Twitter + Retweet = Twitter-Effekt

Twitter bringt das erste Mal einen Server zum Zusammenbruch. Anders als bei anderen Sites wird bei Twitter die dafür notwendige Aufmerksamkeit nicht zentral gebündelt, sondern organisiert sich selbst im Schwarm.

Bis dato war es einer Handvoll an Websites vorbehalten, verlinkten Seiten so viel Traffic zu schicken, dass deren Server unter der Last keuchend zusammenbrachen. Man spricht dabei vom Slashdot-Effekt, vom Digg-Effekt, oder dass eine Seite techcrunched wurde. Im deutschsprachigen Web ist der heise-Effekt bekannt.

Sehr viel Traffic in sehr kurzer Zeit entsteht üblicherweise, wenn ein Artikel oder Webdienst auf der Startseite eines sehr populären Dienstes verlinkt wird.

Diese Woche gab es die ersten Anzeichen dafür, dass dieses Phänomen auch von Twitter verursacht werden kann. Royal Pingdom beschreibt, wie ein Tweet von Mashables Pete Cashmore so populär wurde, dass ein Blog deshalb zusammenbrach.

Der Fall Twitter ist interessant, weil die Koordination der Aufmerksamkeit gewissermassen im Schwarm entsteht. Anders als bei allen anderen Sites gibt es bei Twitter keine Startseite mit prominent vorgestellten Artikeln, auf die eben alle kurz mal klicken. Aufmerksamkeit verstärkt sich auf Twitter organisch, indem interessante Links aufgegriffen und wiederholt werden.

Im Twitter-Jargon nennt sich diese Praktik des Wiederholens Retweet. Retweets haben sich in den letzten Monaten als informeller Standard etabliert, interessante Tweets werden weitergezwitschert, wobei dem eigenen Tweet ein ‘RT @username’ des ursprünglichen Posters vorangestellt werden.

Retweets von netzpolitik
Retweets von netzpolitik

Beispiel: Retweets von netzpolitik.

Ein einziger kleiner Tweet kann also eine Welle auslösen, die es in dieser Geschwindigkeit wohl noch nie gegeben hat. Royal Pingdom hat dafür eine einfache Formel:

The Twitter Effect formula = (Original tweet * followers) + (retweets * followers of retweeters) + (retweets of retweets * followers of those), and so on.

Dabei schadet es nicht, viele Follower zu haben – Pete Cashmore etwa hat mehr als 50.000, aber es ist keine Voraussetzung. Entscheidend dabei ist, dass eine Nachricht von genügend vielen als wichtig genug empfunden wird, um den Akt der eigenen Verstärkungsleistung zu triggern und den Prozess am Laufen zu halten. Selbstselektion statt Konzentration.

Die Folge einer solchen Retweet-Welle noch einmal ausgesprochen: Immer neue Follower sehen Nachricht plus Link in ihrem Stream. Das individualisierende Follower-Prinzip könnte in diesem Zusammenhang sogar zu besseren Ergebnissen entlang der Skala führen, da es kein Alles-oder-Nichts wie etwa im Fall der Startseite von Digg bedeutet (Entweder der Artikel ist auf der Startseite oder er ist es nicht). Stattdessen können auch mittelgrosse Nachrichten innerhalb der entsprechenden Interessentenkreise angemessene Popularität erlangen.

Erfreulicherweise müssen wir nicht über den grossen Teich starren, um eine ähnliche Art von Twitter-Effekt in Aktion zu sehen. Die Entwicklungen im Fall Deutsche Bahn gegen netzpolitik waren auf Twitter quasi in Echtzeit mitverfolgbar. Hunderte haben an der Verteilung mitgewirkt und dazu beigetragen, das Thema auch in die Massenmedien zu pushen:

Zum ersten Mal hab ich bewusst bemerkt, wieviele Follower ich bei Twitter habe, denn die Weiterleitungen meines Hilfe-Tweets hören gar nicht mehr auf. Und in der nächsten Welle kamen die Blog-Postings. Und innerhalb ganz weniger Stunden schwappt die Geschichte gerade in die Mainstream-Medien rüber.

 

(Marcel Weiß hat an diesem Artikel mitgeschrieben.)

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14 Kommentare

  1. Andy Lenz
    schrieb am 6. Februar 2009 um 09:37 Uhr (#)

    Prima Artikel! In Deutschland wird es wohl noch dauern bis eine Seite komplett Downgetweetet wird. Englisch wirkt einfach global, Twitter wächst hier aber auch schnell und ist nach Google auf unseren yeebase-Websites z.B. zum zweitstärksten Trafficlieferanten geworden.

    Wie mein Kollege http://twitter.com/theuer der unseren t3n magazin Twitteraccount mitbetreut, vor kurzem richtig bemerkt hat, ist bei Tweets mit Retweetpotential wichtig, unter 140 Zeichen zu bleiben.

    Spannend sind auch neue Twitterservices die rund um ReTweets entstehen. Z.B. die ReTweet Search oder most ReTweeted Listen. Ich bin gespannt was da noch alles kommt wie schnell das Thema Einzug in Newsseiten und Memetracker hält. Frank von Rivva steckt schon mitten im Tweetmapping soweit ich weiß…

  2. OleS
    schrieb am 6. Februar 2009 um 12:36 Uhr (#)

    Ich persönlich finde diese ReTweets ziemlich nervig. Meistens hat das schon einen Grund wem ich nun follow und wem nicht.

  3. hathead
    schrieb am 6. Februar 2009 um 12:39 Uhr (#)

    Ja, ja – Der Twitter effekt. Mir gefällt das sehr gut. Einbindung von Netzwerkeffekten wo vorher entweder keine oder nur sehr wenige waren.

    Jetzt muss Twitter nur noch in der breiteren Öffentlichkeit ankommen, und die Zahl der Zeichen rudimentär erhöhen. Ein RT oder ein @Username sollte nicht von den für den Text zur verfügung stehenden Zeichen abgezogen werden, sonst haben wir nach der Generation der verkrüppelten SMS kommunikation, demnächst die der verküppelten Twitter Kommunikation. Oder jemand schlägt bei Twitter vor man solle MFG von den Fantastischen Vier auswendig lernen um Zeichen zu sparen und das ganze wird dann so oft retweeted, dass iTunes zusammenbricht.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Markus Spath
    schrieb am 6. Februar 2009 um 12:53 Uhr (#)

    @OleS – ich kann mir gut vorstellen, dass Twitter beginnt, Retweets als Spezialfall zu behandeln – analog zu den @replies, die man ja auch verstecken kann. Und wenn nicht Twitter, dann wird es ein anderer Client anbieten.

  5. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 6. Februar 2009 um 12:54 Uhr (#)

    Hier sieht man noch einmal schön wie sehr sich das für netzpolitik.org ausgewirkt hat: http://bit.ly/info/Vkoc
    Über 5100 Zugriffe insgesamt. Und das sind nur die, die getrackt wurden.

  6. Markus Jakobs
    schrieb am 6. Februar 2009 um 13:20 Uhr (#)

    vier Möglichkeiten die dazu dienen auf einen anderen Tweet aufmerksam zu machen:

    1. ♺ @USERNAME
    2. RT @USERNAME
    3. retweet @USERNAME
    4. via @USERNAME (=Sinngemäß)

    ;-)

  7. a.
    schrieb am 6. Februar 2009 um 13:42 Uhr (#)

    “RT” ist mir erst in letzter Zeit aufgefallen – richtig? Interessant bei der Zeichenknappheit, dass man sich wirklich mit “retweet” abgegeben hat.

    (Was ist das erste Zeichen unter 1. in Markus Jakobs Liste? Mein character encoding ist wohl irgendwie recht exotisch eingestellt…)

  8. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 6. Februar 2009 um 13:58 Uhr (#)

    » OleS und Markus: Ich denke auch, dass Twitter oder ein Client die Retweets ausblendbar machen wird. Für am cleversten hielte ich es, wenn a) die Retweets derjenigen Twitterer, denen man ohnehin schon folgt, und b) alle identischen Retweets nach dem ersten ausgeblendet würden.

  9. Schreibt hier auf dem Blog Markus Spath
    schrieb am 6. Februar 2009 um 18:46 Uhr (#)

    @a. ja, RT hat sich erst in letzter Zeit als quasi-Standard etabliert. Das erste Zeichen schaut so aus wie ein Recycle Icon, würde also ikonographisch schon passen. Stowe Boyd hat mal versucht, das zu etablieren.

    @Florian gute Idee. Wobei b) wohl nicht von Twitter kommt, aber ein externer Client kann da sicher punkten, wenn sie das smart lösen (etwa auch: Einstellungen auf einer per user Basis unterschiedlich setzen können)

  10. Markus Jakobs
    schrieb am 6. Februar 2009 um 18:57 Uhr (#)

    ” ♺ ist schick, hat aber mehr byte als 1, spart also nix und kann man nicht per SMS oder auf Telefonen eingeben oder lesen und auch per Tastatur nicht erreichbar”
    via @kosmar
    http://kosmar.de/archives…ushandlung-retweets/

    In seinem Blogeintrag wurde auch
    ” > ” vorgeschlagen

  11. Max2
    schrieb am 7. Februar 2009 um 13:40 Uhr (#)

    Alter Forward-Wein in neuen Tweeter-Schlauchen, bis auf den Unterschied der Allgemeinen Sichtbarkeit. Im Fall Deutsche Bahn, können solche Einblicke deren PR-Abteilung auf die Sprünge helfen.

    unter 140 Zeichen zu bleiben.

    Yep, in einem Jahr: 100 Zeichen Twitter-Code, 40 Text.

  12. wandschablonen
    schrieb am 7. Februar 2009 um 18:32 Uhr (#)

    Hallo

    Also Twitter ist bald so bekannt wie Google.

  13. Roger
    schrieb am 10. August 2009 um 12:46 Uhr (#)

    Hi, das klingt wirklich heftig, ähnliches habe ich bei http://blog.datenschmutz.…hr-twitter-follower/ gelesen. Ein sehr interessanter Artikel wie an einem Wochendene die 30k Grenze überschritten wurde ( mit Schritt für Schritt Anleitung ), sehr empfehlenswert.

  14. Daniel
    schrieb am 5. Januar 2011 um 09:40 Uhr (#)

    Oft geht bei all dem regetweete der eigentlich Sinn und Zweck und vor allem der Inhalt verloren, dies führt dann natürlich zwangsläufig zu Mißverständnissen ;)

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