Magazine im Dezember

Global mit Monocle, verliebt in Dummy, überrascht von Vnity Fr und auf Zeitreise mit Mare: Jetzt um Weihnachten könnte man, um Familie und Freunde zu besuchen, womöglich eine längere Zugreise vor sich haben. “Jetzt ‘ne Zeitschrift” – aber welche? Vier Vorschläge.

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Nicht nur Zeitungen verkaufen ihre Titelseite, auch Magazine können dem Lockruf des Geldes nicht widerstehen: Die aktuelle Ausgabe der Vnity Fr, ähm, Vanity Fair ist mit einem doppelten Cover versehen. Die erste Seite mit ihren fehlenden Vokalen ist Teil einer Werbekampagne von BMW, die so einen neuen Flitzer bewerben. Das Wort “Anzeige” sucht man vergeblich. Das Heft, es trägt die “Nr. 1 / 20. Dezember 2007″, kostet dafür nur einen Anstands-Euro. Kurz nach Neujahr erscheint dann wohl “Nr. 2 / 3. Januar 2008″, die Nummerierung verstehe, wer will. Genug der Nickeligkeiten, denn der Jahresrückblick hat, wie versprochen, wirklich gute und schöne Bilder. Manchmal sind Überschriften etwas arg gewollt (“Bock auf Block!” zum Cruise-Film “Valkyrie”, “Titanische Gefühle” zur “MS Explorer”-Havarie, “Hart, aber Blair”), dafür gibt es die wichtigen visuellen Momente der Zeitschrift in einer Ausgabe gesammelt und die anderen können auf den Speicher oder zu Ebay gestellt werden.

Dazu gehört natürlich die Zeichnung des Berliner Rappers Bushido, Wolfgang Tiefensee auf einem schnittigen Boot im Regierungsviertel, Til Schweiger mit Ziegenbaby und Oliver Pocher, posierend als die schwangere Demi Moore. Wer sich von diesen Bemühungen um Glanz und Glamour nicht abschrecken lässt, kriegt daneben auch Ansprechendes: David Lynch, fotografiert von Nadav Kander, oder ein schwereloser Stephan Hawking – um nur zwei Beispiele zu nennen. Schließlich und unvermeidlich dann noch das Jahreshoroskop, das ist natürlich sehr schrecklich und gegen jedweden aufklärerischen Geist, sollen sie noch mehr Sudokus machen. Stattdessen orakelt Alexander Graf von Schlieffen lieber von “Liebe, Beruf, Gesundheit” und dass eine neue Epoche an Kontur gewinne, was selbstredend nicht “frei von sozialen Unruhen und Auseinandersetzungen” ablaufe. Also: Ruhe bewahren.

Fazit: nschlgbr gnstg, ähm, unschlagbar günstig, dabei überraschend vielseitig. Für eine kleinere Fahrt, von Kassel bis Hannover etwa, reicht’s allemal, und weil das Heft so günstig ist, bleibt noch ein wenig Handgeld für ein Kaltgetränk.

Dummy LiebeDas Gesellschaftsmagazin Dummy von Spiegel-Experte Oliver Gehrs hat “Liebe” zum Thema. Scheinehe, Gewalt in der Beziehung, Pädophilie, katholische Pfarrer mit Kind, Sex auf Droge und eine Modestrecke als Rosenkrieg – Liebe, das Cover hat uns ja vorgewarnt, kann verdammt anstrengend sein. Wie üblich ist das Magazin visuell extrem ansprechend: Der Text vernünftig und mit viel Platz drumherum gesetzt, dazu edle Fotos und Illustrationen sparsam drapiert.

Beeindruckend sind zwei Bilderstrecken: Annette Hauschild hat Teenager-Liebe zwischen Eisbahn und Wohnblock fotografiert, Erik Weiss die Gesichter weinender Menschen. Und auch Medienmacher werden beglückt: Oliver Gehrs schreibt über die frühen Jahre der Zeitschrift Jasmin. Die “Zeitschrift für das Leben zu zweit” erschien Ende der 60er Jahre und war erotischer als der Playboy, opulenter als Twen und hatte bessere Reportagen als der Stern.

Fazit: Dummy ist ein Heft von und für Liebhaber von Magazinen. Sechs Euro für ein Dutzend Geschichten macht rund 50 Cent pro Text, aber wer so kleinlich ist und nachrechnet, sollte lieber zu einem Nachrichtenmagazin greifen, da stehen dann auch aktuelle Texte drin. Wer hingegen abschalten kann und möchten, fährt mit Dummy gut von Berlin nach Hamburg.

mare_photo.pngDie Zeitschrift Mare ist zehn Jahre alt geworden, die Fotoagentur Magnum sechzig – gemeinsam wird mit einer Jubiläumsausgabe gefeiert. Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft gibt es für lockere fünf Euro ein Heft mit Fotos und Bildstrecken. Viele der Fotos haben längst einen Platz im kollektiven Gedächtnis gefunden, somit schickt das Heft seine Leser auch auf eine historische Entdeckungsreise. Die Kollegen von fokussiert.com sind auch ganz angetan. Auf Stern.de gibt es einen schönen Artikel zum Geburtstag der “ältesten und renommiertesten Fotografenagentur der Welt”. Begleitet wird der Text von einer reich gefüllten Bildergalerie mit berühmt gewordenen und mächtig wirkenden Fotografien. Die Bilder im Sonderheft haben alle, im Gegensatz zu den online verfügbaren Bildern auf der Stern-Seite, außerdem noch einen Bezug zum Meer – sonst wäre es ja auch kein Mare-Heft.

Fazit: Exzellent. Wo gibt es schon solch hochkarätige Foto-Klassiker zu diesem Preis? Wer nicht ganz ohne Geschichtskenntnisse durch die Welt wandelt und vielleicht sogar noch in Begleitung reist, hat eine ganze Weile zu gucken, einzuordnen und sich auszutauschen. Anschließend wandert das Heft ins Bücherregal oder wird dem Schwiegervater geschenkt.

monocle_dec07.pngDas edle Magazin für Wirtschafts-Gewinner Monocle macht seine Dezember/Januar-Ausgabe auf mit dem Titel “The Forces of the Future”.

Viele Medien-Themen schaffen es ins Heft, es wird berichtet über die Einführung des High-Definition-Standards im Fernsehen am Beispiel des europäischen Kultursenders Arte (“The Art behind Arte TV”) und ein Essay stellt fünf Medienmacher vor, die im nächsten Jahr fr kreativen Input sorgen sollen – ein Webdesigner aus Japan, ein Regisseur aus Spanien und ein Kunstsammler aus China sind darunter. Die globale Perspektive, das macht Monocle so besonders, ist interessanter als der ewig gleiche Branchen-Klatsch.

Mich lullt die Lektüre des Hefts seltsam ein – was wohl soviel über mich aussagt: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe. Vieles ist nett, nett anzusehen sowieso, aber wenn dann in der Beilage “Travel Top Fifty” in elf Zeilen das Park Hyatt Tokyo gelobt wird oder der Iris-Scan an Flughäfen zum weltweiten Standard werden soll, bin ich einfach raus. Das ist weder meine Welt, noch wünschte ich mir sie so. Inhaltsleere, die Abwesenheit von Relevanz, verleiden mir das Magazin. Was aber nur heißt: Mir fehlen die Anknüpfungspunkte.

Eine Titelgeschichte über das Outsourcen eines Landes, bis hin zur Delegation ganzer Ministerien an globale Top-Marken, transportiert möglicherweise einen verflachten und merkwürdigen Politik-Begriff mit sich und kommt so luftig-locker daher, als wäre es das verständlichste der Welt, wenn Vattenfall das Umwelt-Ministerium verantworten würden. Oder die Deutsche Bahn das Transport-Ministerium. Dazu gibt es Beispiele von bereits privatisierten Staatsaufgaben – kann gut funktionieren, wägt Autor Johnny Davis ab.

Fazit: Ein Heft für Jet-Set-Nomaden mit genügend Geld, um die Sorgen des alltäglichen Lebens anderen Menschen zu überlassen. Ein Heft für Träumer, die einen ausgeprägten Willen zu Stil und Schönheit haben. Ein Heft, das den Zeitschriftenhändler glücklich macht – es kostet zwölf Euro.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

 

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2 Kommentare

  1. Danke für die schöne Zusammenfassung. Dummy liegt bereits auf dem Nachtisch, also fällt meine Wahl auf Monocle. Alleine schon des Papiers wegen eine willkommene Ausnahmeerscheinung in der Magazinwelt…

  2. falls man hinter die Kulissen von Vanity Fair blicken möchte, kann ich nur das wirklich witzige Buch von Toby Young empfehlen, einem britischen Journalisten, der sein Glück im Hochglanzbiz New York versucht (und ziemlich auf die Nase fällt):

    “How to Lose Friends and Alienate People: A Memoir”

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  1. Art Blog » Magazine im Dezember sagt:

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