“Facebook-Start lässt deutsche Internetnutzer kalt” – von wegen!

trnd.comSeit einigen Tagen taucht in meinem Google-News-Feed vermehrt die folgende Schlagzeile auf: “Facebook-Start lässt deutsche Internetnutzer kalt”. derStandard.at, TecChannel.de, computerwoche.de, ZDNet.de, wallstreet:online – alle publizierten sie munter und ohne jegliche Korrektur oder redaktionelle Beareitung eine am Freitag von pressetext.austria veröffentlichte Meldung. Die Presseagentur beruft sich auf eine Umfrage der Münchner Mundpropaganda-Spezialisten von trnd.com. Das Unternehmen hatte 978 “trnd-Partner” (im trnd-Netzwerk registrierte Mitglieder, die freiwillig an der Umfrage teilgenommen haben) gefragt, wie sie es finden, dass es von Facebook bald eine deutsche Version gibt. Gut die Hälfte der Befragten bewertet den Deutschland-Start des Social Networks als sehr gut oder gut, 46 Prozent ist es egal, und drei Prozent gefällt dies nicht oder gar nicht (siehe Grafik).

Wie kam pressetext.austria angesichts dieses auf den ersten Blick ausgeglichenen Ergebnisses zu der radikalen Erkenntnis, dass der Facebook-Start deutsche Internetnutzer kalt lässt? Folgendermaßen: “…dass 46 Prozent der Nutzer sich gar nicht für ein deutsches Facebook interessieren. Sie gaben stattdessen an, auch nach dem Start der US-Community weiterhin deutschen Online-Gemeinschaften die Treue halten zu wollen.” Aus den 46 Prozent, denen der Start von facebook.de egal ist (egal = keine Meinung, aber auch kein kategorisches Ausschließen einer zukünftigen Mitgliedschaft), wurden in der Pressemitteilung Nutzer, die sich “gar nicht für ein deutsches Facebook interessieren“. Dann interpretierte man die Aussage dahingehend weiter, dass diese knappe Hälfte auch in Zukunft deutschen Online-Gemeinschaften treu bleiben will. Im trnd.com-Bericht finden sich zwar einige zusätzliche Ergebnisse zu der Untersuchung, aber kein Punkt, der etwas über die zukünftigen Intentionen dieser 46 Prozent aussagt.

Die Tatsache, dass 51 Prozent der von trnd.com befragten Nutzer den Facebook-Start in Deutschland begrüßen, wird in der Pressemeldung zu folgender Aussage degradiert: “Nur knapp ein Drittel der 1.000 Umfrageteilnehmer bewertete den geplanten Deutschland-Start von Facebook mit “gut”, weitere 15 Prozent mit “sehr gut“. Dass es sich in Wirklichkeit um ein gutes Drittel (36 Prozent) und insgesamt um eine gute Hälfte handelt, unterschlägt die Presseagentur. Interpretationen von Statistiken und Umfragen fallen unterschiedlich aus, dies ist normal. Hätte sich der Redakteur von pressetext aber etwas intensiver mit dem Thema Social Networks und dem Ergebnis der Untersuchung auseinandergesetzt, wäre er schnell zu der Erkenntnis gekommen, dass seine Schlagzeile in diesem Fall einfach nicht zum Umfrageresultat passt.

Elf Prozent der von trnd.com befragten Nutzer sind bei Facebook registriert.

Facebook hat im deutschsprachigen Raum weniger als eine Million Mitglieder. studiVZ, MySpace und lokalisten verfügen hierzulande zusammen über eine Nutzerschaft von mindestens acht Millionen – von den Usern der über hundert anderen hiesigen Netzwerke ganz zu schweigen. Des Weiteren ist bekannt (und wurde in einer aktuellen Untersuchung der Social-Network-Nutzung in Deutschland bestätigt), dass der entscheidende Konkurrenzvorteil eines Social Networks die Zahl registrierter Freunde und Bekannte ist. Und trotzdem stehen 51 Prozent der Befragten dem Deutschland-Start von Facebook, wo die meisten bisher nur wenige Kontakte haben, positiv gegenüber! Selbst wer dies nicht als beunruhigende Nachricht für deutsche Netzwerke werten möchte – dass pressetext daraus eine Meldung à la “Facebook-Start lässt deutsche Internetnutzer kalt” schustert, ist absurd.

Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass Meldungen zum Thema Web 2.0 und Social Networking durch die Presse geistern, die offensichtlich nicht die Wirklichkeit widerspiegeln. Vermutlich wird es auch nicht das letzte Mal sein. Im aktuellen Fall hätte ich mir nicht nur eine bessere Recherche von pressetext gewünscht, sondern auch, dass die eingangs erwähnten Nachrichtenportale einen kurzen Blick auf das Ergebnis von trnd.com geworfen hätten, statt die Pressemitteilung von pressetext ungeprüft und unverändert zu veröffentlichen. Oder ist der Qualitätsanspruch ganz verloren gegangen?

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog zweinull.cc veröffentlicht. Im Mai 2008 wurden zweinull.cc und netzwertig.com zusammengeführt.

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17 Kommentare

  1. Sebastian
    schrieb am 10. Februar 2008 um 20:05 Uhr (#)

    vielleicht hat ja holtzbrinck ihre leute überall und die machen stimmung?!

  2. Andreas
    schrieb am 10. Februar 2008 um 20:23 Uhr (#)

    Ich finde es Quatsch aus dieser “trnd.com”-Umfrage überhaupt eine Meldung zu machen…

    Da wurden – wenn ich das richtig verstanden habe – popelige 978 Leute befragt. Leute die sich dort auch noch freiwillig als trnd-Partner registriert haben. D.h. die wahrscheinlich sehr internetaffin und intresiert an “web 2.0″ sind. Das ist als ob man die Beliebtheit von Stoiber in Deutschland mit einer Umfrage in Bayern ermitteln will…

    Außerdem fehlt mir die Antwort “Ich habe keinen blassen Schimmer was Facebook ist”. Ich glaube nämlich nicht, dass jeder 0815-Mensch der nicht gerade intressiert an “web 2.0″ ist facebook kennt bzw. weiß was genau das ist.

    Ich finde in der Meldung, in den Artikeln die die Meldung zitieren und auch hier wird viel zu wenig klargemacht, dass diese Umfrage nicht representativ ist und eigentlich so gut wie garkeine Aussage hat…

    Und jetzt meine persönliche Einschätzung: Der Facebook-Start lässt deutsche Internetnutzer kalt. ;-) Weil sie keine Ahnung haben, dass es einen solchen Start geben wird, Facebook garnicht kennen und nicht wissen was daran anders ist als an studiVZ und Co. …

  3. Brian
    schrieb am 10. Februar 2008 um 20:39 Uhr (#)

    Martin: Scheint mir eher, als ob da die “Presseaussendung” eines Mitbewerbers aus Versehen in den redaktionellen Bereich gerutscht ist. Soviel Färbung ist ohne bösen Willen sonst nur schwer zu erklären.

    Andreas: Natürlich. Hier aber nicht das Problem.

  4. Robert Lender
    schrieb am 10. Februar 2008 um 20:54 Uhr (#)

    Ich habe mir beim Lesen der Aussendung ähnliches gedacht. Schlussendlich sollte man die ganze Umfrage kennen um sie wirklich beurteilen zu können. Aber bei dem wenigen was ich las kam mir zumindest der “Verdacht”, dass man die Ergebnisse durchaus um 180 Grad andersrum interpretieren könnte.
    Nur: 1. Wäre interessant, wie die genaue Fragestellung hieß. Und 2. sagt ein jetziges Interesse oder Desinteresse noch nichts darüber aus, wie sich Facebook und Co. im deutschsprachigen Raum wirklich weiter entwickeln.

  5. Malte Landwehr
    schrieb am 10. Februar 2008 um 20:57 Uhr (#)

    Tja, traue halt keiner Statistik oder Auswertung, die du nicht selbst gefälscht hast.

  6. Martin Weigert
    schrieb am 10. Februar 2008 um 22:57 Uhr (#)

    Andreas, was die mangelnde Repräsentativität betrifft, hast du schon Recht. Die Grafik über die bestehenden SN-Mitgliedschaften der Teilnehmer zeigt aber, dass deren Zusammensetzung gar nicht so realitätsfremd ist: 38 Prozent haben einen studiVZ Account, 22 Prozent einen bei MySpace, 13 Prozent bei lokalisten und 11 Prozent bei Facebook. Das spiegelt in etwa die Verhältnis die Nutzerverteilung in Deutschland wider. Von daher würde ich persönlich das Ergebnis nicht als so grundsätzlich unbedeutend abstempeln.

    Robert, ganz richtig. Jetztiges Desinteresse oder Interesse sagt wenig über die zukünftige Entwicklung aus. Der Durchschnittsnutzer wird nicht bei Facebook aktiv, weil es Facebook ist, sondern erst dann, wenn seine Freunde da sind. Genauso wenig wird der studiVZ-Nutzer um jeden Preis bei studiVZ bleiben, wenn seine Freunde nicht mehr da sind, nur weil er einem deutschen Network treu bleiben will. Dito bei MySpace, lokalisten etc.

  7. Sachar
    schrieb am 11. Februar 2008 um 10:11 Uhr (#)

    Sind Umfragen jemals repräsentativ? Man kann immer über den Modus der Befragung, die Auswahl der Befragten und die Art der Frage streiten. Fakt aber ist: Umfrage-Ergebnisse belegen meist ein Ergebnis, das der Sender kommunizieren möchte. Insofern würde es mich nicht überraschen, wenn trnd uns bald mit einem neuen Projekt überrascht: “Teste die deutsche Version von Facebook!”

  8. Steffen
    schrieb am 11. Februar 2008 um 17:03 Uhr (#)

    Mir fällt schon seit Jahren (!) auf, dass Umfragen bei trnd keiner seriösen Marktforschung Stand halten würden. Die Fragen sind beispielsweise oftmals (nicht immer) so formuliert, dass man ein Produkt nur mit positiven Eigenschaften bewerten kann, weil keine schlechten aufgeführt sind. Man kann den Fragebogen dann nicht fortsetzen, ohne eine positive Antwort gegeben zu haben – obwohl man das Produkt total misslungen findet. Ich schreib das trnd auch immer am Ende jeder Umfrage ins Freitextfeld

  9. Martin Weigert
    schrieb am 11. Februar 2008 um 18:05 Uhr (#)

    Und trotzdem machst du seit Jahren mit? ;)

  10. Steffen
    schrieb am 11. Februar 2008 um 18:13 Uhr (#)

    Ja … wenn die Umfragen schlecht erarbeitet sind, spürt die negativen Folgen ja vor allem der trnd-Kunde in Form falscher Ergebnisse. Mich stört es zwar auch, aber ich trage keinen Schaden davon ;-)

  11. Marc
    schrieb am 11. Februar 2008 um 19:31 Uhr (#)

    Die größte Überraschung für mich ist eigentlich, dass offensichtlich 97% der Befragten überhaupt wissen, was Facebook ist. In einer repräsentativen Umfrage läge der Wert doch deutlich niedriger – meine Schätzung: die Zahl läge unterhalb der 20%.

  12. Schreibt hier auf dem Blog Martin Weigert
    schrieb am 11. Februar 2008 um 20:10 Uhr (#)

    Das ist in der Tat seltsam. Möglicherweise wurde die Umfrage bei trnd.com so angekündigt, dass sie nur User ansprechen sollte, die Facebook zumindest vom Namen her kennen.

  13. Sachar
    schrieb am 11. Februar 2008 um 21:16 Uhr (#)

    Wirbt trnd nicht sogar bei potenziellen Kunden, dass viele ihrer Mitglieder Trendsetter sind? Ich denke, dass es daher auch kein Wunder ist, dass die Beteiligten Facebook kennen.

    Die Umfrage war zudem freiwillig, so dass sich wohl nur jene an ihr beteiligt haben, die ein berechtigtes Interesse an ihr haben, ergo: Facebook kennen.

  14. Martin Weigert
    schrieb am 11. Februar 2008 um 21:41 Uhr (#)

    Jo so wird es wohl gewesen sein. Interessant, dass nur 11 Prozent dieser “Trendsetter” bei Facebook registriert sind.

  15. Sachar
    schrieb am 11. Februar 2008 um 21:49 Uhr (#)

    Vielleicht ist das die eigentliche Aussage der Umfrage: Nur elf Prozent aller deutschen Trendsetter sind Facebook-Nutzer.

  16. Martin Weigert
    schrieb am 11. Februar 2008 um 21:51 Uhr (#)

    Hehe auch eine Möglichkeit, die Sache zu betrachten ;)

  17. Fiji
    schrieb am 12. Februar 2008 um 11:31 Uhr (#)

    Studivz hat übrigens einige Privatsphäre-Einstellungen verändert und das Layout ein bißchen angepasst.

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