Warum es studiVZ in einem Jahr nicht mehr geben könnte

Martin Weigert, 20. Juli 2008 15:00 Uhr, 26 Kommentare Kommentare

Facebook vs studiVZUngeachtet der Erfolgschancen von Facebooks Klage gegen seinen Nachahmer studiVZ ist der überraschende Schritt vor allem eines: Facebooks öffentliches Eingeständnis, dass studiVZ die große Hürde für die Expansion der Amerikaner in Deutschland darstellt. Facebook wird alles dafür tun, um diese Hürde aus dem Weg zu räumen.

Die Nachricht von Facebooks Klage gegen studiVZ vor einem kalifornischen Gericht kam im ersten Moment überraschend. So hat das Social Network aus dem kalifornischen Palo Alto seinen deutschen Nachahmer drei Jahre lang uneingeschränkt gewähren lassen. Bei näherer Betrachtung aber erscheint der Schritt völlig logisch. Wie Marcel gestern bereits erläutert hat, ist Facebooks Erfolg in Deutschland bisher eher bescheiden. Netzwerkeffekte halten den Großteil der studiVZ-Nutzer auf ihrer angestammten Plattform. Facebook könnte es darauf anlegen, sich durch die Klage in eine vorteilhaftere Position für eine mögliche Übernahme seines deutschen Konkurrenten zu begeben. Angeblich soll erst das Scheitern von Gesprächen zwischen der studiVZ-Mutter Holtzbrinck und Facebook der Auslöser für die nun feindliche “Annäherung” der Amerikaner sein.

Ungeachtet der juristischen Haltbarkeit von Facebooks Vorwürfen gegen studiVZ sowie eventueller Auswirkungen der Klage auf Holtzbrincks Vertrauen in studiVZ ist die aktuelle Entwicklung hauptsächlich eines: Facebooks Eingeständnis, dass es studiVZ ist, welches den US-Anbieter an der Expansion in Deutschland hindert. Gemutmaßt habe ich darüber schon im Januar, und durch seine jüngste Aktion gibt Facebook dies nun offen zu.

Kein anderes Social Network in Deutschland hat eine den Amerikanern derartig ähnliche Ausrichtung und Zielgruppe wie studiVZ, stellt damit aus Facebooks Sicht also einen ernstzunehmenden Wettbewerber dar. In dieser Rolle befindet sich einzig und allein studiVZ, das zusammen mit schülerVZ und meinVZ rund zehn Millionen Mitglieder im deutschsprachigen Raum versammelt. Facebook will an diese zehn Millionen User!

Nachdem sich Facebooks Wachstum in den USA, Großbritannien und Skandinavien - Gebiete, in denen sich der Dienst schnell viral ausbreiten konnte - verlangsamen, müssen neue Märkte her. Ein einwohnerstarkes, wohlhabendes, für die Werbeindustrie attraktives Land wie Deutschland kann Facebook nicht einfach links liegen lassen. Nach dem Deutschlandstart vor einem halben Jahr ging es der Dienst hierzulande eher langsam an. Man investierte nur minimale Mittel in die sprachliche Anpassung und das Marketing und wollte erst einmal testen, ob sich neue Mitglieder nicht ganz automatisch generieren ließen. Das war nicht der Fall. Daher holt Facebook jetzt Plan B aus der Schublade, der dort womöglich schon eine Weile gelegen hat und das Problem an der Wurzel anpacken soll: studiVZ.

Zugegeben, es ist eine gewagte These, aber die Chancen, dass studiVZ in einem Jahr noch als eigenständiges soziales Netzwerk existiert, sind gering. Da Facebook studiVZ öffentlich als Ursache für seinen Misserfolg in Deutschland ausgemacht hat, braucht es sich nicht mehr verstecken. Facebook wird alles tun, um seinen Nachahmer aus dem Weg zu räumen - was in diesem Fall eine Übernahme bedeutet. Letztlich hängt es am Holtzbrinck-Verlag, der große Hoffnungen in die studiVZ-Familie steckt, bisher aber außer in Form von Werbefläche für andere, hauseigene Angebote nicht von der 80 bis 100 Millionen Euro teuren studiVZ-Akquisition Anfang 2007 profitieren konnte.

studiVZ zu veräußern und zehn Millionen Nutzer (= potenzielle zukünftige Kunden) aus der Hand zu geben, ist mitnichten eine leichte Entscheidung. Bisher haben weder studiVZ noch andere soziale Netzwerke den goldenen Weg zur Monetarisierung der User gefunden. Gelingt dies eines Tages, wird der jeweilige Anbieter froh sein, geduldig investiert und einen langen Atem bewiesen zu haben, um dann endlich die Früchte seiner Saat ernten zu können. Doch wie nah ist studiVZ dieser Ernte? Womöglich weit weg, während die Gefahr sich umkehrender Netzwerkeffekte bei studiVZ steigt und die Zahl der Seitenaufrufe seit einiger Zeit rückläufig ist.

Man kann nicht sicher wissen, was passieren wird. Aber man kann die Anzeichen deuten und Schlüsse ziehen. Mein persönlicher Tipp ist, dass studiVZ innerhalb eines Jahres den Besitzer wechselt. Ob freiwillig, oder um millionenschweren Schadenersatzzahlungen an Facebook aus dem Weg zu gehen, ist dabei offen.

Wer von euch Mark Zuckerberg in Berlin (studiVZ-Sitz) oder Stuttgart (Holtzbrinck-Sitz) sehen sollte, darf gerne ein Foto machen und es uns schicken! Ihr werdet dann netzwertig.com-Ehrenleser!

Update: studiVZ reagiert mit Feststellungsklage

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16 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Frank

    schrieb am 20. Juli 2008 um 16:36 Uhr (#)

    Warten wir mal ab, wie viele soziale Netzwerke es bald überhaupt noch geben wird. Ich könnte mir auch vorstellen, wenn die Blase mit den “Karteileichen” platzt, das den Werbekunden dann das Geld nicht mehr so locker in den Taschen sitzt. Warum auch immer, ich halte grundsätzlich nichts von diesen Netzwerken.

  2. Hannes Offenbacher

    schrieb am 20. Juli 2008 um 17:20 Uhr (#)

    In der Tat eine spannende Entwicklung, wobei ich auch denke, dass mit steigender Medienkompetenz der Zielgruppe auch das Registrieren bei Facebook leichter werden wird. Es geht ja in Wirklichkeit nicht darum, sich für eines zu entscheiden, sondern um die Hürde in den Köpfen, dass man sich nicht schon wieder wo registrieren muss und wieder alle Freunde adden muss.

    Spannende wäre hier ein Tool, dass mir meine studiVZ Freunde auf facebook sucht… und hinzufügt.

    So oder so: Die Entwicklungsschritte bei studiVZ sind lächerlich langsam (technisch) und werden vor allem die Heavy User veranlassen, Facebook zum Mutternetzwerk zu machen. So kann man bei studiVZ als Gruppenbesitzer bis heute keinen Newsletter an seine Leute schicken… etc etc.

    Ich bin gespannt und persönlich hoffe ich auf eine baldige Zusammenführung.

  3. cord

    schrieb am 20. Juli 2008 um 17:22 Uhr (#)

    @Martin: Ich glaube nicht daran, dass eine Klage in Deutschland Erfolg hätte. Da die USA ein völlig pervertiertes Urheberrecht haben, traue ich mir keine Aussage für die aktuelle Klage zu.
    So oder so, Deine Wette, dass StudiVZ in einem Jahr nicht mehr da ist, halte ich.

    @Frank: Du kennst die IVW Zahlen der Social-Networks oder? Was spielen da Karteileichen für eine Rolle? Danach werden leider immer noch die Werbebudgets verteilt. Und mit Deiner Ablehnung bist Du auch in der Minderheit, daher wird es in der nahen Zukunft garantiert keine Trendwende beim Nutzerverhalten geben.

  4. bibo

    schrieb am 20. Juli 2008 um 17:24 Uhr (#)

    Hm.
    “Millionenschwere Schadenersatzzahlungen”?
    Wirklich? Gibt es Patente? Ich denke nicht. Greift hier das Urheberrecht, und wenn ja, was bedeutet das? Wenn StudiVZ noch eine kleine Startup-Klitsche wäre, würde ich deine Ansicht teilen. Aber Holtzbrinck wird finanziell vor Gericht sicher nicht die Puste ausgehen. Ich glaube, die ziehen das durch alle Instanzen durch. Und das wird sicher länger als ein Jahr dauern. Wenn eine Fantasie-Firma ohne nennenswerte Einkünfte tatsächlich ein riesiges Unternehmen, das Gewinn macht, in die Knie zwingen würde, wäre das wirklich krass.
    Spannend ist aber auf jeden Fall, wie ein Gericht diese Art von “Code-Sampling” einschätzen wird.
    Wo wird denn überhaupt geklagt? In Deutschland, oder in den USA?

  5. Martin Weigert

    schrieb am 20. Juli 2008 um 17:43 Uhr (#)

    In den USA. Und ich behaupte ja nicht, dass es definitiv zu Zahlungen in Millionenhöhe kommen wird. Ich möchte es aber auch nicht ausschließen.

    studiVZ hat mittlerweile reagiert.

  6. bibo

    schrieb am 20. Juli 2008 um 17:53 Uhr (#)

    USA ist natürlich hart. Da wird das Urheberrecht ja gerne mal ein bisschen “Disney-freundlich” ausgelegt. Kennt ihr nicht einen fähigen Juristen, der hier zu dem Thema eine Einschätzung abgeben könnte? Das wäre schon sehr interessant. Was facebook ja damit auf jeden Fall geschafft hat: Sie sind wieder im Gespräch.
    Spannend.

  7. Jonathan Hillebrand

    schrieb am 20. Juli 2008 um 20:10 Uhr (#)

    Also ich seh den Wert von den studiVz-Usern schon seit längerem Fallen. In meinem Freundeskreis hat fast niemand mehr seinen echten/vollem Namen angegeben.

    Bei Facebook sollen die ja überprüft werden. Jedenfalls ist mir bisher noch kein Fakename aufgefallen.

    Ich kann zum Glück immer mehr Leute zum wechseln bewegen, indem ich “content”, wie Fotos nur da veröffentliche.

  8. Sifu

    schrieb am 20. Juli 2008 um 20:44 Uhr (#)

    Abwarten und Tee trinken….

    die Sache wird ein sehr langwieriger Rechtstreit

  9. M*

    schrieb am 21. Juli 2008 um 01:58 Uhr (#)

    Wenn jemand jetzt schlau ist, dann gründet er schnell eine neue schicke Community, und wenn es so aussieht als würde FACEBOOK sich durchsetzen und StudiVZ schlucken, dann mit paar einfachen Tricks - die StudiVZ Mitglieder auffordern die community zu wechseln, um nicht in amerikanische Hände zu fallen. :) In Deutschland ist der AntiAmerikanismus sehr stark und deswegen könnte sich so ein Wechsel wirklich realisieren (wenn man es richtig anstellt).:)
    Ein wenig Mundpropaganda in StudiVZ, in anderen communities und in paar Blogs, Presse etc. - und Facebook´s Ruf wird hierzulande ruiniert. Wenn dann hinter der neugegründeten Comunity ein reicher Investor steckt, dann kann man die Leute auch mit speziellen Geschenken und Extras für ein Wechsel belohnen, und eine kleine Promoaktion starten.
    Keine Ahnung wieso niemand auf so Tricks wie “Komm in unsere Community, für deine Anmeldung bekommst du einen Amazon Gutschein von 5 Euro und du kannst noch mehr verdienen! Für jedes private öffentliche Foto was du online stellst bekommst du Geld und wenn dein Foto von der community als bestes Foto bewertet wird erhälst du 50 Euro! - Bei dieser Community wirst du reich!” kommt - Studenten brauchen Geld, um sich ihr Studium und Freizeit zu finanzieren.

  10. Claudia Sommer

    schrieb am 21. Juli 2008 um 09:04 Uhr (#)

    Nicht das ich ein Facebook Fan wäre, aber das StudiVZ ein CopyCat ist, ist ja wohl unbestritten und daher finde ich die Klage berechtigt. Allerdings vielleicht etwas zu spät.

  11. Martin Weigert

    schrieb am 21. Juli 2008 um 09:07 Uhr (#)

    M*, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Eine solche Aktion könnte auch von einer der vielen existierenden Communities durchgeführt werden. Ob es dann aber wirklich funktioniert, weiß ich nicht. Und immerhin ist Facebook studiVZ ähnlicher als jeder anderer Anbieter.

  12. Millus

    schrieb am 21. Juli 2008 um 11:32 Uhr (#)

    aber hat das eigentlich nicht schon stattgefunden? ein Wechsel? ich meine jetzt die neuen Seiten wie MeinVZ etc. - haben die jetzt nur gegen den StudiVZ Teil geklagt, oder gegen alle VZ´s? (vielleicht haben die StudiVZ Leute das schon seit Jahren kommen sehen)-
    wenn die Leute wirklich StudiVZ verlieren, könnten die StudiVZ Leute in einer großen Aktion einfach den Mitgliedern, die Möglichkeit geben - nur durch ein Knopfdruck (da werden die Programmier gefragt, wie man das am besten macht)auf eine neue Community zu wechseln.
    Die erste große Völkerwanderung im Internet. Sowas würde ich gerne erleben, wie hunderttausende User von einem Tag auf den anderen eine community wechseln.

    Der einfachste Weg ist wirklich das die StudiVZ Leute die Klage in ihrer Community zum Top Thema machen und die Stimmung gegen Facebook aufrecht erhalten, nach dem Motto “sie wollen unsere Community versklaven, wegnehmen - nicht mit uns” - die Stimmung so aufheizen, dass wenn Studi VZ geschluckt wird, die Mitglieder von alleine wechseln.
    Aber die Mitglieder sind nicht das größte Problem, das größte Problem ist wohl der Schadenersatz den Facebook verlangt, an ein paar Millionen Euro müssen die bestimmt denken.

    Mal sehen was passiert…
    Und komischerweise besitze ich nur ein Facebook account und kein StudiVZ account. :)

    Und wieso schreibe ich hier so lange Kommentare, anstatt es bei mir zu bloggen? :)

  13. Martin Weigert

    schrieb am 21. Juli 2008 um 11:44 Uhr (#)

    Weil du weißt, wo deine Meinung für die meiste Aufmerksamkeit sorgt ;)

    meinVZ ist das gleiche wie studiVZ, nur in einer anderen Farbe. Da alle drei studiVZ-Communities an das Facebook-Design angelehnt sind, würde ein Massenwechsel zu meinVZ die Situation sicherlich nicht verändern.

  14. Hmm

    schrieb am 21. Juli 2008 um 12:30 Uhr (#)

    An sich wäre mir es ja egal wenn StudiVZ von Facebook geschluckt würde, aber dann soll Facebook doch bitte dafür sorgen, dass man dort seinen Account auch komplett löschen und nicht nur deaktivieren kann. Das ist auch der Grund warum ich Facebook mal von der Anmeldung abgesehen überhaupt nicht nutzt. Man darf da ja nicht mal seinen Namen ändern ohne das das kontrolliert wird um ein “wertloses Profil” für die Nachwelt zu hinterlassen. Das gefällt mir bei StudiVZ schon besser, auch wenn es da ein paar Monate dauert bis z.B. Profilbilder endgültig nicht mehr erreichbar sind.

  15. Marci

    schrieb am 21. Juli 2008 um 16:19 Uhr (#)

    Ich fände es gut, wenn Studi mit Pauken und Trompeten untergehen würde. Dessen Verantwortliche kümmern sich nämlich einen Dreck um Datenschutz, Service oder seine Mitglieder. Und auch sein seltsamer Gründer ist mir mehr als suspekt. Ob Facebook in dieser Hinsicht viel besser ist, wird sich zeigen, allerdings fühle ich mich dort wohler und die Funktionen sind allesamt besser als bei Studi.

    Und wenn die Deutschen wirklich so antiamerikanisch wären wie hier M* meinte, wären nicht so viele Deutsche Mitglied bei MySpace. Adios Studi.

  16. nilsn

    schrieb am 22. Juli 2008 um 11:27 Uhr (#)

    @M*: Sorry, glaube aber nicht, dass das so einfach ist. Neue Community geht Hand in Hand mit nem hohen Invest. Ich habe auch mal mit nem Kollegen überlegt im “special interest” Bereich an den Markt zu gehen. Wen man aber die Summen kennt, die andere in die Hand nehmen, lässt man doch eher davon ab (auch kleinere Fußball Communities). Gerade mit dem Wissen, dass die alle noch keine schwarzen Zahlen schreiben.

    Einzige Weg ist m.E. der Verkauf (siehe Lokalisten, Wer-kennt-wen). Der Markt ist aber schon sehr dicht.

    Interessant fände ich, ob der Wert zum Zeitpunkt des (unbewiesenen) Diebstahls zu Grunde gelegt wird, oder der jetzige. Ist ja nun auch noch die Frage, ob der Erfolg nur durch eine identische Optik (anfängliche Programmierung) zustande kam. Aber das kann ich nun wirklich nicht mehr seriös beurteilen.


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