Deutschland und die Schweiz:
Nachsitzen in der Alpenschule

Von Schweizern lernen, schlägt die Zeit vor. Sich von Deutschen nicht ausnutzen lassen, warnt der SonntagsBlick. Das Verhältnis der beiden Länder ist medialer Dauerbrenner.


Immer diese Deutschen, immer diese Schweizer: Endlos beschäftigt die Medien das Verhältnis der beiden Nachbarländer. Dieser Tage zu beobachten im SonntagsBlick und in der Zeit. Die Hamburger Wochenzeitung schreibt, was die Schweizer besser können und fragt, was Deutsche lernen können. Zum Auftakt der neuen Schweiz-Seiten gibt es ein ganzes Dossier mit Texten von Moritz Leuenberger und Iris Radisch. Urs Willimann und Peer Teuwsen bitten in “Die Alpenschule“.

Der Text liefert zwar nichts, was mich umwirft, ist aber doch gut zu lesen. So erfahren wir, dass alle großen Schweizer Konzerne von Ausländern gegründet wurden. Dem Schweizer, der gerne “Was bringt mir das?” fragt, wird attestiert:

Er ist ein, notfalls bauernschlauer, Kompromissler, der ein gutes Sensorium dafür hat, von wo der Wind weht.

Im Land, das zu über einem Fünftel von Ausländern bevölkert wird (“In den fünf größten Städten haben 45 Prozent der Kinder einen ausländischen Pass”), rege sich leider das Ressentiment:

Im Moment sind die Deutschen (die mit Abstand aktivsten Einwanderer) in einem besorgniserregenden Popularitätstief.

Davon konnte man sich gestern im SonntagsBlick überzeugen:

Unter dem Motto “Lieber stempeln als chrampfen” (“lieber Arbeitslosengeld beziehen als arbeiten”) schrieb Silvana Guanziroli über “RAV-gierige Deutsche” (RAV = Regionales Arbeitsvermittlungszentrum, eine staatliche Institution für Arbeitslose in der Schweiz):

Die Schweiz ist das Schlaraffenland der Deutschen. Wenn sie erst mal hier sind, wollen sie nie mehr weg. Erst recht nicht, wenn sie arbeitslos werden.

Der magere Artikel, der einige Zahlen liefert und einen einzigen anonymen Koch vorführt, richtet sich überraschend und einseitig gegen die Bewohner eines einzelnen Lands. Statistiken, dass Deutsche ungerechtfertigt mehr Arbeitslosengeld als andere Ausländergruppen beziehen würden, sind nicht zu lesen. Tatsächlich flüchten, wie eine danebenstehende Grafik zeigt, eine wachsende Zahl von Deutschen aus dem Land der hohen Steuern und der tiefen Löhne in das Land der tiefen Steuern und der hohen Löhne. Damit die Grafik auch Eindruck macht, hat man jene Deutsche, die das Land wieder verlassen haben, rausgerechnet.

Update am 15.12.2008, 8:45 Uhr: Die Sonntagszeitung konstatiert bei den RAV-gierigen Deutschen “viel Lärm um nichts” und ist der Meinung, dass die “statistischen Fakten” entgegen den “Behauptungen des ‘SonntagsBlicks’” stehen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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5 Kommentare

  1. Hildebrandt
    schrieb am 8. Dezember 2008 um 16:32 Uhr (#)

    Schweizer und Deutsche verhalten sich wie Blogger und Printjournalisten – gegenseitiges Misstrauen als Dauerthema. Manche Einzelmasken haben die Neigung, rechthaberischer zu sein als Zürcher Taxifahrer.

  2. Helge
    schrieb am 10. Dezember 2008 um 19:24 Uhr (#)

    Lustig ist ja auch die Grafik der Blick: “Zugezogene Deutsche in Tausend Personen pro Jahr” und dann Zahlen in der Grössenordnung zwischen 10.000 und 50.000 – d.h. mittlerweile müsste schon ganz Deutschland in der Schweiz sein und trotzem reicht’s nicht. :-)

  3. Hildebrandt
    schrieb am 11. Dezember 2008 um 09:56 Uhr (#)

    Lieber Helge! Es heisst “der Blick” und nicht “die Blick”, Sie Immigrant! *hildebrandt wedelt mit Ironiesignal, verweist auf obigen Eintrag wg. rechthaberischer Zürcher Taxifahrer*

  4. Helge
    schrieb am 11. Dezember 2008 um 10:12 Uhr (#)

    Nicht mal Immigrant, sondern nur ignoranter Sauschwob. :-)

    Ich bin wohl von “die Zeitung” ausgegangen und irgendwie werden hier (= de) alle Zeitungen weiblich betitelt.

  5. Hildebrandt
    schrieb am 11. Dezember 2008 um 16:35 Uhr (#)

    Weiss schon. Wir sagen hier aber “Der Zeit”, “Der Süddeutsche”, “Der Spiegel”. Und ich habe als Kleiner immer “Das Bravo” gekauft.

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