schon per se nur einen Bruchteil der Nutzung festhalten. Bei der Erhebung der TV-Einschaltquoten ist das nicht problematisch. Da die Konsumenten in der Regel nur Auswahlmöglichkeiten im zweistelligen Bereich haben. Man erreicht eine repräsentative Stichprobe bei der TV-Nutzung innerhalb eines wirtschaftlich vertretbaren Rahmens. Bei 30 Auswahlmöglichkeiten gibt es keinen Long Tail.

In der Online-Welt muss man einen Kompromiss finden zwischen Größe der Stichprobe (und damit Wirtschaftlichkeit) und Erfassung des Long Tails (also der 80 Prozent der Nischenprodukte, die mehr als 50 Prozent der Gesamtmenge ausmachen).

Man kann im Detail darüber streiten, wie stark diese Verzerrung zum Tragen kommt, aber grundsätzlich kann man festhalten: Eine Erhebung über eine Stichprobe wird immer tendenziell die Hits (die 20 Prozent) überbewerten und immer einen Großteil des Long Tails ausklammern. Im schlimmstanzunehmenden Fall bedeutet das, dass über 50 Prozent der Gesamtmenge nicht in die Erhebung einfließen.

Eine Erhebung der Onlineverbreitung über Stichprobe wäre in etwa so, wie wenn man nur stichprobenhaft die Verkäufe in Mediamärkten misst und behauptet, das würde alle Musikverkäufe der Republik repräsentieren : Man schließt von vornherein den nicht gerade kleinen, online stärker werdenden, unabhängigen Teil der Musiklandschaft aus.

Das Ganze wäre nur halb so schlimm, wenn nicht die wichtigsten Parteien, also diejenigen, die massgeblich an der Ausgestaltung der Kulturflatrate beteiligt sein werden, von dieser Verzerrung am meisten profitieren werden: Die großen Major-Musiklabels, die Filmstudios, die Blockbuster-Filme produzieren.

Ein weiteres grundsätzliches Problem der Kulturflatrate ist außerdem, dass die Verteilungsbasis immer auf Quantitätsmessung ohne Differenzierung aufbaut. Das bedeutet praktisch einen Einheitspreis. Jedes Kulturgut einer jeweiligen Art hat dann den gleichen Preis: Jedes E-Book, jede Musikaufnahme, jeder Film. Je wichtiger die Umverteilung durch die Kulturflatrate für den einzelnen Kulturschaffenden ist, desto schwieriger ist dieser vom System diktierte Preis. Da die Kulturflatrate eine massive Umverteilung und eine ebenso massive Anreizverschiebung bei den Konsumenten bedeutet, wird eine einmal eingeführte Flatrate auch einen immer größer werdenden Stellenwert einnehmen.

Veränderte Anreizsysteme

Wird nichtkommerzielles Filesharing mit Kulturflatrate legalisiert, ändert das grundsätzlich das Nutzungsverhalten. So werden Download-Shops wie itunes verschwinden, weil P2P-Filesharing, das bereits kriminalisiert die effizienteste Verbreitung von Dateien online ist, ein bisher ungekanntes Qualitätsniveau erreichen würde. Das ist an sich nichts Schlimmes. Reine Download-Shops sind meiner Meinung nach in den meisten Fällen sowieso historische Anomalien.

Das Anreizsystem verändert sich aber auch auf Seiten der Anbieter. Der Anreiz liegt besonders bei den großen Rechteverwertern nicht mehr darin, neue Werke zu erschaffen, sondern einen möglichst großen Anteil vom Download-Kuchen zu erhalten. Die Erstellung eines neuen Werkes – Musik, Buch oder Film – ist dabei die denkbar kostenaufwendigste und gleichzeitig die risikobehafteste Alternative. Das Geld ist besser in Promotion bereits erfasster und bekannter Werke investiert. Wir werden einen Kampf um möglichst große Backkataloge sehen. Wer die Masse der erfassten Werke sein eigen nennt, wird das Meiste vom Flatrate-Kuchen abbekommen. Daraus folgt des weiteren der fortgesetzte Kampf, das Urheberrecht immer weiter zu verlängern.

Wir finden hier außerdem eine feste Marktgröße vor. Ein Kulturschaffender, der neue Märkte erschließt, vergrößert nicht das Gesamteinkommen der Branche aus den Flatrate-Einnahmen sondern nimmt mit der Vergrößerung des eigenen Anteils Anteile von anderen Marktteilnehmern weg. Daraus folgt wiederrum der Anreiz der Etablierten, solches Erschließen neuer Märkte möglichst zu unterbinden.

Eine Vergrößerung des Marktes wird also nicht abgebildet. Das Gleiche gilt für das Gegenteil: Auch ein Sinken des Marktes durch verändertes Konsumverhalten wird nicht abgebildet. Schlimmer noch: Es wird nie ein Absinken der Pauschalabgaben geben.

Das Ganze ist insofern bedenklich, als dass zu diesen veränderten Anreizen und einer verzerrten Nutzungserhebung erhebliche Bürokratiekosten kommen. Das alles wird mit der bei allen Endkonsumenten erhobenen Gebühr finanziert. Eine Kulturflatrate ist in letzter Instanz eine Umverteilung der Ausgaben von Konsumenten von Kultur verschiedenster Art hin zu einem gigantischen Bürokratieapparat und den Herstellern von großen bis mittleren Hits. Es wird in seiner Umsetzung immer tendenziell weit von einer ‘fairen’ Verteilung der Gelder aus den oben genannten Gründen entfernt sein.

Was ist Musik?

Wenn man messen will, muss man zunächst feststellen, was man überhaupt für messenswert einstuft.

Was Musik ist, bewegt die Gemüter nicht erst seit Musique concrète oder den musikalischen Experimenten von Karlheinz Stockhausen . Es dürfte wohl aber keinen größere Diskrepanz zwischen den verschiedenen Meinungen geben als in einer Zeit in der jeder Amateur innerhalb von einer Stunde etwas musikalisch Klingendes zusammenklicken kann.

Was dem unbedarften Musikhörer als unsinnige Frage vorkommt, weil mit offensichtlicher Antwort, ist im Avantgarde-Bereich nicht so einfach. Die Musik von Merzbow etwa würde von vielen sicher nicht mehr als Musik bezeichnet (Beispiel-Musikvideo auf YouTube ). Während hier vielleicht noch Einigkeit gefunden werden kann, gleich die nächsten Fragen: Werden jegliche Audioaufnahmen einbezogen? Was ist mit Fieldrecording? Podcasts? Das wäre nicht sinnvoll. Wenn das nicht sinnvoll ist, führt das zur nächsten Frage: Wer und wie wird die Trennlinie gezogen?

Analog gilt das Gleiche für die Film-Branche. Führen wir eine Flatrate für Filme ein, müssen wir uns entscheiden, ob wir private Filmchen von herumstolpernden Kleinkindern in die Verwertung mit einbeziehen. Wenn wir diese ausgrenzen, müssen wir auch hier über die Grenzlinie sprechen. Wie auch immer diese ausfallen wird, sie wird immer unabhängige Künstler tendenziell benachteiligen.

Aus Gründen der Praktikabilität und weil es den etablierten Playern in die Hände spielt, vermute ich folgende Umsetzung:

Jeder Künstler, der an der Ausschüttung beteiligt sein will, wird kostenpflichtig Mitglied in der Organisation werden müssen (so wie das heute bereits etwa bei der GEMA der Fall ist). Außerdem wird jede Aufnahme einer Musikaufnahme, Film oder anderen Kulturguts in den zu überwachenden Pool ebenfalls kostenpflichtig sein.

Mashups, DJ-Sets, Remixe und eine Musik im Fluss

Bleiben wir bei der Musik. Anschließend an die Frage der Aufnahme der Kulturgüter: Was ist mit Sample-Musik? Mit Mashups? Mit DJ-Sets?

Was ist mit Musik wie der von Girl Talk? Werden die dort gesampleten Musiker entscheiden dürfen, ob diese Musik in den Pool aufgenommen werden darf?

Hier ist eine von vielen noch gar nicht wahrgenommene Entwicklung innerhalb der Musik: Musik befindet sich durch die Digitalisierung immer mehr im Fluss. Neben offiziellen Remixen und Coverversionen können so leicht wie nie zuvor Mashups und inoffizielle Bastardversionen von Songs erstellt werden. Ohne jegliche Autorisierung oder ähnliches. Die Sampling-Kultur des Hip Hops und Techno war erst der Anfang. Statische Versionen von Songs werden zunehmend der Vergangenheit angehören. Stattdessen: Unzählige, viele Versionen. Und nicht selten werden Derivate beliebter sein als die eigentlichen Originalversionen, ebenso wie es in der Remixkultur der elektronischen Musik bereits oft der Fall ist.

Das gibt einen kleinen Ausblick auf die schwierige und komplexe Aufgabe, Machbarkeit und realitätsnahe Erfassung bei der Kulturflatrate unter einen Hut zu bekommen.

Sollen nur die Originalversionen und autorisierten Remixe, und damit ein immer kleiner werdender Teil der Gesamtmenge, erfasst werden? Wer entscheidet darüber?

Was ist die wahrscheinlichste Form einer Kulturflatrate?

Nachdem ich mich relativ intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe, bin ich zu folgendem Szenario gekommen:

  • Zentrale Instanz: Verwertungsgesellschaft, welche organisatorisch zu weiten Teilen auf bereits bestehende Verwertungsgesellschaften aufsetzen wird (in Dtl. etwa die GEMA); ein erheblicher Teil der eingenommenen Gelder geht in Verwaltung, Serverkosten, Erhebung der Nutzung und Durchführung der Ausschüttungen
  • Erfasste Kulturgüter: Zunächst nur Musik, nach ein paar Jahren Filme und ‘journalistische Texte’ (wie auch immer letzteres vom Rest der Online-Veröffentlichungen abgegrenzt wird); Aufnahme der einzelnen Kulturgüter nur auf Antrag
  • Bemessungsgrundlage: stichprobenhafte Erhebung der Nutzung
  • Mitgliedschaft: Kostenpflichtig, Aufnahme von kulturellen Erzeugnissen in die Erhebung ebenfalls jeweils kostenpflichtig
  • Monatlich zu entrichtender Betrag für Konsumenten: Aus Sicht der Rechteverwerter immer zu niedrig; permanentes öffentliches Streitgespräch zu diesem Thema

Fazit

Die Aufgabe, den Konsum digitaler Güter realistisch zu messen und danach die Urheber zu entlohnen, wäre eine löbliche Sache, wenn es umsetzbar wäre und keine verzerrenden Anreize und eine Zwei-Klassengesellschaft bei den Urhebern schaffen würde.

Der Wunsch nach einer Kulturflatrate fusst auf der aus der analogen Welt kommenden Gedankenwelt, dass für Güter wie Musikaufnahmen direkt zu bezahlen ist. Alles andere ist undenkbar, unredlich, unmoralisch.

Es bleibt dabei: Wer unbedingt die direkte Entlohnung über die Verbreitung von Musikstücken und anderen Kulturgütern erhalten will, kommt an einer Kulturflatrate nicht vorbei. Anders als mit einer zentralen Instanz, welcher Gelder einsammelt und sie wieder ausschüttet, kann man diese eine Entlohnungsform in der Regel bei digitalen Gütern nicht aufrechterhalten.

Und um diesem Wertesystem gerecht zu werden, wird eher eine Placebo-Lösung mit all den oben angesprochenen Problemen umgesetzt werden, statt über Modelle zu sprechen, die den veränderten Marktbedingungen gerecht werden.

Entlohnung, die indirekt über die Verbreitung des Kulturguts läuft, ist so oder so die Zukunft, da die wenigsten Künstler von einer Flatrate werden leben können. Statt über eine gigantische bürokratische Umverteilung nachzudenken, wäre es wichtiger, über Wege nachzudenken, wie man die, die bereits heute und künftig mit neuen Geschäftsmodellen Erfolg haben, unterstützen kann. Da gibt es zum Beipsiel großen Bedarf nach Angeboten, die online eine Infrastruktur anbieten können.

Der Kuchen wird nicht zwingend kleiner, er verändert in erster Linie nur seine Form. Sprich, die Gelder fließen auf andere Wege beispielsweise an die Musiker und jene, die ihnen helfen. Es ist zum Beispiel kein Zufall, dass in den letzten zehn Jahren Konzerte und vor allem Festivals enormen Zuwachs erfahren haben.

Zu viele Menschen wollen an den Vorstellungen festhalten, mit denen sie aufgewachsen sind. Eine Kulturflatrate ist weder notwendig noch nützlich. Kommen wird sie trotzdem. Schon allein, um die mächtigen Lobbies der Entertainmentindustrien im Zaum halten zu können.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Kulturflatrate dabei zu einer gigantischen Umverteilung hin zu den großen Rechteverwertern führen. Denn eine Kulturflatrate wird immer nur einen kleinen Prozentsatz der tatsächlich Kulturschaffenden und ihre Rechte Verwertenden unterstützen können. Dieser Prozentsatz wird außerdem immer der sein, welcher auf diese zusätzliche Einnahmequelle nicht zwingend angewiesen sein wird, um einen Anreiz zur Schaffung von kulturellen Erzeugnissen zu erhalten, weil er durch den hohen Bekanntheitsgrad bereits andere Einkommensströme besitzt.

Erschreckend ist in diesem Zusammenhang die Seichtheit der bisherigen Debatte. Seit Jahren fordern viele Aktivisten die Kulturflatrate. Es scheint dabei, dass bisher niemand die Details der Umsetzung näher betrachtet hat. Dabei liegt bei der Kulturflatrate der Teufel komplett im Detail.

Ein Aufruf an die unzähligen Befürworter der Flatrate-Idee: Wer Antworten auf die hier aufgeworfenen Fragen und Problemfelder hat, möge sich bitte melden.

Wer auf keine zufriedenstellenden Antworten kommt, sollte über seinen Standpunkt zur Kulturflatrate noch einmal nachdenken.

Weiterführende Links:

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43 Kommentare

  1. Ulrike Langer
    schrieb am 29. Juni 2009 um 23:16 Uhr (#)

    Du hast vollkommen recht: Die Debatte über die Kulturflatrate wurde bisher von interessierten Kreisen (Musikmajors, Verlage) bewusst vage und seicht gehalten. Würde man ernsthaft in die Details der Abgrenzungs- und Verteilungsproblematik einsteigen, dann würde sich sehr schnell zeigen, dass eine Kulturflatrate ein bürokratisches und zu Ungerechtigkeiten führendes Monstrum sondergleichen ist, gegen das die GEMA geradezu verblasst. Dir gebührt der Verdienst, auf diese Probleme hier erstmals detailliert einhzugehen. Das habe ich in dieser Klarheit noch nirgendwo anders gelesen. Ich kann auch nur jedem empfehlen, den GEMA-Beitrag bei Telepolis zu lesen (s. Link unter dem Text). Da fallen einem die Augen aus dem Kopf, sofern man nicht schon vorher über die GEMA im Bilde war.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 29. Juni 2009 um 23:22 Uhr (#)

    @Ulrike: Danke!

  3. Carsten Drees
    schrieb am 30. Juni 2009 um 05:37 Uhr (#)

    Sehr langer, sehr schöner und vor allem sehr richtiger und wichtiger Artikel zum Thema, Marcel – Hut ab! Die Kulturflatrate geistert in der Tat in vielen Köpfen rum als das Patentrezept für ein Problem, welches man eigentlich immer noch nicht richtig begriffen hat.

  4. Marco
    schrieb am 30. Juni 2009 um 08:18 Uhr (#)

    Besser als “Fazit” wäre wohl “Meinung des Authors” (Was nicht zwingend heisst, dass ich anderer Meinung bin :)

  5. Tarantoga
    schrieb am 30. Juni 2009 um 09:32 Uhr (#)

    Danke für den sehr guten Artikel. Ein zusätzliches Problem bleibt dabei noch unberücksichtigt: Die Mehrheit der Bevölkerung läd gar keine Musik herunter. Das gilt zum Beispiel für die gesamte Generation unserer Eltern. Über eine Flatrate alle Anschlussinhaber zur Kasse zu bitten, würde auf Kosten Unbeteiligter geschehen.

    Wenn man eine Flatrate machen würde, dann könnte diese imho nur freiwillig gezahlt werden und als “Produkt” die Rechtfertigung von Urheberrechtsverletzungen haben. Z.B. könnten die Majors eine gemeinsame Plattform einrichten und wer dort (kostenpflichtig) Mitglied ist, der müsste wenn er bei einem Download ertappt wird nur dieses Abo vorweisen und hätte nichts mehr zu befürchten.

    Aber das wird den Majors wahrscheinlich nicht reichen. Wie ich schon an anderer Stelle schrieb, ist das Geschäftsmodell der Werkmittler mit dem Internet weitgehend entfallen. Wir brauchen niemanden mehr, der die Produktion von CD’s organisiert und vorfinanziert. Daher kann eine taugliche Lösung des Problems niemals daraus bestehen, dass diesen nunmehr nutzlosen Institutionen ihre Umsätze alimentiert werden. Eine Lösung sollte nur für die tatsächlichen Einkommen der Künstler gefunden werden.

  6. RH
    schrieb am 30. Juni 2009 um 09:41 Uhr (#)

    Imho haben Labels vor allem den Marktzugang und können das nötige Kleingeld zur Markenbildung vorfinanzieren.

    Ansonsten logische Argumentation. Leider glaube ich auch, dass wir eine weitere Kultursteuer bekommen, sobald die Politik sich dazu entschlossen hat.

    Am Beispiel der Internetfilter sieht man sehr genau, dass die Politik selbst bei berechtigten Einwände anders entscheidet.

  7. Daniel Seidl
    schrieb am 30. Juni 2009 um 09:52 Uhr (#)

    Hi, super interessanter Artikel und hervorragend geschrieben. Ich verfolge das Thema auch schon einige Zeit, da ich Mitbetreiber einer Suchmaschine für MP3 Downloads bin. Unsere Seite http://www.search4songs.com vergleicht Preise, Qualität und DRM-Schutz von Alben oder Einzeltiteln. Derzeit unterstützen wir 7 verschiedene Stores wie iTunes, Amazon, Musicload etc. Im Hinblick auf eine Kulturflatrate bin ich gespannt, ob unser Angebot dann noch sinnvoll sein wird…

    Grüße Daniel

  8. Zippo
    schrieb am 30. Juni 2009 um 10:15 Uhr (#)

    Herzlichen Dank für diesen fundierten Artikel!

    @Tarantoga: Die “bösen” Majors werden auch im Internetzeitalter noch gebraucht:

    1. Nicht jede Musik wird zuhause am Rechner produziert. Minimal aufwendigere Produktionen müssen irgendwie finanziert werden und bislang gibt es noch keine Bank, die irgendeinem unbekannteren Musiker einen Kredit gewähren würde.

    2. Die Musik muss anschließend bekannt gemacht werden: Da braucht es sowohl clevere und erfahrene Promoleute als auch wieder jede Menge Geld.

    Viele Grüße von Zippo!

  9. Tarantoga
    schrieb am 30. Juni 2009 um 11:01 Uhr (#)

    @ Zippo: Was Ihren Punkt 1 angeht, stimme ich zu. Man muss aber bedenken, dass die Kosten der Produktion und der Veröffentlichung dramatisch gesunken sind. Sie sind nicht höher als andere Anschubinvestitionen von Kleinunternehmen, die auch andere aus ihrem Eigenkapital leisten müssen.
    Bei Ihrem Punkt 2 treffen wir den Kern des Problems: Die großen Investitionen der Labels gehen in den Aufbau von Marken (“Stars”) und Marketing, insbesondere das Erzeugen von Ohrwürmern durch ständige Wiederholung in Radio, TV etc. Mit der Musik an sich das hat wenig zu tun. Die freie Verfügbarkeit über Tauschbörsen kann man sogar als alternativen Marketingkanal begreifen, der diese Methoden ersetzt. Jedenfalls wird dieser Weg von etlichen Künstlern beschritten.
    Wenn die Labels in diese Form des Marketings investieren wollen, dann ist das ihre unternehmerische Entscheidung. Wenn sich diese Investitionen nicht mehr einspielen lassen, dann waren das eben Fehlinvestitionen. Eine Versicherung hiergegen kann die Netzgemeinde nicht anbieten. Die Labels sollten halt nur das in ihre Stars investieren, was sie über Konzerte, Merchandising etc. ganz konventionell wieder reinholen können.

  10. Andreas Gutjahr
    schrieb am 30. Juni 2009 um 11:14 Uhr (#)

    Sehr schoener Artikel! Spontan fallen mir dazu folgende Aspekte ein:

    1) Die Messung der Internetnutzung fuer Werbezwecke wird seit Jahrzehnten durch Nielsen et al betrieben und eine Messung der Nutzung Einzelner war bislang erstens aus Datenschutzgruenden nicht machbar und waere zweitens in der Durchfuehrung so teuer, dass die heute schon die nicht gerade am Hungertuch nagende Werbebranche nicht bereit ist, den Preis fuer diese Daten zu zahlen. Ein wesentlicher Teil der Kulturflatrate wuerde also von diesen Messungskosten geschluckt BEVOR die Buerokratie, geschweige denn ein Kuenstler, einen Cent gesehen hat

    2) Wenn man seine Werke anmelden muss, wie werden diese dann mit den konsumierten verglichen? Eine technische Loesung vielleicht? Wieder Kosten und wie das Beispiel Last.fm zeigt, eine Claim an einem Song fuehrt noch lange nicht zu einer angemessenen Verguetung.

    3) GEZ – Muessen alle ran? Oder kann man, wie bei der GEZ, beantragen, nicht zahlen zu muessen, wenn man belegen kann, keine entsprechenden Inhalte zu konsumieren, z.B. kein Internetzugang

    4) Meiner Meinung nach wird der wirkliche Schaden nicht durch (zugegebenermassen viele) Einzelne angerichtet, die Lieder herunterladen und nicht kaufen. Viele dieser Songs wuerden sie sowieso nicht kaufen (analog zu Hometaping in den 80ern). Der Fokus sollte vielmehr auf die gerichtet werden, die Terrabytes von Daten herunterladen, auf CDs brennen und dann auf Flohmaerkten etc verkaufen. Da fliesst definitiv Geld in die falschen Haende. Bezueglich Werbeeinnahmen von P-2-P-Netzwerken kann man sicherlich aehnlich argumentieren, was aber hier den Rahmen sprengen wuerde.

    Ich stimme ausserdem absolut bei, dass neue Modelle zu wenig Beachtung finden. Illegale Downloads werden sich nicht verhindern lassen, genauso wenig wie Tapes, die wir frueher von Platten gemacht haben. Aber es wird Systeme geben, die eine Verguetung von Anfang an vorsehen, wie Aupeo oder Spotify. Ob diese Tragfaehig sind bleibt abzuwarten, aber die Ansaetze sind da und sollten Beobachtet werden. Die Musikindustrie selbst hat bestaetigt, dass durch iTunes das Volumen der illegalen Downloads zurueckgegangen ist.

    Besonders gespannt bin ich auf die Pro-Kommentare, die sich hier hoffentlich bald einfinden.

  11. Jan
    schrieb am 30. Juni 2009 um 12:04 Uhr (#)

    Wenn eine Kulturflatrate, warum dann nicht eine Schokoladenflatrate?

    Jeder Bürger zahlt im Monat 20 Euro in einen Topf und das Geld wird von einer staatlichen Institution verwaltet und an die Schokoladenhersteller nach einem undurchsichtigen Schlüssel verteilt. Dafür darf man dann im Supermarkt soviel Schokolade einpacken wie man möchte.

  12. M. Torbeck
    schrieb am 30. Juni 2009 um 13:32 Uhr (#)

    So ganz nebenbei:

    Wir haben die Privatkopie doch schon lange abgefrühstückt. Das kann als Argument eigentlich nicht mehr gelten. Die Urheberrechts-Abgaben gehen auch an VGWort und VGBild, nicht nur Gema.

    Wer einen DVD-Brenner besitzt, hat damit bereits 9,21 netto an die Gema gezahlt, wer eine Spindel DVD-Rohlinge hat, zahlte pro Spielstunde 8,7 Cent an die Gema. Du hast die zur Datensicherung? Egal, ist wie die GEZ – du könntest ja…

    Dein Drucker kostete zwischen 5 und 12,50 Euro, dein Scanner 12,50 Euro, sogar dein Fax hat zwischen 5 und 10,00 Euro gekostet. Du hast so ein Multifunktions-Dings? Macht nix: kostet zwischen 25,00 und 87,50 Euro, alles zuzüglich Mwst. versteht sich.

    Hast du einen Video-Ipod oder ein IPhone? Das hat 18,42 Euro netto für die Gema gebracht. Deine externe Festplatte wird auch in dem Bereich liegen…

    Also ich habe definitiv mehr gezahlt, als ich schwarz gebrannt oder sonstwie heruntergeladen oder konsumiert hätte.

    Wer möchte, kann mal die FAQ der VGWort ansehen: da werden MP3-Player-Verkaufszahlen jedes Jahr addiert – geht ja auch nix kaputt. PCs werden auch immer neu gekauft, nie ersetzt… http://www.vgwort.de/faq_verguetung.php

    Die Gema-Preise sind auch öffentlich:
    http://www.gema.de/musiknutzer/leermedien-geraete/

    Ach, ich reg mich nur wieder auf…

  13. Roland
    schrieb am 30. Juni 2009 um 16:35 Uhr (#)

    puh ja wirklich lang ;) Sehr gut beide Seiten ausgearbeitet. Gab es dazu nicht auch mal einen Artikel in der Brand Eins ? Dachte ich hätte da auch schonmal was gelesen zu dem Thema…

  14. mp3
    schrieb am 30. Juni 2009 um 17:10 Uhr (#)

    warum wird eigentlich in der diskussion so wenig rumgesponnen und nur kritisiert? utopisch sein ist im moment ein muss! wer sich jetzt nicht die zeit nimmt und ein wenig freidreht, der findet sowieso keine innovativen ideen für das was kommt. das wäre zum beispiel eine utopie:

    a) die flatrate

    wer sagt eigentlich, dass eine kulturflatrate nach nutzungsverhalten, egal wie bemessen, bezahlen muss? der wert eines kulturgutes wird ja nicht durch seine quantitative rezeption erzeugt, sondern durch seine qualitative (die sich nicht mit der quantitativen beißen muss). dass kulturgüter überhaupt so stückzahlen-mäßig abgerechnet werden ist ein ergebnis der mittler-industrie des 20. jahrhunderts (bzw. beim gedruckten noch 200 jahre älter), die jetzt wieder komplett überflüssig zu werden droht. und zwar in ihrer funktion als harter medien-produzent, nicht als “label” im sinne von filter/sammelstelle oder management, oder promo, oder merchandiseschmiede oder oder oder…

    tendeziell wurden kulturgüter schon immer mehr nach produktion entlohnt, nicht nach rezeption. die rolle von mäzenen und stiftungen der letzten jahrhunderte können von labels ohne probleme wieder eingenommen werden. wenn sich auch in der finanziellen kette INNERHALB der musikindustrie der bezahlvorgang hin zur produktion ändern würde, wäre das problem gar nicht so groß. eine kulturflatrate könnte da einsteigen und etwa pauschal für jedes angemeldete musikstück einmalig auszahlen. diese auszahlung wäre recht hoch (bei liedstücken zum beispiel denkbar irgendwo im niedrigen dreistelligen bereich), im vergleich zu kontinuierlichen auszahlungen eines gebrauchs-gestützten systems aber sogar für den verbraucher günstiger. die verwertungsgesellschaft kontrolliert stichprobenartig und bei erstanmeldung, ob die eingereichten werke einem jährlich in einem (wirtschaft/universitär/freie künstlerische szene – gemixten) plenum überarbeiteten kriterienpapier für künstlerische werke entsprechen.

    b) alternative finanzierungsmodelle

    mit den einmaligen auszahlungen alleine kann der künstler (bzw. die kreativschmieden die labels usw. sein sollten) natürlich nicht leben. muss und SOLL er aber auch nicht:

    1. querfinanzierung. gehört von anfang an dazu. es ist glatte ignoranz zu glauben, dass merchandise in zukunft auch für junge bands weit außerhalb ihres radius liegen würde – vielleicht ist das noch in den köpfen, aber nicht real. das geht bei noch unterentwickelten on-demand anbietern im netz los (spreadshirt&co, posterproduktionen und andere druckerzeugnisse) geht über kleinbetriebliche merchandise-firmen die im ganzen land seid jahrzehnten aktiv sind (siehe zbsp buttonproduzenten oder auf punk und hardcore spezialisierte t-shirt und aufnäher-produzenten) und endet nicht bei den unterschiedlichsten indie-bands und kollektiven, die immer wieder beweisen, dass mit einem bisschen diy (hinter dem natürlich mehr als respektabler arbeitsaufwand steht) mehr als verkaufsfähige werte geschaffen werden. man muss natürlich akzeptieren, dass man mehr schaffen muss als musik.

    2. live-performance. kulturgüter bauen immer auf dem persönlichen erlebnis auf, besser noch: auf dem persönlichen bezug. schließlich wird nicht eine reihe von tönen/bildern geschaffen, oder ein 1,2 kg schwerer papierberg, sondern ein inhalt, eine idee, die durch irgendeine veräußerlichte form kommunizierbar und ästhetische relevant hervorgebracht wird. es gehört daher seid je her dazu, dass künstlerische oder medial-kulturelle werke in einem personalisierten, fest vorgegebenen raum präsentiert werden um diese bindung zu stärken und zu steuern – und genauso ist eigentlich auch üblich, diese präsentation zu entlohnen. deswegen waren künstler schon immer nicht nur reine produzenten, sondern auch präsentatoren, denn ohne diese zusätzliche einnahmequelle hätten sich die wenigsten tragen können. hier bestätigt die historische außnahme natürlich die regel.
    dass junge bands sich nicht mit konzerten alleine tragen können ist klar. aber es ist selbst jetzt, wo man die lage für junge und kleine veranstalter als desaströs bezeichnen könnte, mit etwas köpfchen immer noch sehr gut möglich, knapp über der null konzerte zu geben und zu wachsen – und das wird es wohl auch immer sein, wenn man nur will. es ist definitiv nicht unmöglich sich ohne äußere hilfe oder andere hilfsmittel neues publikum zu erspielen.
    andere kulturbereiche, etwa journalismus/schreiben und film sind davon genauso betroffen. gerade die momentan wetternde klasse der konservativen journalisten sind potentielle nutzer dieses prinzips. so ist es momentan noch üblich, journalisten als experten zu allen möglichen öffentlichen, nicht öffentlichen und medialen gesprächsrunden zu laden – für lau. warum? sieht man davon ab, ist es gerade im journalistischen bereich noch recht einfach über spezielle abosystem, werbung und interaktive spezialangebote geld zu machen. im eher literarischen bereich ist die live-performance auch im kommen. und da, wo sie etwa wegen der textlänge nicht hindringen kann, bleiben ihr die vorteile des autarken mediums: ein buch lebt davon, den text in den vordergrund zu stellen. forschungsliteratur (deren gelder eh aus dem staatlichen und institutionellen bereich kommen sollte) profitiert sicher gewaltig von zukünftig readern, volltextsuchen usw. ein roman aber verlangt nach einer sinnlichen abgrenzung, um überhaupt genossen werden zu können – und wird daher nie im netz gelesen werden. selbst wenn sich dafür reader wie der kindl durchsetzen, so werden sie ähnlich dem buch als seperates medium exestieren und es etwa der industrie ermöglichen, die fehlenden möglichkeiten im live-bereich über die geräte auszugleichen. denkbar wäre auch ein wiederaufleben der lesezirkel: ein autor veröffentlicht sein buch schrittweise (in angenehmen lesetempo) im kostenpflichtigen abo und gibt der leserschaft über plattformen die möglichkeit untereinander mitzufiebern, mit dem autor zu kommunizieren, das buch vielleicht mitzugestalten etc. etc….
    und die filmindustrie? sollte endlich ihr kino modernisieren. wer mehr bekommt als ein 3 meter größeres bild gegenüber dem beim papa mit seiner heimkinoanlage am rechner, der zahlt auch wieder für das erlebnis. so einfach. das geschäftsmodell des kinos ist veraltet. punkt. das betrifft sowohl die technischen möglichkeiten, als auch atmosphäre (popcorn und pappaufsteller? das wars?) und zusatzangebote. programmkinos sind mitunter besser besucht als je zuvor – weil es zu den filmen diskussionen und vorträge gibt, themenabende und filmpakete, die zum bewussten konsumieren aufrufen und nicht dem üblichen “was lad ich mir denn heute abend runter…”.
    das kann man weiterspinne. die spieleindustrie kann kostenpflichtige turniere veranstalten, die community wie schon üblich für spezielle erweiterungen mit echtzeitelementen zahlen lassen usw.

    3. teilzeitkünstler.
    es ist eine interessante idee, dass ein künstler alleine von seiner kunst leben können muss. und in einzelfällen sicher auch eine sehr gute. aber generell ganz sicher nicht. kunst und kultur ist nichts weiter als eine reflexion von lebenswelten, noch genauer eigentlich nur von kommunikativen prozessen. es wäre mehr als unsinnig, für künstler ein habitat schaffen zu wollen, dass ihn von der lebenswelt der restlichen menschen ausgrenzt. die frage nach einer angemessenen vergütungssystem sollte keine der grundsätzlichen lebensfinanzierung sein! genau das denkt man aber manchmal, wenn man die momentane debatte betrachtet. dass man irgendwann diesen status erreicht, bedeutet ja nicht, dass das system das generell so vorsieht. da virtuelle grenzen zu ziehen ist natürlich schwierig und kann sicher erst im laufenend prozess als kompromiss realisiert werden.

  15. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 30. Juni 2009 um 17:10 Uhr (#)

    @Jan:
    “Wenn eine Kulturflatrate, warum dann nicht eine Schokoladenflatrate?”
    Ich bin ja gegen die Kulturflatrate, aber das ist ein unsinniges Argument. Physische Güter kann man nicht immateriellen Gütern gleichsetzen. Oder kann ich die von Dir produzierte Schokoladentafel unendlich oft ohne Qualitätsverlust reproduzieren?

    @M. Torbeck:
    Ja, auf die Abgaben auf Hardware-Geräte wollte ich noch eingehen, habe es dann aber zugunsten der Länge des Artikels gelassen. :)
    Da ist viel im Argen. Mich würde auch mal eine Untersuchung interessieren, bei der geschaut wird, wieviel von diesen Einnahmen durch Urheberrechtsabgaben überhaupt bei den eigentlichen Urhebern ankommt. Würde mich nicht überraschen, wenn vieles davon bei den Verwertern versickert..

    @Roland:
    Kann sein. Ich lese die Brand Eins nicht. Und da sie ihre Artikel nicht in einem vernünftigen Format online stellen, bekomme ich davon auch nichts mit. Eine schnelle Suche auf deren Website hat nichts zutage gefördert.
    EDIT: Ah, doch, hier: http://brandeins.de/home/…=su78491511413663333
    Muss ich mir bei Gelegenheit mal durchlesen.

  16. Ulf J. Froitzheim
    schrieb am 30. Juni 2009 um 17:21 Uhr (#)

    Hier ist der richtige Link zum brand eins-Beitrag – ohne Session ID.

  17. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 30. Juni 2009 um 17:24 Uhr (#)

    Danke, Ulf!

  18. Ulf J. Froitzheim
    schrieb am 30. Juni 2009 um 18:40 Uhr (#)

    So, nach der Link-Korrektur nun zum Inhaltlichen:

    Als einer der Vertreter der Journalisten im Verwaltungsrat der VG Wort habe ich in den vergangenen Jahren viel darüber gelernt, wie vertrackt die Verteilung von Tantiemen aus Pauschalabgaben an die Urheber tatsächlich ist – und wie wenig das Machbare mit echter Gerechtigkeit zu tun hat.

    Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen kann ich nur warnen vor der Illusion, das utopische Konstrukt einer Kulturflatrate könnte mehr sein als ein Alibi oder eine Gewissensberuhigung für diejenigen, die den Kreativen nicht schaden wollen.

    Beispiel Verteilungspläne: Derzeit haben wir verschiedene Einnahmetöpfe, die aus eigenen Quellen gespeist werden. Beim Kabelfernsehen sind es andere als bei den Bibliotheken, bei Schulbüchern andere als bei Pressespiegeln, und die Geräteabgaben sind noch ein ganz eigenes Thema. Schon innerhalb der einzelnen Sparten gibt es immer das Gefühl der Ungerechtigkeit, etwa wenn Dokumentarfilmer mit ihren anspruchsvollen und arbeitsaufwändigen, aber quotenschwachen Produktionen sich benachteiligt fühlen gegenüber den Synchron-Autoren, die am Fließband billige, quotenstarke und xmal wiederholge Import-Telenovelas eindeutschen.
    Bei den Pressespiegeln kassiert der Kollege, der die Bilanzpressekonferenz des DAX-Konzerns schnell runterhackt, übers Jahr viel mehr als der investigative Reporter, der so lange recherchiert, dass er nur ein, zwei Texte im Monat veröffentlicht.

    Nur: Verwertungsgesellschaften haben nach bisherigem Urheberrecht nur das Recht und die Pflicht, sich um ZWEITverwertungen zu kümmern. Das kommt daher, dass die Ursprünge ja beim Fotokopierer und beim Tonbandgerät liegen – Vervielfältigungsinstrumenten aus der Zeit analoger Originale.

    Die Kulturflatrate würde die Verwertungsgesellschaften mit der Vergütung für Erstnutzungen betrauen. Das ist etwas grundlegend anderes, denn es geht nicht mehr um ein Zubrot für die Künstler (zu denen der Gesetzgeber auch uns Journalisten zählt), sondern um ihren Broterwerb.

    Da es um eine Pauschale für alle digitalisiert angebotenen Kunstrichtungen geht, müsste also zunächst über die Aufteilung der Einnahme auf Autoren, Fotografen, Komponisten, Texter, Sänger, Musiker, Dirigenten (Leistungsschutzrecht, nicht Urheberrecht) etc. ein Konsens gefunden werden. Auf Deutsch: ein Verteilungskampf zwischen Florian Silbereisens Personal, Symphonieorchestern, Filmregisseuren, Fotografen, Reportern, Kritikern, Lyrikern, wissenschaftlichen Fachautoren und und und.

    Schon die heutige Aufteilung der Einnahmen aus der CD-Brenner-Abgabe zwischen Gema, VG Wort und VG Bild-Kunst ist alles andere als gerecht, denn sie beruht auf rein quantitativen Nutzungsbefragungen bezüglich der Kopierhäufigkeit.

    Selbst wenn es gelänge, die Nutzung mit 100-prozentiger Zuverlässigkeit anonym zu erfassen, gäbe es noch Streit ohne Ende um die angemessene Vergütung. Zudem würde – was hier schon angeschnitten wurde – die Größe des Kuchens von der tatsächlichen Nachfrage und Kulturproduktion abgekoppelt. Die Teilnehmer hätten ein starkes wirtschaftliches Interesse daran, Rivalen aus dem Markt zu verdrängen. Nicht der Bessere, Beliebtere Künstler würde belohnt. Statt dessen gälte das Recht des Stärkeren. Gleichzeitig würde sich jeder halbwegs geldgierige Blogger und Pornofilmer darauf berufen, Ansprüche zu haben. Da es keine objektiven Kriterien für das Mindestmaß an Qualität geben kann, das “Kultur” ausmacht, müsste jeder bedacht werden, der kein offensichtlicher Volldepp ist.

    Es gäbe also Klagen über Klagen – nicht Wehklagen, sondern richtige Klagen über alle Instanzen bis zum BVerfG. Und wie man das aus unseren Streitigkeiten mit den Geräteherstellern kennt, gäbe es Geld erst dann, wenn wenigstens der BGH entschieden hat. Das ist hinnehmbar, wenn es nur um Zusatzeinkünfte geht, mit denen der Gesetzgeber dem Künstler eine angemessene Entschädigung für die ihm abverlangte Duldung von Privatkopien gewährt. Wenn es aber um den Lebensunterhalt geht, bleibt Autoren – anders Sängern – nur noch der Hartz-IV-Antrag oder der Berufswechsel, um die Prozessdauer zu überleben.

    Wie man es auch anfasst, eine Kulturflatrate ist nicht nur unpraktikabel, sie würde auch zu Grundrechtsverletzungen führen. Allein schon das Recht auf freie Berufswahl und Berufsausübung wäre nicht mehr gewährleistet, wenn Künstler und Journalisten nicht mehr frei am Markt auftreten könnten.

    Quintessenz: Eine gut gemeinte Idee mit fatalen Folgen für Kultur und Demokratie in diesem Land. Und dabei bin ich noch gar nicht mal darauf eingegangen, wieviel von dem Geld abfließen würde an amerikanische Copyright-Inhaber für all den aus den USA importierten Content, den wir so konsumieren.

  19. M. Torbeck
    schrieb am 30. Juni 2009 um 19:16 Uhr (#)

    Vielen Dank, Ulf, für die weiteren Einblicke. Sehr informativ, und ich bin froh, durch den sehr guten Artikel und deine Ausführungen etwas “hinter die Kulissen” schauen zu können. Allerdings fehlt es auch mir an Gegenvorschlägen. Aber das kommt hoffentlich mit der Zeit.

  20. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 30. Juni 2009 um 19:24 Uhr (#)

    Gute Ergänzungen. Danke, Ulf!

  21. Ulf J. Froitzheim
    schrieb am 30. Juni 2009 um 21:23 Uhr (#)

    Danke für die Blumen. Wenn ich nur die peinlichen Tippfehler wegbügeln könnte… :-(

  22. Wolf Witte
    schrieb am 30. Juni 2009 um 21:23 Uhr (#)

    Ich komme nur um meinen Hut zu ziehen: Vor dem herausragenden Artikel und den nicht minder erhellenden Ergänzungen in den Kommentaren. So geht Internet, Freunde der Sonne.

  23. Jack
    schrieb am 30. Juni 2009 um 22:48 Uhr (#)

    Woah, guter Artikel. Vor allem nette subtile Spitzen. :o

    Aber ich glaube diese detailfokussierte Betrachtung der Kulturflatrate ist gar nicht mal möglich, ich denke sie scheitert schon von vornerein an einem ganz anderen Punkt, die Festlegung der Höhe der Gebühr:
    - Ist die Gebühr ist eher niedrig (vllt 5€ im Monat), findet keine angemessene Vergütung statt, es wird für alle außer die bekannten Musiker nur ein Pfifferling sein, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die kleinen Musiker könnten auf diese geringen Einnahmen genausogut verzichten.
    - Allerdings wäre eine höhere Gebühr auch alles andere als hilfreich. Eine höhere Gebühr bedeutet auch eine Verteuerung eines Internetzugangs im allgemeinen. Ärmere Bevölkerungsschichten werden mehr dazu neigen auf Internet zu verzichten, es findet eine Vergrößerung der digitalen Kluft und eine schlimmere Zwei-Klassen-Gesellschaft, als hier im Artikel bei den Urhebern erwähnt.

    Und ehrlich gesagt bezweifele ich, dass es ein angemessenes Mittel gibt. Und selbst wenn es diesen angemessenen Mittelwert gibt, glaube ich kaum, dass er so schnell gefunden wird, man siehe sich doch bitte die Debatte um Hartz4 an. Viele meinen zu hoch, viele zu niedrig. Ich halte eine Bestimmung einer angemessenen Gebührenhöhe einer Kulturflatrate für mindestens genauso komplex, wahrscheinlich noch komplexer… Und während wir jahrelang nach einem angemessenen Mittelwert suchen, den es vielleicht nichtmal gibt, verdienen entweder die kleinen Künstler nichts oder wir vergrößern die digitale Kluft enorm. Auch keine sehr angenehme Aussicht…
    _____

    Ich persönlich finde ein zu selten diskutierter Lösungsansatz in dieser Debatte ist Das Kaschingle-Prinzip als “Bezahl”möglichkeit. Jeder Konsument bezahlt nach dem Downloaden einen Beitrag, wenn ihm die Musik zusagt. Pay what you want. Dieser Ansatz klingt erstmal zwar aberwitzig und unreallistisch, ja.
    Aber das ganze müsste zusammen mit einer Art neuen Bezahlmentalität bei Kulturgütern einhergehen. Einen Musiker, der einem gefällt, im Nachhinein nicht zu entlohnen müsste quasi eine soziale Ächtung zur Folge haben. Genauso wie es eine Höflichkeitspflicht ist Trinkgeld zu zahlen, obwohl man dazu offiziell nicht gezwungen ist.
    Wie das mit den älteren Generationen aussieht weiß ich nicht, aber für jüngere Generationen halte ich diese Wandlung der gesellschaftlichen Höflichkeitsnormen für ziemlich wahrscheinlich. Ich als 18-jähriger kann sagen, dass im Allgemeinen meine Generation fast nur noch raubkopiert, aber gleichzeitig das Denken einhergeht: einen guten Künstler will ich finanziell unterstützen. Auch wenn ich seine mp3s schon ausner Tauschbörse habe kaufe ich sein Album, damit er entlohnt wird.

    Mit diesem Einsatz würden Musiker zwar auch nicht ausreichend entlohnt, aber in Kombination mit der Querfinanzierung aus knappen Gütern wäre es eine Aussicht.

  24. Michael
    schrieb am 30. Juni 2009 um 22:56 Uhr (#)

    anstandsersatzflatrate nenne ich das.

    mal abgesehen davon dass jeder, der ins einem leben schon einmmal blauäugig gedacht hat, dass eine flatrate was tolles sei und hinterher doch drauf gezahlt hat – und wenn es nur mit einem kater war – bei dem wort flatrate automatisch so komisch aufgestellte nackenhaare bekommt. also mal ganz davon abgesehen, bleibt dabei immer eine sache auf der strecke oder wird bei solchen diskussionen dann an kommentarstelle 173 mal leise angemerkt.

    eine kulturflatrate ist wie eine leyensches stoppschild.

    gewissensberuhigung für die einen.
    ein paar kröten mehr für gorny und co.
    ein freifahrschein für arschlöcher.
    eine bestrafung für all die ehrlichen.

    ein diebstahl ist ein diebstahl ist ein diebstahl.
    eine straftat ist eine straftat ist eine straftat.

    es käme auch keiner auf die idee für alle durch alkohol verletzten oder getöteten menschen einen sammeltopf einzurichten um die beerdigung zu zahlen, nur weil die arschlöcher dieser welt das saufen und fahren nicht sein lassen können.

    ja polemik – ich weiß. aber es geht um den gedankengang und ich bin für bessere beispiele offen.

    erstens sind es nicht ein paar jugendliche die angeblich kriminalsiert werden. ich weiß wieviele täglich von pirate bay und co. bei mir vorbeisurfen.

    zweitens bin ich ein armesliges arschloch wenn ich die so böse content mafia als ausrede für mein eigenes strafbares fehlverhalten benutzen muss. es gibt da ein viel wirksameres mittel der etwas beizubringen. funktioniert wunderbar und recht schnell. einfach nicht kaufen oder angebote wahrnehmen die fair sind – und davon gibt es genug.

    und wenn ich etwas verwenden oder remixen möchte, dann kann ich zum hörer greifen und den erschaffer anrufen, ihm schreiben oder was auchn immer. ich weiß um die schwierigkeit mit rechteinhaber, gema und co. aber eine flatrate macht das noch viel schlimmer und die deppen in diesen behörden und lobbyvereinigungen haben keinen anlass was vernünftiges zu tun und das mal dringend zu reformieren. wenn ich meine eigen musik ins netz stelle muss ich nicht noch gema gebühren dafür bezahlen müssen usw…

    und gerade wir blogger machen doch schon vor wie es geht mit der creative commens und vor allem dem wichtigsten – mit anstand.

    wenn ich bei euch was finde, was ich gut finde und verwurschteln möchte, dann frage ich einfach an. punkt.

    was ist denn eine flatrate anderes als die bankrotterkerklärung vor arschlöchern die mein und dein nicht auseinanderhalten können. und damit meine ich nicht einen remix oder ein subversiv neu zusammegesetztes video auf youtube – ihr wisst was ich meine.

    können wir die debatte endlich mal wieder auf den punkt bringen und uns damit beschäftigen warum soviele keinen anstand mehr mitbekommen und anstatt darüber zu reden bauen wir ein stoppschild davor und labern über kulturflatrate – einem wort bei dem jedem mit mehr als zwei gehirnzellen direkt das kotzen kommen müsste!

  25. ghling
    schrieb am 1. Juli 2009 um 08:38 Uhr (#)

    Nur als kleiner Einwurf am Rande:
    Last.fm ist mittlerweile keinesfalls unabhängig. Immerhin gehört es mittlerweile zu CBS, einem der größten Hörfunk- und Fernsehsender der USA (welcher sich auch schon mal heimlich dessen Daten bedient und an die RIAA weitergeben hat: http://techcrunch.com/200…22/deny-this-lastfm/ ).
    Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass Benutzer diese Datenerhebung ihres Musikkonsums hinnehmen werden, sondern hier dann wohl wieder eine Verzerrung zu den Majors erfolgt, weil viele deren Konsumenten sich in diesem Thema nicht auskennen und sich durch das “damit unterstützt ihr euren Star”-Argument blenden lassen.

  26. Ralph Schäfer
    schrieb am 1. Juli 2009 um 11:54 Uhr (#)

    Vieleicht sollten wir mal über die Kulturflatrate hinausdenken und uns fragen was uns als Gesellschaft Kultur und damit Kulturschaffende wert sind.

    Als Alternative zu einer Kulturflatrate könnte man meiner Meinung nach mal über die Zahlung einer Art Grundeinkommen an Kulturschaffende nachdenken. Natürlich steckt auch da der Teufel im Detail: Wer ist z.B. bezugsberechtigt und nach welchen Regeln soll das von wem entschieden werden, von der Höhe der monatl. Beiträge gar nicht zu reden.

    Jedenfalls erspart uns das die Verteilungsbürokratie der Flatrate und was wie oft über das Netz runtergeladen wird, ist auch nicht mehr ausschlaggebend.

  27. Ulf J. Froitzheim
    schrieb am 1. Juli 2009 um 12:55 Uhr (#)

    @ Ralph: Statt des Bedingungslosen Grundeinkommens für alle ein bedingtes einzuführen, das nur für Kulturschaffende gilt, dürfte noch weniger realistisch sein. Allein die Streitereien darum, dass die meisten Steuer- bzw. Flatratezahler keine brotlosen Künstler alimentieren wollen, weil die nach “gesunder” Volksmeinung natürlich nicht grundlos brotlos sind, dürften so ein Projekt schneller killen, als man “Grundeinkommen” sagen kann.

  28. Ralph Schäfer
    schrieb am 1. Juli 2009 um 15:37 Uhr (#)

    @Ulf:
    also ich sehe das etwas anders. Kultur bzw. Kulturgüter sollten schon einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert haben als irgendwelche Konsumgüter. Man kann sich natürlich auch darauf einigen, dass der Kulturbereich ebenfalls dem “freie Markt” unterliegt. Wobei wir dann letztlich wieder bei DRM für digitale Güter gelandet sind.
    Ich kann mir z.B. einfach nicht vorstellen, dass Roman-Autoren ihren Lebensunterhalt alleine mit Lesereisen und Vorträgen bestreiten können.

    Und da die Kulturflatrate in den Details ziemlich kompliziert zu werden droht, gehen uns aus meiner Perspektive so langsam die Optionen aus.

  29. Florian Seidl-Schulz
    schrieb am 1. Juli 2009 um 23:56 Uhr (#)

    Ideal zur Tantiemenverteilung wäre eine Zeitzählung multipliziert mit Aufmerksamkeitsvermessung doch wie alle Überwachungssysteme wäre diese Lösung sehr manipulationsanfällig.

    Eine andere Idee war die der ErstVeröffentlichungsversteigerung – auch hier bezahlt der Konsument Flat in eine Art Gemeinschaftspot ein, um mit einer Art erwobenen Tauschwährung in einer Art schlankem Kulturebay (geplagt von diversen Fanclubs, Marktschreiern und dubiosen Scouts) Werke für die P2P-Öffentlichkeit freizukaufen, bzw. Punkte für ein Projekt vorzuschiessen…

    P2P-Packedienst, treffen sich zwei die täglich den selben Weg zur Arbeit haben, Bluetooth Handys in der Tasche, Piratenschätze von Handy zu Handy weiterreichend, notfalls noch nicht einnmal davon ahnend.. die Gema will ich sehen, die dieses Gewimmel kontrolliert.. wird sicher amüsant ;) Singularität? Nein, die ist nicht angemeldet, die kriegt kein Geld…

  30. 020200
    schrieb am 2. Juli 2009 um 00:49 Uhr (#)

    “Wer unbedingt die direkte Entlohnung über die Verbreitung von Musikstücken und anderen Kulturgütern erhalten will, kommt an einer Kulturflatrate nicht vorbei. Anders als mit einer zentralen Instanz, welcher Gelder einsammelt und sie wieder ausschüttet, kann man diese eine Entlohnungsform in der Regel bei digitalen Gütern nicht aufrechterhalten.”

    -> Ganz richtig, dass du schreibst “wer sie unbedingt erhalten will”. Nicht, dass dieses grundsätzlich etwas schlechtes sei, jedoch sagst du ja auch, dass dieses nur mit “einer zentralen Instanz” möglich wäre. Ich sehe das ähnlich. Und zentrale Konzepte sind eine Sache der Vergangenheit und nicht einer wie auch immer gearteten vernetzen Zukunft. Ich bin der Meinung, dass die Zukunft vor allem “multipolar” ist. Und auch, dass Kulturschaffende ihren Tätigkeitsbereich deutlich verbreitern müssen.

  31. Monik
    schrieb am 2. Juli 2009 um 11:43 Uhr (#)

    Das ist ja schon ein Kulturschock und keine Flatrate mehr…

  32. Wolfgang Michal
    schrieb am 2. Juli 2009 um 16:35 Uhr (#)

    @Marcel Weiss: Ich bin leider erst heute dazu gekommen, Ihren langen Text zu lesen. Ich finde Ihren Kampf bewundernswert, ebenso bewundere ich den Trick, unter der pseudosachlichen Überschrift “Pro und Contra” sämtliche Vorurteile gegen die Flatrate zusammen zu führen. (Denn für die Flatrate spricht nach Ihrer Auffassung eigentlich nur, dass die Idioten von den Grünen und der SPD das Thema aufgegriffen haben). Neues ist von Ihrer Seite allerdings nicht hinzu gekommen, deshalb muss der Vorwurf der Seichtheit zurückgegeben werden. Das Hauptargument ist und bleibt das “bürokratische Monster”. Und da Bürokratie ja sehr negativ belegt ist, braucht man auch keine weiteren Argumente. Komisch, dass sich niemand darüber aufregt, dass im Grunde jedes größere Unternehmen, jede Behörde, jede Uni ein Bürokratiemonster ist. Und sie funktionieren alle nicht perfekt. Aber man kann sie reformieren, verbessern, gerechter machen. Zu einer komplexen Gesellschaft gehört nun mal die Fähigkeit, auch komplexe Dinge regeln zu können. Man könnte z.B. auch für die nötige Transparenz sorgen.

    Doch lassen wir’s gut sein, denn die technische Entwicklung wird die Flatrate-Idee vermutlich bald überflüssig machen – zum Schaden übrigens des Internets. Wir werden – das ist die Alternative – keine böse Kulturflatrate bekommen, sondern ein kastriertes, gefiltertes, überwachtes Netz. Oder glauben Sie im Ernst, dass sich die Medienkonzerne die Butter einfach so vom Brot nehmen lassen? Mit einer CDU-Kanzlerin im Rücken?
    @Eine Anmerkung noch zu meinem Kollegen Froitzheim. Er irrt, was die Erstverwertung angeht. Natürlich würden die Künstler auch in Zukunft in erster Linie per Honorar entlohnt, von ihrem Verlag, Musikunternehmen etc. Lediglich die unkontrollierbare ZWEITVERWERTUNG (durch Websites, Filesharing etc.) würde per Kulturflatrate abgegolten. Aber – wie gesagt – die technische Entwicklung wird vermutlich über unseren kleinen Kulturkampf hinweg gehen. Soll aber hinterher keiner meckern, wenn er dann pro Klick (und zwar wesentlich mehr!) bezahlen muss.

  33. FERNmann
    schrieb am 3. Juli 2009 um 18:05 Uhr (#)

    Super Artikel, druckreif!
    Vielleicht liegen die Verluste der Plattenindustrie einfach daran, dass alle paar Wochen irgendwelche Bands aus den Boden gestampft werden, die einen Monat später keiner mehr kennt. Bei den Liedern hat man teilweise das Gefühl, dass bereits x-mal gehört zu haben und deswegen hat wahrscheinlich kaum einer Lust, monatlich 40€ dafür hinzublättern. Und wegen Gruppenzwang gibt es dann immer wieder Leute, die den Kram trotzdem kaufen wollen, aber nicht genug Geld haben -> Filesharing
    Ich hoffe, dass es in ein paar Jahren keine Plattenindustrie mehr geben wird, sondern nur noch Kreative, die ihre Musik direkt an die Konsumenten verkaufen, z.B über Micropaymentsysteme. Dann wird auch nichts mehr künstlich hochgepusht, sondern die Leute die Talent haben, werden auch erfolgreich sein. Blogs, Twitter&Co werden dann die Werbung übernehmen.

  34. ben_
    schrieb am 4. Juli 2009 um 12:04 Uhr (#)

    Marcel, ich hab ja vielen Texten von Dir kritisch gegenübergestanden … aber dieser Text hier … der gehört zum Besten, was Online Journalismus sein kann. Danke!

    Inhaltlich kann ich nur wenig ergänzen: Jetzt – nach der Lektüre – erscheint es mir völlig logisch, dass das nicht aufgeht. Und zwar aus den gleichen Gründen, aus denen auch die vonderleyenschen Netzsperren nicht funktionieren werden. Denn die fundamental emergente Architektur des Netzes steht in einem radikal konzeptuellen Widerspruch zur zentralistischen Architektur unserer Staaten.

  35. henteaser
    schrieb am 4. Juli 2009 um 15:06 Uhr (#)

    Dank des Internets leidet nicht nur die Unterhaltungsindustrie, sondern auch andere etablierte Offline-Geschäftsmodelle wie das Zeitungsverlagswesen oder zigtausend Informationszwischenhändler wie Buchhandlungen, Filmkritiker, Fotografen etc. sind von der Quelleninflation betroffen.

    Mein Fazit lautet deshalb: Da es heutzutage sowieso unmöglich ist, klar zwischen Künstlern und Nichtkünstlern zu unterscheiden, sollte schnellstmöglich Bürgergeld / bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden.

    Allein schon deshalb, weil dadurch der Verwaltungskropf und Streitereien um die Verteilungsschlüssel vermieden würden. Aber vor allem, weil dieses Grundgehalt all jenen Menschen den Rücken freihält, die sich bisher aus Zeit- bzw. Geldmangel bisher nicht getraut haben, als Kulturschaffende die Weltbühne zu betreten.

    PS: Ich gehe übrigens sogar soweit, zu behaupten, dass auch Blogkommentare oder Petitions-Mitzeichnungen eine Form des Miteinanders sind, die es zu unterstützen gilt.

  36. henteaser
    schrieb am 4. Juli 2009 um 15:30 Uhr (#)

    @Wolfgang Michal: “Natürlich würden die Künstler auch in Zukunft in erster Linie per Honorar entlohnt, von ihrem Verlag, Musikunternehmen etc.”

    Nicht Berühmtheit, Erfolg und Labelzugehörigkeit machen einen Menschen zum Künstler, Dichter und Denker, sondern bereits das Kulturschaffen.

    Deshalb, ganz naiv gefragt: Wozu benötigen wir in naher Zukunft solche Zwischenhändler überhaupt noch? Jedermensch kann schreiben, fotografieren, Musik aufnehmen und so weiter und seine Werke online einem Publikum präsentieren, welches seinerseits genau die gleichen Möglichkeiten hat.

    Ich glaube eher, es wird mehr projektbezogene Zusammenschlüsse geben; beispielsweise, um Tonstudiogebühren auf mehrere Schultern zu verteilen oder günstiger an Zeichenmaterial zu kommen. (Wobei… Haben die Großkonzerne der Unterhaltungsindustrie nicht auch mal so klein angefangen?)

  37. Brotlose Kunst
    schrieb am 6. Juli 2009 um 09:45 Uhr (#)

    Jetzt reicht’s !!! Ich zahle 18,66 Euro pro Monat an GEZ-Steuer plus Zwangsabgaben auf CD, Drucker & Co.

    Da wird schon ein Bürgergeld für all die nutzlosen “Künstler” verlangt. Meine Ex-Kollegin Inny Lorenz hat 30 Jahre lang als Hobby Bücher geschrieben und erst mit Ende 50 konnte Sie (sehr) gut davon leben, weil in den Bestsellerlisten. Davor ist sie einem anständigen Beruf, als Programmiererin nachgegangen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

    Es die freie Entscheidung jedes einzelnen, ob er mit seiner Berufswahl eine Familie ernähren kann. Für alle anderen gibt es Harz4.

    Die wenigsten Musiker, Maler oder Autoren sind erfolgreich. Na und. Wer nicht davon leben kann, muss sein Hobby halt durch harte reguläre Arbeit querfinanzieren. Oder er sucht sich wie im Mittelalter einen gutbetuchten Gönner. Der Steuerzahlen jedenfalls muß schon genug bluten, für die Rente, das Gesundheitssystem und die ganze Beamtenschaar.

    Der Staat ist doch kein Tischlein-Deck-Dich. Jeder “Künstler” soll gefälligst selbst für sich Verantwortung übernehmen. Einen Anspruch auf ordentliches Grundeinkommen für malen, singen oder texten sehe ich nicht. Btw wird sich dann sicher jeder Harz4ler als Künstler sehen. Ich sehe schon die Arbeitsamtkurse: Malen/Singen/Tanzen, der Weg in die Zukunft. Klar der Statistik würde es gut tun, wenn Arbeitslose plötzlich als steuerfinanzierte Künstler nicht mehr gezählt würden.

    Die SPD neigt sowieso dazu sozialistische Züge anzunehmen. Bleibt zu hoffen, dass sich die CDU an ihre wirtschaftlichen Werte zurückbesinnt.

  38. Brotlose Kunst
    schrieb am 6. Juli 2009 um 09:47 Uhr (#)

    Jetzt reicht’s !!! Ich zahle 18,66 Euro pro Monat an GEZ-Steuer plus Zwangsabgaben auf CD, Drucker & Co.

    Da wird schon ein Bürgergeld für all die nutzlosen “Künstler” verlangt. Meine Ex-Kollegin Inny Lorenz hat 30 Jahre lang als Hobby Bücher geschrieben und erst mit Ende 50 konnte Sie (sehr) gut davon leben, weil in den Bestsellerlisten. Davor ist sie einem anständigen Beruf, als Programmiererin nachgegangen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

    Es die freie Entscheidung jedes einzelnen, ob er mit seiner Berufswahl eine Familie ernähren kann. Für alle anderen gibt es Harz4.

    Die wenigsten Musiker, Maler oder Autoren sind erfolgreich. Na und. Wer nicht davon leben kann, muss sein Hobby halt durch harte reguläre Arbeit querfinanzieren. Oder er sucht sich wie im Mittelalter einen gutbetuchten Gönner. Der Steuerzahlen jedenfalls muß schon genug bluten, für die Rente, das Gesundheitssystem und die ganze Beamtenschaar.

    Der Staat ist doch kein Tischlein-Deck-Dich. Jeder “Künstler” soll gefälligst selbst für sich Verantwortung übernehmen. Einen Anspruch auf ordentliches Grundeinkommen für malen, singen oder texten sehe ich nicht. Btw wird sich dann sicher jeder Harz4ler als Künstler sehen. Ich sehe schon die Arbeitsamtkurse: Malen/Singen/Tanzen, der Weg in die Zukunft. Klar der Statistik würde es gut tun, wenn Arbeitslose plötzlich als steuerfinanzierte Künstler nicht mehr gezählt würden.

    Die SPD neigt sowieso dazu sozialistische Züge anzunehmen. Bleibt zu hoffen, dass sich die CDU an ihre wirtschaftlichen Werte zurückbesinnt.

  39. FilmTunes
    schrieb am 9. Juli 2009 um 20:08 Uhr (#)

    @Brotlose Kunst:
    Zu Recht fordern Sie von einem Künstler wie von jedem anderen Bürger, dass er mit seiner Kunst sein Geld verdienen sollte. Aber finden Sie es richtig, wenn Ihre Ex-Kollegin Inny Lorenz, die jetzt vom Buchschreiben leben kann und davor einem “anständigen” Beruf nachgegangen ist, wegen Raubkopien auf dem Internet bald ihre Bücher nicht mehr verkaufen kann?
    (Obwohl Bücher trotz e-book nie so bedroht sein werden wie Filme und aufgenommene Musik, da man gerne auf Papier liest, aber Filme und aufgenommene Musik seit jeher über Bildschirme und Lautsprecher konsumiert, egal ob durch LP, CD, DVD oder MP3.)

  40. FilmTunes
    schrieb am 9. Juli 2009 um 20:24 Uhr (#)

    Ich bin immer erstaunt darüber, dass niemand bei dieser Flatratedebatte daran denkt, dass ja nicht nur die Endverbraucher über ihre Internetabokosten zur Kasse gezogen werden sollten, sondern vor allem auch die Betreiber vieler Websites, die mit fremden Inhalten ihr Geld verdienen. Es wäre mir z.B. heutzutage ein leichtes (und wird morgen ein Kinderspiel sein), mit ein paar Kumpels eine Webseite aufzumachen, auf der man alle neuen TV-Serien und ein Forum dazu findet, diese Seite gut bei Google zu referenzieren und dann monatlich 30.000 € Werbeeinnahmen durch Google-Ads zu machen. Das heisst, wir würden gut Geld verdienen, aber hätten nichts an die Rechteinhaber abzuführen. Deshalb denke ich, müsste besonders die Internet-Werbung besteuert werden.

    Übrigens: der produzierenden TV-Anstalt (und somit indirekt den Künstlern) ginge wahrscheinlich durch eine solche Konkurrenz wesentlich mehr Geld verloren als 30.000 €. Aber uns würde es genügen, denn Kopieren und aufs Internet setzen kostet ja wesentlich weniger als selbst zu produzieren…

    Man sieht an diesem Beispiel, dass die Idee einer Kulturflatrate eng mit dem Problem der Exklusivrechte verbunden ist.

    The Pirate Bay wurde kürzlich für ein paar Millionen verkauft. Wer bekommt das Geld? Doch hoffentlich nicht die Betreiber dieser illegalen Seite, sondern die Rechteinhaber, die jahrelang betrogen wurden!

  41. Shadow
    schrieb am 26. Juli 2009 um 16:13 Uhr (#)

    Es gibt ja noch die Idee des Pre/Post-Release Modells. Vielleicht ist das die bessere Lösung für eine Vergütung + legaler privater Nutzen.

  42. max
    schrieb am 15. August 2009 um 11:07 Uhr (#)

    Ein wirklich super Artikel. Vieles wurde mal konsequent zuende gedacht, anstatt nur polemisch irgenwas in die Diskussion zu werfen.
    Ich war bisher zwar nicht grundsätzlich gegen eine Kulturflatrate, da ich meine wir haben bereits eine (siehe Leermedienabgabem GEMA auf Radio und Aufführungen, etc.)
    Der Aspekt, daß eine (weitere) KFR auch noch kontraproduktiv sein kann/wird war mir neu.

  43. Benjamin
    schrieb am 2. September 2009 um 22:52 Uhr (#)

    Bei Heise wurde heute auch schon wieder die Kulturflatrate besungen, es ist mir echt ein Rätsel…

    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31038/1.html

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