Puls 4-Sendestart:
Sensationelle Versprechungen

Markus Kirchsteiger, 28. Januar 2008 11:17 Uhr, 0 Kommentare Kommentare

Heute um 18 Uhr startet mit Puls 4 Österreichs viertes landesweites Privatfernsehen. Eine Talkshow mit Natascha Kampusch dient als Aushängeschild für eine bisher offenbar unerfüllbare Mission: gutes und quotenstarkes Privat-TV made in Austria.

Puls4-Senderlogo
Puls 4: Kampusch für die Quote?

Entführungsopfer Natascha Kampusch soll eine Talkshow im Programm des Wiener Privatsenders Puls 4 bekommen. Genau diesen Aufmerksamkeitskick brauchte der vierte private Fernsehkanal Österreichs für seinen landesweiten Sendestart am Montag. Anfang Jänner 2008 entzündete diese Ankündigung ein kleines Leuchtfeuer in den deutschsprachigen Medien. Wochenlange zehrte der Sender von dieser Aufmerksamkeit, und auch in den nächsten Wochen scheint das Interesse für das Talkshow-Experiment mit Kampusch gesichert.

Doch neue österreichische Medienprodukte halten nicht unbedingt immer das, was sie versprechen. Mit Trommelwirbel war auch die Tageszeitung Österreich im September 2006 gestartet – bekanntlich klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung zu diesem Titel weit auseinander. Enttäuscht wurde kürzlich auch, wer sich von Austria 9 gut gemachtes, österreichisches Privat-TV erwartete. Stattdessen gibt es Uraltserien und Anrufshows in Dauerschleife. Schließlich munkelt man schon, dass es sich bei Kampuschs Talkshow auf Puls 4 um einen PR-Gag handelt – behauptet zumindest 20min.ch, das einen besonderen Draht in die Medienwelt der Alpenrepublik vortäuscht. Aber was steckt wirklich hinter den sensationellen Versprechungen von Puls 4?

Ein Schnellschuss ist der landesweite Start am 28.1.2008 sicherlich nicht. Lange Vorbereitungen lassen vermuten, dass Puls 4 Nägel mit Köpfen machen will. Ein weiteres Indiz für Professionalität ist, das die ProSiebenSat.1 Media AG im August 2007 den Wiener Stadtsender Puls TV übernommen hat und ihn nun unter dem Namen Puls 4 zu einem Konkurrenten für die bisherigen TV-Platzhirschen in Österreich machen will. So kommt der Marktführer ORF immer stärker unter Druck vom deutschen Privat-TV. In Österreichs monopolisierter TV-Landschaft rumort es seit einem Jahr kräftig, denn der ORF verliert zunehmend junge Zuschauer an die deutschen Programme. Seitdem diese ihre eigenen österreichischen Werbefenster haben und damit gut verdienen, setzt die Werbewirtschaft den ORF natürlich unter Druck. Warum sollte man weiterhin gleich hohe Beträge für Werbung zahlen, wenn die werberelevante Zielgruppe das ORF-Programm verschmäht und reihenweise zur deutschen TV-Konkurrenz geht?

Österreichisches Privatfernsehen dagegen dümpelt vor sich hin. Der erste terrestrische private Sender Österreichs, ATV plus, startete 2003 – Österreich war das letzte Land in Europa, in dem es kein frei über Antenne empfangbares Privat-TV gab. Die Quoten von ATV sind nicht berauschend (2,4% Marktanteil 2007) und das Programm mittelmäßig. Einige Eigenproduktionen geben qualitäts- und quotenmäßig zwar immer wieder Hoffnung auf bessere Marktanteile – TV-Gigant ORF (39,4%) fürchtet sich aber viel mehr vor Sat 1(7,3%), RTL (6,2%) und Pro Sieben (5,0%). Könnte ProSiebenSat1 mit Puls 4 nun der endgültige Umbruch auf Österreichs TV-Markt gelingen?

Das Programm verspricht vorerst wenige Highlights. 24 Stunden Vollprogramm soll es geben, darunter zahlreiche Eigenproduktionen, Spielfilme und Serien. Morgens von 6 bis 9 kann man weiterhin mäßig erfolgreiches österreichisches Frühstücks-TV (angebliche Nettoreichweite 110.000 Zuschauer) betrachten: Cafe Puls läuft schon bisher auf Puls TV, Sat 1 und Pro Sieben. Hinzukommen sollen Live-Magazine, 12 Newssendungen und Talkshows. Konsumiert wird diese Melange entweder via Kabel, Satellit oder DVB-T.

Inhaltlich soll Puls 4 für ?urbane, mobile und selbstbewusste Menschen? interessant sein. Was das heißt, lässt ein Blick auf die bisherigen Österreichproduktionen von Pro Sieben erahnen. Von Montag bis Freitag laufen ab 20 Uhr die Austria News, am Samstag das Lifestyle-Magazin Tonight-TV und an Sonn- bzw. Feiertagen die Talksendung Austria Top Talk. Also komplizierter und tiefer als bei den RTL 2-News wird?s auf keinen Fall, Hauptsache das Publikum wird dort abgeholt, wo es sich befindet: am Sofa und im Halbschlaf.

Puls TV produziert auch die stündliche Nachrichtensendung des Webportals der Tageszeitung Österreich. Österreich-Gründer und Chefredakteur Wolfgang Fellner verkündete beim Start des Webstreams noch, dass Zeitungsverleger aller Herren Länder vor dieser ?Revolution? erzittern würden. Ein Urteil über diese angekündigte Weltneuheit möge man sich kostenfrei selbst bilden.

Darf man nun von Puls 4 mehr erwarten? Ein endgültiges Urteil, ob Puls 4 hält, was es verspricht, kann wohl nicht vor dem Ende der so genannten ?Launchphase? am 4.4.2008 gesprochen werden. Bis dahin versichert Geschäftsführer Martin Blank allerdings, dass alle angekündigten Sendungen on-air gehen. Auch Natascha Kampuschs Talksendung, für die es bereits einige Proben gegeben habe. Fixen Starttermin gäbe es dennoch keinen – nicht einmal einen annähernden, das Ganze befinde sich schließlich noch in der ?Pilotierungsphase?. Ob es ein ?sehr offenes Gespräch? wird und Bundespräsident Heinz Fischer Gast ist, wie es sich Kampusch wünscht, steht ebenso in den Sternen wie die Zukunft von Puls 4.

Immerhin: Viel schlechter kann Österreichs Privatfernsehen ja wohl kaum werden.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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