Studie beweist:
Medienblogs haben eine höhere journalistische Qualität als Online-Zeitungen

Schöner Titel, nicht? Genau so wird doch im Allgemeinen von (Online)-Zeitungen mit Studien umgegangen. Man guckt schnell ins Fazit und bastelt sich daraus einen knackigen Titel.

Aber da die Originalquelle online verfügbar ist, kann nun jeder selbst gucken gehen und sich eine Meinung bilden. Wie das Mazblog, die “digitale Arbeitplattform der Schweizer Journalistenschule”, schreibt, hat sich Andres Hutter bei seiner Lizenziatsarbeit für die Uni Zürich mit Medienweblogs beschäftigt. Der Titel der Arbeit heisst:

Verbesserte Medienkritik oder Pseudo-Journalismus. Eine inhaltsanalytische Studie journalistischer Qualität in medienkritischen Weblogs” (pdf-File, 1216 kb)

Beschäftigt hat sich die Studie mit den Medienweblogs Bildblog, Blattkritik, Daily Error, gesammelte Bazismen, “heute” Satiremagazin, Medienspiegel, Österreichblog, Ostsee-Zeitung-Blog, Pendlerblog, Spiegelkritik sowie den Online-Zeitungen NZZ, FAZ und die Presse.

Wir wollen es uns aber doch nicht nehmen, ein paar Sätze aus dem Fazit zu zitieren (die uns natürlich freuen):

Seite 99:

Das, was in den untersuchten Weblogs geschrieben wird, hat journalistische Qualität, das hat die Studie gezeigt. Den Vergleich mit den Online-Ausgaben etablierter Zeitungen müssen sie jedenfalls nicht scheuen, im Gegenteil: für Weblogs wurde insgesamt eine höhere journalistische Qualität gemessen als für Online-Zeitungen.

(…)

Die Gesamtwerte auf dem Qualitätsindex sind bei den Weblogs um einen Punkt höher: Von zehn möglichen Punkten erreichten Weblogs knapp vier, Online-Zeitungen nur drei. Wenn man diese Werte als Noten betrachtet, wären also beide Publikationsformen ungenügend. Jedoch sind diese Werte nur in Relation zueinander aussagekräftig. Und der Vergleich mit Online-Zeitungen spricht den Weblogs eindeutig eine höhere Qualität zu. Denn nicht nur der Gesamtwert ist höher, vor allem schnedien Weblogs bei fast allen Qualitätsdimensionen besser ab.
Von den insgesamt elf Qualitätsdimensionen zeigen nur zwei höhere Werte für die Online-Zeitungen. Dass eine davon die Dimension Objektivität ist, überrascht wenig. Weblogs gelten gewöhnlich als “meinungsfreudig” und folglich als weniger objektiv als traditionelle Medien. Jedoch zeigen die Ergebnisse, dass auch Weblogs zwar weniger sachlich, aber auch nicht einseitig berichten.

Seite 100:

Die Ergebnisse zeigen, dass in Weblogs insgesamt anders geschrieben wird als in den Online-Zeitungen. So wurden Weblogs als deutlich unterhaltsamer eingestuft, die Sprache ist auch leicht besser verständlich als diejenige in den Online-Zeitungen. Zudem werden in Weblogs die spezifischen Eigenschaftes des Internets viel stärker eingesetzt als in den Online-Zeitungen und sie sind, unter anderem auch deshalb, interaktiver.
Es ist folglich sinnvoll, mit einer Journalismusdefinition zu arbeiten, die über die traditionellen Massenmedien hinausblickt und Journalismus auch in neuen Medien sucht. Die journalistischen Ambitionen in Weblogs sind durchaus ernst zu nehmen und sollten deshalb auch in der akademischen Journalismusdiskussion berücksichtigt werden. Journalismus lässt sich auch ausserhalb des Mediensystems, wo er von gewinnorientierten Unternehmen professionell betrieben wird, finden. Denn es ist auch möglich, ohne institutionalisierte Organisationen Medienjournalismus zu betreiben, wenn dabei mit den dazu benötigten Methoden gearbeitet wird. Wenn also so genannte Mikrojournalisten ohne Einbindung in Redaktionen sorgfältig recherchieren und ausgewogen berichten, können daraus resultierende Artikel genauso hochwertig sein wie derjenige in den Online-Ausgaben traditioneller Qualitätszeitungen.

Seite 101:

Die Erkenntnis, dass in Weblogs nicht nur theoretisch guter Journalismus möglich ist, sondern dass er tatsächlich stattfindet und auch einer empirischen Überprüfung standhält, ist aber dennoch wichtig. Sie zeigt, dass in Weblogs und anderen neuen elektronischen Medien tatsächlich Journalismus betrieben wird. Diese Publikationsformen wurden bisher in der Medienwissenschaft – oftmals schon per definitionem – von der Journalismusforschung weitgehend ausgeschlossen. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesen Medien ist aber durchaus sinnvoll. Es ist folglich wichtig, dass auch die Medienwissenschaft sich mit Journalismus in Weblogs beschäftigt. Die bestehenden Begrifflichkeiten müssen also dahingehend erweitert werden, dass das Verständnis von Journalismus auch diese Publikationsformen mit einschliesst. Von grosser Relevanz ist etwa, aufgrund der Kommunikationssituation im Internet, die Frage nach der Erkennbarkeit dieser Qualität. Weil im Internet die Selektion der Publikation nachgelagert ist, muss schliesslich der Rezipent selbst darüber entscheiden, welche Information relevant und glaubwürdig ist. Wichtig ist deshalb, dass der Rezipent über Mittel verfügt, die journalistische Qualität einzelner Weblogs beurteilen zu können.

So genannte Mikrojournalisten sind wir also. Seltsam: Die meisten Medienblogger, die ich kennengelernt habe, sind sehr gross.

Die Studie erschien übrigens bereits am 01.10.2007 und wurde Mitte Oktober zum Beispiel hier behandelt.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich im Blog medienlese.com veröffentlicht. Im September 2009 wurden medienlese.com und netzwertig.com zusammengeführt.

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10 Kommentare

  1. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 8. November 2007 um 13:07 Uhr (#)

    das ist ein NZZ- oder FAZ-Titel. Bild und Blick würden schreiben: “Der Beweis: Medienblogs sind besser!”
    das passt auch auf eine Zeile.

  2. Der Basler
    schrieb am 8. November 2007 um 15:18 Uhr (#)

    “Wenn also so genannte Mikrojournalisten ohne Einbindung in Redaktionen sorgfältig recherchieren und ausgewogen berichten, können daraus resultierende Artikel genauso hochwertig sein wie derjenige in den Online-Ausgaben traditioneller Qualitätszeitungen.”

    Ist das der Beweis für die Bahnbrechigkeit der Studie? Alma Mater…

  3. Karrierebibel
    schrieb am 8. November 2007 um 20:33 Uhr (#)

    Ist das nicht alles unglaublich selbstreferenziell?! Medienjournalisten bloggen über Medien, die schreiben wieder über Blogger, die teilweise Journalisten sind, usw. Ein unglaubliches Gegacker. Aber wo bleibt die Story, die Leser und nicht nur Medienjournalisten interessiert?

  4. Der Gabriel
    schrieb am 10. November 2007 um 22:08 Uhr (#)

    hm. aber: wo sind eigenen geschichten der blogs? alle getesteten schreiben ja «nur» über andere medien.

    ich muss also karrierebibel vollkommen recht geben…

  5. Stefan Millius
    schrieb am 11. November 2007 um 12:46 Uhr (#)

    Klar sind Medienblogs spannender und unterhaltsamer geschrieben als Online-Zeitungen. Denn wir Betreiber von regionalen Online-Zeitungen haben es uns zur Aufgabe gemacht, echte Tageszeitungen online zu publizieren. Dazu gehört dann auch die Vorschau des Altersnachmittags in Rehetobel oder die Gemeindemitteilungen Waldstatt zur Erneuerung der Kanalisation. Wer nur auf Kür statt auch auf Pflicht setzen kann wie die Medienblogger, der kann logischerweise kreativer wüten. Währenddessen machen wir beispielsweise mit appenzell24.ch und stadt24.ch sieben Tage pro Woche eine vollwertige, kostenlose Regionalzeitung für täglich über 7000 Leser – ohne Anspruch auf grosse Literatur, aber mit begeisterten Reaktionen aus der Leserschaft.

  6. Der Basler
    schrieb am 13. November 2007 um 01:08 Uhr (#)

    Musst jetzt nicht so blöffen Millius.

  7. Stefan Millius
    schrieb am 13. November 2007 um 01:12 Uhr (#)

    Wenn die Qualität der Reaktions-Kommentare ein Beleg für die Qualität der Medienblogs ist, dann wäre die Studie hiermit wiederlegt.

  8. mbr:points
    schrieb am 13. November 2007 um 08:47 Uhr (#)

    dies hängt sicher auch mit dem konkurrenzdruck unter den bloggern zusammen. nur wer top ist hat eine chance vorne dabei zu sein. es geht schon lange nicht mehr um soziales vernetzen, sondern um werbeeinnahmen. vernetzung ist ein instrument dafür. das andere: besser zu schreiben wie andere blogs. printmedien brauchen blogger dennoch nicht zu fürchten, vergleicht mal die statistiken der bestbesuchten blogs und den online-zeitschriften…

  9. Andres Hutter
    schrieb am 13. November 2007 um 14:43 Uhr (#)

    @Stefan Millius: Als onlinezeitungen wurden nur faz.net, nzz.ch und diepresse.at erhoben, und nur auf diese drei produkte beziehen sich folglich die aussagen. und natürlich kann man qualität auf verschiedene weisen messen.

  10. Schreibt hier auf dem Blog Peter Sennhauser
    schrieb am 15. November 2007 um 12:09 Uhr (#)

    @mbr:points

    vergleicht mal die statistiken der bestbesuchten blogs und den online-zeitschriften?

    Ja, vergleich mal, aber vielleicht nicht in Deutsch-Europa, sondern in den USA. Blogs wie Techcrunch, Engadget oder Huffington Post, Buzzmachine und John Battelles Searchblog. Das waren vielfach mal Einzelmasken-Blogs (und sinds zum Teil heute noch – mit einem Marketing-Team hintedran, das kaum nachkommt mit Werbung verkaufen), die heute täglich ein Millionenpublikum erreichen.
    Diese ganze Debatte ist insofern Blödsinn, als sie auf der verbreiteten Definition “Blog = Internet-Tagebuch eines Hobbyschreiberlings” beruht.
    Ob man sie nun Blogs oder Online-Magazine nennen will, neu ist doch vor allem, dass kompetente Autoren ohne Druckerpressen und Millioneninvestitionen allein oder im Team zum Outlet werden können.
    Dass “die Printmedien” sich davor nicht fürchten, soll mir durchaus recht sein…

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