Präventive Überwachung:
“Nicht vom Büro aus anrufen”

Wer mit wem: Seit Anfang des Jahres werden in Deutschland Verbindungsdaten gespeichert. Wie Journalisten darauf reagieren können, erklärt Markus Beckedahl im Interview.

Netzaktivist Markus Beckedahl

Netzaktivist Markus Beckedahl

Was hat sich für Journalisten mit dem 1. Januar verändert – was müssen sie beim Umgang mit Quellen und Kontakten beachten?

Die Vorratsdatenspeicherung ist für das Internet in Kraft getreten. Damit kann festgestellt werden, wer mit wem in den letzten sechs Monaten per Telefon, Handy oder E-Mail in Verbindung gestanden oder das Internet genutzt hat. Bei Handy-Telefonaten und SMS wird auch der jeweilige Standort des Benutzers festgehalten.

Wer es konkreter wissen will, dem sei die Beschreibung in der Wikipedia empfohlen.

Gespeichert wird auch, mit welcher IP-Adresse ich wann im Internet unterwegs bin. Diese Informationen können die Behörden von meinem Provider einfordern, wenn eine schwere Straftat vorliegt und ein Richter das anordnet, künftig auf ohne Richter und schon bei Verdacht. Warum ist das kritisch?

In den heutigen Zeiten von regelmässigen Daten-GAUs ist schon das Speichern an sich ein kleines Problem. Wer kann denn garantieren, dass die Datenbanken sicher bleiben? Man erinnere sich auch an die Rasterfahndung mit Verbindungsdaten, wo die Telekom Journalisten und Gewerkschafter ausspioniert hat.

Markus Beckedahl

Bloggt auf netzpolitik.org. Der Unternehmer und Aktivist für digitale Freiheiten ist Organisator der re:publica und gilt als einer der deutschen Pioniere in der politischen Kommunikation via Internet. Er berät Unternehmen und Organisationen, lehrt an der Universität Mannheim und ist Projektleiter von Creative Commons Deutschland.

Das Hauptproblem ist aber: Die Vorratsdatenspeicherung greift unverhältnismäßig in die persönliche Privatsphäre ein und verstösst meiner Meinung nach gegen das Menschenrecht auf Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung.

Wenn ich nun aber einen amerikanischen E-Mail-Dienst nutze und nicht Web.de oder GMX.de?

Darauf würde ich mich nicht verlassen. Die USA haben zwar noch keine Vorratsdatenspeicherung, waren aber nie zimperlich dabei, nicht-US-Bürger zu überwachen.

Nehmen wir an, ein Behördenmitarbeiter möchte Kontakt zu einem Journalisten aufnehmen und vertrauliche Daten weitergeben …

Nicht vom Büro aus anrufen oder die Büro-Mail nutzen. Lieber ein anderes Telefon, zum Beispiel eine Telefonzelle oder ein fremdes Telefon nutzen und sich für ein Treffen verabreden. Mit der Post und ohne Absender kann man auch einen Brief schicken.

Nur hundertprozentig sicher ist das auch nicht, wie verschiedene Fälle in den letzten Jahren gezeigt hat. Eine alternative Möglichkeit ist sicherlich, mit dem Journalisten per verschlüsselter Mail (PGP/GNUPG) Kontakt aufzunehmen und dafür ein Mailanbieter im fernen Ausland zu nutzen, den man mit Anonymisierungssoftware wie Tor ansurft. Allerdings sollte der Journalist auch PGP nutzen und sein offener Schlüssel bekannt sein. Sonst kann man ihn ja nicht anschreiben.

Das Nutzen von Verschlüsselungstechnologie und Anonymisierungsdiensten setzt einiges Wissen voraus und kostet Zeit. Muss ich künftig trotzdem wie James Bond arbeiten?

Wenn man auf Nummer sicher gehen will und die eigene Privatsphäre einem was wert ist, sollte man die Grundregeln beachten. Es gibt immer mehr Anleitungen im Netz, wie man die Werkzeuge nutzen kann. Und mittlerweile auch ein Tor-Plugin für den Firefox und ein GNUPG-Plugin für Outlook. Einfach und praktisch ist der Privacydongle, den der Foebud als USB-Stick vertreibt. Dort findet sich ein vorkonfigurierter Firefox-Browser drauf. Den kann man von den meisten Computern ohne installieren nutzen und eignet sich zum Beispiel auch für das Surfen in Internet-Cafés.

Das Bundesverfassungsgericht muss über die Rechtmäßigkeit der Vorratsdatenspeicherung entscheiden, unter anderem haben fast 35.000 Menschen Verfassungsbeschwerde eingereicht. Wie sieht der Stand dazu aus?

In einer Vorentscheidung wurde die Vorratsdatenspeicherung bis zur endgültigen Entscheidung auf schwere Straftaten und Terrorismus eingegrenzt. Das Bundesverfassungsgericht wartet auf die Entscheidung des Europäischen Gerichtshof. Diese findet Mitte Februar statt.

Das Interview haben wir schriftlich geführt. Die Links in Markus’ Antworten sind nachträglich von uns eingefügt und kommen nicht von ihm selber.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

Mehr lesen

PRISM: ...und plötzlich erscheint die Cloud wie eine dumme Idee

12.6.2013, 22 KommentarePRISM:
...und plötzlich erscheint die Cloud wie eine dumme Idee

Lange war sich die Netzwirtschaft einig: Daten und Rechenprozesse sind in der Cloud am besten aufgehoben. Doch im Lichte der US-Internetüberwachung erscheint das Konzept plötzlich wie eine ziemlich dumme Idee.

US-Internetüberwachung PRISM: Die unangenehme Wahrheit, die wir schon kannten

10.6.2013, 17 KommentareUS-Internetüberwachung PRISM:
Die unangenehme Wahrheit, die wir schon kannten

Die großflächige Datensammlung und Überwachung von Internetnutzern durch die US-Regierung konfrontiert uns mit einer verdrängten Wahrheit: Für die breite Masse der digitalen Bevölkerung existiert im Netz keine Privatsphäre.

Shazam und Xbox hören mit: Warum der Orwellsche Staat auch diesmal nicht kommen wird

24.5.2013, 6 KommentareShazam und Xbox hören mit:
Warum der Orwellsche Staat auch diesmal nicht kommen wird

Shazams neue iPad-App kann Songs im Hintergrund taggen, hört also immer mit, ähnlich wie Microsofts neue Wohnzimmerkonsole Xbox One. Angst müssen wir vor solchen Gadgets nicht haben, aber es hilft trotzdem, wenn wir uns weiterhin über einen zu großen Bruch unserer Privatsphäre empören.

7.5.2009, 37 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

Journalismus 2.0: Die Diskussion mitgestalten

5.5.2009, 15 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

7.4.2009, 23 KommentareBiographien im Web 2.0:
Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt

In Zeiten des Web 2.0 entkommt man seiner Biographie nicht mehr. Es heißt, wie das im Dorf nun mal so ist, wieder mit der eigenen Vergangenheit zu leben - statt gegen sie.

Daniela Hinrichs: \

6.7.2011, 6 KommentareDaniela Hinrichs:
"Weder typisch Mann noch Frau. Sondern typisch Unternehmer"

Daniela Hinrichs, Partnerin von Xing-Gründer Lars Hinrichs und langjährige Pressesprecherin des Netzwerks, ist seit 2006 als Business Angel unterwegs. Ein Interview.

Internetunternehmer Christoph Janz: \

1.6.2011, 14 KommentareInternetunternehmer Christoph Janz:
"Es fühlt sich wieder an wie 1999"

Der Business Angel Christoph Janz hat als Startup-Gründer die verrückte Zeit der New Economy miterlebt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Branche heute entwickelt, erinnert ihn stark an den Boom anno 1999.

Jimdo-Mitgründer Christian Springub: \

14.4.2011, 6 KommentareJimdo-Mitgründer Christian Springub:
"Unser Ziel ist eine massive Bekanntheitssteigerung in den USA"

Seit über zwei Monaten ist Christian Springub in San Francisco damit beschäftigt, Jimdos erste US-Niederlassung aufzubauen. Im Interview mit netzwertig.com berichtet er über Fortschritte, Eindrücke und Ziele.

Journalismus 2.0: Die Diskussion mitgestalten

5.5.2009, 15 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

5.2.2009, 47 KommentareWie sich ein hochbezahlter Redakteur durch den Alltag mogelt

Wieder ein anonymer Brief – aber diesmal schreibt ein Festangestellter. Sein Alltag in der Redaktion: Kaffee schlürfen, beschäftigt tun, Raucherpausen und aufs Gehalt warten.

3.2.2009, 59 KommentareOffene Antwort:
Vom Glück eines freien Journalisten

Die Freiberuflichkeit hat viele Vorteile – findet Don Dahlmann und hat gute Argumente gegen eine Festanstellung. Außerdem gibt's fünf Tipps für angehende freie Journalisten.

5.2.2009, 4 Kommentare"Blogwart Mehdorn" gegen die Pressefreiheit

Die Aufmerksamkeitsspirale von Blogosphäre und Medien dreht schnell wie nie: Markus Beckedahl hat Interna zur Bahn-Spähaffäre veröffentlicht und dafür eine Abmahnung bekommen.

11.5.2009, 2 KommentareLong Hello and Short Goodbye

Was für ein Spaß. Fast zwei Jahre habe ich, die eckige schwarze Hornimitatbrille auf der Nase, was mit Medien gemacht. Gegen Geld aus der Schweiz.

7.5.2009, 37 KommentareG wie Google:
"Wenn wir nur noch die Hälfte der Journalisten hätten, wären es immer noch zu viele"

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung widmet sich am 8. Mai 2009 der Zukunft der Medien. In Kooperation mit dem SZ-Magazin stellen wir hier ein Interview mit Jeff Jarvis zur Diskussion.

Journalismus 2.0: Die Diskussion mitgestalten

5.5.2009, 15 KommentareJournalismus 2.0:
Die Diskussion mitgestalten

Die Digitalisierung verändert mehr als das Medium. Was Journalisten tun können.

Das dritte Auge: Persönliche Mini-Kameras  zeichnen den Alltag auf

12.10.2012, 6 KommentareDas dritte Auge:
Persönliche Mini-Kameras zeichnen den Alltag auf

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Alltagsereignisse im öffentlichen Raum mit allgegenwärtigen Smartphone-Kameras festgehalten werden. Die nächste Stufe in dieser Entwicklung: am Körper getragene Mini-Kameras, die automatisiert und stetig die Umgebung ablichten.

Brisanter Entschluss: US-Behörde zwingt Facebook  zum Opt-In-Verfahren

11.11.2011, 12 KommentareBrisanter Entschluss:
US-Behörde zwingt Facebook zum Opt-In-Verfahren

Die US-Handelskommission FTC hat Facebook die Auflage erteilt, für Änderungen an den Privatsphäre-Einstellungen grundsätzlich vorab das Einverständnis der Nutzer einzuholen. Im schlimmsten Fall wird dies Facebooks Entwicklungstempo drastisch verlangsamen.

\

10.5.2011, 26 Kommentare"Technik frisst Privatsphäre":
Zeit, sich dieser Erkenntnis zu stellen

Der technische Fortschritt lässt sich mit Regulierung und neuen Datenschutzgesetzen bremsen, aber nicht aufhalten. Es ist Zeit, dass wir uns dieser Erkenntnis stellen.

US-Internetüberwachung PRISM: Die unangenehme Wahrheit, die wir schon kannten

10.6.2013, 17 KommentareUS-Internetüberwachung PRISM:
Die unangenehme Wahrheit, die wir schon kannten

Die großflächige Datensammlung und Überwachung von Internetnutzern durch die US-Regierung konfrontiert uns mit einer verdrängten Wahrheit: Für die breite Masse der digitalen Bevölkerung existiert im Netz keine Privatsphäre.

19.10.2008, 1 KommentareBig-Brother-Awards:
Staatliches Vorgehen gegen Journalisten angeprangert

Die Preisträger des Big-Brother-Awards Schweiz stehen fest. Ein Award wurde für die präventive Verhaftung von Journalisten vergeben.

18.6.2013, 13 KommentareGutes Timing:
Stackfield präsentiert eine verschlüsselte Kollaborationsplattform

Das Münchner Startup Stackfield hat eine Kollaborationsplattform für Geschäftskunden und Privatanwender entwickelt, bei der Daten clientseitig verschlüsselt werden. Weder die Macher noch Dritte sind in der Lage, auf Informationen und Konversationen zuzugreifen.

Cloudspeicher: Nach BoxCryptor will auch SharedSafe Dropbox-Dateien verschlüsseln

10.5.2013, 2 KommentareCloudspeicher:
Nach BoxCryptor will auch SharedSafe Dropbox-Dateien verschlüsseln

Nach BoxCryptor widmet sich das zweite bayerische Startup der Verschlüsselung von Dateien bei Dropbox. Nebenbei kann SharedSafe auch jedes IMAP-E-Mail-Konto in Onlinespeicher zum Dateiabgleich und Filesharing verwandeln.

Verschlüsselung in der Cloud: BoxCryptor veröffentlicht Chrome-Erweiterung für Google Drive und Dropbox

13.12.2012, 1 KommentareVerschlüsselung in der Cloud:
BoxCryptor veröffentlicht Chrome-Erweiterung für Google Drive und Dropbox

Bisher mussten Nutzer die kostenfreie BoxCryptor-Software installieren, um Ordner bei Dropbox oder Google Drive zu verschlüsseln. Jetzt hat das Startup aus Augsburg eine sehr nützliche Erweiterung für Chrome veröffentlicht.

Ein Kommentar

  1. Verschlüsselung zu verwenden ist eine sinnvolle Empfehlung. Verkehrsdaten fallen aber auch dabei an, denn Absender und Empfänger zu verschleiern ist aufwendig. Und weiss man zum Beispiel, dass Journalist A mit Informant B kommuniziert, beschafft man sich die gewünschten Informationen per Hausdurchsuchung, Lauschangriff usw. bei A und B.

    Vieles zum Thema findet man im lesenswerten «ravenhorst»-Blog unter http://blog.kairaven.de/.

2 Pingbacks

  1. [...] vom Büro aus anrufen”: Seit Anfang des Jahres werden in Deutschland Verbindungsdaten gespeichert. Wie Journalisten darauf reagieren können, erklärt Markus Beckedahl im [...]

Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

* Pflichtfelder