Getretener Quark:
Schweizer Qualitätsmedien

Die Satire-Website eines Deutschen zeigt die Verunsicherung der helvetischen Qualitätsmedien – und einen gefährlichen Trend: Die Streichung des journalistischen Relevanzkriteriums.

Gratiszeitung: Totale Verunsicheung der Kollegen (Keystone)

Gratiszeitung: Totale Verunsicheung der Kollegen (Keystone)


“All the news that’s fit to print – alle Nachrichten, die den Abdruck wert sind”: Der Slogan der New York Times gibt auch im Informationszeitalter noch ein gutes Motto ab. Vielleicht müsste man es aber konkretisieren: Lag die Betonung bisher auf der Vollständigkeit der Berichterstattung, so müsste sie im Internet-Zeitalter auf der bewussten Auslassung liegen.

Die Schleusen des Informationszeitalters sind offen. Die Journaille ist nicht mehr Gatekeeper und vierte Macht im Staat, die verantwortungsvoll entscheidet, was zum öffentlichen Thema gemacht wird und was nicht. Das bedeutet keineswegs, dass es keine Journalisten mehr braucht, im Gegenteil: Sie werden weiterhin nötig sein, um Relevantes aus der Flut zu fischen, Hintergründe im Strom zu erklären und aufzuzeigen, welchen Müll man als Konsument getrost den Bach hinunter gehen lassen kann.

Das pure Gegenteil davon ist gerade in der Schweiz in einer kleinen, im Politzirkus fast schon alltäglichen Geschichte passiert. Bedenklich finde ich diese Story rund um eine “satirische” Website und das Schweizer Politgeplänkel, weil sie die totale Verunsicherung auch der Kollegen der Schweizer “Qualitätsmedien” zeigt.

Die Details, die dabei selbst von den seriösesten Titeln nachrecheriert und mit denen eine angebliche Kampagne der einen Seite oder die Verleumdung der anderen nachgewiesen werden sollte, sind nämlich weitgehend uninteressant und so belanglos wie die Website selber – selbst oder gerade dann, wenn sie, wie an einem Punkt in der Diskussion, ausschliesslich für die politische Stimmungsmache angelegt wurde. Denn ohne die Publikation in den Medien hätte sie sich nicht für die Stimmungsmache einsetzen lassen: Es hätte sie kaum jemand gefunden.

Statt allerdings die Relationen zu wahren, den “Skandal” zumindest in jenen Medien, wo es nicht um unterhaltsame Streitereien, Emotionen und Einzelfiguren, sondern um die Zusammenhänge und Hintergründe geht, in den richtigen Kontext zu stellen und darauf hinzuweisen, wie klein das Wasserglas dieses Sturmes tatsächlich ist – oder ihn gleich ganz einfach in einer Randnotiz abzuhaken – , sahen sich die Kollegen und Kolleginnen quer durch alle Mediengattungen genötigt, in grosser Ernsthaftigkeit nachzurecherchieren. Als Folgerungen kamen dann Dinge aus der Klamottenkiste der neunziger Jahre wie die Aussage, das Internet sei eine Gefahr für die Politik.

Richtig ist, dass das Internet eine Gefahr für die Medienkonzerne darstellt und sie längerfristig als traditionelle Kanäle der Politik überflüssig macht, wenn man sich in den Verlagsetagen und Redaktionen nicht auf eine neue Rolle besinnt.

Ironischerweise zeigt aber der konkrete Fall, dass just das zu wenig passiert. Ohne die Medien, gerade die mit dem analytischen Anspruch, wäre die Website-Geschichte das geblieben, was sie sein müsste: Eine Anekdote auf dem Boulevard zu einer Gesellschaft mit einer neuen Medienkompetenz. Stattdessen machen sich die Kollegen und Kolleginnen mit ihren Recherchen überhaupt erst zum Spielball einiger gewiefter Politiker – und geben sich ganz empört darüber, wie einfach sowas heute geht.

Den einzigen an der Geschichte bemerkenswerten Satz hat der Urheber der inkriminierten Website selber von sich gegeben mit der Feststellung,

“daß es in der Schweiz wesentlich einfacher ist, Medienaufmerksamkeit zu erregen als in der Bundesrepublik Deutschland.”

Die Ursache dürfte in der überhöhten Verunsicherung in der Schweizer Medienbranche zu finden sein. Zum Strukturwandel gesellt sich in der Schweiz die aktive Umwälzung der ganzen Branche durch das “Geschäftsmodell” der Gratiszeitung, das zunächst grosse Erfolge feiert. Dass es sich dabei um eine temporäre Erscheinung und möglicherweise nicht um das Erfolgsmodell für die Zeit nach dem Strukturwandel handelt, ist wohl auch den Strategen beispielsweise bei einer Tamedia bewusst.

Dass aber damit jetzt, in der Gegenwart, die journalistische Kultur nachhaltig geschädigt werden könnte, dass jene Titel, deren Glaubwürdigkeit sie möglicherweise auf der anderen Seite des Tunnels wieder zu wertvollen Brands machen könnte, ihren ganzen Wert verlieren, das scheint man nicht zu erkennen.

Sonst würden die Belegschaften der Qualitätsblätter in der Phase des Übergangs unterstützt und nicht unter ständiger Vorhaltung der neuen Produkte zusammengespart. Dabei ist die Polarisierung zwischen extrem reichweitenstarken Unterhaltungsmedien und Boulevard im besten Sinn des Wortes und spezialisierten Qualitätsprodukten wie bei jedem Strukturwandel wahrscheinlich der sicherste Weg, eingermassen unversehrt auf der anderen Seite herauszukommen. Aber das gesamte Portfolio auf Reichweite und Breitenwirkung zu trimmen, das kann gar nicht aufgehen: Das Internet ist Boulevard und verträgt nur eine beschränkte Anzahl Universalmedien; der Bedarf an qualitativ hochwertigen Spartenmedien für klar definierbare Zielgruppen hingegen ist nahezu unbegrenzt.

Nur entwickeln sich die Qualitätsblätter unter dem Druck und den Vorhaltungen der Verlage wie der sprichwörtliche getretene Quark – in die Breite. Sie beginnen, sich den “Emporkömmlingen” anzugleichen. Das geschieht hoffentlich unbewusst. Aber wer weiss, wie eine Politgeschichte in der Schweiz ihren Weg in und durch die Medien findet, der kann sich die neuesten Anekdoten leicht erklären.

Jahrezehntelang war es für die Redaktionen verhältnismässig leicht, sich aus den Gefilden der einzigen Boulevardzeitung der Schweiz herauszuhalten. Der Blick hatte manchmal Geschichten von politischer Relevanz und manchmal reine Possen, die man an der Redaktionskonferenz leicht als Blindgänger und unbedeutend abtun konnte.

Wo ein Politiker in der Wandelhalle des Bundeshauses (oder an einem Parteitag in Hintertupfikon) vielleicht noch bei drei Journalisten vesuchen musste, ein Thema zu loszuwerden, und es im Erfolgsfall womöglich bei einer einzigen Publikation blieb, sind die Chancen, heute etwas aufs “nationale Parkett” zu heben, um ein Vielfaches grösser.

Mit dem Wettbewerb der Gratis- und der Wochenendzeitungen verlangt ein bewusstes Abseitsstehen ein Selbstverständnis, wie es vielleicht die NZZ vor einigen Jahren noch hatte. Wenn aber heute drei der Pendlerblätter eine kleine Geschichte, gut aufgemacht, mit Details und ein paar Telefonrecherchen angereichert, abdrucken, steht die Argumentation an der Redaktionskonferenz fest: Jetzt ist es ein Thema, jetzt müssen wir auch. Auf langwierige Argumentationsschlachten hat da keiner mehr Lust, und kein Dienstchef will am nächsten Tag begründen müssen, warum man als einziges Blatt diese eine Geschichte nicht hatte. Noch dazu, wenn sie gestern vielleicht noch nicht relevant war, es aber heute durch die uniforme Verbreitung geworden ist.

Was beispielsweise leicht geschieht, wenn es eine Geschichte mit einer rasch überprüf- und verlinkbaren Website ist. Dass diese, um Relevanz zu erlangen, zuerst irgendeine Form medialer Verbreitung haben muss – sei es nun über die Traditionellen oder neue Medien wie Social Networks – macht die ganze Geschichte zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Spätestens an diesem Punkt sollten sich die Mitglieder der Redaktionen von Qualitätsmedien wieder auf das besinnen, was einmal ihre Verantwortung als vierte Macht im Staate als Herren über die Druckerpressen war. Damals zeigte man Courage, indem man eine Geschichte veröffentlichte, weil sie relevant war. Vielleicht besteht die Courage schon bald darin, Geschichten ostentativ als nicht relevant zu ignorieren. Oder noch ostentativer zu begründen, warum man es tut.

Wie die Zeit in ihrer Kolumne “prominent ignoriert”. Oder die New York Times mit dem Zukunfts-Slogan “Alle Nachrichten, die den Abdruck wert sind – und kein Wort mehr.”

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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14 Kommentare

  1. Starke Analyse. Die Angst vor dem Verlust der Gatekeeper-Funktion erzeugt einen Publikationsdruck, der kaum noch ertragbar ist. Wenn jeder jedem alles nachplappert, hat man am Ende von allem ein Problem: dass niemand mehr zuhören mag.

  2. Ein weitere Möglichkeit bestünde darin, in den wenigen verbliebenen Qualitätsmedien eine dezidierte Bullshit-Seite einzurichten, vielleicht unter dem Rubrikentitel ‘Auf dem Klo’, wo man dann die Sautreiber-Geschichten des Boulevards kurz kommentiert – und zugleich deutlich macht, was von ihnen zu halten sei. Dass sich eine solche Seite täglich füllen ließe, darum mache ich mir angesichts des real existierenden Journalismus schon längst keine Sorgen mehr …

    Das Internet ‘ist übrigens nicht Boulevard’, der Boulevard schlägt derzeit breite Schneisen durchs Internet. Anders ausgedrückt: Das kommt von außen …

  3. Well done, Sir!

    Die in der letzte Zeile gebrachte Rubrikidee von der “New York Times”: “Alle Nachrichten, die den Abdruck wert sind – und kein Wort mehr!”, ist bestechend einfach und wirkungsvoll. Auch die “Zeit” ist in der Beziehung nachahmenswert.

    Lässt sich noch heute umsetzen. Von allen Medien.

    Ein simples und wirksames Sofort-Hilfsmittel ist auch, wenn in Redaktionen viele Leute gleichzeitig sagen, und nofalls halt auch brüllen: Schluss jetzt mit dem Quatsch! – und kein Wort mehr.

  4. interessant: beim ganzen wirbel um diese website ist auch mir selbst der relevanz-faktor abhanden gekommen. die geschichte war relevant, weil sie mir einfach von überall her zugeworfen wurde. erst recht von den “relevanteren” printmedien. du hast recht: selektion ist eine der schlüsselleistungen der medien. im wettbewerb um einschaltquoten, aufmerksamkeit und klicks kommt diese selektion unter die räder. wer leistet es sich noch, abseits zu stehen? die selektion soll der nutzer übernehmen, suchmaschine sei dank. alle bieten alles.

  5. Gut gebrüllt, Löwe:

    Sie [die Journalisten] werden weiterhin nötig sein, um Relevantes aus der Flut zu fischen, Hintergründe im Strom zu erklären und aufzuzeigen, welchen Müll man als Konsument getrost den Bach hinunter gehen lassen kann.

    Genau: Journalismus ist eben auch eine Dienstleistung!

  6. Lesenswerte Analyse. Komisch nur, dass im Bild ausgerechnet die Kompaktzeitung “News” gezeigt wird, die von allen Schweizer Gratiszeitungen am stärksten klassische journalistische Werte vertritt und der Gewichtung grosses Gewicht beimisst.

  7. @Ugugu: Mist. Ich wusste, man kanns auch in zwei Sätzen sagen. Aber ich entstamme noch der Zeilenhonorar-Generation.
    @Klaus:

    Das Internet ‘ist übrigens nicht Boulevard’, der Boulevard schlägt derzeit breite Schneisen durchs Internet. Anders ausgedrückt: Das kommt von außen …

    Du hast teilrecht. Das Internet ist der Boulevard, alles, was draufliegt, kommt von aussen.
    @Fred: Ich glaube nicht, dass die Kollegen und Kolleginnen auf den Redaktionen grade grosse Lust zu lautem Gebrüll haben. Und wenn, dann aus ganz anderen Gründen.
    @Martin: Dienstleistung Journalismus – wird ja deswegen auch noch staatlich subventioniert, nicht?
    @Hans Barsch: Ach, immer diese Bildredaktoren – nie kriegen sie’s richtig hin…;-)

  8. “) Peter: naja,ich sagte:…”.viele Leute in vielen Redaktionen gleichzeitig “… Als Einzelmaske, da hast du natürlich recht, ist man sonst schnell weg vom Screen.

  9. @Hans Barsch. Noch zwei kleine Nachtragsgedanken:

    1. Finde ich die Differenzierung mit Kompaktzeitung sehr gelungen. Welche PR-Bude wohl daran verdient hat?

    2. Kann ich mich vage an ein Tamedia-Projekt erinnern, das glaub TV3 hiess oder so. Wurde eingestellt, nachdem man Schawinskis Sender übernehemn konnte. – Und dann gabs da mal eine Nullnummer eines Zürcher Gratisblatts aus dem gleichen Verlag. Schaffte es nicht zur Druckerpresse, weil man 20minuten doch noch rechtzeitig kaufen konnte. – Und als Sascha Wigdorowits “.ch” als Wertkonkurrenz zu 20minuten ankündigte, da wurde dann das ebenso höherwertige “News” lanciert.

    Kann mich irren, aber ich glaube, unter diesen Umständen steht es um die Nachhaltigkeit des Produkts angesichts der unausweichlichen Marktbereinigung in absehbarer Zeit nicht sonderlich gut.

  10. [leicht offtopic, aber: da ich in meinem kommentar oben ein "von" gegen ein "vor" eintauschen möchte, und generell eher zu den schnellschuss-kommentatoren gehöre, wolle ich mal nachfragen, ob ihr auch schon darüber nachgedacht habt, das 5-minuten-korrektur-widget einzubauen? ob das nur mir so geht, dass ich die ärgsten tippfehler immer erst sehe, nachdem ich den publish-button gedrückt hab?]

  11. @Peter: Die Differenzierung zwischen Gratis- und Kompaktzeitung zeigt, dass sich auch die Gratiszeitung wieder in Richtung klassische Zeitung bewegt – mit Aufmacher, Meinung, Hintergrund. Mir scheint (ich hoffe), dass auch Gratiszeitungs- und Online-Redaktionen langsam erkennen, dass das erfolgreiche Verbreiten von Nachrichten nicht in erster Linie von der Technik sondern von der Qualität der Nachrichten abhängt. Die Findung eines neuen “Kanals” macht eben noch nicht die Neuerfindung der Medien. Wenn aber das neue Genre die Nachrichten kompakter macht – umso besser für den Leser! Die – pardon – Kompaktzeitung “News” ist nicht nur für den Konzern die ökonomischere Variante…

  12. @Ugugu, #10:

    Ich bin dafür. Ich finde sogar, das sollte eigentlich WP-Default werden. Das Gegenargument, das gelegentlich angeführt wird, dann könne man ja seinen eigenen Kommentar noch ändern, nachdem ein anderer Kommentar einen schon widerlegt habe, ist ein bisschen kindergartenmässig, finde ich. Oder?

    Bei unseren eigenen Blogs stört’s mich naturgemäss nicht so sehr, weil ich da notfalls schnell ins wp-admin reingehen kann – aber bei anderen ärgere ich mich masslos über meine eigenen Tippfehler.

    Ich stell mal intern einen Antrag.

  13. …den Antrag wollte ich ergänzen damit, dass wir das Korrektur-Plugin mit dem Paypal-Micropayment-Plugin verknüpfen: Einmal eigenen Tippfehler eliminieren kostet einen Euro oder so.

    Bin damit nicht durchgekommen.

  14. Stimmt ja gar nicht, Pit, ich fand’s super.

    Einmal eigenen Tippfehler eliminieren kostet einen Euro oder so.

    … pro Zeichen!

Ein Pingback

  1. [...] Schöner kommentieren: Außerdem haben wir ein praktisches Plugin installiert: Dank Ajax Edit Comments kann jeder nun seinen Kommentar noch fünf Minuten lang korrigieren, nachdem er schon abgeschickt wurde. Denn wer kennt das nicht: Der fiese Rechtschreibfehler, der falsche Link, alles das fällt einem regelmäßig erst auf, wenn der Kommentar auf der Seite steht. Übrigens eine Anregung von Ugugu bei uns in den Kommentaren. [...]

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