txtr:
Dokumenten-Plattform mit großen Zielen

Martin Weigert, 30. Oktober 2008 13:44 Uhr, 7 Kommentare Kommentare

txtr ist eine neue Plattform zum Speichern und Austauschen von Texten. Langfristig will der Dienst aus Berlin von der digitalen Revolution in der Buchbranche profitieren.

Wer erinnert sich noch an die gute alte Zeit, in der scheinbar jedes zweite Web-2.0-Startup einen Name wählte, der auf einem “r”, aber ohne vorheriges “e”, endete?! Sentimentale Gefühle ließen sich nicht vermeiden, als uns die Tage eine Mail des neuen Berliner Onlinedienstes txtr erreichte. Glücklicherweise ist nicht nur der Name der Site erwähnenswert, sondern auch das, was sie macht.

txtr ist eine Plattform zum Speichern und Austauschen digitaler Texte. Darunter fallen eBooks, Word- und PDF-Dateien sowie Powerpoint-Präsentationen. Nutzer können Schriftstücke hochladen und diese auf Wunsch für ausgewählte txtr-Benutzer oder für die Allgemeinheit zugänglich machen. Texte werden mit einem Flashplayer angezeigt und können im Volltext durchsucht, kommentiert, verschlagwortet und anderen Usern über die Site oder per E-Mail empfohlen werden.

RSS-Feeds informieren über Änderungen an der Dokumentensammlung. Unterstützt wird zudem BibTeX, ein Standard zur Erstellung von Literaturverzeichnissen und Quellverweisen. Das Ganze wurde in ein elegantes, aufgeräumtes Design verpackt, das genug Raum für hilfreiche Erklärungen der einzelnen Funktionen lässt.

txtr-Oberfläche
txtr-Oberfläche

Dokumente können entweder direkt über die Site (bisher kein Support für Flash 10) oder mit Hilfe des Desktop-Uploaders (PC und Mac) hochgeladen werden. Da man beim Surfen ab und an auf Texte stößt, die Teil einer Website sind und nicht zum Download vorliegen, wurde das Clipping-Tool entwickelt, mit dem man beliebige Teile einer externen Seite ausschneiden und bei txtr abspeichern kann.

Aufmerksamen Lesern wird spätestens jetzt aufgefallen sein, dass das Grundprinzip von txtr nichts wirkliches Neues ist. In der Tat haben sich die Berliner stark von Dokumenten-Plattformen wie Scribd oder Docstoc inspirieren lassen. Die Funktion des Clipping-Tools dagegen wird dem ein oder anderen von Clipmarks bekannt sein. Die relative Nähe zu den genannten Diensten wurde mir persönlich erst bewusst, nachdem ich txtr eine Weile ausprobiert hatte.

In meinem Posting zu zehn Fragen, die sich Startups angesichts der Finanzkrise und ihren Auswirkungen spätestens jetzt stellen sollten, bezeichnete ich unter anderem das Finden eines Alleinstellungsmerkmales als Weg zum Erfolg. txtr ist das perfekte Beispiel dafür, wie man sich vom Wettbewerb differenziert, ohne dabei das Rad neu zu erfinden. Die bestehenden Dokumenten-Plattformen stellen die Funktion des Teilens und Veröffentlichens von Schriftstücken in den Vordergrund, also die Möglichkeit, Reichweite für Inhalte zu erzielen.

txtr dagegen legt den Fokus auf den individuellen User, der Dokumente und eBooks online ablegen will, sowie auf geschlossene Gruppen (Studenten, Professoren, Redaktionen). Unterstützt wird dies vom Slogan “Vernetztes Lesen” sowie von der seriös wirkenden, funktionellen und werbefreien Oberfläche. txtr möchte ganz offensichtlich in Akademiker- und Intellektuellen-Kreisen punkten und hat dafür ohne Zweifel mehr Potenzial als der grelle, deutsche Scribd-Konkurrent Doktus, der vom Funktionsumfang txtr aber gar nicht so unähnlich ist.

Wizpac, das junge Unternehmen hinter txtr, hat mit der Plattform Großes vor. Für Ende des Jahres ist eine iPhone-Applikation geplant, die den einfachen mobilen Zugriff auf die online gespeicherten Texte erlauben soll. Langfristig möchten die Gründer txtr auch als eine Anlaufstelle für Besitzer von eBook-Readern wie Amazons Kindle oder Sony Reader etablieren. Der Dienst soll dabei helfen, auch freie Inhalte und eigene Texte auf die digitalen Lesegeräte zu bringen.

Da sich mit User Generated Content nur schwer Geld verdienen lässt und eine Werbevermarktung der akademischen und literarischen Ausrichtung des Angebotes schaden würde, soll txtr frühestens Anfang 2009 einen eBook-Shop an die Seite bekommen, in dem digitale Titel großer Verlage verkauft werden.

Laut Ulrik Deichsel, bei Wizpac für das Business Development verantwortlich, profitiert das Unternehmen von der Beunruhigung deutscher Verlage über die Einführung des Kindle. Sie arbeiten nun intensiv daran, ihr Programm digital verfügbar zu machen und sind offen für Partnerschaften, da sie befürchten, Amazon könnte sonst mit seinem E-Reader eine marktbeherrschende Stellung einnehmen.

Als weitere Erlösquellen sind Hardcopy-Buchverkäufe digitaler Dokumente über externe Partner, Print-on-Demand-Services sowie Self Publishing, also das Anbieten von Bezahl-Dokumenten durch User, angedacht.

Dass die digitale Revolution in der Buchbranche kommt, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Die Frage ist nicht, ob dies passiert, sondern wann. txtr bringt sich zum richtigen Zeitpunkt in Position und zeigt gute Anfänge. Nun heißt es abwarten, ob es gelingt, die ambitionierten Pläne umzusetzen.

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7 Kommentare

  1. edshirt
    schrieb am 30. Oktober 2008 um 18:30 Uhr (#)

    Kann man da auch z. B. Java Dateien hochladen? Sowas fände ich für z. B. die Uni sehr praktisch. Leider finde ich keine Infos darüber welche Dateiformate alles erlaubt sind und nur um das auszuprobieren möchte ich mir nicht umbedingt einen Account erstellen.

  2. Ulrik Deichsel
    schrieb am 30. Oktober 2008 um 19:08 Uhr (#)

    @edshirt: Nein, abgesehen von den “textlastigen” Formaten txt, PDF, Office und ein paar eBook-Formaten unterstützen wir keine anderen Formate. Das hat auch einen Grund: Wir sind kein Filesharing-Dienst und auch kein nackter Online-Storage- dienst, sondern es geht um den Austausch von Lesenswertem. Natürlich hast du recht, es gibt womöglich noch andere Formate, die Sinn machen, wie zB. Source-Files von Programmiersprachen.

  3. spalanzani
    schrieb am 30. Oktober 2008 um 19:09 Uhr (#)

    @ edshirt –

    wir unterstützen im Moment noch keine Sourcecode-Files, aber wir haben darüber schon diskutiert. Wenn sich das jetzt jemand wünscht, machen wir das einfach, denke ich. Kann allerdings nicht versprechen, bis wann wir’s schaffen.

    Einstweilen: Zum Rumspielen mit txtr braucht man keinen Account, man kann einfach mal was hochladen und sich anonym auf der Plattform umtun. Bloß Weiterschicken und solche Sachen gehen dann erst mit Account.

    @ Martin Weigert: Danke! Es macht wirklich sehr froh, verstanden zu werden!

  4. Perry Rhodan
    schrieb am 30. Oktober 2008 um 19:31 Uhr (#)

    Ja und seht Euch auch doXtop an … eine Plattform von einem deutschen Softwareunternehemn – das schin viel mehr als Scribd etc. bereitstellt und auch OpenSocial unterstützt – vgl. etwa Hi5 u.a.

  5. Carina
    schrieb am 31. Oktober 2008 um 00:47 Uhr (#)

    Dass sich mit User Generated Content doch Geld verdienen lässt, beweist der First Mover XinXii. Dort verdienen beide Seiten – User und Plattform!

  6. CashBlog
    schrieb am 31. Oktober 2008 um 12:18 Uhr (#)

    Klar wird das digitale Buch irgendwann das auf Papier gedruckte ablösen. Doch solange die Geräte nur Bücher wiedergeben können, glaube ich nicht daran. Ich lese nach wie vor, lieber Bücher aus Papier. Würden die Geräte aber auch das Surfen im Web ermöglichen, dann würde ich mir einen kauf überlegen, vorher nicht. Ich denke wenn dies möglich wird, dann haben sie eine Chance die gedruckten Bücher zu verdrängen. Natürlich müsste auch der Preis stimmen, aber für ein Gerät das nur Texte anzeigen kann, würde ich keine 200 EUR oder mehr ausgeben.

    Die Idee von txtr finde ich übrigens toll, vor allem auch die geplante verbindung zu Print on Damend angeboten ist eine sehr gute Idee. Bin gespannt was daraus einmal wird, Potenzial hat das ganze auf jedenfall.

  7. fobr
    schrieb am 11. Februar 2009 um 13:57 Uhr (#)

    Ich hoffe ehrlich gesagt total, dass das der Reader a) bald und b) zu einem auch im durchschnittlichen studentischen Budget liegenden Preis kommt. Sowohl Kindle als auch der Sony Reader bieten etwas wenig bzw. die falschen Features für zu viel Geld. Der txtr reader erfüllt direkt mal meine Primäranforderungen, plain text und beliebige PDF files auf bequeme Art auf ein bequemes Lesedevice zu bekommen und sich das Drucken und Herumschleppen all der Paper und Artikel zu sparen.

    Die einzige Killerapplikation, die jedem bisher vorgestellten E-Ink Device fehlt, ist die Möglichkeit direkt in den gerade gelesenen Text hineinzumarkieren, bzw. Anmerkungen zu schreiben. Das das bei txtrs Online Portal teilweise umgesetzt ist, deutet schonmal klar in die richtig Richtung (so ich diese Notizen auch nachher auf den Dokumenten im Reader wieder vorfinde).

    Alles in allem: Wenn das Device auch nur in etwa hält was die Ankündigung verspricht und zu einem sinnvollen Preis kommt: zwei Daumen hoch! (Und direkt für den ganzen Lehrstuhl ordern, mit dem Druckkosten-Sparargument :)

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