Online-Lexikon:
Brockhaus und Wikipedia Seite an Seite?

Der Brockhaus bekommt einen neuen Besitzer mit Internet-Erfahrung. Die Druckausgabe, die sich nicht besonders verkauft, könnte eine Zukunft haben: Gestützt von einer kostenlosen Online-Version.

Bisher schien der Graben unüberwindbar. Hier die Wikipedia, das kostenlose Lexikon zum Mitmachen, dort der Brockhaus, das sorgsam editiertes Nachschlagewerk für 2670 Euro. Die Gegensätze könnten deutlich nicht sein. Doch im nächsten Jahr könnte sich genau das ändern, beide Lexika könnten friedlich nebeneinander unter derselben Dachmarke im Internet erscheinen. Denn wenn die Kartellbehörde zustimmt, gehört der Brockhaus mit allem drum und dran ab Februar 2009 zur Bertelsmann-Tochter Wissenmedia. Die wiederum zusammen mit der Internet-Tochter des Spiegel-Verlags hinter dem Angebot Spiegel Wissen steht.

Auf Spiegel Wissen gibt es nicht nur die Inhalte des gedruckten Magazins, sondern auch die Artikel des Bertelsmann Lexikons, das hier “Spiegel Wissen Lexikon” heißt. Außerdem kooperiert Spiegel Wissen mit Wikimedia Deutschland und bindet die Artikel der deutschsprachigen Wikipedia über einen sogenannten “Livefeed” in das eigene Angebot ein.

Ausgewählte Artikel aus der Wikipedia bietet Bertelsmanns Wissenmedia wiederum auch als gedrucktes Lexikon an, bearbeitet von Wikipedia-Freiwilligen und nur “behutsam” durch den Verlag editiert. Der Brockhaus könnte also schon bald zu einem Verlag – oder besser: Wissensanbieter – gehören, der zu innovativen Experimenten fähig ist und Erfahrungen mit kostenlosen Wissensangeboten im Internet macht und mit Spiegel Wissen an einem der größten deutschsprachigen Wissensportale beteiligt ist.

Die Britannica macht’s vor

Man kann also hoffen! Bisher war die Internet-Strategie des Brockhaus: Bloß draußen bleiben. Wer das 2670-Euro-Lexikon mit seinen rund 24.500 Seiten gekauft hatte, durfte auch die Online-Version nutzen. Wer nicht, der nicht. Nur eine abgespeckte Ausgabe steht im Internet kostenpflichtig der Allgemeinheit zur Verfügung. Ein einzelner Artikel aus der Brokchaus-Ausgabe mit 15 Bänden kostet 75 Cent, aus der Ausgabe in einem Band 25 Cent, umständlich abgerechnet in “xiPunkten”. Allerdings ist eine Neuanmeldung für Privatkunden zurzeit nicht möglich.

Sogar die altehrwürdige Encyclopaedia Britannica ist da längst weiter: Bereits im April öffnete sich das britische Brockhaus-Pendant dem Internet. Just in dem Monat, an dem auch der Brockhaus eine kostenlose Online-Version starte wollte, die aber auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Bei der Britannica hingegen bekamen Blogger und alle, die sich dafür hielten, einen kostenlosen Zugang zur Website. Registrierte Nutzer können Artikel aus der Britannica in ihrem Blog verlinken. Wer auf so einen Link klickt, kann den gesamten Artikel aus der Britannica lesen – kostenlos und ohne Anmeldung. Außerdem können Artikel aus der Britannica über ein sogenanntes Widget in die eigene Seite eingebettet werden (siehe unten).

Im Vergleich zu Brockhaus, Britannica und Wikipedia ist das Bertelsmann Lexikon jedoch oft mehr als schwach aufgestellt, Einträge fehlen oder bestehen nur aus wenigen, belanglosen Sätzen. Ein Vergleich zwischen Wikipedia und Brockhaus erübrigt sich, mittlerweile wurde oft genug nachgewiesen, dass die Wikipedia natürlich aktueller ist, oft ausführlicher, mitunter grob falsch und fahrlässig, während ein gedrucktes Lexikon eklatante Lücken im Bereich Alltagswelt und Popkultur aufweist. Der Brockhaus verzeichnet 300.000 Stichworte, die Wikipedia kommt aktuell auf rund 895.000 Artikel.

Der neue Verlag druckt auch die Wikipedia

Zum Brockhaus-Erwerb dämpft Wissenmedia zwar die Erwartung, die Enzyklopädie könne künftig nur noch online erscheinen. „Sowohl gedruckte Lexika als auch Online-Enzyklopädien haben ihren festen Platz in der Zukunft. Das Internet kann den haptischen und repräsentativen Wert des Buches nicht ersetzen”, sagt Wissenmedia-Geschäftsführer Christoph Hünermann. Was allerdings nur bedeutet, dass der Brockhaus weiterhin auch als Buch erscheint.

Wissenmedia könnte also schon auf zwei Nachschlagewerke zugreifen: Das Bertelsmann Lexikon und den Brockhaus. Die große Frage ist, ob der Brockhaus auch in das Angebot von Spiegel Wissen integriert wird, man also auf eine werbefinanzierten Zugang setzt, oder den Brockhaus selber als Premium-Angebot im Internet aufstellt und womöglich ein arg unpopuläres Bezahlmodell ausprobiert, bei dem zeitlicher Zugang oder einzelne Artikel abgerechnet werden.

Eine Integration mit Spiegel Wissen – und damit auch ein Kuschelkurs mit Wikipedia – scheint für den Brockhaus eine gute Wahl zu sein. Das Portal ist hinreichend bekannt und wird vermarktet, so dass die Brockhaus-Texte in großer Zahl gefunden und abgerufen werden können – und so Werbeeinnahmen generieren.

Die kann der Brockhaus gut gebrauchen: Die aktuelle Druckauflage verkaufte sich nicht besonders gut, hohe Verluste zwangen den Verlag, 50 von 450 Stellen abzubauen, damals wurde geschrieben, dass das Internet das Lexikon besiegt hätte.

Jetzt könnte der Brockhaus vom Internet gerettet werden.


Britannica-Widget: Bitte auch für den Brockhaus

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. ralf schwartz, mediaclinique
    schrieb am 19. Dezember 2008 um 12:02 Uhr (#)

    ‘wissen’ ist wirklich ein Scherz. Brockhaus ist immer noch ein Name mit Zugkraft, darauf kann man sehr wohl auch online aufbauen. Verwunderlich, daß man stattdessen lieber verkauft.

    Zur Online-Strategie schrieb die mediaclinique schon am 05. August diesen Text:
    Warum der Brockhaus nicht Wikipedia ist!
    “Vorgestern noch haben wir uns über die Telekom lustig gemacht, aber der Brockhaus verlangt tatsächlich 75 Cent, wenn wir von ihm wissen möchten, was er mit ‘Kastanie’ verbindet. Das ist nicht witzig. …”

  2. Schreibt hier auf dem Blog Florian Steglich
    schrieb am 19. Dezember 2008 um 12:49 Uhr (#)

    Lieber ralf schwartz, mediaclinique, nichts für ungut, aber hast Du eigentlich schon mal irgendwann in irgendeinem Blog kommentiert, ohne einen Link auf einen eigenen Beitrag unterzubringen?

  3. ralf schwartz, mediaclinique
    schrieb am 19. Dezember 2008 um 15:39 Uhr (#)

    Hallo Florian, da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht, aber gut, daß Du fragst.

    Das wichtigste an einem Blog sind die Texte, die Diskussionen in den Kommentaren und die Links, die zu weiterführenden Informationen leiten. Vielleicht noch eine RSS-Feed- oder Newsletter-Möglichkeit.
    Links sind die Strings des Internets.

    Ich persönlich setze Links, damit ich mich nicht irgendwo langatmig wiederhole und die Leute langweile. So kann jeder entscheiden, ob er meine Auslassung schon kennt und nicht clickt oder ob er denkt, etwas Neues entdecken zu können durch einen Click.
    Ich dachte, dies sei der optimale Weg für alle Beteiligten.
    Spart Zeit, nutzt aber die Möglichkeiten optimal.
    (Und so schreibe ich zB ‘ralf schwartz, mediaclinique’ weil ich bei vielen anderen oft denke: “Kenn ich, aber woher?” und dann wieder suche.)

    Ist das allzu doof gedacht?

  4. Hathead
    schrieb am 24. Dezember 2008 um 10:16 Uhr (#)

    Na das wird ja ein Spaß. Was soll ich denn zukünftig als Quelle Angeben, wenn Wissenmedia zukünftig alles zusammen matscht?

    „Sowohl gedruckte Lexika als auch Online-Enzyklopädien haben ihren festen Platz in der Zukunft. Das Internet kann den haptischen und repräsentativen Wert des Buches nicht ersetzen”

    Das ist ja wohl grober unfug. Nur weil wir die letzen 500 Jahre bücher benutzt haben, bedeutet das nicht, dass die irgendwelche Vorzüge hätten. Wo sollte Ralf denn in einem Buch seinen Backlink setzen und ich meinen Kommentar absondern?

  5. ralf schwartz, mediaclinique
    schrieb am 24. Dezember 2008 um 11:13 Uhr (#)

    Genau!

    Aber auch: Die Zukunft ist 24/7 online und interaktiv, verlinkend und verbindend, location-based und mobil.
    Wird schwierig für das Buch!

    Wenn auch ich selbst mich nur schwer trennen kann. Bücher haben so etwas Besonderes zwischen Haben und Sein. Die meisten Güter sind nur ersteres, Bücher sind beides!

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