Worum dreht sich der Hype um die semantische Suche von Yahoo eigentlich genau?
Die Ankündigung von Yahoo, in Kürze semantische Inhalte in den Ergebnissen ihrer Suche aufzubereiten, hat in den englischsprachigen A-Blogs wahrlich eine kleine Welle von Euphoriestürmen ausgelöst. TechCrunch etwa sprach davon, dass man nun davon ausgehen könne, dass sich das Web jetzt in Windeseile selbst organisieren werde. ReadWriteWeb krönte die Nerds und sah sich in seiner Prognose bestätigt, dass 2008 das Jahr des semantischen Webs werde. Aber rechtfertigt die Ankündigung von Yahoo wirklich eine derartige Welle der Begeisterung?
Tatsächlich könnte die Unterstützung von semantischen Formaten durch die großen Suchmaschinenanbieter der entscheidende Anstoß sein, der den Stein ins Rollen bringt und das Thema semantische Web endgültig massenkompatibel macht. Derzeit mangelt es einfach noch an einer wirklichen Killer-Applikation, welche die wahren Vorteile der neuen Technologie aufzeigt. Das ist auch der Grund, warum die Anwendung von semantischen Web-Standards wie RDF derzeit noch mehr als verhalten erfolgt, von einigen wenigen Idealisten und technologischen Vorreitern mal abgesehen. Das klassische Henne-Ei-Problem eben.
Eine Vielzahl an Blogs sah durch die Ankündigung Yahoos nun ein Licht am Ende dieses Tunnels schimmern. Doch bisher wurde neben einem Bekenntnis von Yahoo hin zu mehr Offenheit kaum mehr als ein kleiner Ausschnitt eines Suchergebnisses präsentiert, in dem die Linked-In-Daten des Produkt-Management-Leiters von Yahoo aufbereitet dargestellt wurden. Ein paar Screenshots (siehe hier und hier) und eine Handvoll Ankündigungen reichen in meinen Augen allerdings kaum aus, solche Vorschusslorbeeren zu rechtfertigen. Vielleicht stellt sich die ganze Initiative ja letztendlich doch nur als große Luft- und PR-Nummer seitens Yahoo heraus.
Betrachtet man nämlich die derzeitigen Experimente von Yahoo in Punkto semantische Suche, so sieht man schnell, dass schon eine gehörige Portion guter Willen nötig ist, um einen praktischen Nutzen darin erkennen zu können. Ich würde es zwar sehr begrüßen, falls dem nicht so wäre, aber ich wage es zu bezweifeln, dass Yahoo plötzlich das Kaninchen in Form einer universellen Semantic-Überanwendung aus dem Hut zaubern kann, an der bisher alle gescheitert sind. (Noch eine ebenfalls etwas experimentelle Microformats-Suchmschine hat zum Beispiel Technorati in seiner Küche zusammengebraut).
Dass die Einbindung von den relativ einfach gehaltenen “lower case semantic web”-Formaten wie Microformats & Co nicht so trivial ist, wie es scheint, lässt sich mit nur einem Wort begründen: Spam. Das es keine gute Strategie ist, auf die Ehrlichkeit der Webmaster bei der Beschreibung ihrer Inhalte zu vertrauen, sollte spätestens seit der Einführung der Meta-Tags hinlänglich bekannt sein. Zwar stellt die Bekämpfung von Netz-Müll seit je her eines der Kernpunkte in der Forschung und Entwicklung jedes Suchmaschinenbetreibers dar (zumindest sollte es das tun), dennoch könnte die Unterstützung von semantischen Daten durch Suchmaschinen eine ungeahnte Spam-Lawine auslösen.
Spätestens nämlich wenn bekannt wird, dass die Verwendung von semantischen Formaten einen Einfluss auf das Ranking haben könnte, ist eine explosionsartige Verbreitung wohl tatsächlich kaum noch zu verhindern. Spammer und unseriöse Suchmaschinenoptimierer werden massenhaft von den neuen Möglichkeiten Gebrauch machen und ihre Geschäftsfelder um “Semantic Web Optimization” erweitern. Ob dies dann unbedingt einen positiven Einfluss auf die Qualität der Daten haben wird, lasse ich mal dahin gestellt sein. Wenn die Bemühungen Yahoos nur dazu führen, dass die Suchergebnisse zwar schön formatiert ausgegeben werden, letztendlich aber doch nur nutzloser Müll sind, könnte die ganze Anstrengung schnell wieder im Nichts verpuffen.
Eine weitere geäußerte Spekulation war, dass Yahoo mit der neuen Suche wieder die technologische Vorherrschaft unter den Suchmaschinen übernehmen und dem Erzrivalen Google im “Suchmaschinenkrieg” endlich eins auswischen könne. Tatsächlich konnte Yahoo in letzter Zeit durch eine Vielzahl an Innovationen überzeugen, dennoch ist es wohl ziemlich naiv zu glauben, dass Google sich nicht ebenfalls schon längst mit semantischen Formaten auseinander setzt. Spätestens seit der Social Graph API ist klar, dass auch der Suchmaschinenprimus ein Auge auf die neuen Technologien geworfen hat. Die neue semantische Suche von Yahoo deshalb als den potentiellen Google-Killer hinzustellen halte ich zum derzeitigen Zeitpunkt deshalb für überzogen.
Wer die Artikel der “Semantisches Web”-Reihe auf zweinull.cc gelesen hat, der weiß, dass ich an sich ein großer Befürworter der Idee des strukturierten Webs bin. Und es ist langsam wirklich an der Zeit, dass die ersten durch eine breite Masse nutzbaren Anwendungen auf den Markt kommen, um die weitere Verbreitung zu forcieren. Dies sollte aber nicht dazu veranlassen, jeden sofort mit Lorbeeren zu überhäufen, der nur die Worte semantic und web in den Mund nimmt. Natürlich ist es schwierig bis unmöglich, über eine Anwendung zu spekulieren, von denen die wenigsten (einschließlich mir) bisher mehr gesehen haben als die oben verlinkten Screenshots. Ich möchte selbstverständlich auch nicht sagen, dass die semantische Suche von Yahoo nicht tatsächlich einen Meilenstein in der Entwicklung des Webs darstellen könnte, aber Yahoo wird ganz einfach erst mal beweisen müssen, dass die neue Suche tatsächlich in der Lage ist, dem semantischen Web endgültig zu seinem Durchbruch zu verhelfen.
Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.
» Mehr lesen: semantisches web (9), Yahoo! (12)
» Nächster Artikel: Was kommt nach der Online-Werbung?
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7 Kommentare zu diesem Artikel
1 Trackback
- Yahoo verbessert oneSearch zur mobilen Internetsuche auf dem handy | Wuensch-Media.de
(3. April 2008 23:30)
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Lars
Hallo,
du hast ja in deiner dreiteiligen Semantic Web Serie gesagt, dass du dich für das neue Web sehr interessierst. Hab jetzt im Web eine Dissertation (Dr. Arbeit) gefunden, die sich mit dem Thema intensiv auseinandersetzt. Hier der Link.
Michael Osl
Hi Lars, vielen Dank für den interessanten Link :)
Lars
Da ich mich selbst dafür sehr interessiere, hab ich das gern gemacht! :)
J. Schmidt
Hallo,
in der Diskussion zum SemWeb wird meist nicht beachtet, dass mit ISO/IEC 13250 Topic Maps eine weitere semantische Technologie existiert, die zudem einige Ähnlichkeiten zum RDF aufweist. http://fuzzzy.com ist ein Bsp. für eine Anwendung auf Basis von Topic Maps. “Fuzzzy is a revolutionary social bookmarking system. The system is developed as a Web 2.0 organic ontology collaborative socio-semantic polyscopic web research project at the University of Oslo. :) Still fuzzy? Ok, it’s a place for you to store links to your favorite websites!” (http://fuzzzy.com/info/about/). Gerade deshalb ist Fuzzzy nicht nur ein weiterer Bookmark-Service. Bzgl. Interoperabilität RDF-Topic Maps: http://www.w3.org/TR/rdftm-survey/
Mirko Riedel
Michael, schön mal wieder was von Dir zu lesen. Sauber geschriebener Artikel!
Michael Osl
Danke, Mirko :)
Tadeusz Szewczyk
Oh Mann, dass ich hier auch noch das absolut unnötige und unreflektierte Suchmaschinenoptimierer-Bashing lesen werde hätte ich nicht gedacht. Haben Sie die letzten Jahre des Webs verschlafen Herr Osl? Verwechseln Sie auch sonst Dinge? Lassen Sie Ihren Frust bitte nicht an einer ganzen Branche aus von der Sie offensichtlich keine Ahnung haben.