Flugzeugabsturz:
Journalismus mit Twitter und Co.

Heute in der Zeitung, vorgestern im Internet: Das “Wunder vom Hudson” zeigt, wie souverän Online-Medien mittlerweile mit Bürgerjournalismus umgehen und Tageszeitungen Konkurrenz machen.

Da ist ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf der Fähre, die die Leute aufnehmen wird. Verrückt.
Da ist ein Flugzeug im Hudson. Ich bin auf der Fähre, die die Leute aufnehmen wird. Verrückt.

Flugzeugabsturz in New York: Nachdem beide Triebwerke ausgefallen waren, hat ein Pilot seinen vollbesetzten Airbus Donnerstagnacht europäischer Zeit im Hudson River notgelandet, alle Menschen an Bord überlebten. Wie das bei Katastrophen und Krisen in der vernetzten Welt mittlerweile üblich ist, gibt es wenig später Augenzeugenberichte im Internet. Janis Krumis hat sein iPhone dabei, twittert von einem der Schiffe, die zum Flugzeug fahren. Das Bild geht um die Welt, wenig später gibt er dem Sender MSNBC ein Live-Interview. So, what’s new?

Bemerkenswert sind mindestens zwei Sachen. Zum einen die Regelmäßigkeit, mit der “breaking news” in der Kurznachrichten-Community Twitter ihren Anfang nehmen. Journalisten, die vorher noch am Telefon und vor Internet-Suchmaschinen saßen, um Augenzeugen aufzutreiben, bekommen diese nun weltweit frei Haus geliefert. Das war bereits bei den Terror-Angriffen in Mumbai so und scheint bei Flugzeug-Unglücken mittlerweile selbstverständlich.

Natürlich hat jemand ein Handy dabei. Vom “Notlande-Bürgerjournalismus” schreibt das Blog Twitkrit. Aber erst der Erfolg von Twitter und riesigen sozialen Netzwerken wie Flickr sowie eine vernetzte Blogosphäre machen die schnelle Diffusion der Nachricht möglich.

Außerdem wird der Umgang der Medien mit dieser Art Bürger-Journalismus zunehmend routinierter, gelassener. Spiegel Online verlinkt ganz selbstverständlich einen einen Bericht des Silicon Alley Insiders, der die erste Twitter-Meldung und Bilder gesammelt hat. Focus Online berichtet über die Bilderflut im Internet, verlinkt und kommentiert die Twitter-Meldung, YouTube-Videos und Flickr-Bilder.

Ein gutes Beispiel für “Linkjournalism”: Es wird nicht einfach Krumis Bild genutzt, sondern auch erklärt, woher es kommt, wie es entstanden ist und die Quelle verlinkt. Gleichzeitig ein Beispiel für die Stärke der Online-Medien, die längst nicht nur Schnelligkeit auf der Haben-Seite verbuchen können. Denn während die erste Meldung schon auf der Seite ist, wird weiter recherchiert. Am Freitagmorgen gibt es schon Analysen zum Unglück, im Verlauf des Tages kommen weitere Hintergrund-Stücke dazu. Was bleibt da noch für die Tageszeitung, die erst am Sonnabend wieder erscheint?

Der Focus-Online-Chefredakteur Jochen Wegner zählt in seinem Blog auf, was seine Redaktion schon alles bis Freitagmittag an Meldungen und Analysen auf die Seite gestellt hat – und preist die Magie der Online-Medien: Viele überregionale Tageszeitungen müssten dieses Weltereignis anderthalb Tage später nacherzählen.

Spektakuläres Bild der Heldengeschichte
Spektakuläres Bild der Heldengeschichte

Dieses Bild von Janis Krumis wurde schon mehr als 250.000 mal bei Twitpic abgerufen – und erreicht, von der Nachrichtenagentur AP weltweit verbreitet, ein Millionen-Publikum.

(Randnotiz: Auf news.de wird der Service am Leser noch etwas weitergedacht: Dort gibt’s nicht nur eine kommentiere Linkliste zu Videos und Bildern im Netz, sondern auch lustige Kontext-Werbung. Die Wörter “Flug” und “Flüge” im Text verlinken zu einem Reiseanbieter, der Begriff “Handy” animiert zum Kauf von Klingeltönen. Warum nicht gleich ein neues Fotohandy?)

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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9 Kommentare

  1. Yannick
    schrieb am 17. Januar 2009 um 16:52 Uhr (#)

    Die Sache mit dem Foto finde ich sehr stark! Da kann man mal sehen, was Twitter für eine Reichweite bekommen hat.

  2. tin
    schrieb am 17. Januar 2009 um 18:10 Uhr (#)

    1. Ist nicht ein Pilot an dieser Glanzleistung beteiligt, sondern 2. Neben dem Kapitän gibts auch einen Co-Piloten – der wurde bisher in den deutschsprachigen Medien leider kaum erwähnt.

    2. Warum ist die möglichst schnelle Bild-Information denn so wichtig? Muss das Gaffer-Tum noch weiter ausgebaut werden? Wo bleiben der Persönlichkeitsschutz von Opfer und Täter?

  3. Leuchten
    schrieb am 17. Januar 2009 um 18:17 Uhr (#)

    Edit: Kommentar gelöscht, SEO-Spam bitte anderswo absetzen. F.S.

  4. Torsten
    schrieb am 17. Januar 2009 um 18:21 Uhr (#)

    Sorry, das ist Mumpitz. Die Story hat keinesfalls in Twitter “ihren Anfang genommen”.

    Das Flugzeug ist direkt vor Manhattan abgestürzt – einer der Medienmetropolen überhaupt. Es gab keinen Mangel an Augenzeugen, keinen Mangel an Bildern von Amateuren und Profis. Die klassischen Medien transportierten die Nachricht schneller als Twitter weltweit.

  5. tin
    schrieb am 17. Januar 2009 um 22:48 Uhr (#)

    @Torsten
    Du schreibst aber auch Mumpitz: Das Flugzeug ist nicht “abgestürzt”, das war eine super ausgeführte Notwasserung.

  6. Torsten
    schrieb am 18. Januar 2009 um 00:38 Uhr (#)

    tin: sag das Ole.

  7. tin
    schrieb am 18. Januar 2009 um 10:07 Uhr (#)

    Wer ist “Ole”?

  8. Martin Kurth
    schrieb am 19. Januar 2009 um 12:25 Uhr (#)

    Ich finde es erstaunlich, wie schnell deutsche (Online-Medien) Twitter als Quelle akzeptieren.

    Weitere (zum Teil auch nachdenliche) Perspektiven zu diesem Thema: http://blog.sympra.de/200…als-echtzeit-medium/

  9. Ulrike Langer
    schrieb am 19. Januar 2009 um 21:18 Uhr (#)

    Leider sind es in Deutschland bisher weitgehend nur Onlinemedien, die Twitter, Flickr und Co. auf sinnvolle Weise nutzen und einbinden. In den ARD-Tagesthemen wurde am Donnerstag abend noch herumgerätselt, wie man die Menschen wohl aus dem Flugzeug herausbekommt, als schon längst keine mehr drin waren – und die Bilder von Passagieren auf den Tragflächen schon um die Welt gegangen waren.

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