Wie unabhängig ist die Tagesschau?

Ronnie Grob, 14. April 2008 10:58 Uhr, 9 Kommentare Kommentare

Der Medienwissenschaftler und -journalist Robin Meyer-Lucht dokumentiert in einem Video den Weg einer vom Berlin Institute eingelegten Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen die Tagesschau der ARD vom 24. April 2007.

Robin Meyer-Lucht ist kein unbekannter Medienkritiker, wie es viele Blogger sind. Nein, er schreibt für Spiegel Online, für den Perlentaucher, für die Frankfurter Rundschau, für Cicero, für brand eins. Und er ist nicht nur Medienjournalist, sondern auch Medienwissenschaftler. Das Forschungs- und Beratungsinstitut Berlin Institute, dem er vorsteht, hat nun eine audiovisuelle Rechtsaufsichtsbeschwerde gegen die Sendung Tagesschau der ARD eingelegt. Hier das Video (12:40 Minuten, auch auf YouTube, Teil 1, Teil 2):


Eine kurze Geschichte über die Unabhängigkeit from Berlin Institute on Vimeo.

Im Beitrag, den Meyer-Lucht selbst auf seinem Macbook produziert und mit Musik von Philip Glass unterlegt hat, wird minutiös aufgezeigt, wie die ARD über Themen, die sie selbst betrifft, berichtet. Konkret wird dabei die Unabhängigkeit von Tagesschau und NDR-Rundfunkrat in Frage gestellt: Der ARD werden im Beitrag verschiedene Vergehen angekreidet, unter anderem fragwürdige Übersetzungen, Einseitigkeiten, Auslassungen. Dem NDR-Rundfunkrat wird angelastet, “diese Angelegenheit augenscheinlich nicht kritisch geprüft” zu haben.

Wie unabhängig ist denn das Berlin Institute? Es bietet sich an als “Forschungs- und Beratungsinstitut für Strategien im digitalen Medienwandel” (macht also was ähnliches wie medienlese.com, nur nach Auftrag). Eigenen Angaben gemäss ist es “den Prinzipien höchster Excellenz, wissenschaftlicher Unabhängigkeit und größtmöglicher Transparenz verpflichtet”.

Interessant ist das Vorbild der audiovisuellen Beschwerde. Vorbild ist nämlich das zurzeit auf YouTube genau 789.808 mal angesehene Video von Matthias Dittmeyer, das sich kritisch mit der Berichterstattung von ARD, ZDF und WDR über “Killerspiele” auseinandersetzt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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9 Kommentare

  1. Torsten
    schrieb am 14. April 2008 um 11:11 Uhr (#)

    Ich habe mir 5 Minuten davon gegeben. Dafür, dass der Beschwerdeführer Neutralität einfordert, ist er selbst nicht sehr neutral. Dass die Tagesschau in erster Linie über die Einigung berichtet, ist IMHO legitim.

    Ob im weiteren journalistische Standards grob verletzt wurden, bleibt außen vor. Ich werde den Nichtigkeiten und iMovie-Effekten keine 15 Minuten widmen.

  2. Klaus Jarchow
    schrieb am 14. April 2008 um 14:52 Uhr (#)

    Wenn wir uns das Berlin Institute und seine Selbstdarstellung mal reinziehen, dann erfahren wir folgendes:

    Es arbeitet “für führende Medienunternehmen im deutschsprachigen Raum”, mit anderen Worten, wohl für die großen privatwirtschaftlich organisierten Konglomerate à la Springer, Bauer, Burda, Kirch & Co., denn die ‘Öffentlich-Rechtlichen’ sind – juristisch gesehen – gar keine ‘Unternehmen’ sondern ‘öff.-rechtl. Rundfunkanstalten’, also ‘unabhängige Behörden’ quasi, im Gegensatz zu ‘Staatssendern’, der dritten möglichen Organisationsform, wo dann das blanke Staatsinteresse aus allen Kanälen tropft.

    Für diese privaten Auftraggeber, natürlich natürliche Konkurrenten der ÖR, erledigt das Institut folgendes: “Das Berlin Institute beteiligt sich mit Studien, wissenschaftlichen Aufsätzen und journalistischen Texten am gesellschaftlichen Diskurs über den Strukturwandel der zunehmend digitalen Medienöffentlichkeit”.

    Kurzum – ein PR-Unternehmen, das notwendigerweise auf jenem Auge blind ist, wo die Konkurrenz noch was sieht – und umgekehrt. Wechselseitig hauen sie sich mit Hilfe selbst erdichteter Medien auf die verbliebene Pupille. Manchmal eben auch mit Filmchen. Auf jeden Fall sehen beide Seiten oft Sterne, wie das so ist, wenn man was auf die Pupille bekommt …

  3. Matthias
    schrieb am 14. April 2008 um 15:11 Uhr (#)

    Die Kritik von Meyer-Lucht ist sicher berechtigt und gut recherchiert. Warum er aber dafür fast 13 Minuten Filmlänge braucht, kann ich nicht ganz verstehen.

    Etwas kürzer, wäre besser gewesen. Zumal er mit dieser Abspieldauer die virale Verbreitung des Videos nicht gerade fördern dürfte: Gängig sind die typischen 5 Minuten von YouTube, auf die sich seine Kernbotschaft durchaus hätte reduzieren lassen.

  4. Hufi
    schrieb am 14. April 2008 um 15:40 Uhr (#)

    @ Klaus: So einfach kann man es sich aber denn auch nicht machen. Denn formal korrekt ist dies sicher auch nicht. Meyer-Lucht arbeitet auch für die Friedrich-Ebert-Stiftung (und was sind Stiftungen?). Es spielt doch auch nicht unbedingt eine Rolle, für wenn wer arbeitet, sondern was er arbeitet und ob dies inhaltlich korrekt ist oder nicht.

    Es ist eher die Frage, ob das eine oder andere Beispiel dafür genügt, zu sagen, hier laufe etwas nicht richtig. So wie es Meyer-Lucht darstellt, sehe ich keine Unausgewogenheit. Ob dadurch der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Ganzen zu kritisieren sei, scheint mir damit längst nicht ausgemacht. Dass es bei alledem auf der “alternativen” Seite eben keine “Alternative” gibt, wird natürlich auch nicht gesagt. Muss man aber auch nicht.

    In diesem Fall, und wohl auch in anderen Fällen, tut der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht, was er sollte. Das zeigen beispielsweise Bürgerinitiativen wie “Das GANZE Werk”.

  5. Torsten
    schrieb am 14. April 2008 um 16:02 Uhr (#)

    Stefan Niggemeier hat das Video auseinandergenommen. Kurz gesagt: Nicht nur die ARD, sondern alle Nachrichtenagenturen haben sich offenbar verschworen, um die Beihilfe-Entscheidung verfälscht darzustellen.

    http://stefan-niggemeier.…ling-for-tagesschau/

  6. Klaus Jarchow
    schrieb am 14. April 2008 um 17:01 Uhr (#)

    @ Hufi: Mein Einwurf war keine Parteinahme. Er hatte eher den Tenor: Gebrauchtwagenhändler hier, Gebrauchtwagenhändler da …

    Die Friedrich-Ebert-Stiftung ist die Parteistiftung der SPD. Was soll das beweisen? Der Streit zwischen der EU-Kommission und Deutschlands Privatverlegern ist doch keine Sache der Parteipolitik.

  7. Hufi
    schrieb am 14. April 2008 um 18:50 Uhr (#)

    Jaja, Klaus. Obwohl die Sache mit den Gebrauchtwagenhändlern seit Fest, Grass und Speer einen etwas seltsamen Beiklang hat.

    Nein, Klaus, es ging nur um die Reduktion der Tätigkeit des Filmemachers auf die Arbeit “für Unternehmen”, die du ihm eingeräumt hast. Die Ebert-Stiftung ist keines, die FR ist eines (möglicherweise durchaus auch zu ‘objektiver’ Berichterstattung fähig etc.).

    Der Wind weht verschiedentlich den Menschen in die Nase. Es geht wieder nur um Ausgewogenheit, auch wenn man die nicht immer aufbringen will – was ich zu allerletzt bemängeln wollen würde.

  8. Francois
    schrieb am 15. April 2008 um 09:30 Uhr (#)

    Ich glaube, das es so etwas wie Neutralität nicht gibt. Jeder hat seine Favoriten, und die läßt er das auch spüren.

  9. dummyblogger
    schrieb am 15. April 2008 um 17:28 Uhr (#)

    Dieses umständliche Wichtigtuer- und Weltuntergangs-Filmchen ist ein Witz. Bei Knüwer hat es dazu eine angenehm zutreffende Kommentarflut gegeben, wie ich sehe.

    Gegen Hysteriker.

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