FreundeFeed:
mit Copycat-Strategie zu Aufmerksamkeit

FreundeFeedVincent Nicolai setzt für die Bekanntmachung seines Projektes FreundeFeed, einer Nachahmung des populären Lifestreaming-Aggregators FriendFeed, auf eine sehr kontroverse Strategie: Er wählte nicht nur einen Namen, der sich zu dem des US-Vorbilds nur im Übersetzen von “Friend” zu “Freund” unterscheidet, sondern präsentierte auch gleich ein Logo, das wie eine 1:1-Kopie von FriendFeed aussieht. Nicolai entschied sich für den Weg der negativen PR mit dem Ziel, dadurch für genügend Aufmerksamkeit zu sorgen, um nach dem offiziellen Start des Dienstes sofort mit vielen Anwendern und Beobachtern durchstarten zu können. Ob die Rechnung langfristig aufgeht und potenzielle Nutzer über den Copycat-Makel hinwegsehen können, ist noch nicht abzusehen. Sein erstes Ziel hat der junge Unternehmer jedoch schon erreicht: Gestern berichtete TechCrunch, weltweit größtes Web-2.0- und Tech-Blog sowie treuer FriendFeed-Anhänger, über FreundeFeed und echauffierte sich erwartungsgemäß über die Imitation.

Bereits vor einigen Tagen stieß ich bei MoMB auf FreundeFeed. Ich erkundigte mich sofort bei Vincent Nicolai, ob er es ernst meine. Dies bejahte er. Seiner Aussage nach soll die Seite, auf der man momentan lediglich seine E-Mail-Adresse für den Beta-Test hinterlassen kann, in drei bis vier Wochen online gehen. Weiter verriet er, dass FreundeFeed nicht zwangsläufig der finale Name sein muss, er habe einige Alternativen. Wie und ob das gestrige TechCrunch-Posting und die zahlreichen zu erwarteten Folgebeiträge in der Blogosphäre die Namenswahl beeinflussen werden, weiß ich nicht. Zumindest was das Logo betrifft, hat Nicolai aber offenbar kalte Füße bekommen und die an FriendFeed-angelehnte Version von der Seite entfernt.

Nicolai will sich mit FreundeFeed vor allem auf deutsche Services konzentrieren. Da bisher nur wenige Dienste aus Deutschland die für den externen Zugriffe notwendigen Schnittstellen (API) anbieten, möchte er mit ausgewählten Anbieter kooperieren, um auf deren Daten zugreifen zu können. Weiterhin hat er vor, das bei FriendFeed auftretende verzögerte Anzeigen von Aktivitäten zu eliminieren und auch Inhalte von Facebook zu aggregieren. Das Social Network wird vom US-Dienst FriendFeed bisher aus Mangel an einer entsprechenden Schnittstelle nicht unterstützt. Wie der FreundeFeed-Entwickler die Integration bewerkstelligen will und was Facebook davon halten wird, bleibt abzuwarten. Langfristig soll FreundeFeed auch eine eigene Entwicklerschnittstelle erhalten.

Copycat-Begriff bildlich dargestellt von All You Can Feed (Fotos: Hannibal Poenaru & Dan Perry)

Während das Imitieren des Namens und Logos unabhängig vom Marketing-Effekt ein sehr fragwürdiges Vorgehen ist, kann man dem Gründer aus seinem Vorhaben, einen deutsche Lifestreaming-Service auf die Beine stellen zu wollen, keinen Strick drehen. Das Netz ist nun mal global. Auch wenn man von den innovativen Silicon-Valley-Startups nicht erwarten kann, zum Launch bereits die fünf oder zehn wichtigsten Sprachen der Welt in ihr Angebot integriert zu haben, so ist die lokale und sprachliche Anpassung in anderen Ländern die unweigerliche Konsequenz. Am Ende entscheiden die User über den Erfolg oder Misserfolg einer Copycat. Das Beispiel der von den Nutzern links liegen gelassenen Twitter-Klone macht deutlich, dass das Kopieren eines bestehenden Konzeptes allein nicht ausreicht, um sich durchzusetzen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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21 Kommentare

  1. Aaron
    schrieb am 19. April 2008 um 14:43 Uhr (#)

    …auch gleich ein Logo, DAS wie eine 1:1-Kopie von…
    kleiner fehler;)

    1. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
      schrieb am 19. April 2008 um 14:57 Uhr (#)

      Danke ;)

    2. HG Hinz
      schrieb am 19. April 2008 um 22:39 Uhr (#)

      nee, kein kleiner Fehler: ein dreister Diebstahl!

  2. Jan S.
    schrieb am 19. April 2008 um 14:54 Uhr (#)

    Einen Twitter-Klon und einen Friendfeed-Klon kann man auch nicht vergleichen. Twitter-Klone bringen keinen Mehrwert für die Nutzer, sodass die Twitter-Nutzenden lieber beim größeren originalen Netzwerk bleiben.
    Während die Kopie von Friendfeed, wie Du bereits gesagt hast, Sinn macht, da deutschsprachige Feeds aggregiert werden können und dies für den Einen oder Anderen nützlich sein kann.

    Ist aber eher die chinesische Art sich als Follower komplett auf das Marketing des First-Movers zu verlassen und einfach flach die Logos zu kopieren. Schade.

  3. Simon Columbus
    schrieb am 19. April 2008 um 16:19 Uhr (#)

    @ Jan S.

    Wer eine deutschsprachige Version von FriendFeed braucht, soll doch gleich zum guten und schon länger existierenden soup gehen. Die Seite ist der Grund, warum ich mich bei dem SXSW-Hype um Friendfeed ziemlich gewundert habe – soup kannte ich schon vorher und keiner wurde verrückt darüber.

    1. Johannes Kleske
      schrieb am 20. April 2008 um 09:38 Uhr (#)

      Dann solltest du dir aber FriendFeed noch mal genauer ansehen. Die entscheidenden Features sind Kommentare und Filter. Und die bietet soup nicht, soweit ich das sehen kann.

  4. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. April 2008 um 17:54 Uhr (#)

    Wo siehst du Parallelen zwischen Soup und FriendFeed? Soup ist ein Tumblog ähnlich wie Tumblr, aber hat mit Lifestreaming à la FriendFeed wenig zu tun.

    1. Jan S.
      schrieb am 19. April 2008 um 17:57 Uhr (#)

      yap!

  5. Jan S.
    schrieb am 19. April 2008 um 17:56 Uhr (#)

    Soup ist mir zwar noch nicht bekannt gewesen, aber der kurze Einblick den ich mir gerade einholte zeigte mir bereits, dass keine Anpassung an deutsche Dienste vorliegt. Es fehlen bswp. Yigg, Wong, etc. Und mit Friendfeed ist es glaub ich sowieso nicht zu vergleichen. Vernetzung zwischen einzelnen Usern fehlen z.B.
    Was auch einer der Gründe ist, warum Friendfeed so erfolgreich ist. Hinzu kommt die API-Öffnung, und und und…die Liebe zum Detail…

    Es ist ja auch nicht so, also ob Friendfeed die ersten gewesen wären. Bei weitem nicht. Vorher gab es schon Dienste wie Socialthing.

  6. neon
    schrieb am 19. April 2008 um 17:58 Uhr (#)

    Sorry Martin, aber solche Artikel finde ich gehören hier nicht wirklich her. Bisher hast du immer nur über Services und Sachen berichtet, die wirklich was geleistet haben oder besonders außergewöhnlich sind. FreundeFeed hat nichts dergleichen. Nur Publicity und dazu auch noch negative. Ich finde das ist keine Meldung wert.

  7. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 19. April 2008 um 18:04 Uhr (#)

    Naja was jetzt hierher gehört oder nicht, entscheidet ja der Blogger. In diesem Fall also ich ;) Ab und zu muss es auch ein wenig Gossip sein. Zudem ist der Artikel aus Marketingsicht interessant. Sieh dir einfach mal ein paar frühere Posts (Mitte oder Ende 2007) an. Man kann ja nicht jeden Tag nur tolle Services vorstellen. Die Entwicklung des Webs umfasst viele Aspekte.

  8. neon
    schrieb am 19. April 2008 um 22:31 Uhr (#)

    Klar, entscheidest du das :)
    Ich finde es nur nicht richtig so einem dreisten Kopierer dann auch noch mehr Publicity zu schenken…

    1. HG Hinz
      schrieb am 19. April 2008 um 22:45 Uhr (#)

      sorry, auch das sehe ich anders. Es geht nicht darum, dem Publicity zu schenken, sondern es geht darum, über solche Dinge zu berichten, um sie zu brandmarken.

      Ich kann nur hoffen, dass das auch juristisch bald passiert. Wer anders denkt, möge doch nur zum Spaß mal das Google- oder Microsoft-Logo leicht abgewandelt auf seiner Site als eigenes verkaufen… ;-)

  9. andy
    schrieb am 19. April 2008 um 23:23 Uhr (#)

    Ich denke, dass da juristisch nicht allzu viel passieren wird. wenn dann bekommen sie zunächst eine unterlassungsklage. aber da die jungs das logo bereits entfernt haben, wird da nichts weiter passieren …

  10. Johannes Kleske
    schrieb am 20. April 2008 um 09:42 Uhr (#)

    Ich finde es bemerkenswert, wie Nicolai glaubt, es einfach besser machen zu können (Facebook etc.) als die FriendFeed-Leute, die alle frühere Google-Angestellte (für Projekte wie GMail und Google Maps) waren und damit eine gewisse Erfahrung auf dem Gebiet mitbringen dürften.

  11. copy&paste
    schrieb am 20. April 2008 um 11:33 Uhr (#)

    Na ja ganz ehrlich ist der Typ total lächerlich. Das erinnert mich an so eine großmäulige Seite mit O ;), die sich so angepriesen hat und es kam nur dünne Luft heraus. Dieser Nicolai denkt wenn er die Idee früher hatte, dann rennen ihn die Investoren wie Holzbrink, Samwer &Co. die Türen ein. Denen sind Innovationen ja eh fremd. Aber dennoch, normalerweise haben die Unternehmen in deren Portfolio schon mehr oder weniger erfolgreich angefangen mit dem kopieren, aber ich denke das hat der nicht und das der auch gar keine Ahnung davon hat. So etwas zu programmieren ist ein wenig hoch würde ich sagen, alleine wenn man sich anschaut, wer dahinter steckt.

  12. Martin Weigert
    schrieb am 20. April 2008 um 12:04 Uhr (#)

    @ copy&paste

    Meinst du das Social Network, dessen Name mit dem Buchstaben o beginnt? ;)

    1. copy&paste
      schrieb am 20. April 2008 um 12:48 Uhr (#)

      Ja genau das mein ich Martin. Ich habe mich damals schon aufgeregt das die so viel Aufmerksamkeit in den Blogs bekommen haben. Aber na ja zur Belustigung ists ja noch ok. Witzig ist das dieses freundefeed den Techcrunch Artikel echt als Presseartikel hinstellt. Wie geil. Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Mich regt das aber wirklich auf das 9 von 10 Webunternehmen aus Deutschland nichts Eigenes auf die Beine stellen können sondern á la copy&paste schnell kopieren und hoffen damit Geld zu machen. Innovationen = Null. Dummerweise wird das von den VCs noch unterstützt. Deshalb finde ich die VC Szene in Deutschland total mies. Aber da wird sich in Zukunft leider auch nix ändern. Ich bin wirklich gespannt ob mal etwas innovatives wieder aus deutschen Landen kommt und auch dementsprechend gewürdigt wird. Das ist sicher auch so ein Problem. Denn kopieren kann Jeder aber etwas neues zu schaffen ist viel viel schwieriger. Denn eines ist klar das Deutschland im Ausland total mit c&p in Verbindung gebracht wird, weiß so gut wie Jeder. Aber Keiner würde das wortwörtlich so sagen geschweige denn etwas daran ändern.

  13. Martin Weigert
    schrieb am 20. April 2008 um 13:21 Uhr (#)

    Du sprichst das Problem richtig an: Kapital bekommen Web-Startups in Deutschland fast nur dann, wenn sie ein Geschäftsmodell haben, das sich in anderen Teilen der Welt (vorrangig den USA) bereits bewährt hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das tatsächlich immer so bleiben muss. Solange immer die gleichen Namen investieren und damit nahezu die gesamte deutsche Web-Szene vom Geld einiger weniger, tonangebender Kapitalgeber abhängig ist, wird sich sicher nichtsändern. Mit einer zunehmenden Bedeutung des Web-Geschäfts auch für traditionelle Medienanbieter rechne ich aber mit verstärkten Investitionen aus dieser Richtung. Vielleicht werden ja dann auch verstärkt Mut und neuartige Konzepte belohnt und finanziert.

  14. Mirko Riedel
    schrieb am 20. April 2008 um 17:04 Uhr (#)

    Einfach frech. Und dafür noch Publicity zu erhalten … naja.

  15. Sven
    schrieb am 20. April 2008 um 20:53 Uhr (#)

    Ein Spielkind. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

    Justmy2cents,
    Sven

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