Internet-Kulturkampf:
Ein bisschen mehr Distanz tut not
Der Ton wird zunehmend gereizter: In den deutschsprachigen Medien schlagen sich “Internet-Anbeter” und “Holzmedien-Ewiggestrige” die Argumente — oder oft vielmehr Klischees — heftigst um die Ohren. Aber leider fehlt der Diskussion meist die langfristige Perspektive. Ein Versuch, einen Schritt zurückzutreten.
Wenn man dieser Tage etablierten Journalisten und manchen Politikern zuhört, könnte man den Eindruck kriegen, dass der Untergang des Abendlandes unmittelbar bevorsteht. Das böse Internet führt nicht nur zur totalen Volksverdummung, sondern fördert auch allerlei Formen von Kriminalität, hört man von dieser Seite. Die Bloggergemeinde hält mit einer Mischung aus Schadenfreude und Revolutionsgeheul dagegen, bleibt aber Details zu all den wunderbaren Geschäftsmodellen, die da angeblich kommen werden, fast immer schuldig.
Was daran (abgesehen vom im Vergleich zu Amerika extrem verbissenen Ton der deutschsprachigen Diskussion) auffällt: Beide Seiten reden nicht wirklich über konkrete Lösungsansätze, schon gar nicht mit einer angemessenen zeitlichen Perspektive. Und die Analyse der Wirkungsweisen, die hinter dieser Medientransformation stecken, fallen meistens ziemlich flach aus.
Als Versuch eines konstruktiven Diskussionsbeitrags darum hier drei Thesen:
Erstens: Der Kampf Internet vs. traditionelle Medien ist ein ganz normaler Innovationsprozess.
Wer sich ein bisschen mit Innovationsforschung beschäftigt, erkennt in diesem Prozess gleich mehrere wohlbekannte Muster wieder.
Das Internet ist offensichtlich eine disruptive Technologie (siehe Clayton Christiensen (Affiliate-Link)). Das heisst, es löst mit einer billigeren Technologie alte, teure Methoden ab. Am Anfang hat die neue Technologie noch verschiedenste Nachteile, aber im Zeitverlauf wird sie so viel besser, dass sie in immer mehr Bereichen die alten Technologien verdrängt. Beispiele gefällig? Der iPod. Leute, die Zeitungen nur noch auf dem Web lesen. Der Amazon Kindle.
Wie bei so vielen Innovationen fallen die funktionierenden neuen Modelle nicht einfach vom Himmel. Der Markt braucht Zeit, manchmal Jahrzehnte, um das siegreiche “dominante Design” zu finden (siehe J.M. Utterback (Affiliate-Link)). Wir stecken mittendrin in diesem Prozess. Und solche Prozesse laufen nicht wohlgeordnet und strukturiert ab, sondern können ausgesprochen chaotisch sein — was wir gerade sehr akut erleben.
Ausserdem: Auf einer breiteren Ebene findet hier ein Paradigmenwechsel statt (sorry für das überstrapazierte Buzzword, aber heisst in der Literatur halt so). Thomas S. Kuhn (Affiliate-Link) hat das für die Wissenschaften beschrieben, aber das gleiche Prinzip gilt auch für breitere kulturelle Phänomene. Wenn ein neues Gedankengebäude, eine neue Weltsicht, eine alte ablöst, passiert das nicht als gradueller Übergang mit friedlichem Miteinander. Der Ablösungsprozess hat den Charakter einer heftigen Revolution: Die alte Garde verliert plötzlich sehr schnell an Relevanz, die neue Garde kommt an die Macht. Natürlich findet die alte Garde das nicht so attraktiv und wehrt sich zunächst heftig, meist aber ohne Erfolg.
Die eigentlich logische Verhaltensweise, nämlich zum neuen System überzulaufen, bleibt Angehörigen der alten Garde meistens verwehrt. Sie können mit ihrem alten Bezugssystem, in dem sie aufgewachsen sind, diese neue Welt nicht mal ansatzweise verstehen (Ausnahmen gibt es, aber die bestätigen die Regel). Darum: Zu erwarten, dass beispielsweise Zeitungsverleger oder Manager von Plattenfirmen sich wirklich in der Internetökonomie zurechtfinden werden, ist vergebliche Liebesmüh. Sorry, aber die einzige angemessene Antwort heisst in den meisten Fällen Pensionierung.
Zweitens: Im Konflikt der Geschäftsmodelle geht es nicht um Produzenten und Konsumenten, sondern ausschliesslich um die Intermediäre.
Insbesondere in der Diskussion um den Niedergang der Tageszeitung wird oft gern dramatisch beschrieben, dass damit der echte Journalismus aussterben und die Demokratie in Gefahr geraten wird. Und die Probleme der Plattenfirmen werden angeblich alles musikalische Schaffen zerstören.
Das ist selbstverständlich Unfug. Auf der einen Seite gibt es die eigentlichen Produzenten kreativer Inhalte — Journalisten, Schriftsteller, Musiker, Filmemacher –, auf der anderen Seite die Konsumenten, die an diesen Produkten interessiert sind. Daran ändert sich durch das Internet überhaupt nichts, auch wenn vielleicht die Gruppe der potentiellen Produzenten etwas grösser wird.
Was sich hingegen sehr dramatisch ändert, ist der Weg vom Produzenten zum Konsumenten. Und hier kommen die kommerziellen Interessen ins Spiel, denn das meiste Geld wird in unserer Wirtschaft nicht von den eigentlichen Produzenten verdient, sondern von den Intermediären — all den Zwischenhändlern, Logistikern, Aggregatoren und Einzelhändlern, die ein Produkt zum Abnehmer bringen. Milchbauern sind meistens nicht reich, die Besitzer von Aldi schon. Journalisten sind meistens nicht sehr vermögend, Inhaber von Zeitungsverlagen (bisher) schon.
Diese Intermediationsstufen sind in einer reifen Industrie wie der traditionellen Medienbranche sehr fein abgestimmt. Die Machtstrukturen sind klar, Änderungen daran dramatisch. Transparenz wird wenn immer möglich vermieden, denn weder Produzenten noch Konsumenten sollen zu gut verstehen können, wo das Geld wirklich verdient wird. Man will ja niemanden dazu animieren, nach Alternativen zu suchen.
Um es klar zu sagen: Natürlich erbringen diese Intermediäre eine echte Wertschöpfungsleistung, ohne die das ganze System nicht funktionieren könnte. Aber es ist nicht ungewöhnlich, dass sich die finanziellen Werte überproportional in diesen Zwischenstufen anhäufen, nicht an den jeweiligen Enden. Die Intermediäre sind schlau genug, die Produzenten mit scheinbar wertvollen Gegenleistungen an sich zu binden, beispielsweise mit einer Festanstellung als Journalist. Aber das ist vor allem eine Methode, um von den wirklichen Machtverhältnissen abzulenken.
Beim Auftreten einer disruptiven Technologie wie dem Internet bleibt in diesen Wertschöpfungsketten meistens kein Stein auf dem anderen. Wir erleben gerade eine dramatische Verschiebung der Macht von den traditionellen Medienkonzernen hin zu neuen Playern wie Google (die sich, nebenbei erwähnt, selbstverständlich kein bisschen ethischer benehmen als die alten Herrscher). Aber die Argumente der sowohl alten wie auch neuen Mittler, dass sie nur das Beste für Produzenten wie Konsumenten von Medieninhalten im Sinn haben, sind Humbug. Es geht ausschliesslich darum, die Distributionsketten zu dominieren.
Sollten sich nun also Produzenten und Konsumenten nicht weiter um die Sache kümmern und einfach abwarten, wer gewinnt? Keinesfalls. Denn die sich jetzt aufbauenden Machtstrukturen werden bestimmen, wie die neue Medienwelt aussieht. Und an beiden Enden des Spektrums kann man deutliche Nachteile erleben, wenn die Zwischenstufen zu mächtig werden. Aber eins ist auch sicher: Wenn es eine Nachfrage nach einem Produkt gibt, z.B. nach Qualitätsjournalismus, werden sich auch Mittler finden, die das liefern.
Drittens: Das Internet gefährdet nicht nur die alten Medienkonzerne, sondern auch die damit verbundenen Eliten.
Kaum jemand bestreitet, dass das Internet eine Kulturtechnologie mit einer ausgesprochen breiten Wirkung ist. Ein Vergleich mit der Erfindung des Buchdrucks drängt sich offensichtlich auf. Der Buchdruck hat aber bekanntlich nicht nur die mittelalterliche Medienlandschaft dramatisch verändern, sondern viele andere Dinge auch. Demokratie und der moderne Nationalstaat wären nicht möglich gewesen ohne die Drucktechnologie.
Gibt es irgendeinen Grund, anzunehmen, dass die langfristigen Auswirkungen des Internets weniger dramatisch sein werden? Wohl kaum. Können wir heute abschätzen, was die Auswirkungen sein werden? Garantiert nicht. Ein durchschnittlicher Mitteleuropäer des 15. Jahrhunderts hätte die Vorstellung, dass man seinen Herrscher “wählen” kann, wohl ziemlich absurd gefunden. Schliesslich hatte man doch sein Leben lang gehört, dass der König quasi von Gott direkt eingesetzt ist. Und Zugang zu anderslautenden Meinungen hatte man vor dem Buchdruck nicht. Als die anderen Meinungen verfügbar wurden, sah der König aber plötzlich nicht mehr so beeindruckend aus.
Eins ist klar: Die bestehenden Eliten leiden fast immer unter solchen Veränderungsprozessen, und das quer durchs Spektrum. Führungspersonen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion sehen sich vor die Herausforderung gestellt, ihre Position zu verteidigen. Der mittelalterliche Adel und Klerus waren auf der Verliererseite und haben ihre Macht verloren. Die Kaufmänner hingegen haben gewonnen und verfügen heute relativ gesehen über mehr Macht.
Kein Wunder, dass sich auch unsere zeitgenössischen Eliten so ihre Gedanken machen. Die traditionellen Medien mit ihrer klaren Gatekeeper-Funktion helfen dabei, Machtstrukturen zu stabilisieren — im positiven wie auch negativen Sinn. Die Medien sind Teil des Systems, im Prinzip der Politik und Wirtschaft gegenüber kritisch eingestellt, aber eben auch eng damit verbandelt.
Ein disruptives Medium wie das Internet, das diese etablierten Kanäle umgehen kann, destabilisiert potentiell das ganze System. Und das bringt für alle Beiteiligten wesentliche Risiken mit sich. Politiker, Manager, Werber, etablierte Journalisten und Kulturheroen mögen aber keine Risiken. Die meisten entwickeln darum eine intuitive Ablehnung gegen die destabilisierende Technologie, auch wenn sie die Details vielleicht nicht verstehen.
Was ist die Reaktion der Politiker? Die schlaueren versuchen, sich das neue Medium zunutze zu machen. Dass Obama die Wahl primär dank seiner brillianten Internet-Strategie gewonnen hat, ist vermutlich nur eine Legende, aber er beherrscht die Kommunikation um die Medien herum direkt zu den Bürgern meisterhaft. Die weniger schlauen Politiker versuchen, das neue Medium zu zensurieren, abzuhören und teurer zu machen. Vielleicht kann man so die Nutzung wenigstens ausreichend einschränken. Aber solche Versuche sind kurzfristig gefährlich und langfristig müssig.
Fazit: Unnötiges Geschrei, Spiel findet anderswo statt
Seien wir ehrlich und etwas gemein: Die aktuell heftige Diskussion um diesen fundamentalen Medienwandel wird sich langfristig als ziemlich irrelevant herausstellen. Beide Seiten scheinen mehr Energie in das Niedermachen der jeweils anderen Seite zu stecken als in konstruktive Ideen. Das macht aber gar nicht viel, weil die meisten Teilnehmer der Diskussion sowieso nur Statisten in diesem Stück sind. Restriktive politische Erlässe und branchenweite Sperrversuche werden ins Leere laufen, genauso wie die meisten wilden, revolutionären Businessideen scheitern werden.
Fundamentale Innovationsschübe funktionieren nicht wie politische Meinungsbildungsprozesse, sondern wie die biologische Evolution: Neue Lebensformen (Geschäftsmodelle) tauchen mehr oder weniger zufällig auf, müssen sich in ihrer aktuellen Umwelt bewähren und stellen sich entweder als anpassungsfähig genug heraus oder gehen sonst unter. Erfolgreiche neue Lebensformen essen unter Umständen den alten schon mal das Futter weg. Wenn eine Art daraufhin ausstirbt, ist das für die Angehörigen derselben bedauerlich, aber im grossen Zusammenhang keine grosse Katastrophe.
Das erleben wir in der Medienbranche gerade jeden Tag. Ebenfalls aus der Evolutionsforschung sowie Innovationsforschung weiss man, dass sich fundamentale Umbrüche meistens in ziemlich kurzen Phasen heftiger Veränderung abspielen, auf die meistens längere Phasen relativer Stabilität folgen. Kein Zweifel: Wir leben gerade in so einer heftigen, aber interessanten Umbruchphase.
Und sinnvolles Verhalten in so einer Zeit ist, sich eine ökologische Nische zu suchen, statt den anderen Tieren zu erklären, warum ihr Fressverhalten zum Scheitern verurteilt ist.
(Bild: sittered, CC-Lizenz)










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Danke für den Artikel! Sehr lesenswert.
Sehr guter Artikel. Die neuen Methoden werden nicht auf einmal die alten ersetzen, viel mehr werden die alten einfach mit der Zeit aussterben…
#signed#
Guter Artikel, stimme dem meisten hier zu.
Schon immer versucht jeder seinen Besitzstand zu wahren, gerade in Deutschland hat man sich das sehr verinnerlicht.
Wie der Autor geschrieben hat, eine Evolution findet statt, immer, und die geht nicht ohne Schmerzen vonstatten.
Gruß
matze
Ein guter Artikel. Mir gefällt das Beispiel mit dem Mitteleuropäer des 15. Jahrhunderts sehr.
endlich mal ein “fortschritt” zu dieser diskussion .. danke!
(btw. der artikel ist ein gutes argument für die zwischenüberschrift “das spiel findet woanders statt”)
Kompliment!
Sehr schön wie sie den gerade stattfindenden Umwälzungsprozess beschreiben.
Besonders das mit den Intermediären gefällt mir sehr gut. Denn es stimmt zu 100%. Noch nie konnte die Ware ‘Information’ so kostengünstig und einfach verteilt werden.
Auch ich sehe ein grosses Intermediär-Sterben.. es werden sich neue Geschäftsmodelle/Intermediäre bilden und ich bin sehr gespannt was noch kommen wird.
Danke für diesen tollen Artikel.
“etablierte Journalisten” als Webfeindlichkeitsbeschreibung und Abgrenzung zu Bloggern ist aber ziemlich 1.0 gedacht.
Um es leicht polemisch zu formulieren: Nicht alle (etablierten) Journalisten arbeiten bei der SZ.
Auch wenn in den Artikel schön einige Gedanken von Haque reingebastelt wurden.
Schade.
na, endlich! der pseudo-ethische Anstrich der Debatte ging vermutlich vielen schon lange auf den Keks.
Hallo Andreas, tolle Analyse. Dein zweiter Punkt (‘Intermediäre’) ist bei meinen Diskussionen rund um die digitale Wertschöpfungssysteme, z.B. in Lehrveranstaltungen, immer wieder ein ganz zentrales Thema. Die herausragende Rolle der Intermediation und der Intermediäre haben nicht zuletzt Chip Steinfield et al. bereits 1995(!) so gesehen! (Und wir haben damals auch an einem Intermediär gebastelt, Du magst Dich erinnern … )
Teilweise nicht ganz neue Thesen, aber nichtsdestotrotz sehr gut dargestellt.
Die Betrachtung der Intermediären war für mich neu und wenn man hier weiterüberlegt könnte man hier vielleicht einen Lösungsweg sich anbahnen sehen: Die Zahl der notwendigen Intermediären nimmt ab. Braucht der Journalist früher Verlage, Druckerpresse, Layouter sowie häufig einen Verbund von Journalisten, so kann er jetzt (theoretisch) nahezu alleine arbeiten und braucht als Intermediäre meist nur einen Techniker für seinen Blog und eben Distributoren in Form von Google News / Rivva etc.
Im Internet kann man vielleicht weniger Geld verdienen, aber es muss auch nicht mehr so viel Geld verdient werden wie früher, aber da beim Distributionsprozess viel weniger Intermediäre beteiligt sind, braucht man auch gar nicht so viel mehr Geld zu verdienen wie früher.
Sicher eine Analyse, um darauf antworten zu können.
Nun, von Kulturkampf kann ja nicht die Rede sein, wenn Geschäftsmodelle aufeinander prallen oder unterschiedliche Unternehmergenerationen sich um Marktanteile prügeln. Dass die Kultur sich eben nicht zwingend ändern muss, erkennen wir an der Stelle in Göldies Text, wo er Google erwähnt. Da ist doch gehüpft wie gesprungen.
Mir scheint, mit dem Eintritt der Internetwelt in die Web 2.0 Epoche, dem Eintritt in den sozialen Aspekt des neuen Mediums also, ist ein Meilenstein erreicht, der die Geschichte entscheidend prägen und vermutlich eine völlig neue Demokratisierungsbewegung auf dem ganzen Globus entfachen wird oder doch zumindest kann oder könnte.
Im Gegensatz zu Andreas Göldi glaube ich den Zusammenhang zwischen Buchdruck und Demokratisierung allerdings nicht. So idealisiert kann man die jüngere Geschichte mit ihren epochalen Weltkriegen nicht verkürzen. Wären Aufklärung und Demokratie tatsächlich dank dem Buchdruck ein Fortschritt der Massen gewesen, hätte es das quasi industrialisierte Morden nicht geben können.
Handkehrum müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass sich die Herrschaftsverhältnisse trotz Kriegen, trotz Demokratie, trotz Bildung und trotz aller Paradigmenwechsel nicht wirklich geändert haben. Gerade in der Schweiz ist zu beobachten, dass Geld in den letzten 75 Jahren in der Medienentwicklung eine entscheidendere Rolle gespielt hat als die Technologie an sich. Nicht erst mit dem Internet sind die Produktionskosten für Printmedien eklatant ins bodenlose gefallen. Seit Mitte den 80ern kann man Zeitungen für gerade einen Bruchteil des Preises von früher herstellen. Trotzdem ist es im besonderen in der Schweiz in den letzten 25 Jahren zu einer dramatischen Ausdünnung der Medienlandschaft gekommen. Haben sich dabei die Herrschaftsverhältnisse geändert? Gibt es mehr Demokratie, nehmen mehr Anteil am Staat und seiner Gesellschaft? Ganz im Gegenteil. Die einst übermächtige NZZ ist zur Unkenntlichkeit geschrumpft, obwohl an Text und Seiten nicht gespart wurde. Trotzdem hat das Haus an Einfluss verloren wie ebenda ihre ihr nahe stehende FdP. Ist dabei die Schweiz linker geworden?
Daneben haben sich die ewigen Rivalen Ringier und TAMEDIA hochgeschaukelt und ihre wirtschaftliche Basis ausgebaut. Haben sie das zum Nutzen der Demokratie gemacht? Ist die Demokratie damit besser geworden oder fällt das zufälligerweise mit dem Aufkommen des Begriffs der Mediendemokratie zusammen, die nun wirklich keine wirkliche Demokratisierung sein kann, vielmehr aber mehr und mehr zu deren Pervertierung verkommt?
Was uns abgekommen ist, ist der Verlust des Urvertrauens in die vierte Gewalt in unserem Staat, die unsere Aufmerksamkeit missbraucht hat mit ihrem ewigen Kampagnen-Journalismus im Dienste der Mächtigen. Sie ist dem Reiz, des Geldes, des Fernsehens und dessen Klamauks verfallen. Printmedien haben angefangen Geschichten wie das Fernsehen zu verkaufen: oberflächlich und verblendend, nicht mehr in die Tiefe lotend und der Wahrheit verpflichtet und sowieso nicht der Geduld für den Meinungsbildungsprozess aller anheim gefallen.
Die Masse selber müsste sich vorwerfen lassen, so sie denn zur Verantwortung gezogen werden könnte, dass sie sich von Blendwerk hat verführen lassen, verführen lassen hat wollen. Brot und Spiele wie zur Römerzeit oder angelehnt an den Artikel im Tagi-Magi* vom Samstag, den 9. Mai, wo zu lesen war: Die Masse hat die Hose runtergelassen und versucht auf Distanz ins Pissoir zu urinieren. Die Masse hat es getan, wie jene Banker, die trunken waren, weil sie in jüngster Zeit soviele Bonis kassierten und nicht mehr wussten, wie blöd sie tun wollen und können (*siehe “MEINE LIEBSTE BOMBE” von Michael Osinski, S.26, erschienen auch im “New York Magazine”).
So gesehen kommt das Internet zur richtigen Zeit so richtig in Fahrt. Zwar müssen wir weiterhin acht geben, dass uns die Grossen nicht aufkaufen (siehe search.ch, siehe Scout24, siehe Borsalino.ch usw.) oder dass wir uns auf Plattformen tummeln, die dann von Spekulant zu Spekulant weiter gereicht werden. Wir müssen uns davor nicht so sehr fürchten, weil der heutige Rezipient nicht mehr ein geduldiges Abonnement-Schaf ist, sondern ein Zeitgenosse mit wenig Hang zu Kundenbindung und gelebter Verpflichtung. Das macht uns zu Nomaden und es hält uns in Bewegung und wir finden zurück zu den Karawanen.
Wir haben uns neue Spielregeln gegeben, die nichts mehr mit denen unserer Elterngenerationen mehr zu tun haben. Trifft dies tatsächlich zu, so haben wir es wirklich mit einer Revolution zu tun, die eben gerade darum eine ist, weil so vieles im Chaos zu versinken scheint. Und das hat mit den alten Herrschaften nichts mehr zu tun. Die Karawanen orientieren sich an ganz anderen Fixsternen, müssen sie auch, denn sie sind in Bewegung und lassen sich gar nicht auf das Geplänkel der Herrschaften ein und kümmern sich je länger je weniger nicht um deren Kulturen und Konventionen. Sie leben eine eigene, eine wendige, die nach einer neuen Ordnung drängt.
Interessanter Artikel, danke dafür! Anzumerken sei dennoch, dass der Kuhn’sche Theorieentwurf vom (revolutionären) Paradigmenwechsel innerhalb der Wissenschaften von ihm (oder wem anders) nicht empirisch belegt werden konnte! Es bleibt zu bezweifeln, dass das so stattfindet – in den Wissenschaften. Dennoch bleiben die hier vorgestellten Thesen davon unberührt.
Das Intermediäre finde ich sehr spannend. Das kannte ich bisher noch gar nicht. Dank auch an Hans-Dieter Zimmermann für den Link. Also ist der Begriff schon länger etabliert? Wurde der hier eingedeutscht oder woher entstammt er ursprünglich (original wie in deutscher Übersetzung/Anwendung)? Falls das jemand weiß…
Danke, der Artikel hat bei mir ein eindeutiges Aufatmen mit sich gebracht. Endlich jemand, der ein kühles Bier getrunken hat, statt mit Kuhmist um sich zu werfen.
Tja, neue Technik kostet wieder Geld. Von daher setzte ich lieber auf altes bewertes.
Vielen Dank für diesen Artikel. Gedanken wie sie einem im Kopf schweben, aber wie ich sie nie zu Papier bringen könnte.
Sehr lesenswert, wird weiterempfohlen.
Danke!
Übrigens zu den Intermediären. Google scheint immer der grosse Gewinner zu sein, im versteckten weil wir uns schon gewohnt sind, kassieren die Provider monatlich massig Geld. Die Swisscom holt sich im Jahr allein mit direkten ADSL-Abos über eine Milliarde. Wiederverkäufer wie Green & Co. nicht eingerechnet. Die Deutsche Telekom hat einen Breitband/Festnetz Marktanteil von 46% und holt über 10 Milliarden. Gesichert auf Jahre hinaus.
Guter Artikel. Eigentlich nichts Neues, aber wenigstens mal alles an einem Ort ordentlich zusammengesammelt. Was ich jedoch ein wenig arm finde ist die Tatsache, daß hier der verständnisvolle Blogger rüberkommt, der die armen, aber potenziell kaputten klassischen Medien auf dem Sterbebett begleitet. Das wirkt aufgesetzt. Wenn schon Meinung, dann ohne Zuckerschaum aussenrum. Ansonsten weiter so.
Der echte Journalismus stirbt nicht mit den Papiermedien, aber echter Journalismus bringt häufig zu wenige Adviews und Klicks.
Die Qualitätszeitung als bezahltes Abonnementmedium konnte bei aller berechtigten Kritik ein gewisses Niveau verteidigen. Die über Google dirigierten Besucherströme drücken das Niveau derzeit indes stark nach unten.
Ich frage mich, wie es wohl aussähe, wenn Google seinen Job nicht so gut machen würde.
@Oliver Springer:
“Ich frage mich, wie es wohl aussähe, wenn Google seinen Job nicht so gut machen würde.”
Noch schlimmer, weil weit weniger Menschen die Artikel finden?
@Marcel: Vielleicht würden sich die Nutzer dann nicht auf so viele Websites verteilen. Ohne leistungsfähige Suchmaschinen würden die User mehr Zeit auf den ihnen bekannten Seiten verbringen.
Ich beziehe das nicht auf Google News. Das ist in meinen Augen mit das Beste, was sich die Zeitungen wünschen könnten.
Google News führt auch gerade großen Websites noch mehr Traffic zu, während die normale Google-Suche die Nutzer auf eine unzählige Zahl von Sites verteilt.
Ich möchte bestimmt nicht die Suchmaschinen abschaffen, aber ich halte es für sinnvoll, die Zusammenhänge zu beleuchten.
Diese Zersplitterung zählt ja zu den wesentlichen Problemen für die Produzenten von Inhalten. Für Google funktioniert dieses Modell ausgezeichnet, ohne Frage.
@oliver springer: Google ist nur schlecht für Produzenten, deren Angebote so schlecht sind, dass niemand auf sie linkt. Für alle anderen, besonders kleine, die nicht von Offline-Marken zehren können, war und ist Google ein Geschenk des Himmels.
Vielen Dank für diesen Artikel. Das einseitig pathetische Gehabe der meisten Blogs (ganz vorne basicthinking) ist zur Zeit wirklich nicht mehr auszuhalten.
Super Artikel, sehr lesenswert!