Web 2.0 Expo:
Über die Grenzen von Freeconomics

Marcel Weiss, 23. Oktober 2008 12:43 Uhr, 3 Kommentare Kommentare

Alan Patrick, Berater und Blogger auf broadstuff.com, sprach in einem Vortrag auf der Web 2.0 Expo in Berlin über kostenlose Angebote im Web, auch Freeconomics genannt, und ihre Grenzen.

Alan Patrick bezieht sich in seinem Vortrag vor allem auf werbefinanzierte Angebote. Freemium oder die anderen Finanzierungsformen kostenloser Angebote hat Patrick nur am Rand angesprochen.

Alan Patrick konzentriert sich bei seinem Blick auf die Erfolgsaussichten kostenloser Angebote im Web auf drei wesentliche Punkte:

  1. Das Werbevolumen
  2. Spieltheorie und “Free”
  3. Mehr User bedeuten auch mehr Kosten

1. Das Werbevolumen reicht nicht aus, um global eine Vielzahl an kostenlos angebotenen Diensten im Web zu finanzieren. Das Werbevolumen wird 2009 50 Milliarden Dollar weltweit betragen. Von diesen fällt wiederrum ein großer Prozentsatz an Google und kleinere Sites, was unter dem Strich großen Unternehmen ein Stück des Kuchens lässt, der laut Alan Patrick ungefähr zehn Milliarden Dollar entspricht.

Alan Patricks Schlussfolgerung: Wenn jedes Startup gern ein 100 Millionen Dollar schweres Unternehmen wäre, und für diese der Teil des Online-Werbekuchens zehn Millarden Dollar beträgt, dann ist im Schnitt genug Geld verteilbar für 100 Unternehmen in dieser Größenordnung.

Das ist eine recht vereinfachte Sichtweise, aber die Gedanken dahinter sind durchaus nachvollziehbar. Der Kuchen der Onlinewerbung ist nicht endlos. Fraglich bleibt, ob die Zahlen sich tatsächlich so verteilen und wie die Entwicklung in den nächsten Jahren aussehen wird.

2. Spieltheorie und “Free”: Als nächsten Punkt spricht Alan Patrick etwas sehr Wichtiges an. Wenn Unternehmen xy seinen Webdienst kostenlos anbietet und damit ‘unendliche’ Nachfrage generieren kann, ist das nur eine Seite der Medaille. Denn was passiert, wenn jeder am Preisrennen zum Boden teilnimmt?

Jedes Unternehmen hat am Ende, nach Alan Patrick, einen kleinen, ein kleines bisschen vergrößerten Marktanteil:

Wenn jeder den Preis seines Angebots auf Null senkt, ist das nicht nachhaltig. Die Vorteile, die sich für den einzelnen Akteur ergeben müssten, werden auf viele Akteure verteilt und, mehr oder weniger, heben sich gegenseitig auf. Jeder will sich selbst besser stellen und erreicht dadurch, dass alle am Ende schlechter dastehen.

Alan Patrick macht dabei eine Annahme, die man sich meiner Meinung nach näher anschauen sollte: Er geht im Grunde davon aus, dass miteinander konkurrierende Webdienste Substitutionsgüter sind.

Das mag zum Beispiel bei Providern von Onlinespeicher zum Teil zutreffend sein. Aber selbst in diesem Bereich gibt es teilweise große Unterschiede. Box.net (siehe unseren Artikel) eignet sich zum Beispiel für andere Dinge besser als Wuala (siehe unseren Artikel) oder Dropbox (siehe unseren Artikel). Während man in diesem Feld noch von einer Substitutierbarkeit der Grundfunktion sprechen kann, wird es bei den zusätzlichen Features und der Bedienung, die auf teils unterschiedliche Nutzungszenarien ausgelegt sind, schon schwierig.

Noch schwieriger wird Patricks Annahme der Substituierbarkeit bei sozialen Diensten, die ganz nach O’Reillys ursprünglicher Definition von Web 2.0, für den Einzelnen umso nützlicher werden, je mehr User sie verwenden. Der Netzwerkeffekt hat eine Konsequenz für den gesamten jeweiligen Sektor: Je größer der einzelne Webservice, desto schwieriger wird es, gegen ihn anzukommen. Denn die Barrieren für die Nutzer, den Service zu wechseln, werden mit dem Wachstum des Webdienstes immer größer (Etwas, das mit der Bewegung rund um Data Portability versucht wird abzuschwächen).

Das heißt, in einem schnellen Wachstum in einem Markt mit Netzwerkeffekten liegt ein enormer strategischer Vorteil. Das schnelle Wachstum ist über kostenloses Anbieten aufgrund verschiedener Auswirkungen am ehesten zu erreichen, wie ich in einem älteren Artikel ausführte .

Beispiel Mikroblogging: Twitter wurde Anfang 2007 erst zum Erfolg bei den Early Adoptern in der San Francisco-Gegend, und macht sich seitdem von dort aus auf den Weg zur Weltherrschaft. Wie schwierig es ist, gegen einen Dienst anzukommen, der einmal eine bestimmte Größe erreicht hat, haben die Twitter-Konkurrenten gemerkt: Das ältere Jaiku verlor an Momentum und das im Sommer 2007 gelauncht Pownce mit wesentlich mehr Features als Twitter, konnte nie am Erfolg von Twitter auch nur kratzen. Indem Twitter seinen Service weiterhin kostenlos anbietet, trotz offensichtlicher Kapazitätsprobleme, zementiert es seine Position nur weiter.

Das alles heißt nicht, dass Alan Patrick nicht zum Teil recht hat, besonders was das folgende Kostenargument angeht. Es ist nur eben nicht ganz so einfach, wie man es sich im ersten Moment vorstellt.

3. Mehr User bedeuten auch mehr Kosten:

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Kosten, die mit zusätzlichen Nutzern steigen:

Auch hier wieder: Es ist nicht ganz so schwarz/weiss. Patrick hat recht damit, dass die steigenden Kosten nicht zu vernachlässigen sind. Besonders für trafficintensive Dienste, wie Online-Video etwa, ist Wachstum ohne Einnahmen oder eine genaue Vorstellung, wann und wie man Geld verdienen wird, schnell schlichtes Geldverbrennen. Aber: Nicht jedes Startup, das einen kostenlosen Webdienst anbietet, muss automatisch mit jedem Nutzer einen negativen Deckungsbeitrag einfahren. Wer eine Nische findet, deren Zielgruppe von der Werbeindustrie nachgefragt wird und worin das Betreiben des Dienstes keine exorbitanten Kosten verursacht, der kann auch werbefinanziert mit jedem zusätzlichen Nutzer einen positiven Deckungsbeitrag erreichen.

Die Frage ist nur, wie oft das eintritt und ob es auf das eigene Startup zutrifft. Je nachdem wie groß die Diskrepanz ist, sollte man sich beizeiten Gedanken machen, wie man die Burnrate herunterfahren kann.

Alan Patricks Präsentation:

Patrick hat sich auf seinem Blog noch ein paar anschließende Gedanken zum Thema gemacht.

Alle übrigen Präsentationen der diesjährigen Web 2.0 Expo in Berlin findet man außerdem hier .

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3 Kommentare

  1. Oliver Springer
    schrieb am 24. Oktober 2008 um 16:19 Uhr (#)

    Ein anregender Beitrag!

    Das Werbevolumen könnte sich noch stark verändern, Rechnungen, wie viele Unternehmen darüber finanziert werden können, stehen da nicht auf solidem Fundament. Dass die Zahl nicht unendlich groß ist und sich die anderen Unternehmen, etwas anderes überlegen müssen, ist allerdings ein wichtiger Aspekt.

    Über Werbung können viele interessante Dienste realisiert werden. Auf der anderen Seite entgehen uns durch die Kostenlos-Kultur bestimmt eine Menge interessante Angebote, für die dieses werbefinanzierte Modell eben nicht tragfähig ist.

    Die Finanzierung über Werbung ist in Zukunft hoffentlich nur eine Säule der Finanzierung für Internetunternehmen. Sonst sehe ich besonders für die Medien große Gefahren für die Qualität. Die Onlineangebote der Verlage sind ja nicht abgekoppelt von den Printprodukten, doch sollte es diese nicht mehr geben in nennenswertem Umfang, sinkt das Niveau noch einmal erheblich.

    Hier lässt sich auch auf gewisse Weise ein Vergleich ziehen: So wie sich Firmen beim Preis gegenseitig unterbieten, so unterbieten sich Medien im Niveau, indem sie wegen der Messbarkeit des Interesses bzw. des generierten Traffics über Suchmaschinen ihre Inhalte dem Massengeschmack anpassen.

  2. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 26. Oktober 2008 um 17:00 Uhr (#)

    Die Finanzierung über Werbung ist in Zukunft hoffentlich nur eine Säule der Finanzierung für Internetunternehmen. Sonst sehe ich besonders für die Medien große Gefahren für die Qualität. Die Onlineangebote der Verlage sind ja nicht abgekoppelt von den Printprodukten, doch sollte es diese nicht mehr geben in nennenswertem Umfang, sinkt das Niveau noch einmal erheblich.

    Die Gefahr sehe ich nur bedingt. Wo es eine unbesetzte Nische im Netz gibt, wird sich jemand finden, der die füllt. Das gilt auch für qualitativ hochwertige Inhalte bei den Medien.
    Davon abgesehen: Wie sollen sich Online-Medien sonst finanzieren als mit Werbung? Bezahlcontent online funktioniert aus vielen Gründen nicht. Das weiß man ja mittlerweile.

  3. Daniel Niklaus
    schrieb am 27. Oktober 2008 um 01:00 Uhr (#)

    1976 setzte das Schweizer Fernsehen 100 Millionen mit Werbung um. 1989 200 Millionen. 1999 sind es 300 Millionen. Heute gibt es eine Vielzahl von Privaten in der Schweiz mit Schaufenstern von den Deutschen und es sind weit mehr als 600 Millionen Franken die in TV-Werbung fliessen.

    Von stagnierenden Zahlen auszugehen, ist Mumpitz.

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