Suite 101:
Friedhof für Freie

Themen finden, Themen verkaufen, das passende Medium finden: Als freier Journalist hat man`s nicht immer leicht. Hier setzt Suite 101 an, der deutsche Ableger des kanadischen Online-Magazins. Geld gibt es auch – nur nicht pro Text, sondern pro Klick.

Im Gegensatz zu aktuellen News-Portalen setzt Suite 101 auf zeitlose Hintergrundberichte. Bilderstrecken oder Bewegtbild sucht man vergeblich. Suite101.com-Media-Präsident Peter Berger sieht das Magazin in der Nische zwischen den rein redaktionell getriebenen Nachrichtenportalen und Blogs. Suite 101 bietet Artikel zu Sachthemen, die von Journalisten oder anderen Experten verfasst werden. Aktuell schreiben rund 140 Freie für Suite 101.

Das Unternehmen war bisher in den USA und Kanada aktiv. Dort erreicht die Seite laut Eigenangaben monatlich 4,5 Millionen Klicks. Wirtschaftlich erfolgreich war das Projekt anfangs wohl weniger. In der Zeit der ersten Dot.com-Blase war es an der Börse notiert, später wurde es von Finanzinvestoren übernommen.

Nach Berichten von Nutzern zahlt suite101 pro 1.000 Klicks zwischen 1,50 Dollar und 4 Dollar. Das hieße: Selbst die am besten besuchte Seite von suite101.com (Thema: Kinder und Geburt) mit rund 53.000 Visits führt zu einer Einnahme zwischen 80 und 212 Dollar, umgerechnet also zwischen 52 bis 138 Euro monatlich. Das Unternehmen erhält außerdem für ein Jahr die Exklusivrechte an den Artikeln. Kein Kommentar.

Der Deutsche Journalisten-Verband spricht sich klar gegen diese Art von Honorarmodell aus. Grund: Für Freie ist solch eine sprunghafte Gewinnbeteiligung betriebswirtschaflich nicht kalkulierbar. Suite-101-Media-Präsident Peter Berger hält dagegen: “Unser Angebot ist geradezu revolutionär für Autoren”. Laut einer Horizont-Mitteilung verdienen die besten Autoren auf der englischsprachigen Seite, die monatlich bis zu sieben Millionen Leser erreicht, bis zu 1000 Dollar im Monat. Nun stellt sich nur die Frage, wie aus 3,1 Millionen Unique-Visitors für die gesamte Seite die sieben Millionen Leser für Babynahrung werden.

Burda Digital Ventures hält seit 2006 eine “signifikante Minderheit” im zweistelligen Prozent-Bereich an Suite101.com Media in Vancouver. Das Unternehmen schreibt schwarze Zahlen. Kein Wunder.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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8 Kommentare

  1. Martin Rath
    schrieb am 8. März 2008 um 11:11 Uhr (#)

    …53.000 Visits im Monat…
    Bin beim ersten Lesen darüber gestolpert, wie aus 53.000 pro Jahr? pro Tag? pro Woche? das monatliche Taschengeld wird.
    War gestern aber auch spät ;-)

  2. Ugugu
    schrieb am 8. März 2008 um 12:05 Uhr (#)

    Wenn jemand die Worte “revolutionär” im Zusammenhang mit Bezahlung oder einem Geschäftsmodell für Autoren im Munde führt, läuten bei mir automatisch die Alarmglocken.

  3. Dirk Westphal
    schrieb am 8. März 2008 um 14:37 Uhr (#)

    “Nun stellt sich nur die Frage, wie aus 3,1 Millionen Unique-Visitors für die gesamte Seite die sieben Millionen Leser für Babynahrung werden.”

    Eigentlich stellt sich eine andere Frage. Nämlich die, ob die hier genannten Zahlen und ausgeführten Berechnungen überhaupt korrekt sind. Sie sind es nicht.

    Hätte sich der Autor dieses Beitrags die Mühe gemacht, doch einmal direkt bei Suite101 nachzufragen (von mir aus: uns zur Rede zu stellen), so hätte er nicht maßgeblich auf einen, hier nicht verlinkten Beitrag Bezug nehmen müssen, dessen Autor jene Mühe ebenfalls konsequent gescheut hat.

    Vielleicht – nein: ganz sicher – hätte dies wiederum dazu geführt, einige “Missverständnisse”, wilde Spekulationen, falsche Schlussfolgerungen, unsinnige Kalkulationen und womöglich vorschnelle Urteile zu vermeiden. Das soll nicht heißen, dass wir danach kritiklose Begeisterung erwartet hätten. Aber gar nicht so selten ist die Kenntnis von Fakten ja doch recht hilfreich.

    Im Einzelnen:
    Unsere englischsprachige Version Suite101.com erreicht momentan etwa 7 Millionen Visits im Monat – mal mehr, mal weniger, wobei die grundsätzliche Tendenz deutlich nach oben weist. Das impliziert logischerweise sehr viel mehr Page Views. Diese Page Views wiederum sind wesentlich bedeutsamer für die Umsätze der Autoren. Wenn also in jenen Beiträgen sogenannte “Klicks” als Berechnungsgrundlage verwendet werden, diese sich aber als Visits entpuppen – dem notorisch unzuverlässigen Quantcast entnommen, das zudem nur US-Visits zählt – dann hat jedwede Berechnung schon einmal einen Kardinalfehler.

    Und der zweite folgt sogleich. Während im Beitrag, auf den hier – ohne Verlinkung – Bezug genommen wird, noch “Southern Cuisine” als am besten besuchte Seite gehandelt wird (mit 2,5 % aller “Klicks”), so sei es nun “Kinder & Geburt” – eigentlich ja, aber dies nur am Rande, “Schwangerschaft & Geburt” – mit 1,6 % aller Klicks. Wohingegen die vor kurzer Zeit noch so ungemein beliebte Küche der Südstaaten laut Quantcast plötzlich nicht mal mehr in den Top 10 zu finden sei. Man kann daraus natürlich schließen, dass die Beliebtheit der Suite101.com-Rubriken innerhalb kurzer Zeit erheblich schwankt. Man könnte aber auch erkennen, dass Quantcast-Zahlen eben mit größter Vorsicht zu genießen sind. (Nur zu Info: Keine der beiden genannten Rubrik-Seiten ist die am häufigsten aufgerufene.)

    Auch den dritten Fehler hätte man mit einer Mail oder einem Anruf vermeiden können: Es ist für Suite101-Autoren nämlich völlig irrelevant, welche Rubrik-Seite die meisten Leser hat. Das spielt für die Honorare, die sie erzielen, überhaupt keine Rolle. Unsere Autoren schreiben Sachtexte, diese Texte haben Leser, diese Leser generieren Werbeumsätze, daran werden Autoren beteiligt. Die Rubrik-Seiten sind dabei belanglos – und ganz sicher ein falscher Faktor in jedweder Berechnung.

    Natürlich kann man Werte errechnen, wieviel Honorar Suite101.com-Autoren für 1.000 Page Views (nicht “Klicks”) durchschnittlich erzielen.
    Nach Berichten von Nutzern lägen diese also zwischen 1.50 und 4 Dollar. Ich möchte schon darauf hinweisen, dass hier – bzw. in dem nicht verlinkten anderen Beitrag – auf den Bericht einer (!) zufriedenen Suite101-Autorin Bezug genommen wird, welche die Durchschnittswerte von insgesamt zwei (!) Autoren nennt. Soviel zur statistischen Aussagekraft.
    Aber egal: Bei Suite101.com liegen sicherlich etliche der etwa 800 Autoren in jener Spanne – einige wenige bestimmt auch darunter, gerade am Anfang, und gar nicht so wenige sehr deutlich darüber. Gerade für den einzelnen Autoren hat ein allgemeiner Durchschnittswert ungefähr soviel Aussagekraft wie die Feststellung, ein Essen in einem Restaurant koste etwa 12 Euro.

    Die dort und hier genannten Berechnungen sind also blanker Unsinn. Kein Wunder, dass sich aus Ihnen nicht ergeben kann, das erfolgreiche Autoren auf Suite101.com tatsächlich 1.000 Dollar und mehr erzielen und sehr viele Autoren Honorare im dreistelligen Bereich. Monat für Monat, wohlgemerkt, auch ohne neue Artikel.

    Stichpunkte zum Schluss: Suite101-Autoren erhalten Ihr Honorar ohne irgendeine Zeitbegrenzung, auch wenn sie nicht mehr für uns schreiben. Sie werden weiter an den Umsätzen ihrer Artikel beteiligt. Das ist die Analogie zu Buch-Tantiemen. Man muss nicht freier Journalist sein, um bei Suite101 schreiben zu dürfen. Jeder, dessen Texte uns überzeugen, darf das. Unsere Autoren werden von einer professionellen Redaktion betreut. Sie können bei uns bereits erschienene Print-Artikel zweitverwerten (und tun das auch), denn – wohl in der Eile übersehen? – die einjährige Exklusivität gilt nur fürs Web. Schließlich erhalten sie, demnächst auch auf Suite101.de, einen täglichen Umsatz- und Honorar-Report, dem sie genau entnehmen können, welche Honorare sie jeden einzelnen Tag erzielen.
    Last not least: Sie können über jedes Thema schreiben, das sie interesssiert, niemand macht Ihnen Vorschriften.

    Man hätte ganz leicht diese und andere Fakten recherchieren und erfragen können. Kritik wäre auch danach noch möglich und legitim gewesen. So aber wurden auf diesem “Friedhof für Freie” letztlich nur ein paar journalistische Grundregeln begraben. Schade drum.

    Schöne Grüße,
    Dirk Westphal
    Chefredakteur Suite101.de

  4. Peter Hossli
    schrieb am 8. März 2008 um 17:00 Uhr (#)

    Dirk Westphal schreibt, dass erfolgreiche Autoren “über 1000 Dollar” verdienen könnten im Monat, viele Autoren würden dreisteillige Beträge umsetzen, “Monat für Monat”. Sorry, aber davon kann niemand leben. Das Business-Modell von Suite101 ist ein Web 2.0-Klassiker: Es geht nicht auf für die Hersteller von Content.

  5. Dirk Westphal
    schrieb am 8. März 2008 um 21:16 Uhr (#)

    Selbstverständlich können auch unsere besonders erfolgreichen englischsprachigen Autoren nicht allein von ihren Suite101-Honoraren leben. Das liegt doch auf der Hand und ist keine bahnbrechende Erkenntnis.

    So etwas zu versprechen oder auch nur vage in Aussicht zu stellen, wäre unseriös und irreal. Deswegen tun wir das nicht. Schon gar nicht im deutschsprachigem Raum, wo wir zudem natürlich eine längere Anlaufphase erwarten. Daraus machen wir kein Geheimnis, unsere Autoren wissen es, und wer uns fragt (bzw. gefragt hätte), bekommt diese Antwort ebenfalls. Kein Autor schreibt in Vollzeit für Suite101. Es dürften weit eher ein paar Stunden im Monat sein, frei, flexibel und nach eigenen zeitlichen und inhaltlichen Prämissen. Manche mehr, manche weniger. Manche umsatzorientiert, manche eher über ihre Lieblingsthemen.

    Was Suite101 also sehr wohl sein kann (bzw. bereits ist), ist eine interessante Ergänzung – sei es für die bereits erwähnten Zweitverwertungen, sei es für Leerlaufzeiten bei professionellen Schreibern, sei es für Themen, über die man sonst nirgends schreiben kann, sei es als Veröffentlichungsplattform für gute Autoren, die bei anderen aus dem klassischen Journalisten-Raster fallen, oder für Talente, sei es langfristig als zusätzliches Mittel der Selbstvermarktung, gerade angesichts des qualitätsorientierten Umfelds. Ja, sei es als Hobby, das auch noch etwas einbringt. Wobei Suite101-Autoren es durchaus schätzen, weiter Honorar einzunehmen, auch wenn sie gar nicht mehr für uns schreiben. Sogar jene Autoren, die nach einiger Zeit feststellen, dass unser Modell vielleicht doch nichts für sie ist – und sei es aus finanziellen Gründen – freuen sich jeden Monat über ihre kleine, mittlere oder große Gutschrift.

    Suite101 ist übrigens kein Web 2.0-Klassiker, es ist ein Web-Klassiker. Online seit 1996. Natürlich hat sich seitdem und zwischenzeitlich auch bei Suite101 viel getan.
    Aber, wie sich hoffentlich ansatzweise zeigt: Es ist doch nicht so ganz einfach, uns flugs in diese oder jene vielbenutzte Schublade zu stecken. Schon gar nicht ohne Recherche und Nachdenken statt Abschreiben.

    Einen schönen Sonntag,
    Dirk Westphal

  6. Schreibt hier auf dem Blog Felix Disselhoff
    schrieb am 9. März 2008 um 01:07 Uhr (#)

    Sehr geehrter Herr Westphal,
    Wenn eine Zeitung einen Agenturtext als Basis für einen Artikel nimmt, nennt man das auch nicht Abschreiben. Auch ihre Autoren suchen und finden Themen. Und das aufgrund verschiedenster Quelle. Um den ominösen Artikel, von dem die Rede ist, zu entzaubern: Link
    Übrigens wurde die Definition der PI durch die IVW festgelegt. Dort sind sie noch nicht gelistet. Werden Sie das noch tun? Falls ja, würde das ja die Ungleichheiten bei den Messungen von Quantcast ausgleichen. Wenn man sich den Traffic von suite.com bei Alexa anschaut, fällt zum einen auf, dass der Traffic über die letzten Jahre gefallen ist. Zumindest scheint diese Tendenz nicht nach oben zu weisen. Was auch nicht schlimm wäre, wenn man nicht von Kardinalfehlern und falschen Schlussfolgerungen sprechen würde.
    Nur, weil ich nicht zu jedem Artikel, den ich schreibe, einer Partei die Möglichkeit zur Gegendarstellung biete, bedeutet das nicht, dass ich journalistische Grundregeln begrabe. Meiner Meinung geschieht dies viel zu oft, um Objektivität zu inszenieren. Für die Richtigstellung der Zahlen danken wir, doch erschienen mir objektive Statistiken als glaubwürdige Quelle.
    Mir ging es in diesem Artikel nicht darum, ein deutsches Webprojekt in Grund und Boden zu schreiben, sondern mich gegen dieses Erlösmodell für freie Journalisten auszusprechen. Natürlich ein sinnvoller Nebenerwerb. Doch von Nebenerwerben kann man nicht leben. Sie selbst sagten, dass die Beliebtheit der Unterkategorien erheblich schwanken.
    Nebenbei: Auch, wenn mir nicht ganz klar ist, wo ich im Artikel über Rubrikseiten geschrieben habe, frage ich mich, wie Besucher der Hauptseite auf die Seiten der Autoren kommen sollen. Außer über die Google-Suche.
    Die beliebteste amerikanische Unterseite nennt sich “Pregnancy & Childbirth”. Mein “Kinder & Geburt” sollte keine genaue Übersetzung sein. Auf inhaltlicher Ebene ging ich davon aus, dass das Endprodukt von Geburten Kinder sind.

    Ebenfalls einen schönen Sonntag,
    Felix Disselhoff

  7. Mark S
    schrieb am 9. März 2008 um 12:20 Uhr (#)

    Wenn ich Hobby-Autor mit einem persönlichen Schwerpunktthema wäre, würde ich meine Texte unter einer eigenen Domain versammeln. Das ist heute für jedermann sehr kostengünstig machbar und man kann die geringen Werbeumsätze durch GoogleAds und Co. komplett für sich behalten. Ich kenne zwei Autoren, die das – mit bescheidenem Erfolg – so machen. Warum sollten die zu Suite 101 gehen? Da findet man doch praktisch nichts, alle Texte stehen völlig konzeptlos nebeneinander. Frage mich, was in so einem Modell überhaupt ein “Chefredakteur” für Aufgaben haben soll…

  8. Klaus Jarchow
    schrieb am 9. März 2008 um 14:05 Uhr (#)

    Naja, Mark S, da hat sich halt jemand gesagt, viele fremde Kötel geben auch ‘nen schönen eigenen Haufen.

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