MicroHoo-Debakel:
Wertvernichtung nach Redmonder Art

Andreas Göldi, 15. Juni 2008 16:35 Uhr, 17 Kommentare Kommentare

Microsofts Übernahmekampf um Yahoo ist definitiv vorbei, langsam legt sich der Staub über dem virtuellen Schlachtfeld. Und spätestens seit Yahoos neustem Anzeigendeal steht der grosse Sieger fest: Google. Alle anderen haben verloren, inbesondere Microsoft.

Viereinhalb Monate hat Microsofts Übernahmeversuch nun die Internet-Welt in Atem gehalten. Zwar war die Luft eigentlich schon Anfang Mai weitgehend draussen, aber die Einmischung von Grossspekulant Carl Icahn gab der Sache nochmal neuen Schwung. Icahn wollte Yahoo nämlich mit allerlei Winkelzügen zum Verkauf zwingen.

MicrohooSeit dieser Woche ist aber klar: Microsoft und Yahoo haben alle Gespräche abgebrochen, und Yahoo wirft sich dafür mit einem merkwürdigen Werbedeal in Googles Arme. Damit dürfte die Übernahme nun tatsächlich endgültig vom Tisch sein.
Verloren haben damit fast alle: Yahoo, Microsoft und auch Investor Icahn, der jetzt auf ca. 59 Millionen Yahoo-Aktien sitzt und damit beim aktuellen, stark gefallenen Börsenkurs von Yahoo wohl so um die 90 Millionen Dollar in den Sand gesetzt hat. Mitleid muss man mit dem guten Mann darum nicht haben, aber sein Ruf als Übernahmekünstler leidet unter diesem Flop nicht unwesentlich.

Yahoo steht nach dieser Schlacht mehr oder weniger als Firmenruine da. Die meisten Aktionäre sind stinksauer über die verpasste Gewinnchance und werden weiterhin gegen das aktuelle Management agitieren. Wichtige Mitarbeiter verlassen die Firma in Scharen, und ein strategisches Konzept ist nicht zu erkennen. Das Management hat zwar die Kontrolle über seine Firma behalten, aber die Glaubwürdigkeit weitgehend verloren.

Der Werbedeal mit Google, in dessen Rahmen Google jetzt Suchwortwerbung auf Yahoo vermarkten darf, mag vielleicht kurzfristig etwas zusätzlichen Umsatz in die Kasse spülen. Aber im Prinzip ist das auch nur ein Eingeständnis totalen Versagens in diesem Bereich: Yahoo hat in den letzten Jahren sehr viel in seine eigene Werbeplattform “Panama” investiert, aber offensichtlich ohne Erfolg. Jeder jetzt neu von Google vermarktete Werbeklick auf Yahoo stärkt nun die eh schon starken Finanzen des eigentlichen Hauptkonkurrenten noch weiter.

Mittelfristig sind die Konsequenzen im Werbemarkt wohl gravierend: Wenn die Werbekunden nun eh über Googles Adwords-System ihre Anzeigen auf den beiden grossen Suchmaschinen platzieren können, warum sollen sie dann noch direkt zu Yahoo gehen? Damit ist klar: Die so lukrative Suchmaschinenwerbung wird in den nächsten Jahren von Google nach Belieben dominiert werden. Für Yahoo (und auch Microsoft) bleiben nur noch ein paar Brotkrumen.

Natürlich war Yahoo schon seit längerer Zeit in einer schwierigen Phase, aber Microsofts Angriff hat der Firma wohl so ziemlich den Rest gegeben. Klar, noch sitzt Yahoo auf beeindruckenden Trafficzahlen, hat viele Millionen loyale User und ist für Werbekunden ein (noch) unumgänglicher Werbeträger. Aber alle Trends zeigen deutlich nach unten, und schon bei AOL konnte man sehen, wie schnell der Abstieg zur Bedeutungslosigkeit gehen kann.

Wirklich blamiert haben sich aber Microsoft und sein CEO Steve Ballmer. Mit beträchtlichem Säbelrasseln ist Ballmer angetreten, um die mit Abstand grösste Übernahme in der Geschichte seiner Firma durchzuziehen und damit die Karten im Internetmarkt neu zu mischen. Leider ist es ja nicht ungewöhnlich bei Grossunternehmen, dass bei chronischer strategischer Einfallslosigkeit das Heil in grossen Fusionen gesucht wird. Bisher hat Microsoft vernünftigerweise von solchen Megadeals die Finger gelassen, und nun verbrennt man sich ausgerechnet bei dieser entscheidenden Transaktion die Finger.

Schon allein die Idee einer feindlichen Übernahme einer grossen Internetfirma war sehr problematisch, denn schliesslich hängt die für dieses Business so essentielle Innovationskraft an den Menschen, die in der Firma arbeiten. Und viele “Yahoos” wären wohl lieber arbeitslos geworden, als für das “Evil Empire” aus Redmond zu arbeiten. Dass das Yahoo-Management diese Attacke mit aller Kraft bekämpfen würde, war darum mehr als klar.

Als Microsofts erster Anlauf nicht klappte, liess sich Ballmer in einen Strudel monatelangen Taktierens mit Angeboten und Gegenangeboten, mit absurden Teilkauf-Vorschlägen und krummen Allianzen hineinziehen. Mit jeder neuen Episode wurde klarer, dass der Deal nie zustandekommen würde.

Dieses endgültige Scheitern bewahrt Microsoft wenigstens vor einer Art von weiteren Problemen: Die meisten Fusionen sind schwierig, aber zwei grosse Internetplattformen zusammenzulegen, ist schon eine beinahe unmögliche Aufgabe. Schon mit viel kleineren Übernahmen in diesem Bereich — Hotmail zum Beispiel — tat sich Microsoft in der Vergangenheit extrem schwer. Die Synergien mit Yahoo wären wohl minimal gewesen, und mit Sicherheit wären dem kombinierten Gebilde sehr schnell die guten Mitarbeiter und bald auch die Kunden davongelaufen.

Der ganze Deal war also von Anfang an einfach nur eins: Eine ausgesprochen dumme Idee, die von Anfang an fast nur mit massiver Wertvernichtung enden konnte. Das Resultat für Microsoft ist miserabel: Ruinierte Glaubwürdigkeit; Aktionäre, die noch saurer sind als die von Yahoo; totale Ratlosigkeit, was die Internet-Strategie des Softwareriesen angeht; ein Übernahmetarget, das jetzt mit Microsofts schlimmstem Gegner angebandelt hat. Und dazu ein klar angeschlagener CEO — bereits kursieren Listen mit den Top 10 Gründen, warum Ballmer gefeuert werden sollte.

Microsofts wenige innovative Ideen der letzten Zeit (z.B. Live Mesh oder der nette, wenn auch eher zweckfreie Surface-Tisch) gingen im Lärm um dieses Debakel praktisch total unter. Nach der Vista-Katastrophe hat Microsoft damit jetzt auch noch erfolgreich das für die Zukunft so wichtige Internetgeschäft faktisch an die Wand gefahren. Hinzu kommen Flops wie der Nicht-iPod-Killer Zune und die wenig inspirierte Windows-Mobile-Strategie. Aber um mal noch was Positives zu nennen: Microsoft Office läuft weiterhin gut und ist ja auch ein schönes Produkt.

Und genau diese Liste zeigt Microsofts fundamentales Problem: Die Firma steckt in einer sehr ähnlichen Situation wie IBM Ende der Achtzigerjahre und lebt von den Erfolgen der Vergangenheit, ohne eine echte Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft zu haben. Auf die erste Welle der PCs reagierte IBM noch kompetent und dominierte schon bald den neuen Standard — genau so, wie Microsoft die erste Runde der Browserkriege für sich entschied. Doch dann wurden die neuen Konkurrenten einfallsreicher und aggressiver, und insbesondere verschob sich die Wertschöpfung von den Endgeräten hin zu den Komponenten — der Aufstieg von Microsoft und Intel war die Folge.

Die Parallelen zu heute könnten nicht deutlicher sein: Microsoft dominiert zwar den PC-Desktop samt Browser, aber das Gewicht hat sich zu Suchdiensten und webbasierten Anwendungen verschoben, wo Google der unangefochtene König ist.

Microsofts Versuche, mit irgendwelchen Firmenübernehmen oder immer neuen Produktlinien den Rückstand aufzuholen, erinnern an IBMs erfolglose OS/2-Strategie. Man versuchte den neuen Gegner mit dessen eigenen Waffen zu schlagen, aber das war zu wenig und kam zu spät.

Leider hat Microsoft mit diesem neusten Anlauf zur Rettung seiner Zukunft nicht nur die Liste seiner eigenen Misserfolge verlängert, sondern auch noch Yahoo in eine tiefe Krise gestürzt und Google faktisch endgültig zum Monopolisten bei der Websuche gemacht.

Googles Hauptgegner in der nächsten Zeit werden nur noch die Kartellbehörden sein, nicht mehr Yahoo und Microsoft.

» Mehr lesen: Microsoft (20), yahoo (12)

» Weitere Analysen lesen.

» Nächster Artikel: Linkwertig: Internet in Marketing-Budgets unterrepräsentiert
» Älterer Artikel: TV-Streaming im Browser nello will Zattoo angreifen

» Drucken
» Merken/E-Mail

16 Kommentare zu diesem Artikel

  1. Daniel Niklaus

    schrieb am 15. Juni 2008 um 17:37 Uhr (#)

    Bin gespannt, ob eine Trennung von Adword und Suchmaschine durch die Kartellbehörden angestrebt wird. Sollte dies der Fall sein, kann Google von MS lernen, wie die damals das Betriebssystem und Office zusammenhielten.

    Obwohl - rückblickend hätte Microsoft mit einer freiwilligen Trennung ihren Aktionären einen riesigen gefallen getan. Statt Milliarden für X-Box & Onlineabenteuer rauszuschmeissen, hätte sich jeder Bereich auf seine Kernkompetenz fokussiert. Zur X-Box gäbe es dann heute womöglich eine X-Box Karte für den PC und Sony wie Nintendo hätten das Nachsehen. Und statt google docs hätten wir ein Online-Office von MSOffice – womöglich.

    Für Google könnte es ein schlauer strategischer Entscheid sein, das Werbegeschäft von der Suchmaschine zu trennen.

  2. Philipp

    schrieb am 15. Juni 2008 um 18:09 Uhr (#)

    Sorry Andreas, aber ich kann dem Artikel überhaupt nicht zustimmen.

    Microsofts Aktionäre sollen sauer sein? Saurer als die von Yahoo? Dann frage ich mich, warum der Kurs von MSFT nach Bekanntgabe der zwei “Es ist Ende” Pressemitteilungen nach oben ging… Die MSFT Aktionäre sind höchst zufrieden, dass die Übernahme nicht zustande gekommen ist.

    Steve Ballmer soll gefeuert werden? :D Ballmer hat nach Gates den Konzern um einige 100% in Sachen Umsatz etc. gesteigert… Weil irgendwelche Portale irgendwelche Listen zusammenschreiben, wird garantiert kein Steve Ballmer dran glauben müssen.

    Die einzig klare Wertvernichtung findet hier bei Yahoo statt. Yahoo schlägt einen Deal mit MS aus, der knapp 1 Milliarde PROFIT gebracht hätte und nimmt stattdessen 800 Millionen Umsatz von Google. Außerdem verpflichtet man sich, 250 Mio an Google zu zahlen, falls das Management von YHOO ausgetaucht wird (was sehr wahrscheinlich ist). Gleichzeitig zerstört man das wichtigste Asset des Unternehmens, die Suche, und prostituiert sich bei Google. Das ist eine glasklare Niederlage für Yahoo und ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit.

    Das YHOO Management hat vielleicht auf dem Papier noch die Kontrolle über die Firma, in der Realität sieht es anders aus. Die großen Hedgefonds und andere (Icahn) werden Yang absetzen und die Firma zum monetären Glück zwingen! Jerry Yang hat es, entschuldige das Gossenvokabular, verkackt. Millionen Menschen kauften YHOO Papiere, in Vertrauen an das Management und das Unternehmen. Einzig aus persönlichem Stolz fand der Deal mit MSFT nicht statt. Es ist seine Aufgabe als CEO und Board Member, im Interesse der Anleger zu handeln. YHOOs Anleger sind interessiert an Profit, nicht daran, dass Mr. Yang sein persönliches Wohlbefinden erhält. Es wäre seine Aufgabe gewesen, seine Pflicht wahrzunehmen und zu verkaufen. So einfach ist das. Und wenn ihm jetzt der Popo weggeklagt wird und er seinen Posten verliert, dann ist das absolut gerechtfertigt, da er allem Anschein nach nicht fähig ist für die Aufgaben, die sein Posten bei YHOO mit sich bringt.

    Gewinner temporär ist Google, ja. Sie haben Microsoft kurzfristig gezeigt, wo der Hammer hängt, haben mit 99% Wahrscheinlichkeit mal eben 250 Mio eingesammelt und ihre Marktstellung behauptet. Der Werbedeal wird nach Meinung von Experten (Juristen, Politikern etc.) nicht stattfinden, da er an der Kartellbehörde (zu Recht) scheitern wird.

    Ob Windows Mobile nicht inspirierend ist, so what? Es ist mit Abstand das erfolgreichste Betriebssystem im Mobile Bereich, wird von den großen Herstellern bevorzugt und auch wenn das iPhone jetzt Hype ist (ich hab selbst eins), sieht die Realität nun mal so aus, dass es Windows Mobile ist, was auf den meisten Geräten läuft.

    Wo ich Dir recht gebe; Microsoft steht im Online Bereich schlecht da. Man hat zwar riesige Dienste wie Hotmail, Live Messenger und Co., schafft es aber nicht, diese vernünftige zu monetarisieren oder mit der eigenen Suchmaschine effektiv zu verknüpfen. Das ist ein großes Problem für MS und könnte langfristig für ernsthafte Probleme sorgen. Trotzdem glaube ich nicht, dass die Schlacht vorbei ist, ganz im Gegenteil. Microsoft ist in einer äußerst starken Position! Yahoo ist ruiniert, die Aktionäre laufen “Amok” gegen das Management und die Kartellbehörden, welche Google sowieso schon argwöhnisch gegenüber stehen, sind auf dem Plan. Wenn der Deal platzt, ist Yahoo am Ende und findet sich (übertrieben) bald bei den Pink Sheets ;)

    Warten wir mal ab, was da noch alles kommt ;)

    Schönes Wochenende,

    Philipp

  3. Philipp

    schrieb am 15. Juni 2008 um 18:15 Uhr (#)

    Apropos: Yahoo zerstört sich doch gerade selbst ihre Werbekunden?! Die Leute werden in Zukunft AdSense buchen anstatt den YHOO Kram und da YHOO’s Ding genau wie AdWords auf Auktionsbasis läuft, sind die Anzeigenpreise schnell im Keller…

  4. Andreas Göldi

    schrieb am 15. Juni 2008 um 19:54 Uhr (#)

    @Philipp: Microsofts Aktionäre sind unter anderem deswegen extrem sauer, weil sich bei Microsofts Aktienkurs seit Jahren nichts mehr tut. Ich rede nicht von einem kurzfristigen Blip, sondern vom langfristigen Trend. Die Aktie steht jetzt schon seit Anfang 2001 konstant etwa am gleichen Punkt (wo sie schon 1999 vor dem Dot-Com-Hype stand). Da liefen selbst IBMs und Dells Aktien noch besser, von den echten Performern wie Apple und Google ganz zu schweigen. Für einen Quasi-Monopolisten ist das eine sehr schwache Performance, und das widerspiegelt die Tatsache, dass Microsoft von den Errungenschaft der Verangenheit lebt.

    Windows Mobile ist übrigens keineswegs ein grosser Erfolg. Das weltweit mit Abstand erfolgreichste Handybetriebssystem ist immer noch Nokias Symbian mit >50% Marktanteil. Windows Mobile hat nach all den Jahren nur 12% Marktanteil. Selbst das iPhone nach nur knapp einem Jahr liegt schon bei 7%. Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Smartphone, bezugnehmend auf die Marktforschungsfirma Canalys.

  5. Michael

    schrieb am 15. Juni 2008 um 20:09 Uhr (#)

    Stimme Phillip zu! Wertvernichtung betreibt Yahoo (siehe Aktienkurs nach endgültigem scheitern der Verhandlungen mit MS) und nicht Microsoft. Der Titel passt nicht!

  6. Daniel Niklaus

    schrieb am 15. Juni 2008 um 21:12 Uhr (#)

    Natürlich hat Yahoo! Wertvernichtung betrieben. Aber was Microsoft seit Jahren macht, muss jedem Aktionär die Haare zu Berge stehen lassen.

    Verluste bei der X-Box. Verluste bei MSN. Verluste bei all den Internetversuchen…Da gehen Milliarden den Bach runter und sie kommen nicht vom Fleck. Microsoft lebt allein von der Substanz, die sie in den 90er aufbauten. Und statt die Gewinne auszuschütten, verbrennen sie die Dollars in Märkten, wo sie den Leadern nur gratulieren können.

  7. thorsten

    schrieb am 15. Juni 2008 um 22:00 Uhr (#)

    Es gibt keine Wertevernichtung… irgendwo ist immer eine Party. [Warren Buffet]

  8. wolfgang

    schrieb am 16. Juni 2008 um 00:05 Uhr (#)

    Warum der: “nette, wenn auch eher zweckfreie Surface-Tisch”?
    Ich finde das schon sehr interessant.
    Zweckfrei finde ich das gar nicht. Ich denke eher, dass das die Zukunft ist. Ob MS da das Rennen macht ist allerdings fraglich, da basteln ja einige dran rum, und ich bin sehr gespannt, was Apple in diesem Bereich bald abliefern wird…

  9. Matthias

    schrieb am 21. Juni 2008 um 16:41 Uhr (#)

    auch wenn der post schon weit runtergerutscht ist, diesen link habe ich gerade auf spon gefunden, sehr witzig gemacht:

    http://yahoorezinr.com/

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,561160,00.html

    da ich mich im anderen post schon kritisch zu dem thema geäußert habe, will ich das hier nicht wiederholen, letztlich stimme ich der analyse von andreas im großen und ganzen zu.

    @andreas:
    was mich bei deinem text aber doch sehr erstaunt hat, ist, daß du dich an das ballmer-bashing ranhängst. ich meine das vorallem im hinblick auf deine eigene erfahrung als manager.

    ich meine die realität sieht doch so aus: gutes oder schlechtes management kann in wahrheit doch die geschicke eines unternehmens manchmal viel weniger beeinflussen, als laien das wahrhaben wollen oder als medien das gerne darstellen. beispiele in der geschichte gibts zu hauf, nimm michael dell, als markt und geschäftsmodell perfekt zueinanderpassten (20% strategie, 80% glück), war er der superheld, als dem nicht mehr so war, der verlierertyp usw.

    microsoft hat die 90er im it bereich total dominiert, daß ein solch extrem erfolgreiches unternehmen in einer neuen dekade nun rückblickend nicht alles richtig gemacht hat, ja mei, ist doch nun wirklich auch irgendwie beruhigend. nur journalisten und leute die keine ahnung von den mechanismen und zwängen in unternehmen und der wirtschaft generell haben, glauben sowas immer an einer person festmachen zu können. (damit ist ausdrücklich ballmer und nicht yang gemeint - yang gehört auf den golfplatz, siehe http://netzwertig.com/2008/06/13/yahoo-und-google-in-adsense-vereint/)

    der link zu den top10-gründen um ballmer zu feuern - ja offensichtlich von einem enttäuschten geek getippt, dem seine xbox360 durchgebrannt ist - also das hat mich von dir dann doch erstaunt.

    wenn du das doch genau richtig findest, würde mich ein artikel zu diesem generellen thema - einflussmöglichkeiten und -grenzen von management im it-bereich - sehr interessieren.

    grüße,
    matthias

  10. Andreas Göldi

    schrieb am 21. Juni 2008 um 16:55 Uhr (#)

    @Matthias: Sorry, aber da bin ich wirklich ausdrücklich anderer Meinung. In Ballmers Amtszeit (jetzt auch schon bald acht Jahre) hat sich der Börsenkurs von Microsoft nicht mehr bewegt, trotz zeitweise exzellenter Konjunktur. Die Firma hat ihren grössten Produktlaunch in der Firmengeschichte (Vista) an die Wand gefahren. Und auf die schon vor 13 Jahren erkannte Bedrohung durch das Internet hat Microsoft auch heute noch keine wirklich glaubwürdige Antwort. Das hat nun wirklich nichts mit Glück oder Pech zu tun.

    Ballmer hat selbstverständlich seine Qualitäten: Er ist ein exzellenter Verkäufer und darum prädestiniert dafür, das Maximum aus einer schon etablierten Marktposition (Windows, Office) herauszuholen. Genau das hat er gemacht. Auch nicht schlecht, aber das reicht eben im Technologiebusiness nicht. Echte, weitreichende Innovation hat Microsoft das letzte Mal ca. 1999 vollbracht.

  11. Daniel Niklaus

    schrieb am 21. Juni 2008 um 17:23 Uhr (#)

    Darf ich einwenden?

    Ja, die Microsoft Aktie hat sich nicht vom Fleck bewegt. Aber wie viele Unternehmen können soviel Geld ausschütten ohne das die Aktie in den Keller rasselt?

    80% Glück? Da würde ich doch eher sagen, 20% Glück, 10% Strategie und 70% können. Man muss aus der Steilvorlage von IBM erst noch eine solche Goldgrube aufbauen können. MS hat genial verhandelt, als sie das Betriebssystem mit der Möglichkeit zum Selbstvertrieb an IBM verkauften und die Karte anschliessend hervorragend ausgespielt. Was Microsoft wie auch Intel danach schafften, ist bewundernswert und zeugt von einem grossen Verständnis für den Markt.

    Genauso hat auch DELL mehr als nur Glück vorzuweisen. Richtig ist, dass Strategie einen viel kleineren Teil des Erfolges ausmacht, als gemeinhin angenommen. Was aber jeder Unternehmenslenker massgeblich beeinflussen kann, ist die Fähigkeit das Geschäft umzusetzen. Lässt er sich von 1’000 Möglichkeiten verführen, rennt er jedem Hype hinterher und führ eine Reorganisation nach der anderen durch? Oder konzentriert er sich darauf, dass die Firma lernt, wie sie ihre einmal gesetzten Ziele erreichen.

    Man bedenke wie viel Energie DELL investierte, um herauszufinden, wie bei einem Gehäuse eine Schraube eingespart werden kann. Nur damit ein Rechner vier Sekunden schneller zusammengestellt ist. Hochgerechnet führen diese vier Sekunden multipliziert mit weiteren Optimierungen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Dazu braucht es eine Menge mehr als Glück.

  12. Matthias

    schrieb am 21. Juni 2008 um 17:26 Uhr (#)

    Ok, zur genauen Beurteilung fehlen zumindest mir eine Reihe von Internas. Z.B. die Frage, welche Rolle den Gates die letzten Jahre noch spielte. Offiziell zieht er sich ja erst jetzt wirklich zurück. Vielleicht ist Ballmer als Salesprofi, der sich immernoch in den Flieger setzt, wenn es irgendwo einen großen Deal zu closen gibt, nicht der optimale Mann für Produktentscheidungen bei Vista. Aber vielleicht waren das intern eh andere Leute die da Entscheidungen fällen. Muss Ballmer natürlich formal verantworten, klar.

    Aber wenn wir vom formalen weggehen: Vista ist neben allen technischen Unzulänglichkeiten doch auch deshalb ein Flop, weil Betriebssysteme nicht mehr so wichtig sind, einfach weil das bestehende System einen Reifegrad erreicht hat, mit dem man prima arbeiten kann. Ich zumindest kann mit XP prima leben, ein neues System müsste schon ganz enorme Verbesserungen anbieten (bei völliger Kompatibilität zu allen bisherigen Programmen), damit ich auch nur über einen Wechsel nachdenken würde. Könnte ja noch anderen so gehen. Und Abwärtskompatibilität + totale Revolution könnte vielleicht ein Projekt der Sorte “Quadratur des Kreises” sein. All diese Effekte spielen da doch auch mit rein, und das an einer Person dann festzumachen, finde ich ein bisschen unfair.

    Und natürlich ist die Internetstrategie von Microsoft rückblickend ein Desaster. Aber im Laufe der Jahre waren es doch zumindest nachvollziehbare Entscheidungen. Lange Zeit haben sie das Internet als neues Geschäftsfeld gesehen, in dem sie ein bisschen rumprobiert haben. Die Strategie, erstmal abzuwarten und zu beobachten, mit was man in einem neuen Markt gutes Geld verdienen kann, um es dann selber besser zu machen, ist doch für einen Konzern mit der Power von Microsoft doch nachvollziehbar. Daß in diesem neuen Markt innerhalb kürzester Zeit nun ein Unternehmen rasend entwickelt hat, das praktisch alles richtig und nichts falsch macht, und als Wettbewerber sicher ein Alptraum ist…. ja mei, kann man es denn riechen, wie oft passiert denn sowas. Wenn es statt Google noch drei Spieler in diesem Markt gäbe die so gruselig geführt würden wie Yahoo, hätte MS diesen Markt längst komplett unter Kontrolle. Ist halt auch dumm gelaufen.

    Und es ist ja auch nicht so, daß seit Google Docs die Umsätze mit Office zusammengebrochen sind. Bevor das nun wirklich eine solche Bedrohung wird, haben sie doch noch Zeit.

    Vergleiche das doch mal mit dem Management in der Musikbranche, die erstmal jahrelang zuschauen, wie das Internet ihr komplettes Geschäftsmodell obsolet macht, die zuschauen wie die Umsätze absaufen, dann die Distributionskontrolle über den Markt an einen Markteindringling (Apple) abgeben, um jetzt blöd aus der Wäsche zu schauen weil sie weder in den neuen noch in den alten Distributionskanälen noch was verdienen. Also das ist doch nochmal ne ganz andere Liga von Fehlern und auch Lethargie (um Begriffe wie Dummheit und Ignoranz zu vermeiden).

    Oder bin ich da zu nett zu MS und zu kritisch mit der Medienbranche (Musik, Filme, Verlage)? Wenn man ein Ranking machen würde, wer sich wie unfähig mit der Disruption durch das Internet auf sein Unternehmen anstellt, steht für mich MS zumindest nicht ganz oben.

    siehst du anders?

  13. Daniel Niklaus

    schrieb am 21. Juni 2008 um 17:29 Uhr (#)

    ähhh, ich fand Windows XP immer blöd und stieg von W2K direkt auf Vista um. Finde Vista cool.

    duck und weg

  14. Matthias

    schrieb am 21. Juni 2008 um 20:18 Uhr (#)

    @Daniel: Ich bin völlig bei dir in Sachen Dell. Der Ansatz, Prozentwerte für Können, Glück etc. zu vergeben, führt in die falsche Richtung. Mein Punkt war: für Erfolg in solchen Größenordnungen brauchst du Strategie, Können *und* Glück (=erwünschter Zufall, nichts esoterisches) - also auf keinen Fall geht es um entweder/oder.

    Beispiel Google: Die Idee, nur Textanzeigen auf der Suchmaschine zuzulassen, und die per Auktionsverfahren zu verkaufen, war sicher genial (obwohl die Idee soweit ich erinnere nicht ganz neu war, Goto.com hatte das schon). Aber die Umsetzung war natürlich unglaublich perfekt. Und das Produkt auf dem sie zum Einsatz kamen war auch fantastisch.

    Nur: dass sich damit der weltweite Internet-Werbemarkt umkrempeln und dominieren läßt, also das konnte man nicht vorhersehen. Sergej und Brian saßen sicher nicht im Studentenwohnheim und überlegten sich: ok wir machen ne Suchmaschine mit Textanzeigen, und damit dominieren wir in 6 Jahren einen 20 Milliarden Dollar Markt und werden der lebende Albtraum für Microsoft. Solche Stories kann man vielleicht im nachhinein ahnungslosen Journalisten verkaufen (”schon in der Schule habe ich mich über Microsoft geärgert, da dachte ich mir, na warte…”).

    Sondern 1000ende von externen Faktoren haben auch noch eine Rolle gespielt. Das schmälert aber *nicht im geringsten* die ganz außergewöhnliche Leistung von Google! Fast alles nach menschlichem Ermessen richtig zu machen ist sozusagen nur die selbstverständliche Vorraussetzung, aber dann muß noch ne Menge zusätzlich passieren.

    Und umgekehrt: Ich weiß nicht ob der Strategieklassiker “Wettbewerbsstrategie” von Michael E. Porter heute noch aktuell ist - vermutlich wird Andreas die Nase rümpfen. Aber als ich studiert habe war ers noch. Ich erinnere mich da an die Technologie-Strategie “Leapfrogging” - Märkte dominieren durch Innovationssprung (Problem: dein Wettbewerber ist Marktführer Kasettenrekorder. Lösung: du kümmerst dich nicht darum bessere Kassettenrekorder zu machen, sondern pumpst dein Entwicklungsbudget auf um den CD-Spieler zu erfinden, und überschwemmst den Markt dann mit den Dingern schnell zu überschwemmen, Mitbewerber kann seine Produktion gar nicht so schnell umstellen, —> gewonnen…).

    Wer hätte denn vor 10 Jahren folgendes gedacht: In einem extrem wichtigen neuen IT-Segment (Internetsuche) und extrem lukrativen Markt ist MS mit seinen ganzen Möglichkeiten was Forschung und Entwicklung angeht, nicht in der Lage, ein Startup (!!!! wir reden ja nicht von einem wiedererstarkten IBM oder so) technologisch aus dem Markt zu schlagen mit einer Leapfrogging-Strategie.

    Das kann man aus Sicht von MS doch getrost als - aus damaliger Sicht (!) - eher unwahrscheinliches Worst-Case-Szenario bezeichnen.

    Jetzt rückwirkend ist es natürlich jedem klar. aber damals?

  15. Daniel Niklaus

    schrieb am 21. Juni 2008 um 20:36 Uhr (#)

    Harte Fakten ist ein absoluter Lesetipp.

    Porter hat heute immer noch Gültigkeit. Aus meiner Sicht ist die Strategie; wo du den Hebel ansetzt. Das Können ist kontinuierliches “wippen” und den Hebel optimieren. Dabei ist wichtig zu sehen, dass brillante Strategieentscheide oft “innovative” Ansätze sind, für die die Zeit gekommen ist. Und vielfach helfen die Mitbewerber mit.

    Nehmen wir Google. Die beiden Jungs wollten ihre Suchmaschine zuerst Yahoo! und Altavista verkaufen. Beiden hatten aber keine Lust. Altavista fehlte z.B. die Zeit, weil sie gerade mit den Spaniern beschäftigt waren…und sie glaubten, dass sie ein Portal wie Yahoo! werden müssen. Erst diese Situation ermöglichte Google den Gedanken zur eigenen Suchmaschine.

    Alleine hätten sie das Teil wohl in den Sand gesetzt, aber mit Sequoia Capital hatten sie die richtigen Partner und dazu war die Zeit reif. Denn erst 2000 startete der grosse Besucherandrang ins Internet und google war mit seiner einfachen Suche zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

  16. Matthias

    schrieb am 21. Juni 2008 um 21:13 Uhr (#)

    @daniel: 100% d´accord.

    danke für den lesetipp, gebookmarkt. lese gerade noch dieses buch

    http://www.amazon.de/Entstehung-Wohlstands-Evolution-Wirtschaft-antreibt/dp/3636030868/ref=pd_rhf_p_t_4

    war ein tipp von andreas, kann ich unbedingt weitergeben, hervorragende zusammenfassung des aktuellen stands ökonomischer forschung, super geschrieben (…für ein akademisches buch, also es liest sich nicht eben schnell weg, aber lohnt, bin total begeistert).

    und wegen sequoia:

    http://www.omnisio.com/startupschool08/greg-mcadoo-partner-at-sequoia-capital-talks-at-startup-school-08

    prima vortrag eines sequoia-partners, um zu verstehen wie die jungs ticken. das was ich als glück bezeichnet habe, ist für die “die welle”. kalifornier halt, die habens mit dem surfen ;)


1 Trackback

  1. Blogistan Panoptikum KW23 2008 auf datenschmutz.net
    (15. Juni 2008 19:46)

Einen Kommentar schreiben

Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.

 
blogoscoop slug