Fusion von Radio und TV:
Medienkonvergenz tut weh

Öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio gehen zusammen, ob in der Schweiz oder in Deutschland. Leider wird medienkonvergentes Arbeiten allzu oft zu Sparzwecken missbraucht.


Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) muss sparen: Ein Minus von knapp 80 Millionen Schweizer Franken im Jahr – und kein politischer Wille, das fehlende Geld womöglich von den Zuschauern und -hörern einzufordern. Stattdessen wird Programm gekürzt und vor allem, und das ist eine kleine Revolution, Radio und Fernsehen in den Sprachregionen zusammengefasst. Nun hat man zwar Angst vor einem “Übergriff televisuellen Leichtsinns auf Radio DRS” (NZZ), andererseits ahnt jeder, der schonmal ein YouTube-Video gesehen hat, dass die mediale Zukunft “in Inhalten liegt, die unabhängig von einzelnen und schön streng durch Abteilungsgrenzen getrennten Plattformen verbreitet werden” (Miriam Meckel).

Die Medienkonvergenz hält Einzug bei der SRG. Das muss man sich in letzter Konsequenz so vorstellen, als ob in Berlin die Redaktion der Fernsehsendung “rbb um sechs” auch gleich die Nachrichten für die Radiosender des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) einspricht. Und zwar für Radio Eins, Antenne Brandenburg, Radio Berlin, Info Radio, Kultur Radio und Fritz gleichzeitig. Was man da sparen könnte! Geht nicht? Gibt’s nicht: Die kleinste deutsche Rundfunkanstalt, Radio Bremen, macht es längst vor. Der Etat bricht weg, es muss gespart werden. Also baute man sich vor zwei Jahren ein neues, radikal kleineres Medienhaus und lässt medienkonvergent arbeiten.

Radio, Fernsehen, Internet aus einer Hand

Auf die Konvergenz der Technik folgt die Konvergenz der Redaktionen: Internet, Radio und Fernsehen teilen sich ein gemeinsames Redaktionssystem. Die Sportreporterin liefert nicht einen Bericht ab, sondern arbeitet gleich trimedial, eine Fachkraft bedient alle Medien, das ist effizient und effektiv. Nun könnte man meinen, dass mehrere Journalisten, die an einem Thema arbeiten, auch mehr herausfinden, unterschiedliche Aspekte sehen, voneinander lernen, vielleicht hin und wieder die eigene Berichterstattung mit der der Kollegen vergleichen und sich zu Qualität anhalten. Aber das ist natürlich keine “Konzeption für die Zukunft”.

(Dass in der Pressemitteilung von Radio Bremen aus dem Jahr 2007 ausgerechnet eine Sportreporterin als Beispiel herhalten muss, wo doch gerade Sportart um Sportart in Skandalen versinkt und schlagkräftige Reporter-Truppen nötig sind, ist geradezu ein Treppenwitz.)

Medienkonvergentes Arbeiten ist natürlich super. Das Mittel der Wahl. Der Haken ist nur, dass die notwendige Anpassung der Arbeitsweise auf das digitale Zeitalter und die veränderte Mediennutzung des Publikums nur stattfindet, wenn gespart werden muss, wenn es gar nicht mehr anders geht. Das ist der bittere Beigeschmack der Zukunftskonzepte. “Scheinheilig” nennt die Kommunikations-Professorin Miriam Meckel diese Argumentation, bei der die Konvergenz der SRG mit finanziellen Gründen entschuldigt wird. Einsparungen könnten nicht das Ziel sein, sondern Umschichtungen und so “mehr Geld für Recherche und Investigation, für die unbequemen gesellschaftlichen Themen”. So aber werde die Chance vertan, den Schritt als journalistische Zukunftsinnovation zu präsentieren.

Die Journalisten zahlen den Preis

Das weckt natürlich auch den Unmut der Journalisten. Der Schweizer Journalistenverband impressum zeigt sich wenig begeistert von der SRG-Fusion: “Die geplante Konvergenz gefährdet die Informationsqualität, und wir stellen fest, dass einmal mehr die Journalisten den Preis dafür bezahlen. Das Projekt gefährdet die Meinungsäusserungsfreiheit, die ein wesentlicher Pfeiler unserer Demokratie ist.”

Eigentlich wäre die Konvergenz eine Chance, Ressourcen zu bündeln und frei werdende Kapazitäten gezielt auf gesellschaftlich relevante Themen anzusetzen. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat sowohl die Aufgabe als auch die finanzielle Unabhängigkeit, aufwendige und unbequeme Recherchen durchzuführen. Wenn aber die Konvergenz nur auf den Tisch kommt, wenn plötzlich Millionen eingespart und Stellen gestrichen werden müssen, tut man sich damit kaum einen Gefallen.

Medienkonvergentes Arbeiten müsste nicht weh tun. Ganz im Gegenteil.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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4 Kommentare

  1. Oliver
    schrieb am 26. März 2009 um 13:24 Uhr (#)

    “Die Medienkonvergenz hält Einzug bei der SRG. Das muss man sich in letzter Konsequenz so vorstellen, als ob in Berlin die Redaktion der Fernsehsendung “rbb um sechs” auch gleich die Nachrichten für die Radiosender des Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) einspricht.”

    Nun, das kann man sich natürlich so vorstellen. Nur: Das SRG-Modell siezht vor, dass die Infromationsabtelungen von Radio und Fernsehen (zumindest in der Deutschschweiz) auch künftig getrennt arbeiten und von eigenen Chefredaktoren geleitet werden.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Ole Reißmann
    schrieb am 26. März 2009 um 13:38 Uhr (#)

    @ Oliver: Die Trennung, die ohnehin nur für die Deutschschweiz gilt, wird doch jetzt schon aufgelöst. Bei Fachredaktionen geht es los. “In letzter Konsequenz” kann genauso bedeuten, dass ein Team eine Pressekonferenz filmt, einen Beitrag für Fernsehen und Internet macht und die Tonspur an eine Hörfunkredaktion weiterreicht.

    Dass das alles ein langer Prozess ist und viele bis zu ihrer Pensionierung nicht noch umdenken müssen, sondern weiter ausschließlich in ihrem Medium arbeiten, schließt das nicht aus.

  3. Oliver
    schrieb am 26. März 2009 um 14:33 Uhr (#)

    O.k. Das können wir so stehen lassen.

  4. Jan Eggers
    schrieb am 30. März 2009 um 16:05 Uhr (#)

    Ist es so erstaunlich, dass Umdenken oft etwas mit Sparzwängen zu tun hat? Strukturen werden in der Regel erst dann grundlegend verändert, wenn es anders nicht mehr geht – und diese Strukturen sind äußerst robust: wer bei Öffentlich-Rechtlichen gearbeitet hat, weiß, wie hoch die Mauern zwischen den abgegrenzten Bereichen Fernsehen, Radio und Online sind: Das Sparschwein als panzerbrechende Waffe.

    Daran ist m.E. per se nichts Verwerfliches – weiter machen wie bisher und immer noch ein wenig mehr aus bestehendenden Redaktionen herausquetschen, zehrt viel mehr an der journalistischen Substanz. Insofern klingt das vertraute “Die Journalisten zahlen mal wieder die Zeche!” für mich nach Scheinargument im Abwehrkampf – das hat nichts mit konvergenter Produktionsweise zu tun.

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