Geschäftsbedingungen:
Das eigentliche Problem mit Facebook

Facebook krebst zurück: Die vor einigen Tagen veröffentlichten und kontrovers aufgenommenen neuen Geschäftsbedingungen werden züruckgenommen. Aber das Problem sind nicht die AGBs, sondern das, was diese Aktion über Facebook aussagt.

Wer noch daran gezweifelt hat, dass Social Media zumindest in den USA den Mainstream erreicht hat, brauchte gestern abend nur die amerikanischen Fernsehnachrichten zu verfolgen. Restlos jeder Sender berichtete zur besten Sendezeit über die Kontroverse, die Facebooks neue “Terms of Service” ausgelöst hatten.

Facebook hatte in seinen neuen Geschäftsbedingungen festgelegt, dass alle von den Usern hochgeladenen Inhalte (also Fotos, Videos, Texte, …) auch nach dem Löschen des Useraccounts weiter von Facebook nach Gutdünken verwendet werden können. Das kam bei den Usern vorsichtig gesagt nicht so gut an, und ein Sturm der Entrüstung brach los. Auch Erklärungsversuche von Firmenchef Mark Zuckerberg liefen ins Leere.

Nach nur zwei Tagen gibt Facebook jetzt klein bei und setzt die alten AGBs wieder ein, nicht aber ohne trotzig zu verkünden, dass man weiter an einer neuen Version arbeite, die auch die ungewaschenen Massen verstehen können.

So weit, so gut? Nicht ganz. Der Stil dieser Aktion sagt leider ziemlich viel über Facebooks Firmenkultur, Mentalität und zunehmend schwierigere geschäftliche Situation aus.

Zunächst mal wurden die neuen AGBs mit dieser doch ziemlich substantiellen Änderung nicht offen angekündigt, sondern klammheimlich aufgeschaltet. Erst ein Konsumentenschutzdienst deckte das Problem auf. Des weiteren enthielten die AGBs eine Klausel, dass die Facebook-User ohne jede weitere Nachfrage automatisch jede zukünftige Änderung an den Geschäftsbedingungen akzeptieren würden. Auch nicht die feine Art. Und dass sich die Firma erstmal noch 48 Stunden lang zierte, bis man auf den offensichtlichen Unmut der User einging, zeugt ebenso nicht gerade von Kundennähe.

Vor allem aber ist die Substanz der neuen Geschäftsbedingungen bezeichnend, denn sie deckt Facebooks Selbstverständnis als zentralistischer Walled Garden auf, der alle User-Inhalte als sein Eigentum betrachtet. Das ist ehrlich gesagt von der klassischen Web-2.0-Menalität sehr weit entfernt und ähnelt eher der Denke, die man bei klassischen Medienunternehmen findet.

Nun könnte man argumentieren, dass das alles ein Sturm im Wasserglas ist, denn was mit den typischerweise reichlich banalen Bildern passiert, die jemand seinen Facebook-Freunden zeigen will, ist ja nun wohl wirklich nicht so weltbewegend. Aber Facebook hat sich seine marktführende Stellung gerade damit aufgebaut, die Privatsphäre seiner User besser zu schützen als andere Social Networks. Und die Frage stellt sich schon, wie stark man als User der Firma Facebook jetzt noch vertrauen kann. Schliesslich gab es schon mehr als einen Skandal (z.B. mit Obamas Redenschreiber), bei dem deutlich wurde, dass Userkontrolle über Inhalte schnell essentiell werden kann.

Man kann aus dieser Affäre nur zwei Schlüsse ziehen:

Erstens haben bei Facebook faktisch Leute die Kontrolle übernommen — die professionellen Manager, die hinter Vorzeigeunternehmer Zuckerberg in Wirklichkeit die Firma führen –, die kein Gefühl für die Sensibilitäten der User mehr haben. Das ist für die Zukunftsaussichten von Facebook schlecht, denn diese Art von Firma lebt mehr als jede andere von Kundennähe.

Zweitens scheinen die AGB-Änderungen darauf hinzudeuten, dass Facebook weiterhin verzweifelt nach einem tragfähigen Geschäftsmodell sucht. Das schnelle Wachstum kostet enorm viel Geld, Schätzungen zufolge etwa eine Million Dollar pro Million neuer User allein an Serverkosten (und in den letzten zwei Wochen hat Facebook fünf Millionen neue Benutzer aufgeschaltet). Die immer noch dünnen Werbeeinnahmen decken das noch lange nicht. Facebook hat schon mehrfach Modelle angetestet, die Werbekunden gegen Gebühr tiefe Einblicke ins Userverhalten geben, und die neue Klausel in den AGBs war vermutlich dazu da, diese “Marktforschung” rechtlich abzusichern. Denn schliesslich geht unter so einem Geschäftsmodell nicht an, dass man Daten über das Userverhalten löschen muss, nur weil ein User seinen Facebook-Account aufhebt.

Facebook steht mit solchen Problemen natürlich nicht allein da, denn jeder Internet-Konzern sammelt fleissig Daten und treibt damit Dinge, die nicht unbedingt im Sinn des Urhebers sind. Aber wer soziale Beziehungen verwaltet, braucht ein besonders ausgeprägtes Gespür dafür, was die User als Verletzung ihrer Privatsphäre betrachten. Und dieses Gespür scheint Facebook derzeit zu fehlen.

Kann gut sein, dass dieses PR-Fiasko das Wachstum von Facebook gerade bei Mainstream-Usern deutlich bremsen wird. Denn wer in den Fernsehnachrichten hört “Facebook klaut deine Daten”, überlegt sich das mit dem Social Networking vielleicht nochmal genauer.

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12 Kommentare

  1. mds
    schrieb am 18. Februar 2009 um 16:33 Uhr (#)

    Dazu passend, für mich allerdings nicht verifizierbar: http://blog.datenwachschu…n-online-verfuegbar/

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 18. Februar 2009 um 17:15 Uhr (#)

    Tatsächlich seltsam, wie nahezu jedes große Social Network früher oder später in solch ein Fettnäpfchen tritt – sei es nun aus Naivität oder mit Kalkül.

    Allerdings finde ich, dass Facebook vergleichsweise schnell reagiert hat. Wobei sich das für uns Europäer vielleicht nur so anfühlt, weil wir nicht erlebt haben, wie die Nachricht sogar durch Fernsehsender ging (was natürlich einen enormen Druck auf Facebook ausübt).

    @ mds
    Interessanter Link. Leider ist der Blogpost etwas nebulos. Wie ist er denn nun auf das angeblichen Datenleck gekommen. Und glaubt er wirklich, Facebook würde auf einem einzigen Server laufen, der dann auf dem zweiten gespiegelt wird?

    Das Ding dürfte diesem Blog in Kürze ordentlich Traffic einbringen.

  3. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 18. Februar 2009 um 17:45 Uhr (#)

    @Martin: Na ja, wenn Du mal mit Deinem Skandal auf der Frontseite aller grossen Nachrichtensites (jetzt im Moment gerade NYT, CNN, Fox, Yahoo, WSJ, …) sowie in saemtlichen Fernsehnachrichten warst, dann hast Du definitiv zu spaet gehandelt.

    Facebook koennte sich damit wirklich fundamental geschadet haben, denn die grossen Werbekunden reagieren auf solche Dinge sehr empfindlich.

  4. Jan
    schrieb am 18. Februar 2009 um 17:59 Uhr (#)

    @ mds

    Das macht auf mich mehr den Eindruck, als sei der auf einem internen Server gealndet, auf dem Entwickler irgendwelches Zeug abgeladen haben und der wohl irgendwie nicht vernünftig durch eine Firewall geschützt ist.

    BTW: Hacking ist nicht cracking :-)

  5. Tapio LIller
    schrieb am 18. Februar 2009 um 19:12 Uhr (#)

    Facebooks Kommunikationsstrategie ist, wie ich schon Montag abend schrieb, die eines sprichwörtlichen “800-Pfund-Gorillas” (http://www.opensourcepr.de/2009/02/16/facebook/). Er ist groß und stark genug, auch Widerspruch auszusitzen. Zeitgemäß und angemessen ist das natürlich nicht.

    Die Vermutung, dass das Management hinter Zuckerberg den Kontakt zum “gemeinen Mitglied” verloren hat, ist nicht abwegig. Bei einem so gigantischen Wachstum hat Facebook ja schon länger Probleme überhaupt genug Mitarbeiter zu bekommen, um den globalen Betrieb aufrecht zu erhalten. Leider fallen in solchen Situationen gern mal Kommunikation und Communitymanagement hinten runter, weil sie nicht technisch erfolgsentscheidend sind. Wenn sie es jetzt Ernst meinen mit dem Dialog mit den Nutzern, muss sich das ändern. (dazu auch dieses Update von heute http://www.opensourcepr.de/2009/02/18/facebook-2/).

  6. domingos
    schrieb am 18. Februar 2009 um 19:32 Uhr (#)

    Mit sow was muss man bei solchen Diensten leider immer rechnen. Die haben halt gehofft, dass das einfach nicht auffällt, was ja durchaus hätte passieren können.

  7. Jim
    schrieb am 18. Februar 2009 um 23:39 Uhr (#)

    Werden sich bald Stellenvermittler bei Facebook einkaufen um über den Jobanwärter die kleinsten Details zu erfahren?

  8. Hadmar von Wieser
    schrieb am 18. Februar 2009 um 23:41 Uhr (#)

    >>> sei es nun aus Naivität oder mit Kalkül.

    Ich möchte statt zwei rationalen Extremen ein emotionelles Motiv anbieten: Gier. Der gute alte Affeninstinkt, der zu allem “MEINS” sagt, was längere Zeit in unserem Territorium herumliegt – selbst wenn unser Verstand noch weiß, dass es uns jemand anders nur geborgt hat.
    So geht es uns doch allen: Schreib irgend einem Blog- oder Foren-Betreiber nach 6 Monaten “Ich mag das nicht mehr gesagt haben, lösch es bitte”. Dann antwortet er in 99% der Fälle mit einer Variante von “Ich hatte mich daran gewöhnt, habe Pläne, brauche das, wollte eigentlich”.
    Russland und Japan streiten seit 60 Jahren um ein paar steinige Inseln (Südkurilen). Ich halte das weder für Naivität noch für Kalkül, sondern für reines Instinktverhalten.
    Ich bin Autor und habe Dutzende Bücher, Scripts und Spiele mit Co-Autoren verfasst. Nach einigen Monaten gab es für jede gute Idee mindestens drei Urheber, d.h. Mitarbeiter, die sich für die alleinigen Rechte-Inhaber hielten.

    Wem gehören diese Worte, die ich eben tippe? Mir, der seine ganze Formulierungskunst und Lebenserfahrung in sie investiert? Netzwertig.com, ohne deren Artikel diese meine Gedanken nie entstanden wären? Jedem, der sie liest und interessant findet? Der Menschheit? Der Evolution?

    Nein, ich glaube, dass wir mit dem Web 2.0 noch weit von tatsächlich sozialen Strukturen entfernt sind – denn in unserem Gehirn ist noch immer die CPU Stone Age 1.0 eingebaut.
    Ich glaube daran, dass wir das ändern können; aber dafür müssen wir mehr umschreiben als die AGBs von Facebook. :-)

  9. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. Februar 2009 um 09:11 Uhr (#)

    Stimmt, Gier könnte eine Rolle spielen. Nur könnte Facebook seine Gier auch smart und subtil befriedigen, nicht durch einen Schritt, der ein paar Tage später wieder rückgängig gemacht wird. Insofern wäre es dann wohl eher eine Kombination aus Gier und Naivität.

    Ganz von der Vorstellung, dass es Facebook tatsächlich ausschließlich um die Klärung juristischer Unklarheiten ging, will ich mich dennoch nicht verabschieden. Man weiß es eben nicht.

  10. John
    schrieb am 19. Februar 2009 um 13:11 Uhr (#)

    @Martin: Na ja, wenn Du mal mit Deinem Skandal auf der Frontseite aller grossen Nachrichtensites (jetzt im Moment gerade NYT, CNN, Fox, Yahoo, WSJ, …) sowie in saemtlichen Fernsehnachrichten warst, dann hast Du definitiv zu spaet gehandelt.

    Facebook koennte sich damit wirklich fundamental geschadet haben, denn die grossen Werbekunden reagieren auf solche Dinge sehr empfindlich.

    Werbung “für umsonst” ?

  11. Schreibt hier auf dem Blog Andreas Göldi
    schrieb am 19. Februar 2009 um 14:10 Uhr (#)

    @John: Wenn das Werbung umsonst sein soll, dann in etwa dem gleichen Sinne, wie sie in Deutschland derzeit die Deutsche Bahn ständig kriegt… In den USA hat Facebook nicht das Problem der mangelnden Bekanntheit, sondern jetzt des fehlenden Vertrauens.

  12. Dani Schenker
    schrieb am 20. Februar 2009 um 17:28 Uhr (#)

    Meiner Meinung nach werden die neuen Terms dann wohl das genau gleiche aussagen, nur so umschrieben, dass der Aufstand nicht ganz so gross wird… Zuckerberg schrieb ja in seiner Stellungnahme auch, dass man wohl die falschen Worte getroffen habe, nicht dass inhaltlich Fehler gemacht wurden.

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