Rückblick:
Was aus unseren Prognosen für 2008 geworden ist
Das Jahr neigt sich dem Ende zu. Anfangs 2008 haben wir ein paar Prognosen für die Internetbranche gewagt. Und weil wir bekanntlich so ehrlich und selbstkritisch sind: Hier ist der Rückblick und die Trefferanalyse.
Eins ist sicher: 2008 war in vielerlei Hinsicht ein überraschendes Jahr, wenn auch zumindest wirtschaftlich nicht gerade im positiven Sinn. Wie haben sich da unsere 10 Prognosen für 2008, die wir im letzten Januar aufgestellt haben, insgesamt geschlagen?
1. Online-Werbung wächst weiter, aber vor allem in den USA in deutlich langsamerem Tempo
Damit lagen wir richtig. Die endgültigen Zahlen sind noch nicht raus, aber für die ersten neun Monate ist in den USA die Onlinewerbung im Vergleich zum Vorjahr um 14% gewachsen. Eigentlich nicht schlecht, aber das Wachstum hat sich klar verflacht, denn noch im Vorjahr wuchs die Onlinewerbung um 25%. Ganz ähnlich sieht es im Rest der Welt aus. Online ist relativ gesehen derzeit noch das erfolgreichste aller Medien, aber auf deutlich niedrigerem Niveau.
2. So mancher Web-2.0-Businessplan stellt sich endgültig als Phantasie heraus. Die Pleite-Quote steigt, der Kapitalstrom wird dünner.
Auch richtig. Ein paar semi-prominente Web-2.0-Startups mussten bereits ganz die Segel streichen, z.B. Pownce, Sxip oder Cambrian House. Seit einigen Wochen bauen Startups bereits Mitarbeiter ab, um sich für die schweren Zeiten zu wappnen. Und auch die Grossen der Branche blieben von Flops nicht verschont. Google schloss beispielsweise seine 3D-Welt Lively schon kurz nach der Eröffnung.
3. Google erlebt erstmals etwas härtere Zeiten und muss –gasp– Kosten sparen
Auch ein Treffer. Bisher können die Suchmaschinenkönige erst auf sehr hohem Niveau jammern, aber die Zeiten waren wirklich schon besser. Google enttäuschte dieses Jahr erstmals die Erwartungen der Börsenanalysten, trat deutlich auf die Kostenbremse (u.a. selbst bei den legendären In-House-Cafeterias) und entliess gar Mitarbeiter, wenn im Moment auch noch vorwiegend temporäre. Schwer zu sagen, was die Auswirkungen auf Googles legendäre Unternehmenskultur sein werden. Aber so ungewöhnlich wie auch schon ist diese Firma ganz klar nicht mehr.
4. Die Social-Networking-Bubble platzt, mindestens einer der grossen Player kommt in ernste Schwierigkeiten
Ganz so schlimm war es bisher nicht, aber die Liste der Schwierigkeiten ist lang: Der Chef von StudiVZ musste gehen, und Eigner Holtzbrinck wäre das dominante deutsche Social Network angeblich gerne los. Bei Facebook wurde bis auf Gründer Mark Zuckerberg fast das ganze Managementteam ausgetauscht, und auch bei MySpace rollten Köpfe. Die Umsatzerwartungen für die ganze Branche wurden bereits deutlich gegen unten korrigiert. Und die einst so vielversprechende Entwicklerplattform von Facebook scheint sanft einzuschlafen.
Immerhin: Die Nutzerzahlen der Social Networks sind auch 2008 weiterhin massiv gewachsen. Nur scheinen die Businessmodelle noch nicht wirklich aufzugehen.
5. Traditionelle Medienkonzerne gehören auch 2008 zu den grossen Verlieren, und zwar schlimmer denn je
Auch das war wohl klar richtig. Besonders dramatisch ist die Lage bei amerikanischen Zeitungen, wo bereits der renommierte Tribune-Konzern Gläubigerschutz beantragen musste und selbst die altehrwürdige New York Times in akuten Finanznöten steckt. Auch in Europa schrumpfen die Verlage — kaum ein grosses Medienhaus, das nicht grössere Entlassungsrunden und/oder Produktschliessungen ankündigen musste. Etwas besser hat sich dieses Jahr die Musikbranche gehalten, Atlantic Records konnte gar schon verkündigen, dass man erstmals mehr Geld mit Downloads als mit CDs verdient hat. Aber klar war: der grosse Gewinner in der Musikbranche war auch dieses Jahr Apple, das in den USA mit iTunes inzwischen der grösste Musikverkäufer geworden ist.
Dass traditionelle Medienhäuser aber durchaus in der Online-Welt mitspielen können, bewies die Fernsehplattform Hulu. Beim Start noch mit viel Spott aus der Online-Szene bedacht, hat sich diese Plattform inzwischen zu einem sehr beliebten Content-Vehikel entwickelt, das angeblich auch angemessen viel Umsatz erzielt.
6. Wikipedia wird eine starke neue Innovation auf den Markt bringen, die sehr erfolgreich startet.
Der erste Teil stimmte, der zweite gar nicht. Tatsächlich kam aus der Wikipedia-Ecke (genauer gesagt aus dem kommerziellen Arm Wikia Inc.) schon zu Beginn des Jahres eine Innovation: Die Suchmaschine Wikia Search, die sich erhoffte, ein alternatives Modell zu Google & Co. etablieren zu können. Leider war aber die Qualität der Suchresultate anfangs so katastrophal, dass diese Suchmaschine gleich wieder vom Radar verschwand. Inzwischen hat sich Wikia Search zwar stark verbessert, aber es ist fraglich, ob das noch helfen wird. Immerhin: Google kopierte inzwischen einige der kollaborativen Features von Wikia Search. Das ist ja auch eine Form von Kompliment.
7. Die Mobilfunkbranche erlebt ihr kreativstes Jahr seit Einführung von GSM
Eindeutig ja: 2008 war das Jahr des Smartphones. Die vielseitigen Mini-Computer mit Telefonteil erlebten ihren Durchbruch im Mainstream-Markt, primär getrieben durch den Erfolg von Apples iPhone.
Mit der iPhone-Plattform und Google Android erlebte die Branche dieses Jahr zudem die Einführung zweier wichtiger Softwareplattformen. Apple konnte inzwischen gar über 10’000 verfügbare Applikationen und 300 Millionen Applikationsdownloads melden. So schnell ist wohl noch nie eine neue Plattform gewachsen. Die etablierten Hersteller wie Nokia und RIM lagen auch nicht auf der faulen Haut und stellten neue Modelle vor, um mit den Neuankömmlingen mithalten zu können. Rein von den Hardwarefeatures war 2008 kein revolutionäres Jahr, aber der Standard des durchschnittlichen High-End-Mobiltelefons (3G, WiFi, GPS, Gigabytes Speicher, App-Plattform) liegt heute dramatisch höher als noch vor zwei Jahren.
8. Das Microsoft-Monopol bröckelt, alternative PC-Plattformen werden wirklich Mainstream-fähig
2008 stand im Zeichen der Netbooks, preiswerten Mini-Laptops, die unter Linux oder Windows XP laufen. Bei Amazon USA ist derzeit unter den 10 bestverkauften Notebooks kein einziges Vista-Gerät dabei, und fünf der Top 10 Desktop-Modelle sind Macs. Apple gewann weiter fleissig Marktanteile dazu, und Google verstärkte seine Dominanz im Internetsektor.
Microsoft währenddessen musste massiv Werbegelder in Kampagnen pumpen, um den Konsumenten beizubringen, dass Windows Vista eigentlich ja gar nicht sooooo schlecht ist. Kein Zweifel: Vista ist ein gigantischer Flop, und auch sonst kam aus dem Hause Microsoft wenig Überzeugendes. Selbst im wichtigen neuen Feld des Cloud Computings konnte der Riese aus Redmond nur Ankündigungen bieten, während Amazon und Google schon fertige Lösungen im Markt haben. Und schliesslich war da noch die gescheiterte Übernahme von Yahoo durch Microsoft, die ausser Spesen wohl gar nichts gebracht hat.
9. Social Networking wird vielfältiger, und Microblogging wird der neue Trend
Grösstenteils richtig: Die erfolgreichste Social-Media-Plattform des Jahres war wohl ohne Einschränkungen Twitter, das den Durchbruch in den Mainstream geschafft hat. Der Traffic verfünffachte sich dieses Jahr, und selbst Fernsehsendungen nehmen schon Zuschauerkommentare über Twitter entgegen. Die durch Twitter populär gemachten Selbstmitteilungen in Kurzform haben viele User angezogen, die sich für “richtiges” Bloggen nie begeistern konnten.
Ansonsten waren aber im Social-Networking-Umfeld nicht allzuviele grosse Innovationen zu beobachten. Facebook und Google liefern sich zwar inzwischen Gefechte mit ihren “Connect”-Systemen, mit denen auch User auf anderen Websites an die jeweiligen Imperien angebunden werden sollen. Aber es ist noch offen, was der Impact dieser Initiativen wirklich sein wird. Applikationen für Social Networks und Widgets aller Art gibt es zwar weiterhin viele, aber nach dem initialen Hype scheint diese Welle wieder zu verebben.
Immerhin, Social Networking ist zu einem zunehmend selbstverständlichen Teil des Webs geworden. Selbst traditionelle Medienkonzerne wie die New York Times bemühen sich inzwischen, ihre eigenen Networks aufzubauen. Und ein wirklich bedeutsamer Trend dieses Jahr war die Expansion der Social Networks in die mobile Welt.
10. Die Startup-Szene verlagert sich wieder mehr auf “echte” Technologie, Europa wird stärker
Damit war nicht viel los. In der Startupszene ist aufgrund der einsetzenden Wirtschaftskrise klar Sand ins Getriebe geraten. Wie so oft war Europa langsamer als die USA beim Aufschwung, sinkt dafür aber jetzt fast gleichzeitig ab. Die europäische Startup-Szene konnte jedenfalls dieses Jahr kaum wirklich bemerkenswerte neue Firmen mit globaler Ausstrahlung hervorbringen. Immerhin, bei Events wie TechCrunch Zürich konnte man sehen, dass es selbst in kleinen Ländern wie der Schweiz viele gute Ideen gibt. Nur fehlt es meistens an der Breitenwirkung.
Startups mit wirklich bahnbrechender Technologie waren dieses Jahr auch kaum zu vermelden, jedenfalls keine, die breite Anerkennung fanden — nicht mal im Innovationsmekka Silicon Valley. Im Bereich der Websuche gab es mit Cuil und Powerset gleich zwei Herausforderer, die sich zum “nächsten Google” dank neuartiger Technologie hochstilisierten, aber in der Umsetzung bitter enttäuschten.
Insgesamt war 2008 wohl ein eher schwacher Startup-Jahrgang. Es kann natürlich sein, dass man mit ein paar Jahren Abstand ein paar Perlen entdecken wird, die 2008 entstanden sind — schliesslich sind Rezessionen oft ein guter Zeitpunkt, um eine Firma zu starten. Aber viel Revolutionäres gab es dieses Jahr nicht zu melden.
So viel zu unserem Rückblick. Natürlich werden wir auch für nächstes Jahr wieder ein paar Prognosen wagen. Denn etwas Spekulation muss sein.










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Zu Punkt 6 eine Klarstellung: Wikia ist kein kommerzieller Arm der Wikipedia. Bis auf den (Mit-)Gründer haben das kommerzielle Unternehmen Wikia Inc. und die gemeinnützige Wikimedia Foundation wenig/nichts miteinander zu tun.
Insofern kann man auch Wikia Search schlecht unter Punkt 6 behandeln. Inzwischen ist es ganz cool geworden, aber natürlich wünschen wir uns trotzdem mehr Nutzer. Dass Google sich von uns (und unserem Namen…) “inspirieren” lässt ist natürlich auch eine Art von Anerkennung. Größter Unterschied bleibt bisher, dass sich die Google Änderungen nur auf das persönliche Suchergebnis auswirken, während wir bei Wikia der Meinung sind, dass ein Mehrwert am besten dadurch erzielt wird, dass die jeweilige Bewertung direkt in den Pool zurückfliesst.
Um beim Thema “Wikis” zu bleiben: Ansonsten gab es z.B. im Bereich der Software MediaWiki (die sowohl von der Wikipedia, als auch von Wikia genutzt wird) von Wikia dieses Jahr eine ganze Reihe von ziemlich coolen Neuigkeiten, von denen die meisten allerdings noch nicht frei verfügbar sind (einfache Bild-Integration, WYSIWYG-Editor, …)
Die Wikipedia hat (endlich) die Gesichteten Versionen eingeführt, so dass es extrem unwahrscheinlich ist, dass man als unbedarfter Leser mit klarem Vandalismus in Kontakt kommt. Von einigen als “Untergang des Wiki-Prinzips” angesehen, hat es aber wohl eher dazu geführt, dass das Qualitätsmanagement in der WP um ein weiteres Stück nach vorne gebracht wurde.
Ist das wirklich der erste Beitrag, den ich lese, wo Vorhersagen nicht nur gemacht, sondern nach einem Jahr auch überprüft werden?
Scheint so, Ronnie. Mir geht’s da ähnlich.
Werdet ihr euch auch an Prognosen für 2009 versuchen? :)
@ronniegrob, @neon: Wir haben die Vorhersagen natürlich nur überprüft, weil wir mit den meisten richtig lagen :-)
Und für 2009 gibt es selbstverständlich wieder Prognosen. Wird diesmal aber schwieriger.
Dann freue ich mich schon auf die nächsten Vorhersagen.
Scheinen ja goldwert zu sein!
Schöner Bericht, an dem man super sehen kann, wie sich die Dinge das Jahr über letztlich auch entwickeln (können).
Nein, das gibt’s auch anderswo … unverständlich ist für mich allerdings, dass man mit dem Überprüfen nicht bis Ende Jahr wartet.
@mds: Am 16. Dezember sind 95.9% des Jahres abgelaufen. Hinzu kommt, dass zwischen dem 24. und 31. Dezember das Wirtschaftsleben einigermassen stillsteht. Zieht man diese ab, sind es 97.8%.
Guter Artikel, inbesondere die Kombination aus Prognose und Fazit. Gruß!