Facebook:
Wie Windows in der Cloud

Martin Weigert, 14. September 2008 16:41 Uhr, 14 Kommentare Kommentare

Facebook will zum Betriebssystem im Web werden. Neue Funktionselemente, die an das heimische Betriebssystem erinnern, verdeutlichen dies.

Facebooks Ambitionen, zu einer Art Betriebssystem im Web zu werden, sind bekannt. Bereits die initiale Version der neuen Benutzeroberfläche war ein Schritt in diese Richtung. Seit einigen Tagen aber besteht endgültig kein Zweifel mehr daran, welches Gefühl Mark Zuckerberg und sein Team den über 100 Millionen aktiven Mitgliedern geben wollen: die Vertrautheit des heimischen Desktops, kombiniert mit den Vorteilen eines sozialen Netzwerks.

Nach einer neuerlichen Überarbeitung des Facebook-Interfaces erinnert die Leiste, die bisher für Facebook Chat reserviert war und bei jedem Seitenaufruf innerhalb von Facebook am unteren Rand erschien, nun stark an die Taskleiste gängiger Desktop-Betriebssysteme. Ein Klick auf den links platzierten Menüpunkt “Anwendungen” öffnet ganz im Stil von Windows eine Liste mit allen installierten Applikationen. Außerdem lassen sich sechs Shortcuts zu häufig eingesetzten Anwendungen in der Leiste ablegen – eine Reminiszenz an die Windows-Schnellstartfunktion.


Facebooks Taskleiste
Facebooks Taskleiste

Bei Facebook, das in Deutschland bisher nur langsam in die Gänge kommt, ist man sich über die große Bedeutung der von Usern angelernten Verhaltensmuster in Bezug auf Erfolg oder Misserfolg der Plattform bewusst. Ein Web-OS an klassische Betriebssysteme anzulehnen, mit denen jeder Computernutzer vertraut ist, birgt erheblicher weniger Risiko, als völlig neue Pfade zu beschreiten.

Facebook Anwendungen
Facebook Anwendungen

Der Schritt ist noch aus einem anderen Grund erwähnenswert: Im Rahmen des Facebook-Redesigns wurden Applikationen bis auf drei Ausnahmen von der Hauptseite der Nutzerprofile in einen eigenen Unterbereich verfrachtet, was sie um einen großen Teil ihrer Reichweite brachte – wer klickt schon extra auf den Reiter “Felder” im Nutzerprofil, um sich die volle Pracht der vom jeweiligen User installierten Anwendungen anzeigen zu lassen?!

Verloren Applikationen durch diese Änderung ihre Bedeutung, Aussagen über die Persönlichkeit des jeweiligen Profilbesitzers zu machen, stellt Facebook mit der jüngsten Neuerung die Funktionalität und Nützlichkeit von Anwendungen in den Vordergrund. Statt berühmt-berüchtigter Apps zum Schafe oder Vampire werfen werden User mit großer Wahrscheinlichkeit solche als Shortcut anlegen, die ihnen den Internetalltag erleichtern und häufig zum Einsatz kommen. Eine begrüßenswerte Entwicklung, sollte es so kommen.

Bleibt die Frage, wie Facebooks Entwicklung zum Betriebssystem im Web weitergehen könnte. Nick O’Neill von All Facebook merkt an, dass wir noch einige Jahre von dem Szenario entfernt sind, in dem sämtliche unserer Aktivitäten am Rechner online geschehen, ganz ohne Abhängigkeit der verschiedenen Applikationen von einem lokal installierten Betriebssystem. In O’Neills Augen würde für Facebook ein eigener Browser die Lösung für diese Übergangsphase darstellen. Dieser wäre in der Lage, den Social Graph sowie Facebooks Applikationen an jeder Stelle im Web zugänglich zu machen.

Ein anderer Weg ist die Öffnung nach außen, wie sie mit Facebook Connect angestrebt wird. Mit Hilfe von Schittstellen können externe Seiten Facebook-Funktionalitäten integrieren und den Besuchern dadurch Zugriff auf ihren Social Graph geben. Je mehr Facebook zu einer Öffnung bereit ist, desto zahlreichere Möglichkeiten wird es für Mitglieder des Dienstes geben, an anderer Stelle im Netz die Plattform und Features von Facebook einsetzen zu können.

Was auch immer passiert – Facebook setzt seinen Kurs fort, mit neuen Features zu experimentieren und dringt dabei mit voller Wucht in den Bereich der zahlreichen als “Onlinebetriebssysteme” beworbene Webservices ein. Für Anbieter wie icloud, Cloudo, G.ho.st oder die deutschen Dienste myGoya und atoolo könnte es eng werden.

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14 Kommentare

  1. OleS
    schrieb am 14. September 2008 um 16:47 Uhr (#)

    OT: Interessant zu sehen, dass du Vista und Chrome benutzt. Beides hat meine Systeme nur verlangsamt. Und Chrome hab ich auch oft abgeschossen mit “relativ vielen” Tabs..

  2. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 14. September 2008 um 18:11 Uhr (#)

    Als ich mir letztens die DEMOfall08-Teilnehmerseiten angeschaut habe, hatte ich 72 Tabs gleichzeitig offen. Ging ohne Probleme. Chrome läuft bei mir einfach viel schneller als Firefox.

  3. pusche
    schrieb am 15. September 2008 um 09:41 Uhr (#)

    also von ein paar Icons zur Steuerung von Api-Funktionen auf ein “Betriebssystem im Betriebssystem” zu schließen finde ich doch ein wenig übertrieben…

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 15. September 2008 um 09:46 Uhr (#)

    Es gibt natürlich auch noch andere Parallelen. Allein die Tatsache, dass User aus über 20.000 Anwendungen wählen können. Vieles sind bisher nur Ansätze, aber diese sind gehen doch in eine eindeutige Richtung (und deutlicher, als dies bei anderen Social Networks der Fall ist).

    Dann ist es auch Definitionssache, ab wann man von einem “Betriebssystem im Betriebssystem” sprechen möchte.

  5. Stefani
    schrieb am 15. September 2008 um 12:00 Uhr (#)

    Vielleicht bin auch so ein Windows-verwöhnter Weichling, aber mir gefällt das neue Facebook besser. Dabei kann es mir relativ egal sein, denn ich bin nur dort, weil ich vergessen habe, mein Profil zu löschen… hmmm…

    Anyhoo: interessant, diese Entwicklung. Ich habe ja Ähnliches schon über Google’s Pläne gehört, und dass Chrome nur der erste Schritt zur all-in-one Internetpräsenz sein soll. Kann ich nix zu sagen, als Mac-User gehör ich ja nicht zur Chrome-Zielgruppe. ;-)

    Danke für den Artikel.

  6. Jörg Eugster
    schrieb am 15. September 2008 um 12:33 Uhr (#)

    Frage mich, ob Google mit Google Chrome nicht auch das Ziel verfolgt, das Betriebssystem ins Web zu verlagern. Wenn ich Gmail unter Google Chrome laufen lasse, dann läuft es wie eine Applikation ein einem eigenen Fenster, ohne dass man die Browserfunktionen sieht.
    Dann frage ich mich, ob hier ein neuer OS-Krieg zwischen Facebook und Google entsteht? Wo steht da Microsoft, die ja an Facebook beteiligt sind? Ist das die Hintertüre für Microsoft, um doch Google im Web Paroli bieten zu können?

  7. Los Holstos
    schrieb am 15. September 2008 um 12:48 Uhr (#)

    Wirklich interessant wird es doch erst, wenn man über Facebook Office-Anwendungen, Mailprogramme etc. gezielt steuern kann…

  8. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 15. September 2008 um 13:11 Uhr (#)

    @Jörg Eugster: Warum sollte es einen OS-Krieg zwischen Facebook und Google geben? Chrome schließt doch die Facebook-Nutzung nicht aus. Eher im Gegenteil, die Nutzung von Webapplikationen oder Web-Os wie Facebook wird mit Chrome verbessert.

  9. Jörg Eugster
    schrieb am 15. September 2008 um 13:24 Uhr (#)

    @Marcel Weiss: Wer den Standard setzt, gewinnt. Das war in der Vergangenheit immer so. Mal sehen, wie sich das Ganze entwickelt, aber ich denke, es könnte in diese Richtung gehen.

  10. Jörg Eugster
    schrieb am 15. September 2008 um 14:48 Uhr (#)

    @Marcel Weiss:

    Lese hier interessantes auf
    http://spiegel.de/netzwel…,1518,575771,00.html

    Die Netz-Auguren im Silicon Valley sind sich einig: Googles eigener Browser – das ist ein Frontalangriff auf Microsoft. “Chrome” könnte nämlich für viele Nutzer sowohl Windows als auch Microsoft Office ersetzen. Zunächst wird aber wohl Firefox leiden. (Zitat Ende)

    Auf der anderen Seite könnte nämlich der Einstieg von Microsoft bei Facebook gerade die Gegenstrategie darstellen, dass man über Facebook ein webbasiertes OS lancieren könnte. Dank der Beteiligung hat man schon mal einen Schuh in der Türe und könnte dann – mit dem nötigen Kleingeld – Facebook ganz übernehmen, falls es Facebook zum OS schafft. So hat MS immer noch diese Option, falls Google Chrome zu stark wird.

    Aus dem Browser-Krieg wird möglicherweise ein OS-Krieg.

  11. Schreibt hier auf dem Blog Marcel Weiss
    schrieb am 15. September 2008 um 14:52 Uhr (#)

    @Jörg Eugster: Ich kann in Chrome Facebook aufrufen. Wie sollte daraus ein Krieg entstehen?
    Dass Chrome ein Frontalangriff auf Microsoft ist, da bin ich bei Dir, darüber habe ich hier ausführlich geschrieben.

  12. Sven Drieling
    schrieb am 15. September 2008 um 18:10 Uhr (#)

    Ich kann mich für die Bezeichnung Betriebssystem dafür auch nicht begeistern. Web-Desktop oder Benutzeroberfläche passt IMO besser.

    Ein Betriebssystem ist die Schnittstelle (Systemaufrufe) zwischen Hardware und Programmen. Wenn Begriffe laufend falsch verwendet werden, weiß man irgendwann nicht mehr wovon gerade jemand spricht.

  13. Micha D.
    schrieb am 15. September 2008 um 20:08 Uhr (#)

    Das die großen doch immer größer werden wollen geht mir irgendwie auf den ****, damit verliert Facebook bei mir auf jedenfall an Sympathie.
    Die Neuerung mit dem Reiter ist für mich zwar eine gute Neuerung, aber dass die dann irgendwas von einem Facebook Browser reden müssen….die sollen nicht immer gleich an die Weltherrschaft denken, noch ist das ganze ein Social Network für mich und nicht mehr.

  14. Bernd
    schrieb am 16. September 2008 um 13:34 Uhr (#)

    Ach kommt Leute sollte Fake-Windows-Menüs gab es schon vor 10 Jahren auch schon im Web und sie haben sich nicht durchgesetzt.

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